Ҿ˹˹ѧ
PDF
ePub

gehörendes Bild wie die entzückende Madonna, die Madame Rothschild dem Louvre geschenft hat, wird mit Ausdauer immer wieder als Piero della Francesco verherrlicht, obwohl Baldovinettis Namen durchaus nicht weniger vornehm ist. So wird auch jeßt wieder in der neugegründeten Zeitschrift ,,Les arts" versucht, all das umzustürzen, was Bode über Francesco Lauranna zusammengetragen hat; A. Michel, Münß und der nun in ein Londoner Geschäft eingetretene Molinier formuliren auber ihre Zweifel, phie etwas an die Stelle zu seßen. Solche Arbeit fördert nicht. Man kaun zugeben, daß über die Desiderio md Lauranna zugeschriebenen Büsten noch nicht das legte Wort gesprochen worden ist; und wir wußten, längst bevor diese französischen Artikel erschienen, daß der Altar Laurannas in Avignon und andere südfranzösische Arbeiten von ihm mit den bekannten acht Büsten nicht ohne weiteres zusammengehen. Trojdem bleiben Bodes Untersuchungen über den Dalmatischen Künstler, der in Urbino, Neapel, Palermo imd Südfrankreich gearbeitet hat, grundlegend und können durch bloße Zweifel nicht erschüttert werden.

Die ersten Aufjäße behandeln vorwiegend den Großmeister des Quattrocento, Donatello, der durch Bodes Aufjab , Donatello als Architeft und Dekorateur“ ein neues, schärferes Profil erhalten hat. Gerade augenblicklich debattirt man in Italien wieder eifrig über die Niche Donatellos an Dr San Michele, die heute Verrocchios Thonasgruppe birgt. Die Italiener wollen diese Arbeit durchaus ins Jahr 1463 rücken, während Bode und Fabriczy an dem Jahr 1423 festhalten. Auch bei dieser Debatte verrathen die Italiener einmal wieder, daß es ihnen an Wissen fehlt, daß sie immer nur das Einzelne ins Auge fassen, das doch kein scharfes Urtheil zuläßt. Wer dem von Padua nach Florenz zurückgekehrten greijen Donatello dies Tabernafel zutraut, der hat vom Gang der Quattrocentoplastit zwischen 1420 und 1460 eine äußerst schwache Vorstellung. Auch Bodes Hinweis auf Masaccios Trinitätsjresto in San Maria novella (um 1425), das doch sicher von Donatello abhängig ist, sollte ernsthafter von den italienischen Forschern berücksichtigt werden. Bei der Gelegenheit möchte ich auf eine umgekehrte Beziehung Masaccios zu Donatello hinweisen, welche noch nicht beobachtet wurde. Masaccio hat 1426 für Pija ein Altarbild gemalt, desjen Predellen das Berliner Mujeum besikt, desjen Mitte aber verloren ist; Vasari beschreibt diese als Madonna auf dem Thron, an dessen Stufen musizirende Engel stehen. Dies in Venedig so beliebte Motiv ist damals in Florenz äußerst selten. Donatello kam 1427 nach Pija und hat dort Masaccios Altar gejehen; es liegt nahe, die ganz ähnliche Komposition Donatellos, von der sich ein Stucco in South Kensington-Museum und ein zweiter, etwas abweichender bei Dr. Weißbach in Berlin erhalten hat, als eine Nachbildung von Masaccios Bild anzusehen.

Ausländische Forscher in Italien und Frankreich haben es oft getadelt, daß Bode 311 leicht Namen gebe, auch da, wo die letzte Sicherheit jehle. Namentlich finde man den Namen Donatello und Luca della Robbia zu oft in der Berliner Sammlung. Gewiß deuten diese furzen Aufschriften unter den Originalen oft mehr die Richtung an als den speziellen Künstler; der Katalog läßt sich deutlich darüber aus. Wir brauchen Namen; und ich halte einen ungenauen Namen noch immer für besser als gar feinen. Wie öde wirkt der ewige Zettel: école italienne XV siècle im Louvre! Viele fühne Taufen Bodes haben sich in überraschender Weise bestätigt. Es gehört Muth dazu, eine stilistische lleberzeugung, auch ohne Archivsunde flar zu formuliren. Dadurch befommt eine Sammlung einen persönlichen Charakter, jodaß sie nicht ein Magazin bleibt, jondern sich zu der Höhe eines Bekenntnisjes erhebt.

P. Schubring.

Politische Korrespondenz.

4118 der Ostseeprovinzen. Die Stadtverordneten von Dorpat haben am 12. Juni d. I. die „Blumenstraße“ in ihrer Stadt zum Gedächtniß an das fünfzigste Jahr jeit dem Tode des russischen Dichters Wajjily Shukowsfi in „Shukowskistraße“ umbenannt. Dieje Ehrung des russischen Dichters ist auf Veranlassung der gegenwärtig russischen Universitätsverwaltung erfolgt. Man nimmt eben jede Gelegenheit wahr, um den Unterdrückten den Stempel der Unterdrücker zu verleihen! Besonders beliebt sind dazu Erinnerungstage an russische Dichter. Shukowski wurde in diesem Jahr in allen baltischen Schulen ostentativ gefeiert. Vor einigen Jahren geschah dasjelbe mit dem Namen des russischen Dichters Puschkin. Damit hatte es freilich noch eine besondere Bewandtniß. In den Ostseeprovinzen wurden mit dem Mutterlande zugleich damals überall Goethefeiern veranstaltet. Man brauchte daher zum wenigsten in den russischen Schulen ein entsprechendes Gegengewicht. Das war immerhin vom Standpunkt der rujlischen Unterrichtsverwaltung erflärlich. Warum aber die Stadtverordneten von Riga so weit gingen, eine neue Straße „PuschkinBoulevard“ zu nennen, scheint weniger verständlich.

Loyalitätseijer ist zwar eine allgemeine deutsche Eigenschaft, den Balten kann man ihn aber weniger nachjagen, dazu haben sie zuviel Selbstbewußtsein. Manchmal vielleicht mehr, als gerade geboten ist. Dagegen haben sie eine andere Eigenschaft. Sie hören. das Gras wachsen! So bant die Stadt Riga jeßt ein schönes zweites Stadttheater für russische Aufführungen, obgleich der russische Klub in seinem Lotal ein kleines Theater schon besißt, das von der Stadt subventionirt wird. Es heißt eben: man wollte das deutsche Stadttheater dadurch auch für die Zukunft sicherstellen, daß man einer etwaigen Forderung der Kussen nach einem eigenen Theater zuvorkommt". Das war doch wohl ummüber Uebereifer, zumal die Finanzlage der Stadt gar keine jo glänzende ist. Solche Wünsche zu erfüllen, fommt man immer noch zeitig genug!

Hinsichtlich der Straßennamen bot der am Rigaer Strande belegene Badeort Majorenhof ein anderes Bild. Dort hatte der Polizeimeister – nebenbei bemerkt, ein Deuticher — in Ermangelung einer entsprechenden

[graphic]

Kommunalvertretung, von sich, aus eigener Machtvollkommenheit, im offiziellen Puschkintaumel und besonders noch, nachdem der russische Landwirthschafts minister den Badeort mit seinem Besuch beehrt hatte, die Hauptverkehrsstraße, die „Johmenstraße“, in , Puschkinstraße“ umgetauft. Der Badeort Majorenhof befindet sich aber auf privatem Grund umd Boden, und zwar gehört dieser zum Fideifommiß Nurmhujen in der Nachbarprovinz kura land. Der Besiber dieses Fideikommisjes, eiy Freiherr von Firds, nahm keinen Anstand, obgleich er nicht ur baltische, sondern als Großgrundbesiger jogar russische Ehrenämter bekleidet, gegen den Polizeimeister wegen Ausübung unbefugter Handlungen auf fremdem Grund und Boden flagbar zu werden. Und das Gericht entschied zu Gunsten des Klägers. Die Straßenschilder mit dem Namen „Puschkin“ mußten nach Jahr und Tag wieder entfernt werden!

Man fann ja freilich „nationale" Nämpfe im Straßen- und Ortsnamen, wie sie jeßt in Ungarn vor sich gehen, gleich wie den Streit um Schilder und Embleme von der lächerlichen Seite aufjassen. Der Polizeimeister Wlajjowsky, eine Rufiifizirungsfreatur echt asiatischen Nalibers – der sich übrigens als Mosfauer Polizeimeister durch die bekannten Krönungs vorgänge, wo Hunderte von Menschen erdrückt wurden, den Hals brach , ließ in Riga dem vergoldeten Adler über der Thür eines der ältesten Gasthäuser, dem Hotel zum „Goldenen Adler“, einen zweiten" Novi anmachen, weil der rusliche Adler zwei Nöpfe hat und der einföpfige Adler ihm ein hochverrätherisches Abzeichen „preußischer“ Gesinnung zu sein schien Das war gewiß komisch, zumal das corpus delicti jahrelang über der Hausthür an der Großen Aleranderstraße, gegenüber dem Hotel Frantfurt a. M., zu sehen war, und mit dem schief angesetzten zweiten Kopf die Spotticht der Vorübergehenden herausforderte!

Die im Ganzen jovial angelegten Balten lachen daher über solche und ähnliche Stampfmittel, und bei dem Galgenhumor, der sich nachgerade bei ihnen doch auch eingestellt hat, werfen jie der in den Gegnern erwachten nationalen „Bestie“ ab und zu auch einen Nagefnochen vor. So tanı nan das mit den freiwillig dem rujichen Sprachschap entnommenen Straßennamen sich theilweije jedenfalls erklären. Alls vor etwa anderthalb Dezennien ein Gedenktag des ruflichen Dichters Gontcharow gefeiert wurde und die kommende Russifiziring bereits ihre ersten Schatten vorauswarf, da war man noch so naiv, eine Straße gleichfalls in einem Badeort, in Dubbeln, nach diesen Dichter 311 benennen und glaubte damit allen Ernstes einen Beweis grenzenlojer Loyalität gegenüber der Regierung, Sympathie für die rujjijchen Dichter und wer weiß was, erbracht zu haben, durch die man die rabiate rujjijche Presie endgiltig befriedigt hatte. Mögen politische Naivität mit einer gewisjen liltstimmung zujammen dabei wirfjam gewesen sein. Aber Alles hat seine Zeit. Tamals war eine solche Stimmung, aus der heraus man handelte, zu entichuldigen. Jente geht es den Teutschen ans Leben. Und wenn in den alten deutschen Städten der baltischen Provinzen nach und nach eine Straße nach der andern russische Dichternamen erhalten jollte, so würde das allerdings nicht des komischen Beigeschmacks entbehren, aber doch auch jeine ernste Kehrseite haben. Die Balten meinen, solche Neußerlichkeiten thun nichts zur Sache. Sie müssen aber nach und nach lernen, auch mit äußeren Mitteln ihren nationalen Kampf zu unterstüßen und nicht in vornehmer, geistiger Ueberhebung auf ihre sittlichen Lebenskräfte, auf die Ueberlegenheit ihrer Kultur pochen. Es sind heut zu Tage nicht nur minderwerthige Völker, die das, was ihnen an geistig-fittlicher Kraft im ehrlichen nationalen Wettbewerb der Völfer fehlt, durch brutale Gewaltmittel zu erleben suchen. Die Balten können sich hier ein Beispiel an dem lieben Mutterlande nehmen, wo von fittlichen Lebenskräften im nationalen Wettkampf auch nicht mehr die Nede ist! Aber das ist es eben, die Balten sind immer mehr und mehr abgesperrt worden vom Mutterlande, so daß sie in der Entwicklung mit demselben nicht gleichen Schritt gehalten haben. Sie sind zurückgeblieben, stehengeblieben auf dem Standpunkt des antiquirten Deutschthums, das noch fraft jeiner Lebenskräfte überall zu siegen, überall zur Herrenrolle berufen zu sein wähnte, wo es nur hinkam!

Doch fehren wir nach Dorpat und seiner neuen , Shufowski: straße“ zurück. Obgleich die Stadtverordneten Dorpats es in der Hand hatten, der Anregung der Ilniversitätsverwaltung auch keine Folge zu leisten, jo befand sich Dorpat bezüglich seiner Straßentaufe imnierhin in einer anderen Lage als Riga. Dorpat ist nämlich die einzige baltische Stadt, die wirklich in Beziehung gestanden hat zu demjenigen russischen Dichter, den sie in gedachter Art ehren jollte. Shukowski hat in den

Jahren 1815 und 1816 in Dorpat und zwar in der Blumenstraße gewohnt. Und, was noch mehr ist, er war ein warmer Freund des baltijchen Deutschthums. Viel will das Leytere freilich insoweit auch nicht sagen, als Shufowski überhaupt mehr Deutscher als Russe war.

Shufowski ist ein russischer Dichter geweien, der aus der Schule der deutschen Romantik hervorgegangen war. Er hat fast alle namhaften deutschen Dichter, Schiller, Goethe, Bürger, Wieland, Herder, sogar Hebels alemannische Gedichte, ins Rusijche übersetzt. Und was er selbst gedichtet bat, verrieth jeine deutschen Lehrmeister. Es heißt von ihm*): . Trop in= bestreitbaren Formentalents war ihn nicht verliehen, aus dem Vollen zu schöpfen, dem Volksgeist Rußlands wirklich nahe zu kommen; seine weiblich empfindende Natur ließ sich daran genügen, den Impulsen Größerer zu folgen und jeiner Nation die Schäße fremder, vornehmlich deutscher Dichter zu vermitteln.“ Shukowski hat einen großen Theil seines Lebens in Deutschland und in Livland verbracht. Er hat eine Deutsche zur Frau gehabt, war in Stuttgart dem Pietismus ergeben, fi!rzum er hatte, wie die meisten rujjijchen Schrijtsteller, die an den wösbaren Widersprüchen

*) Neue Bilder aus der Petersbuger Vejelichaft. 1874, Seite 125.

« ͹˹Թõ
 »