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Theater-Korrespondenz.

Lessing-Theater. Die Kleinbürger. Schauspiel in vier Akten von Marim Gorfi.*) – Der Heerohme. Ein bürgerliches Drama in fünf Aften von Jojeph Lausi.

Deutiches Theater: Der Schapgräber. Bauernfomödie in drei Akten von Carlot Gottfried Reuling.

In der Praxis des Theaterlebens gewöhnt man sich nothgedrungen mehr und mehr daran, von der Werthung eines Bühnenwerfes als „Drama“ abzusehen, insofern mit dieser Bezeichnung der Begriff irgendwelcher Art von Handlung" als charakteristisches Merkmal verknüpft sein foll. Drama“ oder „Schauspiel“ nennt sich heutzutage schließlich

, alles, was sich in izenischer Form giebt. Gorki selber giebt seinem Werk in etwas aufdringlicher und umständlicher Form zweierlei Bezeichnungen. Er charakterisirt es als „Szenen im þauje Besizjemenows" und als „, Dramatische Sfizze in vier Aufzügen". Ich jepe natürlich voraus, daß diese Bezeichnungen nicht auf das Nonto des Uebersepers fomnien. Schon diese „Bezeichnungen“ machen einen wenig ursprünglichen, einen gar zil jehr literarischen Eindruck, einen etwas blassen, von Schreibtisch hergeholten Eindruck. Und ich will diejes Urtheil über das Ganze vorwegnehmen: Marim Gorki, der natürliche Mensch und göttliche Dichter ist Literat geworden. Bevor ich diejes Urtheil ein wenig näher begründe, will ich erst jagen, worunt es sich in den „Kleinbürgern“ handelt.

Es handelt sich um den Gegenjat zwischen Vätern und Söhnen, um den Nonflift zwischen alter ind neuer Generation, wie in Hebbels „ Maria Magdalena“, um den Familienzwist im Hause des Kleinbürgers Besszjemenow, wie er ähnlich in Hauptmanns „Friedensiest“ auch vorhanden ist. Besizjemeno:v ist wohlhabender Kleinbürger und Aeltester der Malerzınıft. Wir fönnen uns unter ihm aljo – mutatis mutandis – einen Mann von der jozialen Rangstuje vorstellen, wie sie in seinem Städtchen und 311 jeiner Zeit Hebbels Meister Anton auch einninnt. Diejer Besizjemenow und seine Frau Afulina haben an ihre Kinder etwas gewandt, sie haben sie studiren lasjen: Peter ist Student and Tatjana ist

*) Die Buchausgabe in Deuticher lleberjeßimg von August Schulz ist im Verlage Lehrerin. Aber die Bildung der Kinder ist der Eltern und im Besonderen des Vaters llnglück. Der Vater ist und will sein pater familias, im Vollbesig väterlicher Autoriät. Gesinnungen und Gefühle der Kinder aber vertragen sich nicht mit der fleinbürgerlichen Enge und Dumpfheit, wie sie in Hause Beliziemenow das Leben bestimmen. Die Kinder sind von einem ins Ungewisse und Unendliche Fluthenden Drang zu einem Leben von irgend einer besonderen, die Seele erfüllenden und befriedigenden Art erregt, wofür Vater und Mutter kein Verständniß haben, wodurch das Haus des „Aeltesten der Malerzunft“ aus seiner gewohnheitsmäßigen Ruhe aufgestört wird, jo daß der pater familias in die Klage ausbrechen muß: Habt Ihr gejehen? Eure Mutter ist ewig in Unruhe um Euch, daß ich Euch ja nichts 311 Leide thue. Ich will doch keinem Menschen was zu Leide thi! Ich jelbst habe Leid von Euch erfahren, bitteres Leid. In meinem eigenen Hauje schleich' ich jo vorsichtig umher, als ob auf dem Boden überall Glasscherben umherlägen. Meine alten Freunde haben aufgehört, mich zu besuchen. Du hast gebildete Kinder“, sagen jie, „und wir sind einfache Leute, sie werden sich über uns lustig machen" und so dergleichen. Und Ihr habt Euch wirklich mehr als einmal über sie lustig gemacht, daß ich aus Scham für Euch erröthet bin. Alle meine Freunde meiden mich, als ob gebildete Kinder eine Best in þauje wären. Ihr neymt auf Euren Vater nicht die geringste Kücfjicht. Nie habt Ihr für ihn ein freundliches Wort, nie jagt Ihr ihni, was für Gedanken, was für Pläne Euch beschäftigen. Ich bin ein Fremder für Euch. Und dabei liebe ich Euch doch, ja, ich liebe Euch!" Ja, er liebt seine Kinder, der alte Besizjemenow, er liebt sie so, daß er sie bald gern in angesehenen Stellungen versorgt wissen möchte; denn darum hat er ihnen „Bildung" zu Theil werden lassen. Diese Kinder aber, dieje ihm unverständlichen, widerspenstigen Kinder wollen nicht ., Stellungen", sondern stellen ihre Forderungen an die große Fluth des Lebens, von der sie getragen und emporgehoben jein wollen und deren Andrang sie doch in feiner Weije gewachjen sind. Legten Endes werden sie bleiben, wo sie geboren sind und werden, wie die Eltern waren. Teterev, der Trinker, Kirchenfänger und Lebensweise ist es, der dem alten Besizjemen diese Zukunft seines Sohnes halb tröstend und halb höhnend vor Augen malt: ,,Er wird sich nicht weit fortwagen von Dir. Er ist nur vorübergehend mal nach oben gegangen, oder vielmehr man hat ihn hinaufgezogen. Aber er wird schon wieder herunterlommen. Dit wirst sterben er wird den Stall hier etwas umbauen, wird die Möbel in ihm umstellen und wird leben wie Du, ebenjo ruhig, verständig und behaglich."

von Bruno Cassirer in Berlin erdienen.

Gegenüber diejen Kindern aus dem Hause Belizjemenow mit der un= fruchtbaren Sehnsucht in den Seelen stehen ein paar andere Menichen, Thatmenjchen, Zukunftsnenjchen, Menjchen des Lebens und der Freude, deren vorzüglichster Nil ist, der Lokomotivführer, der seiner Lebenszuversicht in den Worten Ausdruck giebt: „Es giebt keinen Fahrplan, der

nicht einmal durch einen neuen ersezt würde." Und endlich sind noch die besten und originellsten Gestalten des Stückes zu erwähnen, der Vogel händler Bertschichin und der Kirchenjänger Teterew, beide verlorene Leute“, aber freie Menschen, weise Menschen, philojophische Mopje. Sie trinken sich über das Elend des Lebens hinweg, sie sind „einfach Säufer", wie es in Rußland so viele giebt. „Ju umjerem lieben Rußland liebt man die Säufer. Die fühnen Menschen, die nach Neuem strebent, jind bei uns verhaßt die Schnapsbrüder aber liebt man.“

Das sind die Menschen, die Gorfi aus dem Leben auf die Bühne gestellt hat. Und wenn man Gorkis Werk genießen will, muß man sich daran genügen lassen, dieje Menschen, echt rujiche Menschen mit objektiver Liebe zu betrachten. Es geschieht so gut wie nichts zwischen diesen Menschen. Gewiß: Nil verlobt sich mit Polja, die auch von Teterew geliebt wird imd Peter verliebt sich in die junge Wittwe Helene, was den alten Besizjementos großen Schmerz bereitet. Tatjana macht jogar einen harmlosen Vergiftungsversuch. Aber Alles das geschieht jo nebenbei. Alles das ist kein Ereigniß. Es ereignet sich eben nichts in dieser Szenenreihe. Gorki dentt offenbar über das Theater, wie Tatjana: „Alle diese Dramen mit Pistolenschüsjen, Wehgeschrei und Schluchzen ärgern mich mur. Das alles ist so unwahr. Das Leben zerbricht die Menschen geräuschlos, ohne Geschrei... ohne Thränen ... ganz unmerklich.“ Tatjana hat offenbar Maeterlinds Aufiak über die „Tragik des Alltags“ im „Schaß der Arnien“ gelejen.

Die literarische Abhängigkeit des Gorkijchen Schauspiels ist überhaupt ziemlich start. Man hat darum gestritten, ob sich das Werk mehr mit Hebbels , Maria Magdalena“ oder mit Hauptmanns „Friedensfest“ vergleichen ließe. Der Vergleich mit Beiden ist möglich. Richtet man nämlich das Augenniert auf den Kleinbürger Beijzjemenow, so ist dessen Situation der des Meisters Anton ähnlich. Die Kinder dagegen haben im Wesen und Wünschen mehr mit denen im Friedensfest“ geniein. Das ist erklärlich. Jil Hebbels Drama haben wir den Gegenjab zwischen zünstlerischem und konservativem Patriarchalismus mit dem die Freiheit und Selbständigkeit der Persönlichkeit in sich enthaltenden Individualismus des erstarfenden und auffommenden Bürgerthums. Jul „Friedensfest“ ist jener Individualismus defadent geworden verkörpert in der Gestalt des Vaters und hat sich in den Nindern zum Slibjektivismus verfeinert und verkleinert, womit die Suflömmg aller Familienbalide überhaupt verbunden ist. Im heutigen Rußland trifft ein hypermoderner Subjektivismis der Jugend unmittelbar mit dem Patriarchalisms zijammen. Die Zwijchenstuje des liberalen Individualismis fällt aus. Ich bin übrigens der Ansicht, daß Gorfi sich wohl in einer geivisen Abhängigkeit von Friedensfest“ be: findet. Cb er Hebbels Drama überhaupt fennt, scheint mir zweifelhaft.

In noch stärkerer Abbängigkeit aber scheinen mir die „Steinbürger" zu Hauptmanns Einjamen Menschen“ zu stehen. Auch hier haben wir den Gegenjas zwischen alter und neuer Generation. Weniger in den Situationell, mehr noch in der Stimmung gleichen die „Kleinbürger“ theilweise den „Einsamen Menschen“. Der Stimmungsreiz des Gorkischen Bühnenwerts liegt darin, daß durch das Ganze eine aus der Sehnsucht geborene irre und bange Frage nach dem Sim, dem Werth und dem Wesen des Lebens zittert. In den Schlußízenen des ersten Aktes kommt sie besonders zum Ausdruck. Da werden Töne angeschlagen, die ganz ebenso zwischen Johannes Vockerath und Anna Mahr erflingen.

Daß Gorki mit seinem Drama , Neuland" gefunden oder auch nur jeine eigene Perjönlichkeit weiter entwidelt hätte, vermag ich nicht zu finden. Gorki ist Literat geworden ich wiederhole die Worte als mein Endurtheil über diejes Bühnenwerk.

Mar Lorenz.

Joseph Lauff hat bei dem Publikum des Lejling-Theaters einen starten zum Theil jogar stürmischen Erfolg gehabt. Sein Drama spielt im August des Jahres 1870 in einer kleinen Stadt am Niederrhein. Die nativnale Begeisterung des Kriegsjahres hat auch das Persönlichkeitsbewußtsein und den Freiheitsdrang in einem jungen fatholischen, zum Priester bestimmten Seminaristen geweckt. Wilhelm Verhage, der Sohn eines Invaliden und Armenhäuslers, ist durch . Wohlthäter“ in die Priesterkarriere gebracht, für die er seiner Natur nach nicht bestimmt ist. Jeßt entflieht er dem Seminar zu Münster und kehrt in seine Heimathstadt zurück. Die junge Freiheit weckt in den Jüngling eine heiße Liebe zu der ebenso schönen wie reinen Dannecke Mesdag, die den Gejpielen der Kindertage längst liebt. Die Beiden erliegen dem Liebesrausch und es fommt zum Aeußersten. Darnach kommt es zur Auseinandersezung zwischen dem jungen fündigen“ Seminaristen und dem Dechanten Fridolin van Bebber, dem Geistlichen des Ortes, einem ebenjo glaubenseifrigen wie klugen und rücksichtslojen Manne. Wilhelm giebt nicht nach. Der Dechant greift zum letzten Mittel: er offenbart die „Schande“ des schuldigen Liebespaares in der Predigt von der Kanzel herab der ganzen Gemeinde. Was geschieht nun?

Bis hierher ist die Handlung logisch geführt und straff ausgebaut. Das Thema ist bedeutsam, der Nonflikt scharf und tief herausgearbeitet. Jeßt aber giebt es in dem logischen Aufbau des Dramas einen Snick, der das Ganze über den Haufen wirft. Statt den Konflikt zivischen dem jungen Kirchenflüchtling und dem die Kirche vertretenden Dechanten bis zur Löjung weiterzuführen, springt Lauji geradezu auf ein anderes Thema über und jept gewaltjam eine bisherige Nebenfigur in den Vordergrund, als hauptsächlichsten Träger der Handlung: Grades Mesdag, den ehrbaren and charaktervollen Vater Hanneces. Der alte Mesdag jeßt sich zumächst aufs Schroffste mit dem fanatischen Dechanten auseinander. Dann wendet er sich dem schuldigen und „ehrvergessenen“ Liebespaare 311. Er will die Tochter züchtigen, der junge Wilhelm springt dazwischen und wird von dem Alten getödtet. Das Stück ist zu Ende. Das letzte Wort werden die „Alijijen" haben.

Preußische Jahrbücher. Bd. CX. Hejt 1.

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Durch den Wechjel des Themas und des „Helden“ hat Lauff jelber jeinem Werk das Urtheil gesprochen. Dieser Bruch, der gerade in der Mitte das Drama in zwei nicht im mindesten zu einander pasjende Hälften theilt, ist höchst bedauernswerth. Ich habe mir - aus Interesse an den Konflikt - die Frage vorgelegt, wie dieser Konflikt in logisch und psychologisch befriedigender Weise hätte zu Ende geführt werden können und bin zu diejem Schluß gekommen: Wilhelm hätte in den Krieg ziehen müssen, nachdem Hannecke vorher sein eheliches Weib geworden ist. Das entspricht auch Wilhelms geäußerter Absicht. ES ist außerdem auch insbesondere das nationale Motiv, was ihm den Priesterstand verleidet. Im Kriege mußte Wilhelm fallen, so daß Hannede mit ihrem 311 erwartenden Ninde zurückbleibt. In der Heimath bleibt sie aber auch im Wirkungsbereich des ebenso klugen wie energischen Dechanten zurück und ist dessen Einfluß ausgeseßt. Dem bedeutenden Manne fann es nicht schwer fallen, das vom Unglück so hart geschlagene, einsame junge Weib wieder in den Bann der Kirche zu ziehen. Es müßte das um jo leichter möglich sein, als er ihr den Tod Wilhelms als Gottesgericht darstellen fönnte. Der Schluß des Ganzen wäre mun, daß Hannecke das Gelübde ablegt, ihr Nind, wemt es ein Knabe wird, – dem Priesterstande zu weihen. Man wird mir zugeben, daß diese psychologische Entwidlung möglich ist und folgerichtig jein fann. Dieser Schluß aber befriedigt auch die uprüche an eine tragische Löjuung. Der „Heerohmie“ wie nämlich die jungen Geistlichen in jener Gegend genannt werden: Herr Chm – ist entschieden schuldig geworden. Die Schuld verlangt Sühne. Er fühit feine Schuld durch den heldenhaften Schlachtentod. Das junge Weib ist auch ..schuldig“. Sie jühnt ihre Schuld objektiv – vom protestantischen Standpunkt aus – durch den geistigen Tod, indem sie dem Bann ihrer Kirche unterliegt. Silbjektiv ist das wiederum ihr Trost, der sie das Unglück tragen läßt. Daß sie das zu erwartende Kind dem Priesterstande weiht, womit das Drama wieder an seinem Anfang angekommen wäre und das Ganze jeine vestitutio in integrum erführe, muß vom protestantischen Standpunkte aus als tragische Jronie empfunden werden. Der Katholit würde den Schluß natürlich ebenjalls in hohem Maße billigen, nur das er als Schauspiel werthet, was uns als tragisches Verhängniß erscheint.

Lauffs Vorzüge find: Er ergreift aus dem Leben und Schidjal der Nation und des Voltes Konflikte von fachlicher Bedeutjamfeit, für die unsere „modernen“ Vühnenliteraten gar kein Auge haben. Er gestaltet seine Bühnenhandlung schlicht und gerade, mit fest zupackender Faust, ohne Bedenflichkeiten, ohne ..Finesjen“, ohne ausgeflügelte retardirende Momente, ohne ungesunde und gesuchte Effekthajchereien. Diese Geradheit und Ehrlichkeit ist außerordentlich viel werth für den Bühnenschriftsteller und findet sich heutzutage sehr selten. Gerade sie ist der vollgiltigste Beweis für die dramatische Begabung. Fernere Vorzüge: Laufi hat gesundes und vor allem volfsthümliches Empfinden. Dieser ehemalige

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