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volles Gesicht blickte, stieg ein reines und beglückendes Bild vor ihr auf: ein kleines Kinderantlig durfte sie schauen, und es trug jeine regelmäßigen Züge, hatte jeinen Ausdruck ruhiger Güte.“ Das aljo ist das lepte Ideal der emanzipirten, voll entwidelten weiblichen Persönlichkeit: der feminine Mam und ein Menschengeschlecht, desjen Antlik weibliche Züge trägt.

Man kann sich diesem „Ideal“ gegenüber, wenn man es jo fraß hina gestellt sieht, mit Hohn und Spott abfinden wollen. Und der Fall hat doch seine sehr bedenkliche Seite. Ich werse nämlich die Frage auf: Finden sich nicht wirklich schon in der Totalität umjeres ganzen modernen Lebens weibliche Züge? Wenn im politischen Leben an Stelle der nationalen und rein politischen Fragen die jozialen in den Vordergrund getreten sind, wenn in der Geschichtswissenschaft Kriegs- und Staatengeschichte ,,W1modern“ geworden und durch sozialpsychologische Auffassungen verdrängt ist, wenn die Philosophie der Naturwissenschaft den Plat geräumt hat, wenn in der Kunst der rezeptive Naturalismus an Stelle des von innen aus sich heraus zeugungsfähigen Idealismus getreten ist – sind das nicht alles Zeichen dafür, daß in der Seele der Zeit eine Abfehr vom Mämna lichen zum Weiblichen stattgefunden hat? Und noch eins: Man vergleiche einmal die Köpfe eines Schiller und Hegel mit denen Gerhart Hauptmanns oder Virchows jind nicht an Stelle der männlichen Züge weibliche auch im Männerantlig getreten? Endlich noch ein Einzelfall – er klingt fast wie ein Scherz und ist doch nicht ohne jede Bedeutung: Bezeichnet man nicht ganz allgemein und immiltürlich sogar eine bestimmte und bekannte politische Gruppe regelmäßig, wenn auch ein bischen spöttisch, mit dem Beiwort ,weiblich" und ist es nicht charakteristisch. daß dieser „weibliche“ Freisinn, die „Freisinnige Vereinigung“ in gewissem Sinne es wirklich für sich in Anspruch nehmen darf, gewissermaßen die Vertretung „der Moderne“ in der Politik zu sein, wenn man den Begriff ,, die Moderne" aus der Kunst in die Politik übertragen darf? Ich begnüge mich damit, dieje Fragen aufzuwerfen und sie dem Nachdenken des Lesers zu überliefern.

Mar Lorenzo

Das Waltharilied, ein Heldenjang aus dem 10. Jahrhundert, im

Versmaße der Irschrift überjeßt und erläutert von Herman Althof. Größere Ausgabe mit authentischen Abbildungen. VI und 226 6. gr. 80. Dieterich)'icher Verlag (Theodor Weicher) in Leipzig.

Preis brosch. 4,50 Marf, geb. 5,50 Mark.

Von den Dichtungen imjeres Alterthums, die mittelhochdeutschen eine geschlossen, ist nach R. Sögels Urtheil der Waltharius die einzige, die heute noch wirklich

) populär ist. Taujende erfreuen sich daran, denen selbst Werfe wie das Nibelungenlied fein aufrichtiges Interesse abgewimen fömen. So ist es denn erklärlich, das zahlreiche leberjeber (wie 6. Schwab, N. Simrock, V. v. Scheifel) sich die Aufgabe gestellt haben, weiteren I reisen das Verständniß der herrlichen Dichtung zu eröffen. Ueber die an eine Waltharius-lleberlegung zu stellenden Ansprüche uirtheilt W. Golther in der Deutichen Literaturzeitung, 1902, Nr. 22: „Je mehr die Erfenntniß durch dringt, daß das Lied in Form und Inhalt Effehards Eigenthum ist, desto mehr muß die liebersegung der Vorlage folgen. Althofs Uebertraging (,,Sammlung Göschen“ Nr. 46, 2. Aufl. 1900) taugt am besten, dem Laien eine Vorstellung von Waltharius zit geben.

Während die genannte Ausgabe der Althojschen Verdeutschung bejonders den Zwecken der Schule dienen will, ist die neile, größere Bearbeitung dazu bestimmt, eine eingehendere Menntniß des Liedes und der Sage von Walther und Hildegunde zu vermitteln. Nachdem der Verfasser zunächst die deutsche Volkspoesie im frühen Mittelalter und das Verhältniß der Geistlichkeit zu derselben einer Betrachtung unterzogen hat, führt er us nach der Wiege des Walthariliedes, der ehrwürdigen Abtei St. Gallen, und schildert deren Bedeutung für die Literatur. Das folgende Napitel beschäftigt sich mit der Person des Dichters, sowie mit der literarischen und ästhetischen Bedeutung jeines Werfes. S. 61-109 enthalten Geralds Widmung und die herametrische Neberjeßung des Walthariliedes in zwölf Abenteuern, der ausführliche Erläuterungen folgen, die besonders über die bei der Lektüre des Epos in Frage fomnienden deutschen Alterthümer mannigfacher Art belehren. Sudam wird die weitere Verbreitung und Bearbeitung der Walthersage behandelt und das Verhältniß Effehards zil seiner Vorlage erörtert, worauf dem Lejer in Wort und Bild der Schauplaß der Nämpje Walthers im Wasgenwalde vor Augen geführt wird. Juhalt und Ausstattung machen das Buch besonders als Geschenk für Freunde der deutschen Literatur imd als Prämie für reifere Schüler geeignet.

Theater-Korrespondenz.

Deutsches Theater: Monna Vanna, Schauspiel in drei Aufzügen von Maurice Maeterlinck. Deutsch von Friedrich von Oppeln-Bronikowski.

Kleines Theater (Schall und Rauch): Kausch. Tragikomödie in vier Akten (acht Szenen) von August Strindberg. Dentich von Emil Schering.

Lelling - Theater: Kaltwasjer. Lustipiel in drei Aufzügen von Ludwig Fulda.

Maurice Maeterlincks nelie Dichtung hat mich in einen tiefen Zwiespalt gestürzt. Es hat natürlich wenig zu bedeuten, daß die Tageskritit ohne Skrupel das Wert als ein Meisterwerk gepriesen und nebenbei mit journalistischer Firigkeit freuzfidel festgestellt hat, daß mit Maeterlind eine Wandlung zu einer freundlicheren Weltauffassung“ vor sich gegangen jei. Ich jehe die journalistischen Biedermänner ordentlich vor mir, wie sie dem Herrn Maeterlinck zit jeinem neuen Optimismus gratulirend die Hand schütteln, als ob es mit dent Optimismus oder Pessimismus nur so eine Sileinigkeit wäre. Was weiß der moderne Zeitungsschreiber von philosophischen Problemen oder gar von dem inneren Erleben philosophischer Probleme! Was kommt es darauf an, daß eigentlich die ganze Welt verwandelt ist, wenn in einem dichterischen Meisterwerk – das doch, wie jedes Kunstwerf, ein Abbild der Welt ein und eine Deutung des Weltsimes geben muß der Optimismus an Stelle des früher vom Dichter zum Ausdruck gebrachten Peisimismus getreten ist! Ilid wenn die Herren Journalisten schon wirflich von der Bedeutung des spezifisch philojophischen Problems feine Ahmng haben, als „Si ritifer“ sollten sie doch wenigstens wijen, daß ein jolches Dichtwert, wie diejes Waeterlincks, das einen tragischen Fall mit glücklichem Ausgang zur Behandlung bringt, die ganze bisherige Aesthetit des Tragischen über den Gaufen wirft. Man fann wirflich erbittert werden über dieje jfrupellojen Hurrahfritiker des Optimismus, denen allerdings der Entschuldigungsgrund zur Seite steht, daß sie zu dem Zweck in Sold genommen sind, den Abonnenten beim Morgenfaffee in angenehnte Tagesstimmung zu verlegen und daß eben darum der Optimismus des Zeitungsschreibers gar feine Frage der Weltanschauung, sondern ein Betriebemittel des Gewerbes ist.

Preußische Jahrbücher. BD. CX. Heft 2.

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Also: Maurice Maeterlinds nelie Dichtung hat mich in einen tiefen Zwiespalt gestürzt. Ich werde dem Leser diejen Zwiejpait vorführen, indem ich eine doppelseitige Analyse des Dramas gebe.

Das Stück jpielt in und vor Pisa am Ende des fünfzehnten Jahr: hunderts. Pisa ist von einem unter Leitung des Feldhauptmanns Prinzivalli stehenden Heer der Florentiner belagert und vermag sich feinen Tag länger zu halten. Die Belagerten sterben am Hunger. Der Kom mandant von Pisa, Guido Colonna, sieht kein anderes Mittel, als daß die noch waffenfähigen Männer in einem leßten Verzweiflungskampfe fallen, oder daß die Stadt dem Feinde übergeben wird. Da fehrt Guidos greijer Vater, Marco Colonna, aus Prinzivallis Lager zurück und bringt ein Rettungsmittel. Lange zögert er, das Ungeheure zu nennen. redet hin und her und schricht immer wieder zurück, das Wort vor jeinem Sohne über die Lippen zu bringen. Endlich theilt er Prinzivallis For- : derung mit: Die Stadt soll gerettet sein, wenn in kommender Nacht Guidos tugendreine Gattin Giovanna sich zu ihm ins Lager begeben wolle nackt, nur mit ihrem Mantel bekleidet und bereit, bis zum Morgen bei Prinzivalli zu verweilen. Guido Colonna rast ob des frechen Angebots. Der greije Marco räth, das Opfer Giovannas für das Leben von Tausenden zu bringen. Der Sohn droht, den Vater in den tiefsten Kerker zu werfen, damit Niemand in Pija nur ein Wort des schmachvoller: Vorschlags vernehme. Marco erklärt, dem Nath der Stadt vom Verlangen Prinzivallis bereits Mittheilung gemacht zu haben. Söhnend bezweifelt der tobende Guido nicht, daß die alten Krämerjeelen ohne Bedenken Giovanna zum Opfer ihrer Tugend und Ehre verdammen werden. Er irrt. Die Signoria hat es abgelehnt, zu entscheiden. Die Enticheis dung imd damit Rettung oder lintergang der Stadt joll allein bei Giovanna bleiben. Guido bezweifelt feinen Pugenblick den Entschlus jeines reinen Weibes. Marco erklärt, sie habe sich noch garnicht entschieden. Da erscheint Giovanna. Sie soll sogleich – verlangt der Gatte – dem alten, greijen, in seiner Greijenhaftigkeit feige und närrisch gewordenen Manne die gebührende Antwort geben. Mein Vater, ich werde heute Abend gehen“, jo enticheidet schlicht und jest Giovanna. Guido zweifelt an ihrer Liebe. Sie versichert, ihn treu ud imig zu lieben und doch will jie heute Abend gehen nackt, nur in ihren Mantel gehüllt, um morgen früh wiederzukehren. „Vater, Du famutest jie bejjer als ich!" - rust Guido verzweiflungsvoll am Schlusje des ersten Aftes.

Giovanna geht, nach ihrer Erklärung, „weil man in Pija bungers stirbt und morgen noch viel schneller sterben würde. Aus weiblichem Mitleid also bringt sie das Opjer ihrer weiblichen Ehre imd damit ihrer Perjönlichkeit. Mitleid und Opferwilligkeit sind sardinaltigenden der weiblichen Seele; die iubefleckte Keinheit aber macht das Wejen des Weibes aus. Judem Giovama durch die Verhältnisje in einen Zwiespalt zwischen Handeln und Sein gedrängt wird, indem ihre weibliche Mensch

lichkeit und ihre weibliche Persönlichkeit in Konflift zu einandergeseßt werden, wird sie eine echt tragische Gestalt – bestimmt zum Untergang. .

Der zweite Akt spielt Nachts in Prinzivallis Zelt. Der Florentinische Feldhanptmann ist nicht Florentiner von Geburt, den Adel der Stadt entsprosjen. Er ist dunkler Herkunft, ein Fremdling, ein Abenteurer, der im Kriege sein Glück gemacht hat. Und schon ist der Moment da, in dem er von der Höhe seines Glücfes stürzen soll. Trivulzio, ein Florentiner Staatsmann, in dessen genialer Seele der Staatsgedanke übermächtig lebendig ist, hat erkannt, daß der Fremdling und Abenteurer an der Spiße der Heeresmacht schließlich eine Gefahr für den Staatsbestand werden müsse. Darum hat er dafür gesorgt, daß der Florentiner Senat dieser Gefahr vorbeuge. Mag Prinzivalli als Sieger oder Besiegter nach Florenz zurückkehren auf alle Fälle ist ihm der Tod gewiß. Für die Zukunft hat Prinzivalli nichts mehr vom Leben zu erwarten, nur noch für diese Nacht vom Weibe. Zu diesem Manne tritt Nachts ins Zelt Giovanna – nackt, nur in ihren Mantel gehüllt. Prinzivalli steht vor ihr, in jeligem Anschauen versunfen. Er enthüllt sie nicht, er berührt sie nicht. Er redet zu ihr mit zarten Worten. Er erzählt ihr, daß er sie schon seit vielen Jahren gefannt habe, als Kind in Venedig - damals war er zwölf, sie acht Jahre. Und nie hat er sie vergesjen, immer geliebt. In einer Liebe, die jo standhaft ist, wie Eure, liegt etwas Heiliges, das auch die fälteste und tugendhafteste Frau beirren kann“ – entgegnet ihm Giovanna. Aber doch versichert sie auch: „Meine Liebe zu Guido ist minder seltjani, als die, welche Ihr zu empfinden meint, aber gewiß ist jie gleichmäßiger, treuer und beständiger. Es ist die Liebe, die das Schickjal mir bestimmt hat; ich war nicht blind, als ich sie annahm; ich werde keine andere haben; und wenn sie einer bricht, ich werde es nicht sein.“ Schließlich aber fann es doch nicht verborgen bleiben, daß sie Prinzivalli liebt ---- mit einer heiligen, frommen, seligen Liebe, wie er sie. Aber Beider Liebe bleibt rein. Er berührt die Frau nicht, die Nachts zu ihm ins Zelt getreten ist – nackt, nur in ihren Mantel gehüllt. Er folgt ihr nach Pija. Er muß ihr folgen, er muß bei dem Feinde vor dem Tode, den ihm die Freunde bereiten, Zuflucht juden. Denn in jener Nacht noch wird ihm gemeldet, daß ichon Häscher aus Florenz da wären, die ihn fejjeln und dem Todeŝurtheil überliefern sollten.

In diejem zweiten Akte zeigt sich also, daß Giovanna feine tragische Gestalt ist, die dem Intergang geweiht wäre. Wir haben eine schöne und reine Frau vor uns, die das Unglück gehabt hat, sich über das Wesen ihrer Liebe zu ihrem Gatten zu täuschen, weil sie die wahre Liebe gar nicht kennen gelernt hat und die dann das Glück findet, das Wunder jener wahren und jeligen Liebe doch noch in sich zu erleben. Der Fall fann ja psychologijch wahr fein und poetisch jehr schön gestaltet werden. Aber der tiefe Sinn geht ihm ab. Es ist kein Fall, der zum Wesen und Sinn der Welt gehörte; es ist also kein tragischer und dramatischer Fall. Ja,

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