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Die Darstellung im ,, Deutschen Theater“ verrieth feine Spur vom Geist der Dichtung. Frau Teresina Geßner besißt nicht einmal eine entfernte Familienähnlichkeit mit Monna Vanna.

August Strindberg hat sich mit allen böjen Geistern unserer Zeit in wahrhaft heroischem Kampje herumgeschlagen. Dieser Mann besißt wirtlich eine geniale Dämonie. Schade, daß er als Künstler nicht mit ihr fertig zu werden vermag. Ich verweije auf meinen kleinen Artikel „Zwei Frauenbücher“ unter den Rezensionen dieses Heftes. Darin habe ich auf die veränderte Psychologie des Geschlechtsverhältnisses durch die Verweiblichung des Mannes hingewiesen. Diese Verweiblichung bedeutet für die Liebe eine Abschwächung und legten Endes gar eine Aufhebung der jeruellen Polarität, wenn man annehmen möchte - und man darf es unter Berufung auf die Lehre großer Philosophen – daß Liebe und Haß die beiden Pole des Liebeslebens sind und daß die Liebe in gleicher Weise mit dem Leben wie mit dem Tode verwandtschaftliche Beziehungen unterhält. Durch die Verweiblichung des Mannes wird die Polarität des Liebeslebens ihrer Spannung beraubt. Im Gegentheil dazu vertritt Strindberg das andere Ertrem im Seelenleben seiner Zeit. Er treibt die Spannung zum Neußersten und sieht in der Liebe umr das Element des Hasses, der immer wieder zur Trennung führen muß. Liebesleben im Strindbergichen Sinne ist eine Kette fortgesekter elektrischer Gewitterentladingen. Und Schuß vor dem Unwetter der Liebe giebt es am ehesten im Kloster. Um dieses Thema der Hauptsache nach dreht es sich auch in der Tragikomödie „Rausch“. Rausch wird durch das Weib erzeugt und daneben noch durch Ruhm und Reichthum. Das muß der dramatische Schriftsteller Maurice an sich erfahren. Von jeltener Kraft und Tiefe sind in der Tragikomödie die Szenen zwischen Maurice und dem Dämon Henriette. Die Schlußizene des vierten Aktes, vor dem Bilde von Adam und Eva, sucht in der ganzen dramatischen Literatur ihresgleichen.

Die Darstellung zeugte, als Ganzes betrachtet, von Geist und Verständnis und daß sie überhaupt möglich gemacht worden ist, darf als Nunststück gerühmt werden. Denn in dieser Tragikomödie ist vom Erhabenen zum Lächerlichen oftmals viel weniger als ein Schritt. Die Henriette von Gertrud Eyjoldt hat mich in der längst gehegten und hier schon öfter vertretenen lleberzeugung bestärkt, daß diese Schaujpielerin ersten Ranges ist. Von dem Faszinirenden, wie wenn Jemand mit Elektrizität geladen ist, bejißt sie eine Portion, die dem Darsteller des Maurice, Emanuel Reicher, völlig abgeht.

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Der „Kaltwasser" - Dichter wird selber nicht verlangen, daß ich jeint neuestes Opus mit Maeterlinck und Strindberg zujammen in einem Heft behandle. Ein mir interessantes psychologisches Problem aber liegt doc)

Es ist bekannt, daß jeder Denker, wenn ihm ein Gedanke vom Himmel fällt und jeder Dichter, wenn ihm eine Gestalt aus dem linbewußten vors Auge steigt, in einen Hauschzustand geräth, die sogenannten Wonen der Konzeption. Nun möchte ich lebensgern eine Momentnahme von Ludwig Fulda haben aus dem Augenblick, da jeine Seele in hohen Wonen von Gestalten schwanger wird, wie etwa die verwittwete Frau Geheimräthin Bibus eine ist.

vor.

Was das Spiel betrifft: Herr Schönfeld gab einen genialen Virtuojen der Musik und der Liebe, ganz wie Fulda ihn sich wohl gedacht haben fönnte; denn ich wüßte nicht, wie anders diese (Siestalt jonst möglich wäre. Berlin-Karlshorst, 25. Oktober 1902.

Mar Lorent 3.

Politische Korrespondenz.

Aus Oesterreich.

20. Oktober 1902. (Eröffnung des Reich Srathes. Desterreich und

und der Konstitutionalismus. Neue Grundzüge zur Lösung der Sprachenfrage. Ziele des Ministeriums Körber. AIT: deutsche Absagen. Eine deutsche Partei in und für Leiterreich.)

Das österreichische Abgeordnetenhaus ist vor vier Tagen eröffnet worden und schon wird die Möglichkeit jeiner raschen Schließung, ja seiner Auflöjung in der Presse und inter den Abgeordneten besprochen. Das hogenannte Grundgejet des Parlamentarismus, auf das die Weisheit des Liberalismus ein neues Staatssystem aufbauen zu fönnen meinte, besteht in Desterreich nicht mehr. Vorläufig ist es einmal klar geworden, daß nationale Gegenjäße sich durch Mehrheitsbeschlüsse nicht aus der Welt schaffen lassen, daß keine nationale Opposition, wenn sie über eine parlamientarische Vertretung von entsprechender Stärke verfügt, sich vor Abstimmungen beugt, die ihren thatsächlichen oder eingebildeten Lebensinteresjen Schaden bringen. Cb politische und soziale Parteien den Lockungen der Obstruktion werden widerstehen können, werden andere Staaten vor Oesterreich zu erproben haben, denn hier herrscht im öffentlichen Leben noch der Nationalismus vor, jene primitive Weltanschaumg, die den großen Problemen neiter staatlicher Organisationen hilflos gegenübersteht. Die nationale Idee, durch deren elementare Gewalt großartige Ent wicklungen eingeleitet worden sind, verliert ihre kulturfördernde Bedeutung, wenn sie die staatliche Entwicklung hindert.

Auf diejer Stufe sehen wir heute die Donauländer dies- und jenseits der Leitha. Alle Völker, die hier vor einem und einem halben Jahrtausend ohne inneren Grund rein mechanisch zusammengetrieben worden sind, haben durch die Ausrüßung der konstitutionellen Freiheit gewonnen; am meisten jene, die am weitesten zıırückgeblieben waren, am wenigsten die Deutschen und Italiener, deren Kulturgebiet nicht mit den Grenzen [ esterreichs zujammenfällt, die im Zusammenhange mit den führenden Weltnationen eine Stellung einnehmen, die nicht von den Zuständen des österreichischen Staatswejens abhängig jein fann. Der Fortichritt, den die

Magyaren, Tschechen und Polen in der Verfassungsära gemacht haben, ist inn zum Stillstand gekommen. Die nationalen Reibungen heben die Wirkungen der durch eine freiheitliche Gejeßgebung gewährleisteten Eigentbewegung völlig auf. Seines diejer Vöffer fam es zur Hegemonie bringente feines wird sich von dem andern auf die Dauer ausbeuten lassen; zum Fortschritt brauchen sie Frieden und Kuhe, zur Hebung ihres Wohlstandes gemeinjame Einrichtungen, zur Erfämpfung ihres Antheils im schwierigen Wettbewerbe aller Kassen und Zonen die Anspanning ihrer gesammten Dräfte.

Dieje lieberzeugung findet jich nicht mir in Regierungsfreijen, sie findet ohne Zweifel Befenner bei allen Nationen, aber doch nur unter jener geringen Zahl Einzelstehender, die sich aus der Haß- und Neid: atmosphäre des Tages zurückgezogen haben. Ihre Anhänger bilden feine Partei, jie sitzen auch nicht in den Reichs- und Landtagen, in den Kathsfammern mid Gemeindestuben, denn die vielberufene breite Masse der Bevölferingen hat ihnen nicht folgen fönnen, sie glaubt noch immer an die Vortheile des Kriegszustandes und hofft auf Siege, die niemals eintreten fönnen. Wenn der österreichische und der ungarische Ministerpräsident sich bei den endlosen Ausgleichsverhandlungen gegenübersigen, werden sie jich vielleicht heimlich zugestehen, das sich aller Zwiejpalt jo leicht löjen ließe, wenn man in den Parlamenten die einjichtigsten Männer der beiden Reichshäljten hinter sich hätte, wenn nicht Eitelkeit und sinnloje Gewinna sucht ins Spiel fäme imd wemm nicht jener „Gevatter Schneider und Handschuhmacher“ das große Wort führen würde, der in seiner Bornirtheit sich für jo gescheidt hält, daß er seinen Konkurrenten jeder Zeit umgestraft übertölpeln förme. llnd wenn Herr von Nörber mit Dichterworten an die Parteien appellirt und ihnen das Bild des Prometheus vor Augen stellt, der in jeinen Schmerze nach der Mutter heil'ger Macht" rust, 10 weiß er sehr genau, daß er damit fein tịchechisches und kein alldeutsches verz rührt und daß er faum der moderne Herakles jein wird, der die Setten des an den Feljen des Nationalitätenhaders geschmiedeten Staates brechen fam.

Aber er muß eine heroiiche Haltung annehmen, da sein Ministerium neuerdings einen Schritt unternommen hat, um die Sprachenfrage in Böhmen und Mähren, hinter welche die Tschechen alle anderen, auch die staatsrechtliche, zurücfgestellt haben, zur Löjung zu bringen. Vor der lleberschäßung dieses Sdrittes mu allerdings jofort ernstlichit gewarnt werden. Er würde gänzlich werthlos sein und nur die Bedeutung eines alten Hausmittels für die eigene Eristenzfristung haben, wenn er vereinzelt bliebe und nicht als Ausgangspunkt für eine Politit „langer Fahrt“ gedacht wäre. Denn daß weder eine Verordnung erlassen, noch ein Gefeßentwurf dem Hause vorgelegt, sondern den Nilubobmännern „Grundzüge“ zur Begutachtung vorgelegt werden, die nach ihrer Punahme den Inhalt der zu verjajjenden (ejebentwürje bilden würden, darin tann doch unmöglich das Wesen eines Regierungsprogrammes liegen. Die Bestimmungen der „Grundzüge“ enthalten nichts Neues, sie entfernen sich nur in wenigen Hunkten von den Vorschlägen, die schon wiederholt bei Verständigungslionferenzen, zulezt vor zwei Jahren, gemacht wurden. Neu ist die Ersetzung des Ausdruckes „Staatssprache“, für den Graf Stürgkh schon einmal „Vermittlungssprache“ empfohlen hatte, durch „Dienstsprache“ und die Aufzählung jener Kategorien des Staatsdienstes, bei denen der Gebrauch der deutschen Sprache ausschließlich gestattet sein joll. Dazu gehört für Böhmen und Mähren der Verkehr mit den militärischen Behörden und mit den Behörden anderer Länder, die Forrespondenz mit den Zentralstellen, mit Kassen, in staatspolizeilichen Angelegenheiten, im Postund Telegraphenwesen. Bei der Schaffung der drei Sprachgebiete in Böhmen, eines einsprachig böhmischen, eines einsprachig deutschen und eines zweisprachigen, wird die Einsprachigkeit nur dann angenommen, wenn weniger als 20 Prozent der „ansässigen“ Bevölkerung die zweite Sprache als ihre Umgangsiprache erklären. Dies ist eine Berücksichtigung der von den Deutschböhmen verfochtenen Ansicht, daß die sogenannte fluktuirende Arbeiterbevölkerung in den Industriebezirken in die Berechnung nicht einbezogen werden dürfe, weil sich jonst fortwährend Veränderungen ergeben, denen die Verwaltungs-Organijation nicht immer angepaßt werden famn. Ter Staat hat allen Grund, den gleichen Standpunkt einzunehmen, denn er fam nicht die Belebung der Gerichte und politischen Behörden nach jedem Streif oder nach Einstellung oder Beschränkung der Erzeugung in einigen Fabriken erneuen und umistürzen.

Es wäre cuch ziemlich gleichgiltig, ob die Siegierung dieje oder eine etwas anders geartete Vorlage gemacht hat; in gar keinem Falle, und wenn jie die erleuchtetsten Gesetzgeber aller Länder zi1 Rathe gezogen und die raffinirteste:t Verwaltungstünstler zum Wettbewerbe eingeladen hätte, würde ein System erfunden worden sein, das beide streitenden Parteien befriedigen fönnte. Im Wege der Verhandling und friedlicher Uebereinstimmung ist fein Sprachengejek zil erreichen. Seder die Deutschen noch die Tschechen haben bis jetzt den Weg des Nompromisjes betreten, jede Partei rechnet noch immer darauf, die andere „mterzufriegen“. Darauf wird sich aber keine österreichische Regierung einlassen fönnen, dem sie besigt kein Mittel, einem der beiden Volksstämme das lebergewicht dauernd z11 sichern. Es giebt, wie schon wiederholt bemerkt wurde, nur einen einzigen vernünftigen Gesichtspunkt für die Verwendung der Sprachen, nämlich das Bedürfniß: er wird und muß zur Slnerkennung kommen, sobald man auf beiden Seiten aufgehört haben wird, den Gebrauch der Sprache des Nachbarvolkes als Symptom mangelnder oder abnehmender nationaler Gesinnung, ja als eine Gefahr für den sogenannten Bejikitand der eigenen Nation 311 betrachten. Wie vieler Sprachen haben sich die Deutschen im Laufe der Jahrhunderte schon bedient, auch an ihren Grenzen und in Gebieten mit gemischter Bevölferung, und doch ist das Volt stetig

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