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eine noch so reich ausgerüstete Truppenabtheilung, wenn sie die Zahl eines sogenannten Jagdkommandos erheblich übersteigt, auf dem Wege von Kujsisch-Turkestan her nach Lhasa oder Schigatje in das tibetanisch-indische Grenzgebiet gelangt.

Da es nun doch nicht wohl anzunehmen ist, daß die Nusjen die Absicht hätten, ihre etwaigen Bejazungstruppen auf dem Wege über Nalfutta ind die Himalayapässe nach Tibet zu schicken, so bliebe nur die Verbindungslinie zwischen Lhaja und dem inneren China übrig, die durch die Thäler des Hoangho und Weiho über den See Mufunor und die Zaidam genannten Sumpfebenen des nordöstlichen Tibet in einer Länge von rund 3000 km eristirt. Dieje Koute kommt für eine Armee aber auch nicht in Betracht, da sie jenjeits der Grenzen des eigentlichen China selbst für Gebirgsartillerie und jeden noch jo jparjam bemessenen Train unbrauchbar ist und überdies dazu mindestens auf der Hälfte der ganzen Strecke feine Ernährung der etwa marichirenden Truppe aus dem Lande selbst möglich ist. Falls also die Sache mit dem Tibetvertrag ihre Richtigkeit haben sollte, und falls Rußland überhaupt die Albjicht hegt, jeinem zufünftigen Vertreter in Lhaja Militär beizugeben, jo tönnten es doch nicht mehr als höchstens einige Schwadronen Rojaten jein.

Eine ganz andere Frage ist es natürlich, ob die Erwerbung Tibets für Rußland nicht nach einer ganz anderen Seite hin als der militärischen von wichtigen Folgen begleitet jein fan. Inzweifelhaft! Bekanntlich ist Tibet China gegenüber nicht eigentliches Reichsterritorium, fondern ein Vafallenstaat mit ziemlich lockerer Abhängigkeit. Die chinesische Regierung hat zivar zwei Residenten in Lhaja, deren jeden ein besonderer Einfluß= bezirk zugewiejen ist; aber im llebrigen hat sie auf die inneren Verhältnisse und die Verwaltung des Landes nur einen sehr geringen Einfluß. Chinesische Pässe werden 3. B. von den tibetanischen Behörden nicht respektirt, sondern es bedarf, um im Lande reisen zu förnen, für Ausländer einer besonderen Erlaubniß der tibetanijchen Regierung. Voit militärischen Machtmitteln Chinas in Tibet, Garnijonen, Befestigungen und dergleichen, ist nicht zu reden; die Mittel, mit denen es jein Prestige als Oberlehusmacht in Lhaja aufrecht erhält, sind nicht militärischer, sondern moralischer und finanzieller Natur. Eine „Abtretung“ Tibets on Rußland würde also nichts weiter bedeuten, als die Session dieser lockeren Hoheitsrechte.

Trodem wird man annehmen dürfen, daß die Erwerbung der Lehushoheit über Tibet für Rußland einen merklichen politischen Gervinn bedeuten würde, und zwar injofern, als der Zar hierdurch in die Stelle der offiziellen Schußmiacht des Buddhismus einrückte. Tibet ist ein geistliches Staatswejen; der achte Theil seiner Bevölkerung joll aus buddhistischen Kleriferni, den jogenannten Lamas, bestehen. Nach offizieller Anschauung regiert eine stets von Neuem wiedergeboren werdende Jutarnation Buddhas jelber, der sogenannte Dalai Lama, das Land. Thatsächlich hat diejer Lama allerdings wenig zu sagen. Er ist meistens ein Snabe, der aus begreiflichen Gründen) selten das 18. Lebensjahr, die Grenze der Volljährigkeit, überschreiten soll - und bis zu diesem Termin führt das Nollegium der Groß-Lamas, im Einverständniß mit den beiden chinesischen Sommisjaren, die Regentschaft. Diese buddhistische Hierarchie ist es aber, auf deren Haltung es für jede Macht, die in Tibet Einfluß ausüben will, in erster Linie ankominit, und dieje Leute sind ebenso unwissend wie dem Gelde zugänglich. Sie auf einem solchen Wege zu gewinnen, würde für Fußland wenig Schwierigkeiten haben. Rußland fönnte fich damit begnügen, die chinesi che politische Vertretung in Lhaja durch die seinige zu erjeßen, und es wird den Werth jeiner neuen Position darin suchen, daß es den Einfluß der tibetanischen Hierarchie auf die buddhistischen Elemente in der Bevölkerung Ostajiens

China, Norea, Japan zu cinen Guten spielen läßt. Unter Um ständen förute das eine Sache von nicht geringer Wichtigkeit werden, namentlich in China und Korea. Das Verhältniß zur Zentrale der buddhistischen Orthodorie ist aber besonders von Bedeutung für die russischen Absichten auf die Mongolei. Dort residirt der zweite „lebendige Gott“, ein geringeres Seitenstück zum Dalai Lama von Lhaja, und auch unter den eigentlichen Mongolen ist der Einfluß der Lamas in hohem Grade maßgebend. Das Protektorat über den tibetanijchen Lamaïsmus würde also für Nußland auch bedeuten, daß es in der Mongolei nach Belieben schalten kann, ohne Schwierigkeiten von Seiten der eingeborenen Bevölferung zu begegnen. Im chinesischen Dst-Turfestan foll nach Allem, was darüber verlautet, der russische Generalforjul von Raichgar ohnehin bereits der eigentliche Herr sein, auf dessen Wunsch imd Willen ebenso viel, wenn nicht mehr, ankommt, als auf die Befehle der chinesischen Regierung. In Verbindung mit dieser faktisch vorhandenen Stellung in Turkestan und der Ottupation der Mandichurei würde also der Tibetvertrag nichts weniger bedeuten, als die Angliederung des gesammten imeren Asiens bis an die große Mauer und der Oberlauf des Jangtsekiang an Rußland.

Natürlich würde sich diese Veränderung auf der Landkarte um ein Vielfaches imposanter ausnehmen, als in der politischen Wirklichkeit, aber für bedeutungslos dürfte man jie darum doch nicht anjehen. Durch InnerAsien, durch das große Völkerthor der Dsumgarei, am Nordabhang des Nanchan Gebirges entlang, und durch die Thüler des Weiho und des Hwangho fiihrt die fürzeste und für eine dereinstige Bahn bei Weitem bequemste Verbindungslinie zwijchen Dstasien und Europa. Bei der Ausgestaltung umjerer modernen Verkehrstechuit verwandelt sich der Raum

im Alterthum und Mittelalter das größte Hindernis politischer Aus = breitung und Sonsolidation jekt für den, der ihn beherrscht, aus einem Momente der Schwäche in eins der Stärke. Die sibirische und die Mandschureibahn bleiben für Nußland inumer mit dem Fehler belastet, daß sie an ihrem Endpunkt dem Reiche zwar eine Position gegenüber dem stärksten Gegner in Ostajien, Japan und seinen Verbündeten, gewähren, aber ein Zugang zu dem eigentlich reichen und dichtbevölkerten Wirthichajts= zentrum Asiens, der großen chinesischen Ebene und dem Becken des Jangtsekiang. eröffnet sich von dort aus nicht. Auch die geplante Eisenbahn von Niachta nach Peking durch die Mongolei würde dieses eigentliche Sterngebiet Ostasiens nur an jeiner äußersten Peripherie treffen. Erst eine Eijenbahn durch Inner-Psien, welche die Stromthäler des Jli und Weibo

eine Distanz von 2500 km oder die Länge der Bagdadbahn miteinander in Verbindung legte, würde die Stellung Rußlands gegenüber China und den Mitbewerbern um den Einfluß dort zu einer überwältigenden machen. Das Weihothal bildet den Schlüssel zur Herrschaft über das gesammte innere und östliche Asien. Hier gabeln sich bei der ältesten chinesischen Hauptstadt Hsinganfu die beiden großen Straßen, auf denen man aus dem Juneren Chinas in die Stromlandschaften des unteren Hwangho und des Jangtsekiang hinabgelaugt; nordöstlich dem Thal des Hwangho folgend nach Tientsin und Peking, jüdöstlich durch eine in das Gebirge von Schensi tief eingeschnittene Scharte nach Schalchi und Hankau am Jangtsekiang.

Aus dem Weihothal hat sich in ältester Vorzeit die chinesische Macht, an jenen großen natürlichen Verbindungslinien entlang abwärts steigend, allmählich über das ganze jebige China verbreitet. Wer dies Gebiet und seine Hauptstadt, den großen Straßenschlüsjel Hjinganfu, besißt, der ist von Osten, von der Seeleite her, umangreifbar, wie das der Rückzug des chinesischen Hofes während der Epoche der lebten Wirren bis an diesen Platz und die faftische Unmöglichkeit des Vormarsches der europäischen Truppen dorthin bewies; er kann aber jeinerseits nach Belieben in jeder der beiden für die Herrschaft in China entscheidenden Richtungen vorstoßen! Thatsächlich zielen denn auch die lezten Absichten der russischen Politik auf keinen anderen Play als auf diejes Hsinganfu und auf das Weihothal. Unter diesem Gesichtspunkt müßte auch der Tibetvertrag betrachtet werden. Zwar führt die direkte Linie von Ruldicha am Ili nach Hlinganfut nicht durch Tibet, sondern nur nahe der äußersten Nordostgrenze diejes Landes entlang, aber für ihre Herstellung ist das Verhältniß zu den Eingeborenen, mögen es Tibetaner, Tanguten oder sonst Mongolen sein, von großer Bedeutung. Es ist ja auch noch nicht an dem, daß Kußland die große innerasiatische Bahn, auf deren zukünftige Trace seiner Zeit kein Geringerer hingewiesen hat, als Ferdinand von Richthofen, schon baute oder zu bauen im Begriff stände; daran aber, daß der Plan und die feste Absicht, bei der ersten sich bietenden Möglichkeit an die Verwirklichung dieser Rußland die Herrschaft über Ajien verheißenden Idee heranzutreten, bestehen, giebt es gar feinen Zweifel. Befanntlich ist zur Zeit die Bahn von Orenburg nach Taschfent im Bau. Dieje oder die geplante Verbindungslinie von Tachkent nach Nordosten zur sibirischen Magistrale hin werden das Anjapstück für die innerasiatische Zentralbahn ins Weihothal bilden.

Ob freilich die Finanzlage Rußlands es je erlauben wird, diesen, man möchte jagen weltbewegenden Gedanken einmal zur Verwirklichung zu

bringen? Die Lejer der Jahrbücher“ werden sich der Aufjäße erinnerii, in denen ich seit Beginn dieses Jahres versucht habe, ein Gemälde der wirthichaftlichen Zustände Rußlands, wie sie wirklich sind und wie sie über kurz oder lang auch in politischer Beziehung zur Geltung gelangen müssen, zu entwerfen. Das absolute Schweigen, das von russischer Seite diejen jachlichen und zahlenmäßigen Darlegungen entgegengeseßt wird, ist bezeichnend für das Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber einer joíchen Offen: baring des Wirklichen vor der auswärtigen Deffentlichkeit. Ebenso ist es freilid) auch bezeichnend für die llrtheilslosigkeit und Ilnwisjenheit, die bei inns über ruljiche Dinge herrscht, daß fein einziges der großen deutschen Börjen- und Handelsorgane begriffen zu haben scheint, um welch ein fundamentales Problem es sich hier handelt!

Die Antwort auf jene asiatische Frage fann mir dahin lauten, daß die beiden Faftoren, von denen die politische Zukunft Rulands im Allgemeinen und die Verwirklichung leiner östlichen Kiesenpläne im Besonderen abhängen, erstens das Maß von Leidens- oder Hungerfähigkeit ist, das die ruflichen Bauern noch zu ertragen im Stande ind, im zweitens der Grad von Unwissenheit, der sich in Europa (imd Japan) über die wirtliche Lage Rußlands erhält. Wem Rußland weiter in ähnlichem Maße wie in den leßten fünfzehn Jahren jeit dem Amtsantritt des vorlegten Finanzministers Wichiegradski Sredit auf dem europäischen Geldmarkt erhält, so ist natürlich gar kein Grund vorhanden, weshalb es nicht ein Internehmen wie die sibirische Bahn zum zweiten Male ins Wert jepen joll. Wo man auch die zukünftige Weihobahn an das bestehende oder im Bau begriffene rusiche Nep anjeßen möge: eine größere Arbeit, als bei der sibirisch-mandschurischen Bahn im Laufe eines Jahrzehnts geleistet worden ist, bleibt auch dort in feinem Falle zu bewältigen. Darauf aber, in Europa die Vorstellung von der Fortdauer, ja von der Verbesserung der rujichen Sireditfähigkeit 311 erwecken, zielt ja die ganze publizistische Thätigkeit des Finanzministers Witte ab. Doppelt bedauerlich daher, daß selbst unsere bestuuterrichteten und größten Breßorganie nicht über ein gemigendes Maß von Wisjen verfügen, in die Witteschen Schwindelmanöver als das zu erfennen, was sie ind.

Der Zujammenhang zwischen der gegenwärtigen Finanzlage Nußlands imd seinen asiatischen Plänen legt in diesem Augenblick die Frage bejonders nahe, weshalb Herr von Witte gerade in einem nach mehreren Seiten hin kritischen Moment sich persönlich auf die weite und langwierige Reise nach Ostasien gemacht hat? Es giebt Leute, die dahinter, zumal in Verbindung mit der allerdings aujjallenden Thatjache, daß Naijer Nikolaus jeinem ersten Minister zu desjen fürzlich begangenen zehnjährigen Anitsjubiläum feinerlei bejonderen Gnadenerweis hat zu Theil werden lassen, bereits den Schluß ziehen, daß irgend etwas in der Stellung Wittes nicht in Ordnung jei. Das ist aber wenig wahrscheinlich. Den gegenwärtigen Finanzminister entlassen kann der Kaiser überhaupt nur, wenn er einen vollständigen, den

jebigen Zustand von Grund auf umwälzenden Systemwechsel in der Finanzpolitit seines Reiches vornehmen will. Soll prinzipiell in der bisherigen Weije, das heißt auf Grund einer Weitersteigerung der bereits vorhandenen lleberschuldung, fortgewirthschaftet werden, jo ist Witte dazu schon aus dem Grunde umentbehrlich, weil Niemand auch nur entfernt in dem Maße wie er im Stande ist, sich in dem angerichteten Wirrwarr zurechtzufinden.

Es scheint un, daß die Wittesche Reise nach Ostasien in erster Linie mit einer Statastrophe zujammenhängt, die das projektirte russische Schanghai auf der Swantung-Halbinsel, die im Bau begriffene Hafenstadt Dalnij, bedroht. Dieses Dalnij, auf das bereits immense kosten verwandt worden find und das jedenfalls, bevor es als Hafenstadt in der erhofften Weise funftioniren fann, noch viele weitere Millionen erfordern wird, ist in besonderer Weise eine Schöpfung Wittes. Er ist für die Gründung des Plates an diesem äußersten Ende der Halbinsel verantwortlich; auf seine Initiative hin sind der ganzen Anlage von vornherein Dimensionen gegeben, die mir im Falle des vollständigen Gelingens der Idee, Dalnij zu einem Haupthajen des Gelben Meeres zu machen, einen Sinn haben und die aufgewandten Kosten rechtfertigen werden. Nun scheint sich aber herauszustellen, daß der Gedanke, den rujichen Haupthafen hier zii gründen, schon deshalb im Prinzip verfehlt ist, weil er auf einer (chwer begreiflichen) Verfennung der durch die geographischen Verhältnisje am Nordujer des Gelben Meeres gegebenen Thatjachen beruht. Nur in dem Falle hätte der Gründung Dalnijs ein richtiger Gedanke zi1 Grunde gelegen, wenn es Rußland gelımgen wäre, denjenigen Platz, der sowohl durch die natürlichen Verhältnisse, als auch durch eine mehrtausendjährige Tradition als Eingangsthor für die Mandschurei feststeht, nämlich Niutychwang-Jingtjeku, zu schließen oder doch wenigstens unter ausschließliche Kontrole zu bekommen. Dieje Vorausseßung fällt jeßt aber in Folge des Einspruchs, den jeiner Zeit die Vereinigten Staaten, England und Japan erhoben, fort, und durch das wider den Willen Rußlands offen gebliebene Einfallsthor Niutichwang ergießt sich jetzt vielmehr uaufhaltsam ein Strom fremder, vorzugsweise japanischer Kapitalien, Waaren und Unternehmungen in die Mandschurei hinein. Früher, vor der Erbauung der mandschurischen Bahn, hing wenigstens der Norden des Landes in erster Linie von der russischen, auf den Wasserwegen des Amur und Simgari über Wladiwostok herankommenden Einfuhr ab. „Die nördliche und östliche Mandschurei bildeten bisher den natürlichen Marft für das Anurgebiet, jeßt aber ist dieser Marft vom Amurgebiet völlig losgerissen und wird zu einer offenen Arena für Alle. Die jüdliche Mandjchurei dagegen, die niemals für die KwantungHalbinjel (Port Arthur und Dalnij) eine Anziehungskraft besessen hat, bleibt mit Niutschwang unzerreisbar und organisch verbunden und wird durchaus nicht, trop der Eisenbahn, irgendwie dauerhaft in die dominirende Einfluss jphäre unserer neuen Häfen in Swantung einbezogen; mit anderen Worten: der Norden ist uns entschlüpft, der Süden aber bleibt uns nach wie vor

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