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spiele an, auf Seite 361: „Hanka legte seine Unterhaltung bewußt auf das Tiefere an wie der Spieler, der eine einzige Saite über eine ganze Melodie mitschwingen läßt.“ (Slaubt Wassermann damit wirklich das, was er sagen will, besonders eindrucksvoll versinnbildlicht zu haben? Viel schlimmer noch ist dieser Vergleich: „Arnold redete mit einer ganz kleinen lleberspannung des Temperaments, etwa wie ein Meßger das richtige Fleischgewicht in scheinbarem Wohlmeinen durch Knochenzulage überbietet.“

Ich verwerfe also diejen Koman und vermag ihm als Kunstwerk keinen besonderen Werth zuzuerferien. Bemerkenswerth ist er vom Zeitpsychologischen Standpunkte aus. Arnold Ansorges Leben und Wandeln ist auf das Triebhafte und Unbewußte gestellt; ,,er besißt die innere Stimme, die nicht fehlrathen kann“, – genau wie Maeterlincks Monna Vanna. Aber noch stärfere Vergleichspunkte bietet er mit Marim Gorkis Foma Gordjejew – mur daß das Werk des Kussen in psychologischer wie in künstlerischer Hinjicht imgleich vollendeter ist.

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„Peter Boies Freite“ (Verlag von Hermann Seemann Nachf. in Leipzig, 1903; ME. 2,50) ist der Schlußband einer Romantrilogie, in der Johannes Schlaf sich die Aufgabe gestellt hat, die Psychologie des menschlichen Typus zu geben, wie er sich mit und aus der literarischen Strömung entwickelt hat, die in den achtziger Jahren ihren Anfang nahm. Liesegang, Fald und endlich Peter Boie sollen die Entwicklungsstadien darstellen, die jener Typus durchlaufen hat. Johannes Schlaf begnügt sich nicht damit. Zeitpsychologie 311 treiben, er stellt sein Wert auch auf philojophische Grundlage bezugsweije jeßt seine Menschen in ein philosophisches Milieu, umhüllt sie mit philosophischer Atmosphäre: Die Niebiche und Whitman meint er sind „unsere Mämer“, „wir stehen nicht mehr im Zeichen des Materialismus, jondern des Individualismus und Monismus, und die trockenen Resultate der erakten Wissenschaften haben begonnen, sich uns zu neuen Gefühlswerthen zu wandeln.“ Ich für meine Person halte weder von Whitman als Dichter noch von diesem jogenannten Monismus, der eigentlich ein naturalistischer Panpsychismus ist, als Philosophie irgend etwas. Ich brauche mich aber dieserhalb feineswegs mit Schlaf auseinander zuseßen. Ich kann nämlich nicht finden, daß der Dichter seine Aufgabe auch nur annähernd löst. Es wird mir immer klarer, daß Schlaf sich, in einem bemerfensiverthen Mißverständniß seiner selbst, in eine zeitpsychologische und philosophische Stellung hinaufposirt, in die er gar nicht gehört. Beinahe möchte ich behaupten, daß Schlaf ein ganz altmodischer oder überhaupt nicht modischer, sondern ganz einfacher Mensch ist, den ein Zeitstrudel gefaßt hat, in dem er nicht zu Tchwimmen vermag. Schlaf ist ganz entschieden Dichter und Nünstler von hervorragender Begabung. Aber seine Begabung liegt in der Betrachtung und Werthung des Kleinen, und ist aufs Engite an ein ganz schlichtes und reines Naturgefühl gebunden. Nun befindet jich Schlaf in diesem merkwürdigen Verhältniß zur Dekadenz unserer Zeit: Diese Zeit strebt aus Ueberkultur zum Primitiven und zu gesucht neuen An fängen. Schlaf ist von Natur primitiv amd Dorfmenjch. In den Zeitstrudel gerathen imd der Zeitprobleme sich intellektuell bewußt, bildet er sich ein, ein Hypermoderner zu sein, der er doch von Hause aus ein ganz linmoderner ist. Er verwechselt seine natürliche Natur mit der gesucht „primitiven“, die von der Dekadenz unjerer Tage zur Mode erhoben ist. Nun ist es allerdings sehr leicht möglich, ja es ist so gut wie sicher, daß er in diesem Zwiespalt von Bahn und Wesen wirklich dekadent und daß ihm darum der moderne Mensch“ zur zweiten Natura geworden ist. Aber seine wahre Natur vermag er doch nirgends zu unterdrücken, wo er fünstlerisch und dichterisch wirklich rein wirkt. Man leje einmal „Peter Boie“ auf diese reine psychologische Analyse hin! Man wird gar nicht verkennen können, wie an dem Koman alles Philosophische und Zeitproblematische nur wesenlose Maskerade ist und wie als Vern eine sehr simple, aber sehr feine und poetische Liebesgeschichte übrig bleibt.

Mar Lorentz

Geben und Nehmen. Schauspiel in fünf Aufzügen von Martin Langen. Verlag von Albert Langen, München 1902. Ein soziales Drama, das Fabrikherrschaft und Fabrikarbeiterschaft in Nampf zeigt und beider Kampf im Widerstreit erscheinen läßt zu dem, was wichtiger imd werthvoller ist als alle Arbeits- und Lebensordnung, zum Leben selbst. Die Arbeiter des Fabrikanten Brüggemann streiken. Von den ihr soziale: Interesse vertretenden Parteien hebt sich in doppelter Gestalt das ab, was rein und ewig menschlich ist: Addie mit ihrem Kind und Emilie mit ihrem Kind. Addie ist des fabrikherrn fiivzlich zur Wittwe und zur Mutter gewordene Tochter. Emilie ist das Dienstmädchen, das aus dem Hause gejagt worden ist, als die Frucht ihrer illegitimen Liebe mit dem Sutscher offenbar zu werden begann. Nun jügt es sich, daß Addies Kindchen todtfrank ist, weil die Mutter nicht nähren kann und eine Amme schwer allt zutreiben ist. Emilie wäre eine vorzügliche Amnie, wenn sie es jein wollte, wenn sie die ihr angethane Schmach, aus dem Hause gejagt zu sein, verzeihen fönnte. Emilie, eines Fabrikarbeiters Tochter, will den Ammendienst übernehmen, wenn Brüggemann die Forderungen der streifenden Arbeiter bewilligt. So ringen aljo miteinander Naturrecht bezigsweije Naturvilidt

die Pilicht, ein Menschenleben zu retten mit dem sozialen Necht und der jozialen Ehre. Sie ringen so lange miteinander, bis das kleine Kindes leben ausgeathmet hat. „Das kleine Herzchen hat ausgeschlagen“, ist das Ende von all dem Menschenstreit.

Die Manier, wie Martin Langen die Gegenjäse zu einander stellt, hat in der That für den ersten Blick etwas primitives und Kindliches an sich, wie Jeniand, der mir das Drama zur Leftüre empfahl, bei jeiner Empfehlung von vornherein bemerkte. Das Lächeln über dieje Primitivität der Gegensätze verließ mich aber, als ich den Schlußaß des Ganzen las: „Das kleine Herzchen hat ausgeschlagen“. Diejes Schlußwort seßt alles in eine ganz andere Beleuchtung. Es erhebt mit einem Male ein fleines Wejen zur Hauptperson, um die sich allerdings schon vieles im Stück gedreht hatte, ohne daß wir aber davon berührt worden wären. Und dann mit einem Male als Wirkung des Ganzen: ,,Das kleine Herzchen hat ausgeschlagen“. Mit diejem ausgeathmeten Leben des kleinen Mindchens greift uns ein großer Jammer, ein tiefes Lebensleid ans Herz. In ursprünglichster Primitivität fühlen wir die Heiligkeit des Lebens. Alles andere, was in den fünf Aften vorher gethan und noch mehr geredet ist, empfinden wir als etwas Sinnloses, in dem aber doch ein teuflischer Zweck lauert, der auf einen Mord gerichtet ist.

Langens Fehler ist es, daß er ins in seinen fünf langen Alten das Teufíische, das eigentlich in dem Gehabe und Gethue der Menschen liegt, nicht hat schandervoll empfinden lassen. Das wäre allerdings sehr schwer gewesen, der Dichter hätte über eine gewaltige suggestive Stimmungskraft gebieten müssen. Denn jeine Personen hätten nicht etwa „teuflische“ Reden führen dürfen: im Gegentheil: sie hätten nüchtern und fachlich bleiben müsjen, an der Oberfläche schwimmende joziale Charaktere, wie sie es wirklich sind. Nur die Zuhörer hätten aus der Rede noch immer eine zweite Rede hören müsjen, so daß sie jeden Augenblick empfinden: es dreht sich viel weniger um Menschenrecht und Menschenjagung, als um ein Menschenleben. Maeterlinck und Jbsen verstehen sich gut auf solchen Doppelsinn der Worte. Der Kardinaljehler des Stücfes aljo ist: Es fehlt ihm seine fünf Akte hindurch die tragische Suggestion. Und diesen Fehler erkläre ich mir so, dass Martin Langen sein Stück weniger aus einem tragischen Weltempfinden der Seele herausgeschaffen, denn als ein ihn interesirendes joziales Problem gearbeitet hat.

Die Vorzüge des Dramas sind: Sachliche und geradlinige Behandiung des Themas, Mangel jeder Effekthascherei, objektive und richtige Darstellung der sozialen Verhältnisse und Charaktere. Gut ist u. A. die Abstufung in der jozialpolitischen Position der drei Brüggentans. Richtig geschildert ist auch die Arbeiterkonferenz. Als individuell am besten charakterijirt sind die beiden alten Günthers. In deren Charakterisirung steckt gute Beobachtung, die von psychologischem Blick zeugt.

Ich bin entschieden der Ansicht, daß dieses Drama in vielfacher Beziehung werthvoller und der Aufführung würdiger ist, als manches, das uns von den Bühnendirektoren wirklich vorgejett ist. Es ist zum mindestent eine ernste und verständige Arbeit, die zu interessiren und in jozialpolitischer Hinsicht ein Laienpublikum ganz sicherlich zu erziehen und aufzuklären vermag. llnd solchen didaktischen Zweck soll man der Masse des Publikums gegenüber doch nur nicht in allzu hohlköpfigem Aesthetenhochmuth unter: schäßen. Daß das Stück im Berliner oder Schiller - Theater sein Glück machen könnte, ist mir feineswegs völlig unwahrscheinlich.

Mar Lorenz

Theologie. Arthur Bonus, Religion als Schöpfung. Erwägungen über die religioje

Ni visis. Verlegt in Leipzig 1902 bei Eugen Diederichs. 62 S. Mi. 1.31).

Jede Wijjenschaft forrigirt sich in ihren verschiedenen auf einander folgenden Richtungen, ja jogar in ihren wechselnden Moden, immer jelbit. In der Theologie haben wir jeßt, nachdem wir früher ,spekulirt“ hatten, eine lange Zeit geschichtliche Studien getrieben, Geschichte der christlichen und der israelitischen, seit einiger Zeit auch der heidnischen Religionen. Die Aufgabe ist noch lange nicht gelöst, und doch ist der Nußen schon deutlich geworden: wir sind eben daran, hinter den Büchern, Lehren und Einrichtungen die wirkliche und wirkende. Religion jelbst zu entdecken, das was die Engländer ,,the working religion“ nennen. Aber neben dem Nußen der Historie steht ihr Schaden. Wir Theologen haben uns die größte Tugend des Geschichtsforschers vielleicht zu sehr angeeignet: ich meine die Fähigkeit der historischen Anempfindung. Wir haben uns jo an das An- und Mitempfinden der historischen Formen und Ausdruds weisen unserer Religion gewöhnt, daß das, was wir jelbst von Religion empfinden, wirklich empfinden, unwillfürlich selber diese Farben annimmt. Für die wesentlich in orthodoren Anschauungsformen sich bewegende Theologie liegt das auf der Hand, aber es gilt fast ebenso stark für die historischfritische Schule, mur daß die historische Formen andere sind: historisch sind sie bei beiden. Historisch aber beißt „vergangen"; oder wenn wir das Wort etymologisch verstehen, so heißt Historie Kunde oder Wijjen. Jedenfalls gehört historisches Wisjen dazu, die Art von Religion zu verstehen, von der wir Theologen zu den „Laien“ reden. Und wenn in unseren Versammlungen einmal es kommt jelten genug vor ein „Laie“ das Wort ergreift, sind es da nicht ganz gemischte Gefühle, mit denen wir Theologen ihm zuhören? Wir freuen uns, daß auch einmal einer, der es nicht studirt hat," Interesse und Perständnis für die Fragen zeigt, die uns bewegen, aber wir haben doch meist zugleich die Empfindung, die jeder Fachmann hat, wenn er Nicht - Fachleute gescheit über sein Fach sprechen hört: wie viel beijer verstünde der Mann die Sache, wenn er gelernt hätte, was wir gelernt haben, wenn er auch in seiner Religion „Historisch gebildet" wäre! Aber heißt das nicht dem schönen Spruch, der doch wills Gott auch von uns Theologen allen gilt: „ich glaube, darum rede ich,“ einen fatalen Vorderjaß anfügen: „ich habe es gelernt, darum glaube ich, darum kann ich auch davon reden ?" Sind so die Religion und die Difenbarung, die wir vertreten, nicht eigentlich Religion jür Kirchenhistoriker und Difenbarung durch Geschichtswisjenjchaft? Und weil sie das wirklich sind, deshalb quälen wir Theologen uns jo vergeblich ab mit den Laien, die nun einmal nicht Theologie studirt haben. Die Altmodischen unter uns wollen diese Laien bei der Empfindungsweise des sechzehnten und bei den Vorstellungsformen des vierten Jahrhunderts festhalten, oder jie gar wieder dafür gewinnen. Die Neumodischen lassen zwar die alten Vorstellungsformen fallen: von der Dogmatik haben sie sich auf die Bibel, von der ganzen Bibel aufs Neue Testament, vom ganzen Neuen Testament auf Jesus zurückgezogen - aber was thun sie? Sie jeßen für die Empfindungsweise statt des sechzehnten das erste Jahrhundert ein – im Uebrigen verlangen sie nur einen noch höheren Grad des historischen Verständnisjes und der historischen Anempfindung als die andern – und finden, wie nicht anders zu erwarten, einen noch viel geringeren. „Weshalb in aller Welt soll ein heutiger Laie sich darauf kapriziren, die Erlöjung des ersten christlichen Jahrhunderts zu erleben?"

Das sind die Vorausießungen, von denen die neueste Veröffentlichung von Bonus ausgeht. Der unermüdliche Verleger Diederichs in Leipzig. hat öffentlich aufgefordert, man möge den Versuch machen, in neuen Zungen von Religion und Kultur zu reden, hat seinen Verlag dazu zur Verfügung. gestellt und eröffnet min die Reihe dieser Schriften mit der Broschüre von Bonus über Religion als Schöpfung. Bonus ist einer der ganz Wenigen, wie ich meine, die im Stande sind, die Forderung zu erfüllen, wie es in seiner Schrift steht: „man müßte selbst Mensch und Laie geblieben sein, während man Theolog wurde“. Er redet drauflos, jo unbelümmert um die Ausdrücke, die seit Jahrhunderten geprägt sind, wie ein „Laie“, und doch spürt man überall den historisch gebildeten modernen Menschen, der sogar den Weg von Darwin bis Nieviche jelber einmal gegangen ist, und doch nicht bloß eine eigene wildgewachsene Religiosität besikt, jondern wie man heute zu sagen pflegt, eine die christlich orientirt ist. Der Grund, warum Bonus das leisten fann, ist der: er besigt etwas, was heute die wenigsten unter uns haben, auch die Frommen nicht: religiöje Leidenschaft. Diese Leidenschaft ist vielleicht der Klarheit nicht immer förderlich; wer klar formulirte, intellektuell firirte Ausstellungen über Religion sucht, der wird sich ärgern an dem Vuche. Aber das Wesen der Religion ist nicht in erster Linie Klarheit, jondern Leben. Leben aber ist das verwickeltste und komplizirteste Ding, das es in der Welt giebt. Das merken schon die Biologen und noch deutlicher die Psychologen. Aber die umgeheure Kraft, die, wie jedem Lebendigen, jo auch der Religion innewohnt, die beschreibt Bonus mit einem Reichthum von Ausdrücken, Bildern und Formen, daß man sieht: hier ist jelbst Kraft und selbst Leben -- und wie das beim Leben in der Ordnung ist, originelles, ursprüngliches Leben.

Ich führe mur drei furze Beispiele an. In dem Grenzstreit, den heute die Religion mit der Sittlichkeit und der Wissenschaft führt, werden immer

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