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Jeden Morgen wurde in Kusko im Korikantša, dem Haupttempel des Reiches der Sonne, ein weisses, geschorenes Lama 1) geopfert; bei jedem Monatsfeste wenigstens ein hundert, bei Hauptfesten in Kusko allein tausend und mehr Stücke.

Ich habe schon an einem anderen Orte die Ansicht ausgesprochen, dass dem Vorkommen der Lamas in Perú ein grosser ethischer Einfluss auf die Inkaperuaner zuzuschreiben sei, indem durch das Vorhandensein derselben die Menschenopfer bei ihnen nicht die grauenhafte Ausdehnung erreichten, wie in Mejico.

Die Aucheniaarten wurden aber nicht nur in natura geopfert, sondern auch in mehr oder minder gelungenen Imitationen aus Metall, Holz, Stein oder Thon. Tausende dieser Thierfiguren wurden von geschickten Goldschmieden aus Gold und Silber gehämmert oder gegossen, von der Höhe von 3—4 cm bis Lebensgrösse. Die kleineren Figuren wurden sehr häufig als Opfergaben dargebracht, aber auch als Hausgötter (L'amakonopa) verebrt. Man findet sie, besonders die aus Silber getriebenen, sehr häufig in den Gräbern der Inkazeit. Aus Holz geschnitzte Lamas sind seltene Gräberfunde. Ich habe ein einziges, zudem noch schlecht erhaltenes Exemplar in Jauja gesehen. Die lebensgrossen Lamas wurden nur auf Befehl der Inkas angefertigt. Die Spanier fanden bei ihrer Ankunft noch viele derselben als Tempelzierden. Sie waren begreiflicher Weise stets aus getriebenem Metalle ausgeführt. In dem Berichte des Geheimschreibers des Pizarro, Don Francisco de Xeres de dato 13. Juli 1536, der von Francisco Pizarro, Alvaro Riquelme, Antonio Novarro und Garcia de Saltego unterzeichnet an den Monarchen nach Madrid abgesendet wurde, heisst es: „Es

unter Anderem auch vier grosse Widder (Carneros-L'amas) von feinstem Golde vorhanden und zehn oder zwölf Statuen von Frauen von der Grösse der Weiber dieses Landes. Sie waren von dem feinsten Golde verfertigt und so schön als wären sie lebendig. Ebenso bat man andere von der nämlichen Grösse von Silber gefunden ?).“

Alle vier Aucheniaformen werden ziemlich häufig aus Stein gemeisselt oder aus Thon gebildet in den alten Gräbern gefunden. Sie stellen nur den Kopf und Rumpf mit dem kurzen, dicht an den Körper anliegenden

waren

1) Das Opferlamm wurde geschoren, weil die lange, dichte Wolle dem steinernen oder kupfernen Opfermesser (tumi) beim Brustschnitt an der linken Seite grosses Hinderniss entgegengesetzt hätte.

2) In seiner „Conquista del Peru llamada la nueva Castilla“; Sevilla, 5 fol. Cap. 28 berichtet Francisco de Xeres, dass nach den Aussagen Atabalibas (des Inka Ata wal'pa's), Tšil’ikutšima's und vieler Anderen dieser Atabaliba zu Xauxa ganz aus Gold verfertigte Lamas und Hirten, welche sie bewachten, alle in natürlicher Grösse, besass. Aehnliches bei Augustin de Zarate Hist. del descubr. lib. II cap. 7. Nach Cieza de Leon Cron. II Parte p. 107 waren in dem goldenen Garten in Korikantša in Kusko mehr als 20 goldene Lamas mit Lämmern und Hirten mit ibren Steinschleudern und Hirtenstäben, wie die übrigen goldenen Gegenstände in natürlicher Grösse.

Schwanz dar. Am Halse ist bei vielen die dichte Bewollung durch einige Furchen und Wülste gut angedeutet. Der Hals selbst ist entweder aufgerichtet (horchendes, ruhendes Thier) oder vorgestreckt (schreitendes, flüchtiges Thier). Am Kopfe sind die stets nach vorn gerichteten Ohren immer dicht anliegend, während sie bei dem silbernen L'ama konopa stets spitz und gerade aufgerichtet sind. Der Gesichtstheil ist bisweilen recht fein und nett ausgearbeitet, mehrentheils aber ziemlich plump und roh. Die Augen sind oft nicht einmal angedeutet, bei manchen, besonders grösseren Exemplaren, sind aber Löcher für dieselben ausgehöblt und man bemerkt zuweilen noch Spuren eines Kittes oder dergleichen, der offenbar künstliche Augen, vielleicht kleine Edelsteine, Granaten oder Aehnliches festgehalten hat. In der Mitte des Rückens befindet sich bei jedem ein mehr oder weniger kreisrundes Loch als Eingang in eine Höhlung mit fast geraden Wänden und einer Tiefe, die nur wenig, 5—10 mm, geringer ist als die ganze Rumpfhöhe. Diese Figuren sind im Ganzen so gut gearbeitet, dass man bei jedem Stück unschwer erkennen kann, welche der vier Arten es vorstellt.

Von den mir vorliegenden Exemplaren misst das grösste (ein Lama) von der Brust zum Schwanz 70 mm, Höhe des Körpers 65 mm, Länge des gerade aufgerichteten Halses von der Basis an der Brust bis zur Schnauzenspite 70 mm, Weite des Rückenloches 25 mm, Tiefe 60 mm. Das kleinste Exemplar (ein Alpako) misst von der Brust zum Schwanz nur 42 mm, Hölie des Körpers 36 mm, Länge des etwas vorgestreckten Halses von der Brust zur Schnauzenspitze 55 mm, Weite des Rückenloches 16 mm, Tiefe desselben

25 mm.

Man hat vielfach die Frage aufgeworfen, welchen Zweck diese Figuren haben möchten, denn es liegt vahe, dass diese in grosser Zahl gefundenen, sich sehr gleichenden, stets aus Stein oder Thon, aber nie aus Gold oder Silber gebildeten Figuren die conventionelle Form eines bestimmten Gebrauchsgegenstandes sein müssten. Bei den oben erwähnten, stehenden kleinen Lainas aus Edelmetall, den L'ama konopas, sind die Ohren, wie schon bemerkt, immer in die Höhe gerichtet und spitzig, die Füsse meist etwas zu lang, dünn. Bei diesen Stein- oder Thonfiguren ist dagegen jede Spitze oder Kante vermieden, daher auch der extremitätenlose Rumpf und die der naturhistorischen Thatsache gauz widersprechenden anliegenden Ohren. Fast alle diese Figuren sehen wie durch häufigen Gebrauch polirt oder abgeschliffen aus.

Der französische Reisende Charles Wiener, der mit seinen Deutungen immer erstaunlich schnell fertig ist, die aber auch zum Theil ganz verfehlt und irrig sind, behauptet, diese Figuren seien Weihrauch gefässe von conventioneller Form gewesen ?). Den Beweis dieser Behauptung bleibt er aber

1) Perou et Bolivie p. 527: „Dans le Sud le sculpteur a su donner aux vases la forme du Lamas assis, il a perforé le dos et a etabli ainsi des brule-incens d'une forme conventionelle; ferner p. 696: „c'etaient des vases sacrés ou incensoires.

schuldig und kann ihn auch nicht erbringen, denn dieselbe entspricht nicht von ferne der Wirklichkeit. Die alten Peruaner kannten keine Weihrauchsräucherungen bei ihren Opfern. Es waren ihnen allerdings verschiedene wohlriechende Harze aus der heissen Waldregion bekannt, aber vor Ankunft der Spanier haben sie dieselben nie mit ihren religiösen Ceremonien in Verbindung gebracht. Auch erwähnt keiner der alten Chronisten oder Visitadoren den Gebrauch des Weihrauchs'). Keine einzige dieser Figuren, von denen ich viele Dutzende auf das genaueste untersuchte, zeigt die leiseste Spur, dass Harze in dem Loche verbrannt worden wären; wäre dies der Fall gewesen, so hätte durch die intensive Hitze eine, wenn auch nur oberflächliche Veränderung des Gesteines bewirkt werden müssen, oder es hätte sich in dem einen oder anderen ein harziger oder russiger Beschlag finden müssen. Nichts von alledem. Es ist übrigens auch gar nicht nöthig, nach

. Beweisen gegen Wiener's grundlose Vermuthung zu suchen; denn diese Figuren hiessen bei den Indianern ul'ti?) und dienten zum Aufheben der l'ipta 3). Die Reichen bedienten sich der aus Stein gemeisselten, die Aermeren der thönernen. Diese Ul’tis scheinen vorzüglich für den häuslichen Gebrauch bestimmt gewesen zu sein; zur Feldarbeit, auf Reisen u. s. w. vabmen die Indianer ihre Lipta in kleinen Kürbisfläschchen mit.

Ganz unrichtig ist die Behauptung Wiener's, dass diese Figuren nur in Südperú erzeugt worden seien. Sie wurden thatsächlich erzeugt und gebraucht so weit als überhaupt das Kokakauen üblich war und da dies im Süden in weit ausgedehnterem Maasse der Fall war, so ist es leicht erklärlich und ganz natürlich, dass die Ul’tis im Süden häufiger gefunden werden als im Norden. Ebenso unbegründet und irrig ist die fernere Angabe des nämlichen Autors, dass die Indianer im Innern das Lama in ljegender, die der Küste es in aufrecht stehender Stellung dargestellt haben. Ich babe selbst silberne Lamas in aufrechter Stellung in den Gräbern des Innern gefunden und einen Ul’ti in den Ruinen von Patšakamax. Erstere sind schon zu hunderten in Südperú ausgegraben worden. Die grossen goldenen Lamas in den Tempeln und „goldenen Gärten“, besonders in Korikantša in Kusko, von denen uns die Chronisten so viel erzählen, waren in stehender

1) Nur der anonyme Jesuit in den „Tres Relaciones de antigüedades peruanas“ erwähnt ein einziges Mal und ganz beiläufig des Weihrauches beim Opfern. Es ist aber wohl zu bemerken, dass er fast ein Jahrhundert nach der Eroberung schrieb und dass die Indianer bei ihren mebr oder weniger heimlichen Opferungen manche äussere Ceremonie dem katholischen Messopfer entnahmen. Dies dürfte auch mit dem Weihrauch der Fall gewesen sein, wenn sie sich dessen nach der Eroberung bedient bätten; vor derselben war es gewiss nicht der Fall.

2) Vergl. auch Juan Santa Cruz Pachacuti in Tres relaciones p. 279.

3) Unter l'ipta verstehen die Indianer den beissenden, ätzenden Zusatz, den sie beim Kokakauen mit einem Stäbchen oder auf eine andere Weise zum halbgekauten Kokaballen in den Mund geben. Oft besteht die l'ipta blos aus Pulver von ungelöschtem Kalke, oft mit Ascbe von den Stengeln (tūl’u) der Kinua pflanze (Chenopodium Kenua) gemengt. Häufig wird diese Asche nit roh geriebenen Kartoffeln geknetet, zu kleinen Kuchen geformt und getrocknet. Von diesen werden Stücke abgebrochen und zur Koka in den Mund geschoben.

Stellung ausgeführt. Die Folgerungen, die Wiener aus seinen willkürlichen Behauptungen zieht, zerfallen daher in Nichts.

Ich will hier noch beifügen, dass ich einen Alcalden seinen Ul'ti (jetzt in meinem Besitze) als Pfeife benutzen sah, um seine Indianer herbeizurufen. Man kann bei einiger Uebung einen recht gellenden, weittönenden Pfiff damit hervorbringen. Ob die Inkaperuaner die Ulti's auch gelegentlich zu diesem Zwecke benützten, lasse ich dahingestellt.

Die Herren Prof. Reiss und Ad. Stübel haben in den Gräbern von Ankon kleine, Lamas darstellende Puppen aus Wolle gefunden.

Wir haben nun noch die hochwichtige Stellung des Lamas im altperuanischen Staatshaushalte zu betrachten. Die interandinen Hochebenen mit einer durchschnittlichen Elevation von 4000 m über dem Meere sind für den Ackerbau wenig geeignet, da die Nachtfröste die Ernten in lichem Grade gefährden. Die Indianer bauten daher dort nur einige Knollengewächse (papas, okas, mašwas) und mit sehr unsicherem Erfolge eine Melde (kenua). Die sehr geringen Ernten, auf die man nie mit Sicherheit zählen konnte und die nicht einmal in der Regel in je drei Jahren ein günstiges Resultat gaben, wären durchaus unzulänglich gewesen, um eine auch nur mässig dichte, sesshafte Bevölkerung zu ernähren, ohne eine starke Zufuhr von Lebensmitteln aus anderen Gegenden mit vortheilhafterem Klima. Um aber eine solche Zufuhr zu ermöglichen, mussten die Bewohner einen Tauschartikel haben, um Gegenwerthe bieten zu können, und diese lieferten die Auchenien, deren eigentliche Heimath diese kalte Punaregion ist. Sie allein machten es möglich, dass sich auf jenen ausgedehnten Ilochplateaus eine zahlreiche Bevölkerung entwickelte, deren Cultur wir heute noch bewundern. Sie verschafften den Bewohnern Fleisch und Wolle nicht blos zum eigenen Gebrauche, sondern auch um sie als Tauschartikel gegen andere Lebensbedürfnisse, insbesondere Mais, zu verwertben. Das Fleisch wurde theils frisch, theils lufttrocken (tšarke) gegessen oder ausgeführt. Von den geschlachteten Thieren wurde Alles, auch Blut, Eingeweide, Sehnen benutzt. Bei einigen Opfern machte sich eine wildere, ohne Zweifel atavistische Nutzung bemerkbar, indem, wie einige Annalisten berichten, das warme Blut der Opferthiere getrunken und deren Herz noch roh verzehrt wurde 1).

Bei Kriegszügen begleiteten grosse Lamaheerden, als Proviant, das Heer. Pizarro's Geheimschreiber D. Francisco de Xeres erwähnt, dass beim ersten Zusammentreffen der Spanier mit dem Heere des Inka Atabaliba

1) Cieza I. c. p. 56 behauptet, dass weibliche Lamas bei schweren Strafen weder geschlachtet noch gegessen werden durften. Diese Angabe unterliegt gewiss einer Beschränkung und gilt wohl nur für die jüngeren, noch fortpflanzungsfäbigen Thiere, nicht aber für jeue, welche gar nie (komi tšina) oder wegen vorgerückten Alters nicht mehr trächtig wurden (komi mana watšakux). Bei der relativ immerhin nicht beträchtlichen Menge von Fleischwahrung, die der so zahlreichen Bevölkerung zu Gebote stand, haben die Inkas sicherlich nicht unbedingt den Genuss der weiblichen Lamas untersagt. Es liegt aber auch im Geiste ibrer Gesammtinstitutionen, dass das Schlachten dieser Thiere unter strenger Controle stand. in Kajamarka so viele Lamas bei demselben waren, dass sie im Lager hinderten.

Die nicht besonders feine, aber lange Wolle lieferte der Bevölkerung der Hochebenen das werth volle Material für ihre Kleidung. Ohne die Wolle wären diese rauben Hochgebirgslandschaften ebenfalls fast unbewohnbar gewesen. Baumwolle, die aus entfernten Gegenden hätte importirt werden müssen, giebt in diesen eisigen Gegenden nicht hinreichend Schutz und wilde Thiere, aus deren Fellen wärniere Kleider gemacht werden können, kommen verhältnissmässig spärlich vor, nehmlich nur Füchse, Stinkthiere, Pumas und einige Cerviden.

Die Lamawolle wurde blos zum Gebrauche des Volkes verarbeitet; diese gröberen Gewebe hiessen a waska (gewobenes). Für die königliche Familie und die vornehmen Leute, zu Opferzwecken, für Teppiche u. s. f. wurde die sehr viel feinere Wolle des Alpako und der Wikuña gesponnen und gewoben. Diese Gewebe wurden tšum pi genannt. Die Frauen, auch einzelne Männer, hatten zur Zeit der Inkas eine ganz erstaunliche Fertigkeit im Spinnen und Weben und verfertigten bewunderungswürdige Kunstwerke. Heute ist diese Kunst fast ganz verschwunden und die Wolle des Lamas vielfach durch die der importirten Schafe ersetzt worden.

Trotzdem das Lama beim Säugen aus dem mit vier Zitzen versehenen Euter reichlich Milch absondert, so wurde doch dasselbe weder von den Inkaperuanern, noch von ihren Nachkommen bis auf den heutigen Tag je gemolken '). Der Grund, warum dies nicht geschah, liegt, wie ich schon anderswo anführte, in dem unbezwingbar störrischen Naturell dieser Thiere ?). Einen nicht unbedeutenden Nutzen zogen die alten Peruaner (sowie auch die heutigen) aus der Gewohnheit der Auchenien, nehrere Tage nach einander ihre dem Ziegenmiste ähnlichen Excremente (takia oder otša) an dem nehmlichen Orte abzulagern. Diese Haufen wurden fleissig gesammelt und zu Feuerungszwecken verwendet, insbesondere zum Schmelzen der Metalle, wie dies auch heute noch gebräuchlich ist. Nach dem schon oben angeführten Berichte von 1603 über Potosi wurden im Durchschnitte pro Jahr 800 000 Ladungen Otša in jener Bergstadt zum Metallschmelzen gebraucht.

Seit den ältesten Zeiten diente den Peruindianern das Lama als Lastthier. Damals bestanden seine Ladungen in Lebensmitteln (Mais, Kartoffeln, Kenua, Koka, Salz u. dergl.), Takia, Holz, Wolle, Geweben, Metall und Thongefässen u. s. f. Nach der spanischen Eroberung wurden sie zum Transporte von europäischen Waaren, hauptsächlich aber von Edelmetallen

1) Der sonst so exacte und gewissenhafte englische Naturforscher Bates sagt in seinem werthvollen Werke (Der Naturforscher am Amazonenstrom von Henry Walter Bates, deutsche Uebersetzung S. 164) vom Lama irriger Weise: „das ihnen (den Peruanern) Wolle zur Kleidung, Milch, Käse und Fleisch zur Nahrung lieferte.“

2) Organismus der Khetšuasprache p. 52.

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