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Ich will jetzt diesen schon längst von mir aufgestellten Satz durch die Beobachtungen der Reisenden bestätigen. Wir werden sehen, dass die Schilderungen der Reisenden, die auf manche Forscher einen verwirrenden Eindruck hervorzubringen scheinen, in Wirklichkeit zu dem Schlusse führen, den ich eben kurz angedeutet habe.

Smith giebt folgende Schilderung vom Neger im Allgemeinen: „Im Ganzen ist er, wo er sich selbst überlassen bleibt, zutraulich, offen und ehrlich, von Natur theilnehmend und gastlich. Das weibliche Geschlecht ist liebevoll bis zur Aufopferung als Mutter, Kind und Amme 1). Von den Negern von Fernando Po wird berichtet: „Sie stehlen nicht leicht, schonen meist auch ihre Feinde (?), Mord kommt bei ihnen nicht vor, sie sind hilfreich untereinander 2).

Diese ein wenig phantastisch gefärbten Schilderungen bekommen einen der objectiven Wahrheit entsprechenden Sinn, wenn wir sie mit anderen Aeusserungen zusammenstellen. Raffenel sagt von den Negern: „Hülfreich, treu ihrem Worte, wahrhaftig und ehrlich sind sie gewöhnlich nur den Ihrigen gegenüber“ 3). Dieses Urtheil erklärt alle bekannten Thatsachen und auch die entgegengesetzten Meinungen über die Sittlichkeit der primitiven Menschen. Mit anderen Worten, die Moral und das Betragen der primitiven Menschen gegen ihre Landsleute und gegen Fremde ist ganz verschieden von einander. So gehören, nach dem Berichte von Raffenel, in Senegambien „die allgemeine Dieberei und Bettelei, denen der reisende Europäer ausgesetzt ist, zu seinen grössten Plagen. Der Handel mit den Weissen hat sie ebenso habsüchtig als unverschämt gemacht“ 4). Die Bambarras halten gewöhnlich unter einander ihr Wort streng, „nur gegen Weisse und Mauren nicht“ 5). Ueberhaupt gilt bei den Negern „Dieberei, welche an Europäern verübt wird, ... meist als völlig erlaubte List“ 6). An einigen Orten von Akra und der Nachbarländer soll „sogar der Dieb vom Ertrage seines Gewerbes, insofern er es an Fremden ausübt, die Hälfte erhalten, wenn er dem Häuptling gehörig Anzeige davon macht. In Congo gilt heimlich stehlen für Sklavenart, offen rauben für die Art grosser Herren“ 2). Dieser Gegensatz in der Behandlung der Zugehörigen und der Fremden wird fast allerorts constatirt. „Wie schon Park von den Maudingos erzählt bat, dass sie sich nicht unter einander bestehlen, so sollen auch in Aschanti und Dahomey nur die Weissen von den Eingeborenen belogen und betrogen werden"8). „In Loango schickt man sechs

1) Waitz, Anthropologie der Naturvölker. II, S. 216. 2) Waitz, II, S. 218. 3) Raffenel, 304, a I, 154. Waitz, II, S. 217. 4) Raffenel, 1. c. Waitz, a. a. 0. 5) Waitz, a. a. 0. 6) Idem II, S. 218. Bastian, Rechtsv. S. 220. 7) Waitz, II, S. 218. 8) Idem II, S. 219.

jährige Kinder auf den Markt, um einzukaufen; sie werden nie betrogen“ 1). Ueberhaupt, wo die Neger mit den Europäern noch in gar keine oder nur seltene Berührung gekommen sind, da ist die allgemeine Gastfreundschaft ein so natürlicher Ausfluss ibres gutmüthigen Wesens, dass sie von ihnen gar nicht als eine Tugend, sondern als etwas angesehen wird, das sich von selbst versteht“ 2). Dasselbe wird auch von den Hottentottenvölkern berichtet: „Ihre Zuverlässigkeit und Wahrheitsliebe, ihre friedliche Gutmüthigkeit, ibre Freigebigkeit untereinander sind oft gerühmt worden“ 3). Diess ist selbstverständlich, wenn wir wissen, dass „Ungleichheiten des Besitzes und der socialen Stellung bei ihnen fehlen“ 4). Die Buschmänner schildert Waitz nach den Berichten mehrerer Reisenden auf folgende Art: „In beständiger Freundschaft mit allen ihren Nachbarn, scheinen sie bisweilen nicht sowohl aus Hunger, als aus Missgunst und Bosheit das auf der Jagd oder durch Raub Erbeutete vollständig aufzuzehren, und dasselbe Motiv der Zerstörungslust scheint an der Verwüstung der Vorräthe Antheil zu haben, die ihnen zur Gewohnheit geworden ist. Gleichwohl wird von Reisenden, welche Gelegenheit hatten, sie genauer kennen zu lernen, versichert, dass sie unter sich fröhliche und harmlose Menschen seien, durchaus freundlich und gutmüthig, freigebig und mittheilend gegen ihre Freunde und Kinder“). Diese Schilderung hat einen entscheidenden Werth in Bezug auf unsere Ansicht, da die Buschmänner auf der untersten Stufe der Cultur unter den lebenden Wilden irgend welcher Art steben. Dieselben Schlüsse müssen wir aus den Urtheilen der Reisenden über die Wilden von Amerika ziehen. „Mord, Raub, Ehebruch, auch Trunkenheit, Völlerei und dergl.“, erzählen die Reisenden, „kamen in alter Zeit bei den Eingeborenen von Neu-England selten vor“ 6). Die Reisenden behaupten auch, dass Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit bei den Indianern weit allgemeiner verbreitet gewesen sind, als in Europa, vorzüglich wurden die Lüge als ein Zeichen von Feigheit gescheut und verachtet“ 7). Wie Carver berichtet, ist auch Zank und Streit bei ihnen selten, „sowohl auf der Jagd und über die Beute im Kriege, als auch beim Spiel und bei anderen Gelegenheiten“ 8). Bei den Indianern des Innern von Oregon, „wie bei den verwandten Pends-d' oreilles und Spokane sind überhaupt Verbrechen sehr selten“). Ueber die Sittlichkeit der Südamerikaner äussert sich Schomburgk auf folgende Art: „Die Civilisation besitzt unendlich höhere Güter, als sie diese Naturmenschen besitzen, ihr fehlt aber jene reine Moralität, wie sie die noch nicht mit dem Europäer in Berührung gekommenen .... Indianer durchgängig besitzen. Sittlichkeit und Tugend braucht sie die civilisirte Welt nicht erst kennen zu lehren, sie sprechen nicht von ihr, aber sie leben in ihr. Ihr Wort ist That, ihre Versprechungen sind Handlungen“ 1). Diese Aeusserungen werden der Wirklichkeit vollkommen entsprechend sein, wenn wir sie auf das gehörige Maass beschränken, d. h., wenn wir annehmen, dass die sittlichen Regeln nur im Verhalten zu den Angehörigen einer und derselben Gemeinschaft Geltung haben. Diess ist in der That der Fall. So hören wir, dass das gutmüthige, friedfertige Wesen der Eskimo, das sie gegen einander äussern, sie dennoch nicht hindert, Schiffbrüchige als „gute Prise“ zu betrachten, dass Dieberei und Betrug den Fremden gegenüber nur als ein listiger Streich gilt, den man belacht, wenn er entdeckt wird“ 3). Ebenso erzählt Pater Dobrizihofer von den Abiponern: „Ehebruch, Diebstahl, Raub, Mord sind bei ihnen unerhört, dagegen glauben sie in vollem Rechte zu sein, wenn sie die Spanier bestehlen und ausplündern, weil das Land mit seinen Jagd- und Heerdenthieren ursprünglich ihnen selbst gehörte, diese aber sich desselben gewaltsam bemächtigt haben“ 3). Daraus lässt sich auch, wie schon oben gezeigt wurde, der Widerspruch und die Verschiedenheit der Urtheile der Reisenden über die moralischen Eigenschaften eines und desselben Volkes erklären. So werden die Feuerländer „als friedlich und gutmüthig“ geschildert. „Sie schienen Alles miteinander zu theilen.“ Dagegen werden sie von anderen Reisenden „vielmehr als diebisch, habsüchtig, hinterlistig und zänkisch geschildert“ 4). Die Beobachter haben einfach die von

1) Waitz, a. a. 0. Siehe dort auch über die Neger der Nilländer. 2) Ebendas. 3) Waitz, II, S. 341. 4) Ebendas. 5) Waitz, II, S. 344-345. 6) Waitz, III, S. 161-162. 7) Idem III, S. 162. 8) Ebendas. 9) Idem III, S. 312.

uns oben aufgestellte Grenzlinie übersehen. Sie haben Verschiedenes zusammengeworfen und daraus stammt auch die Verschiedenheit der Beurtheilung. Am besten und zutreffendsten hat ein Pani-Häuptling in einer Rede, die er im Jahre 1821 an den Präsidenten der Vereinigten Staaten gehalten, den sittlichen Zustand seines Volkes und aller Völker auf der entsprechenden Culturstufe geschildert: „Der grosse Geist“, sprach er, „hat gewollt, dass wir in den Krieg zögen, um Skalps zu nehmen, Pferde zu stehlen und über unsere Feinde zu triumphiren,

zu Hause aber Frieden hielten, um unser Glück gegenseitig zu fördern“ 5).

Die aus den angeführten Thatsachen gezogene Lehre wird nie und nirgends Lügen gestraft. So berichtet Carpin von den Tataren: „Menschen zu tödten, das Land Anderer zu verheeren, jede Art des Schlechten zu begehen, mit einem Worte, gegen Gottes Befehle zu sündigen, daraus machen sie sich kein Gewissen.“ Und diese Schilderung wird durch den

1) Waitz, III, S. 389. 2) Idem III, S. 309. 3) Idem III, S. 476. 4) Idem III, S. 507. 5) Idem III, S. 241.

selben Reisenden mit einer diametral entgegengesetzten ergänzt, nehmlich: „dass sie niemals lügen, dass kein Streit, Schlägerei oder Todtschlag unter ihnen vorkommt, dass der Diebstahl so unbekannt ist, um Schlösser und Riegel an den Schatzhäusern unnöthig zu machen. Ist ein Thier verloren gegangen, so lässt es der Finder, wo er es antrifft, oder bringt es seinem Eigenthümer zurück. Sie sind mildthätig und theilen ihre Nahrungsmittel mit den Armen, kommen sich einander in allen Sachen zu Hülfe, kennen keinen Neid, Hass, Klatschereien und Processe“ 1). Das Räthsel des Widerspruchs ist für uns schon oben in den Worten „das Land Anderer“ gelöst und zeigt, dass die Schilderung keinen Widerspruch birgt. Auch jetzt noch „rühmen Reisende den wohlwollenden und gutmüthigen Character der Mongolen“. Und dennoch sind sie das Volk, an dessen „Geschichte mehr ... vergossenes Blut klebt, als an der eines andern Volkes“ 2). Die Beduinenstämme halten es nicht nur für „erlaubt, sondern selbst rühmlich, dem Feinde (und dies sind alle Nicht-Beduinen) Etwas durch List zu entwenden, während Bestehlung des Stammesgenossen streng bestraft wird.“ Und ebenso, fügt Prof. Bastian hinzu, „gebot Gott dem Moses, dass jedes Weib von ihrer Nachbarin entwenden solle und gab dem Volke Gnade vor den Egyptern, ihren Feinden, dass sie ihnen liehen zum Stehlen“ 3). Nach Krascheninnikow betrachten die Jakuten den Diebstahl als eine erlaubte Sache, „im Falle er ausserhalb des Stammes verübt worden sei“ 4). Bei den Malayen wird die Piraterie als „, ein ehrenvolles Geschäft“ betrachtet. In ihren Romanen und historischen Traditionen wird sie als eine „noble Passion“ gefeiert. Man behandelt daher dort die Piraterie „als ein vollkommen regelmässiges Geschäft, das man zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Forinen unternimmt: der Seeräuber hat an den Eigenthümer und Ausrüster des Schiffes der Beute und ebenso an den Fürsten des Landes und an einzelne Beamte bestimmte Abgaben zu entrichten“ 5). Und doch werden die Malayen als ehrlich und offenherzig von vielen Reisenden geschildert. Auch behauptet man, dass sie ein starkes und entschiedenes Rechtsgefühl“ besitzen 6). Die Meinung, die der bekannte Reisende Wallace über die Malayen ausspricht, verdient speciell erwähnt zu werden. Ebenso, wie Schomburgk die Indianer, schildert Wallace die Einwohner des Malayischen Archipels und kommt zu denselben Schlüssen über den Vorzug ihrer Sittlichkeit im Vergleich mit der Sittlichkeit der civilisirten Nationen. „Die civilisirten Gemeinschaften“, sagt er, „haben sich allerdings in Betreff ihrer geistigen Fähigkeiten hoch über den Zustand der Wildheit empor

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1) Bastian, Der Mensch in der Geschichte. I, S. 234. 2) Ebendas. 3) Bastian, ib. III, S. 229. 4) Ebendas. 5) Waitz-Gerland, V, S. 137–138. 6) Idem V, S. 160.

gehoben; in sittlicher Beziehung sind sie jedoch nicht in gleichem Maasse fortgeschritten“ 1). Seine Beobachtungen über den Lebenswandel der Malayischen Gemeinschaften fasst er in folgenden Worten zusammen: „Jedes Mitglied“, sagt er, „berücksichtigt gewissenhaft die Rechte seiner Genossen und selten oder nie findet eine Beeinträchtigung dieser Rechte statt. In einer solchen Gemeinschaft sind fast alle einander gleich. Es fehlen jene grossen Unterschiede, welche durch Erziehung und Unwissenheit, Reichthum und Armuth, Herrschaft und Knechtschaft bedingt werden und die ein Ergebniss unserer Civilisation sind; es fehlt schliesslich jener unselige Wetteifer und Kampf um das Dasein oder um den Reichthum, welcher ein nothwendiges Uebel der civilisirten Länder ist“ 2). Durch eine metaphysische Definition der Sittlichkeit meint Lubbock die Behauptungen von Wallace entkräften und beweisen zu können, dass die Sittlichkeit der Wilden den Namen von Sittlichkeit nicht verdiene 3). Wir hingegen meinen, dass Wallace vollkommen Recht hat mit der einzigen, aber wichtigen Beschränkung, dass diese sittlichen Begriffe der Malayen sich nur auf die Mitglieder einer und derselben Gemeinschaft beziehen. Ganz anders verhalten sie sich aber gegen andere Gemeinschaften und Mitglieder derselben, wie wir vorhin schon gesehen haben.

Lubbock findet auch einen Widerspruch in der Schilderung der TongaInsulaner durch Mariner, der sie einerseits als treue Freunde, als friedfertige und in vielen Beziehungen gutmüthige Menschen darstellt und andererseits berichtet, dass „Diebstabl, Rache, Raub und Mord ... nicht unter allen Umständen für Verbrechen“ galten; auch hielten sie es nicht für Unrecht, ein Schiff zu überfallen und die Mannschaft meuchlings zu ermorden“ *). Dieser scheinbare Widerspruch entspricht aber vollkommen der Wirklichkeit, wie wir schon öfter bemerkt haben und noch weiter die Gelegenheit haben werden zu bemerken. Die sittlichen Begriffe der Zigeuner schildert Riehl auf folgende Art: „Nur innerbalb der Familie und des Stammes giebt es Sittlichkeit, giebt es Recht und Gesetz. Die ganze übrige Welt ist dem Zigeuner vogelfrei. Den Bruder der grossen Stammesfamilie soll er nicht betrügen, nicht bestehlen, er soll ihm kein Geld schuldig bleiben. Wenn er andere Leute bestiehlt und betrügt, so hat das nichts zu sagen, denn nur innerhalb des Stammes gilt das Sittengesetz“ 5). Auf Grund seiner Studien über die communalen Zustände in Indien, im alten Rom und im mittelalterlichen Europa kommt der, in England vielbekannte Rechtslehrer Henry Main zu denselben Schlüssen, die wir hier schon öfter dargelegt haben. „Ursprünglich“, äussert er sich, „befindet sich jede kleine Commune

1) Lubbock, Entwickelung der Civilisation. S. 330.
2) Lubbock, S. 332.
3) Ebendas.
4) Lubbock, S. 327–328.
5) Bastian, Mensch II, S. 229—230.

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