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überall in fortwährendem Kriegszustande ihren Nachbarn gegenüber: ein Stamm kämpft mit dem anderen, ein Dorf mit dem anderen.“ Dabei aber, fügt er hinzu, bezieht sich der allgemeine Kriegeszustand auf den Kampf einer ganzen Menschengruppe eines Stammes oder eines Dorfes mit jedem anderen, im Schoosse der Gruppe aber selbst finden keine Zwistigkeiten und Streitigkeiten statt. Die Mitglieder der Commune sind sich einander gleichgestellt, sie betrachten sich einander wie Brüder im buchstäblichen Sinne dieses Wortes 1).

Daher, können wir sagen, nennen sich auch diese Communen meistentheils „Brüderschaften". ,,Das Verhältniss der griechischen Stämme oder Staaten zu einander“, sagt Hermann, „beruhte auf der Idee gänzlicher Rechtslosigkeit, und fand demgemäss ein beständiger Kriegszustand aller gegen alle statt“ 2). Jeder Fremdling „ist also, wo er binkommt, rechtlich schutzlos und erwartet auch leicht einen schlechten Empfang“ 3).

„Dieweil dich zuerst ich antras bier in der Gegend,

Sei mir gegrüsst und nahe mir ja nicht feindlichen Herzens“,
sagt Odysseus, an einer ihm unbekannten Insel landend 4). Thucydides sagt,
dass in älterer Zeit bei den Griechen „Seeraub, oder genauer gesprochen,
Räubereien, von Anlandenden an fremden Küsten verübt, in jener Zeit nicht
für unrecht und unehren haft gehalten seien“). So fragt Nestor ganz un-
befangen den Telemachos und seine Genossen:

Fremdlinge, sagt, wer seyd ihr, woher durchschifft ihr die Woge?
Ist es vielleicht um Gewerbe, ist's wahllos, dass ihr umberirrt,
Gleichwie ein Raubgeschwader im Salzmeer, welches umberschweift,

Selbst darbietend das Leben, ein Volk zu befeinden im Ausland).
Der Seeraub ist also kein schimpfliches Gewerbe?). Und auch in
späteren Zeiten lehrte Aristoteles, die Griechen hätten gegen die Barbaren
nicht mehr Pflichten, als gegen wilde Thiere, und als ein anderer Philosoph
erklärte, seine Liebe sei nicht auf seinen eigenen Staat beschränkt, sondern
umfasse das ganze Volk Griechenlands, wurde dies für eine übertriebene
Sympathie gebalţen 8). Und ebenso war die Humanität des Römers, der
fortwährend damit beschäftigt war, andern (Völkern) Schmerz zu bereiten,
sehr gering. „Die Grenzen des Staates,“ sagt Lecky, waren beinahe die
Grenzen seiner sittlichen Gefühle“). Wir müssen hier darauf aufmerksam
machen, dass der sittliche Standpunkt der Römer, obwohl er ein Ueberrest
der älteren Anschauung ist, sich dennoch von derselben stark unterscheiden

1) Main, Village-Communities, p. 226.
2) Hermann, Staatsalterth. I, S. 59. Schoemann, Gr. Alterth. II, S. 2.
3) Nägelsbach Homerische Theologie (Aufl. 2). Nürnberg 1861. S. 296.
4) Odyssee XIII, 228.
5) Schoemann, I, S. 46.
6) Odyssee III 71.
7) Siehe auch Nägelsbach a. a. 0.
8) Lecky, Sittengeschichte 1, S. 209.
9) Ebendas., S. 204.

vor

lässt: erstens dadurch, dass das Wohlwollen des Römers sich auf die Bürger des ganzen römischen Staats bezieht, also auf die Einwohner der ganzen damaligen civilisirten Welt, – zweitens dadurch, dass die Sympathie, die der Römer gegen seine Mitbürger, im Gegensatz zu den Aussenstehenden, hegt, sehr oberflächlich ist und mit der Solidarität der Mitglieder einer kleinen Gemeinschaft fast nichts gemein hat, als den äusseren Schein.

Wie in allen primitiven Gemeinschaften war in den deutschen Marken die vollkommene Eintracht im Innern mit einem fortwäbrenden Kriegszustand nach aussen verbunden. Jede Gemeinscbaft strebte danach „ihr Gebiet mit einer weiten Grenze von Oede und Wüstenei zu umgeben“), und alles Aussenstehende wurde mit Tod und Feindschaft bedroht?). Tacitus giebt ein anschauliches Bild der gegenseitigen Verhältnisse der germanischen Völker oder der Barbaren, wie er sie nennt. „Ueber sechzigtausend Barbaren wurden vernichtet, nicht durch die römischen Waffen, aber

unseren Augen, zu unserer Freude. Möchten die Nationen, welche Roms Feinde sind, stets untereinander eine gleiche Feindschaft bewahren!...

Nichts bleibt uns übrig vom Glücke zu erbitten, als die Fortdauer der Zwietracht unter diesen Barbaren“ 3). Ebenso lebten die slavischen Communen im gegenseitigen Kriegszustande und jede von diesen Communen war in fortwährender Fehde mit allen Nachbarcommunen.

Der Faden, der die sittlichen Begriffe der gegenwärtigen civilisirten Welt mit den Anschauungen ihrer Vorfahren verbindet, ist noch bis zur Stunde nicht zerrissen. Ich will hier nicht auf verschiedene allbekannte Erscheinungen der Gegenwart, die diese nahe Verwandtschaft unserer sittlichen Begriffe und Handlungen mit den sittlichen Begriffen und Handlungen der primitiven Menschen beweisen, auf den sogenannten Rassenkampf, auf die confessionellen und nationalen Streitigkeiten eingehen. Ich führe hier nur eine Stelle aus der „Sittengeschichte“ von Lecky an, wo er den Gegensatz der Ansichten über unsittliche Handlungen in Krieg und Frieden schildert. „Für diejenigen,“ sagt Lecky, „welche gründlich über die Sittengeschichte nachdenken, sind wenige Dinge niederschlagender, als der Gegensatz der Bewunderung und tiefen ehrfurchtsvollen Anhänglichkeit, welche ein Eroberer erregt, – der durch die Anreizungen der blossen Eitelkeit, durch die Liebe zum Ruhm oder durch Ländergier muthwillig den Tod, die Leiden der Ausplünderung von Tausenden verursacht, zu dem Abscheu, den eine einzelne Mordt hat oder ein Raub erzeugt, den ein armer und unwissender Mensch vielleicht unter dem Druck des äussersten Mangels oder unerträglichen Unrechts verübt“ 1). Mit anderen Worten, auch

1) Gibbon, Geschichte des allmählichen Sinkens und endlichen Unterganges des römischen Weltreichs. (Deutsche Uebersetz.) Leipzig 1862. I, S. 236.

2) Caesar, De bello Gallico. 1. VI. 23.
3) Tacitus, German, c. 33. Siehe auch Gibbon, S. 236-237.
4) Lecky, Sittengeschichte S. 583.

in dem Verhalten der Gegenwart gegen diese Erscheinungen des socialen Lebens spiegelt sich der ältere Unterschied zwischen den Zugehörigen und den Fremden, zwischen Feind und Genossen ab.

Aus allen bisher angeführten Thatsachen leuchtet hervor, dass auf den primitiven Kulturstufen und auch noch später zwei diametral entgegengesetzte Sittensysteme sich geltend machen. Das erste umfasst die Angehörigen einer Gemeinschaft und regelt die Verhältnisse der Mitglieder derselben gegen einander. Das andere beherrscht die Handlungsweise der Mitglieder jeder anderen. Das erste schreibt Milde, Güte, Solidarität, Liebe und Frieden

das andere Mord, Raub, Hass, Feindschaft. Das eine gilt für die Zugehörigen, das andere

vor,

gegen die Fremden.

XIII.

Zur ethnischen Psychologie.

Von

A. Bastian.

Für das Studium der psychischen Elementargesetze werden wir naturgemäss auf diejenigen Stadien zurückzugehen haben, von welchen sie am einfachsten und ungetrübtesten verwirklicht, sich der Betrachtung darbieten, möglichst noch frei von jeder ablenkenden Störung.

Je isolirter deshalb ein Volksstamm im einheitlichen Ganzen seiner geographischen Provinz angetroffen ist, desto deutlicher und schärfer abgeschlossen wird auch seine psychische Schöpfung, der ethnische Reflex des Geisteslebens, als abgeschlossenes Ganze in die Erscheinung treten.

Nachdem auf geschichtlichen Wegen (innerhalb des ethnologischen Horizonts der anthropologischen Provinz) fremde Reize zugeführt worden sind, werden, mit dem Einfallen derselben, neue Scheiderichtungen zugefügt, und diese, wenn nicht in lähmender Nachwirkung zur Entartung hernieder, bei congenialer Wahlverwandtschaft, aufwärts zur Veredelung weiterführen in der Cultur-Entwickelung und deren Blüthen. Auch hier bliebe die Aufgabe, aus früheren Ursächlichkeiten her die daraus fliessenden Effecte zu verfolgen, obwohl, unter den gar bald schon labyrinthisch verschlungenen Wegen, auf klärende Orientirung nur dann wird gehofft werden können, wenn sich der leitende Faden der Untersuchung an eine aus primären Elementargedanken bereits hergestellte Unterlage als festgesicherten Ausgangspunkt würde anknüpfen lassen.

Bei entgegentretenden Aehnlichkeiten in der Phaenomenologie des Geistes, unter den mannichfaltigen Wandlungen des Völkergedankens in seinen Aussprüchen, wird deshalb für die Ethnologie in ihrer Behandlungsweise einer naturwissenschaftlichen Psychologie manche Regel zu gelten haben, die von den, in gewohnteren Forschungen bisher üblichen Principien eine Abweichung zu bekunden scheint. Statt die Frage nach geschichtlicher Beziehung (und etwaiger Uebertragung) voranzustellen, wird diese gegentheils nur dann, und nur soweit, zugelassen werden, wie von thatsächlichen Anlässen gefordert, also ibre Beantwortung immer in zweiter Linie erst erhalten können. Zunächst gilt es andere Geschichtspunkte zu suchen, eine Umkehrung der bisher gewohnten gewissermassen, denn unbeirrt von den an der Oberfläche schillernDifferenzen, von den aus der Individualphysiognomie der geographisch

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Provinzen auftauchenden Variationen, hat der Blick hindurchzudringen zum innerlichen Kern, um das allgemein Gleichartige festzustellen, dasjenige, was in unabänderlich nothwendigen Grundzügen den psychischen Wachsthumsprocess durchsetzt, ob im Norden oder im Süden, ob in grauester Vorzeit oder beute (ohne das Chronologische eines Früher oder Später, denn im Seienden verschwindet die Zeit). Dass der Ausgangspunkt der Forschung nicht von individueller Psychologie zu nehmen ist, sondern vom Völkergedanken, folgt aus der Gesellschaftswesenheit des Menschen, denn das Wesen des Menschen ist nur in der Gemeinschaft (Feuerbach), als Zoon politikon (Aristoteles) gegeben. Bei Kant steht der „Cognitio principiorum ex datis“ (in den Fachwissenschaften) die „Cognitio ex principiis“ (als · Philosophie) gegenüber, während diese erst als organische Folge jener hervorzutreten bat (in naturwissenschaftlicher Psychologie). In der „Weltdialektik“ erscheint die Entwickeluug des Samens durch Stengel und Blatt zur Blüthefrucht als „dialektischer Process“ der Pflanze, und so gestaltet sich das Denken (in der Dialektik der Logik) zum psychischen Wachsthumsprocess andrerseits (bei der Induktion).

In den Controversen über die Religion, ihre „tria genera“ (für Scaevola), ob (bei den Römern) „nur dem Staat und dem politischen Leben“ gehörend (Bernhardy), ob (bei den Griechen) „freie Privatmeinung“ (Herder), bis zu symbolischer Allegorisirung (Philolaus) oder direkte Opposition (Xenophanes), bei der Auffassungsweise der Philosophen ohne Zahl, mag in der Gegenwart die Ansicht des von ihr geschätzten Theologen von dem „schlechthinnigen Abhängigkeitsgefühle“ passen, unter den Banden moralischer Verpflichtungen, die in ethnisch veredelten Naturen als Pflicht gebieten. Religion erklärt sich mit der „Erkenntniss aller Pflichten als göttlicher Gebote“ (Kant). Religiosi dicti sunt a religendo (Cicero), vinculo pietatis obstructi deo et religati (Lactantius). Die Religion (neben Wissenschaft und Kunst) ist das unmittelbare Bewusstsein der „Einheit von Vernunft und Natur, des allgemeinen Seins alles Endlichen im Unendlichen und durch das Unendliche alles Zeitlichen im Ewigen und durch das Ewige“ (Schleiermacher). Religion ist Ehrfurcht, Scheu, Liebe, welche sich auf ein unsichtbares Wesen beziehen“ (Köppen).

So in dem Blüthestadium eines Culturvolkes; während auch in den tiefsten Stadien untergeordneter Naturstämme, bei jedem der selben, sich erste Aplagen, wenigstens der Kern von demjenigen finden müssen, was als Religion zu bezeichnen wäre, weil als „conditio sine qua non“ zur Wesenheit des Menschen gehörig, so dass sie als vorhanden vorauszusetzen bleibt, und nachträglich zwar vervollkommbar, aber nicht erst entstanden. Mit jeder der (beim Emporquellen im psychischen Wachthumsprozess) über das Sinnliche hinausreichenden Gedankenreihen, die auf den Nyas nur bis zur Höhe der Cocosbäume sich verlängern (ohne Lokomerowo zu erreichen), stellt sich eine erste Frage, wofür die aus unzugänglichem Jenseits zurücktönende Antwort,

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