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Wenn es überhaupt eine noch immer dringend berechtigte Klage bleibt, auch in der evangelischen, doch auf das ganze Wort Gottes in der ganzen heiligen Schrift an. gewiesenen Kirche, daß das Alte Testament viel zu sehr vernachlässigt wird, so muß man das vollends bei dem prophetischen Worte desselben schmerzlich wahrnehmen und betlagen. In die Geschichte führt uns, Gott sei Dank! als Christenfinder schon der Søulunterricht ein; die freilich mitunter, sogar bei Gebildeten, hernach wieder eintres tende unglaubliche Unwissenheit auch auf diesem Gebiet ist noch die Ausnahme, dagegen eine allgemeine Befanntschaft mit den biblischen Geschichten, auch den alten, sich selbst bei den Ungläubigen im Spott oder Mißbrauch erkennen läßt. Hier das rechte Verftändniß zu fördern, sind in der neuern Zeit fast reichlich die gemeinnüßigen Handbücher für Schule und Haus dargeboten. Ganz anders leider stehet eß mit dem prophetischen Theile des Alten Testamentes, wiewohl grade dieser doch das Hauptstüđ der vorberei. senden Offenbarung ist, recht eigentlich der Grund, auf welchem das Neue Testament ruhet. Unser Herr Jesus Christus verweiset als Auferstandener mit ganzem Ernst seine Jünger, damit uns Alle, die wir das sein wollen, auf die Weissagung von seiner Person und seinem Reich; die ganze apostolische Lehre und Predigt, aus dieser durch den heis ligen Geist fortgeführten Schule des höchsten Meisters herkommend, weiß es nicht anders; überall ist am Ende die Erfüllung, deren wir im Glauben uns freuen, nur aus der Weissagung, die volle Gnade Christi nur aus dem, was die Propheten von dieser zus fünftigen Gnade gezeuget haben, gründlich zu verstehen. Darum ermahnt auch schließs lich der Apostel Petrus im zweiten Briefe, neben dem Verfündigen der Kraft und Zus funft unseres Herrn Jesu Christi so nachdrüdlich bedeutsam, wohl zu achten auf dasselbe prophetische Wort, von dem er desgleichen im ersten Briefe voran geredet. Darum ist so viel Mangel an tieferem Verständniß der neutestamentlichen Grundbegriffe, so viel Unklarheit über das im Neuen Testamente selbst flar gegebene System Christlicher Lehre vorhanden, weil man die Wurzeln für Alles nicht aus dem Studium der Propheten holt. Nicht bloß die Gleichgültigen, die mit einem bequem praktischen Halbglauben in dürftiger Erfenntniß Beruhigten, sogar die sonst forschend um gewissen Grund der Lehre Bemühten, die des prophetischen Wortes Wichtigkeit und Bedeutung im Saß
anerkennen, versäumen dennoch, wenn man genau nachfragt, sich den Inhalt deso
selben, wie er geschrieben steht, nach Gebühr anzueignen, fortgefeßt fleißig damit
umzugehen.

Wie viel praktische Geistliche insonderheit mag es wohl geben, die so recht in den
Propheten zu Hause sind? Kernsprüche, Hauptstellen, wiederkehrende Redensarten ihres
Sprachgebrauches, namentlich wo sie ins Neue Testament übergegangen: etwa darauf
beschränkt sich Vieler Kunde. Wie selten wird von dem reichen, immer noch für christ-
liche Gemeinden sehr brauchbaren, ja zur vorbereitenden Unterlage hochnöthigen Inhalte
der prophetischen Bücher in öffentlicher Predigt Gebrauch gemacht! Wie vermißt man
zuweilen bei den tüchtigsten Männern, wenn sie hineingreifen, das von wunderlicher
Vermischung mit dem neutestamentlichen Standpunkt in spielender Eregese wie von
Verflachung des prophetischen Sinnes gleich weit entfernte, theologische Verständniß des
Einzelnen aus dem Ganzen, den Einblic in Plan und Zusammenhang der Weissagung!
Freilich, wo soll das herkommen? möchte man fragen, so lange zugestandener Maaßen in
der wissenschaftlichen Schule die prophetische Theologie noch sehr darniederliegt, ihrer
endlichen Ausbildung auf dem Grunde des Glaubens harret. Die Schuld solches
Mangels, den wir beklagen, weil seine traurige Folge sich tief in das firchliche Leben
erstredt, sei denjenigen Theologen aufs Gewissen gelegt, welche wohl die Rüstung und
den Beruf haben, hier das Rechte herauszubilden, aber statt entschiedenem Durchbruch
lieber mit der ungläubigen Kritik und Eregese buhlen, von dieser fich gefangen nehmen
und zurüchalten lassen. Bei solchem Stande der Sache wird es allerdings den prafs
tischen Geistlichen schwer, selbstständig vorzudringen, um so schwerer, als hier Luthers
Uebersepung mehr als irgendwo sie verläßt, abschreckt und irre führt.

In der That wer kann es leugnen, der irgend mit jeßigen Hülfsmitteln Hes
bräisch gelernt hat? ist Luthers Ueberseßung der Propheten das unvollfommenste
Stüd seiner Bibel. Auch in den Psalmen und Sprüchwörtern verfehlt er oft noch den
Sinn des Grundtertes, doch hilft ihm das entgegenkommende Verständniß des Inhaltes
im Grund und Ganzen öfter noch glüdlich über die sprachliche Schwierigkeit hinweg:
was namentlich bei dem Psalter, den er durchlebt und durchbetet hat, fast wunderbar
herrlich vor Augen liegt. Allein diese Beihülse verläßt ihn, wenn auch nicht gang, doch
bedeutend mehr in den Propheten, deren zum Theil höchst schwierige Sprache damals
faum ein wenig entziffert war, deren theologische Deutung, und Aneignung vollends noch
in der Wiege lag. Wir preisen den Herrn für die Gabe, wodurch sein Knecht bei dem
Allem die nie zu verlassende Grundlage der Verdeutschung und geben fonnte; wir wollen
aber unsere Augen ja nicht verschließen vor der Thatsache, daß, wenn überhaupt Bes
richtigung unserer Volfs- und Kirchenbibel nach dem Grundterte stets unabweislicher

gefordert werden muß, diese Forderung für das prophetische Wort im höchsten Grade gilt. Aufmerksame Gebraucher des vorliegenden Bibelwerfes werden fich überzeugen, mie jo manchmal der lutherische Tert wenig oder nichts vom Gedanken des Grundtertes, der doch allein für uns Bibelwort sein soll, wiedergegeben hat 1). Der Bearbeiter dieses Antheils fönnte, wenn er sich hier darüber auszulassen hätte, die Worte faum ftark genug finden gegen den unverständigen, fachunkundigen, dem Prinzip evangelischer Kirche widerstreitenden Eigensinn, welcher unsre leider zur Vulgata gewordne deutsche Bibel anzutasten wehrt, lieber den Buchstaben Luthers erst recht wiederherstellen wil.

Was für eine Hülfe bietet nun aber die Polyglottenbibel? Allerdings keine ganz genügende nach der ihr gestedten Gränze. Wir bekennen ebenso, daß im prophetischen Wort aud die hier neben Luther gestellten Ueberseßungen sehr mangelhaft sind. Was de Wette betrifft, so macht ihn die falsche Gelehrsamfeit oft gradezu blind für den eigentlichen prophetischen, biblischen Sinn, den er vielmehr nicht selten sogar ges waltsam wider die Sprache wegbringt und eine moderne Verflachung unterschiebt. Da zeigt sich, daß Philologie und Gelahrtheit allein es bei dem Worte Gottes niớht ausrichtet. Alle Geistliche und laien, die gutmeinend, um ihr Möglichstes zu thun, den de Wette sich zulegen, seien gewarnt und bedenklich gemacht! Während Alioli ganz in den Fesseln der Vulgata geht, gibt wirklich der kenntnißreiche, gewissenbafte van Ei vielmal das Bessere, nur leider in der unpassend neuen Sprache. Die alte Berlenburger Bibel ist immer noch nicht veraltet, hat in ihrer Wörtlichkeit wenigstens auch manchmal den rechten Weg vor allen Andern gezeigt. Endlich die b. Meyer'sche Berichtigung ist großentheils philologisch wohlbegründet, im deutschen Ausdrud vortrefflich: möge dieß nachzuweisen, einer Berichtigung Luthers auf diesem Grunde den Weg zu balinen, ferner ein Haupterfolg unseres Werkes werden. Dennoch genügt auch v. Meyer noch keinesweges überall, unterläßt immer noch manche gebotene Aenderung, hat sogar zuweilen falsche Eregese, die er sich nicht-nehmen ließ, und - obwohl viel seltener ungeschidten Ausdrud, der dem Leser feine Klarheit verschafft.

Schon aus eigener Anregung, wie dann durch Mitarbeiter und Verleger aufgefors dert, hat sich daher der zuerst Unterzeichnete wiederholentlich mit ganzem Ernste die Frage vorgelegt: ob jeßt nicht im prophetisch-poetischen Theile des A. T. die Polyglots

1) Bei diesem Anlaß werde nochmals daran erinnert, wie die Recension des Luther:Tertes in der Polyglottenbibel fich von den jeßigen Herstellungen seiner Aechtheit wesentlich unterscheidet. Nicht möglichster Andluß an das Ursprüngliche war hier die Aufgabe, wie bei Hopf (der übrigens, unsere Bibel völlig ignorirens, meint, daß er zum erstenmale Lesarten sammle), sondern das Vorlegen desjenigen mittleren Tertes, welcher jeßt im firchlichen Gebrauche vorherrscht, nach der jedesmal häufigsten Lesart ausgewählt.

tenbibel einen Schritt weiter gehen und aus der übrigen theologischen Litteratur Uebers feßung8 - Varianten beifügen solle? Die Antwort ist nach reiflichster Betrachtung verneis nend ausgefallen. Abgesehen von der Ungleichartigkeit, die damit in das Ganze fame, die aber freilich nicht allein entscheiden würde, war bei der auseinanderfahrenden Mans nigfaltigkeit des Vorhandenen die sparsame Auswahl gar zu schwer, die damit etwa zu gewinnende Ausbeute dennoch im Verhältniß der Arbeit gering, auf jeden Fall auch nicht vollständig ausreichend für Angabe des richtigen Sinnes an allen Orten. Was Umbreit, Ewald, Hißig – um nur etliche Namen zu nennen was mancher Andre noch darbietet, geht ebenfalls viel öfter, wenigstens nach des Bearbeiters Ueberzeugung, am schriftgemäßen Sinne des heiligen Geistes vorüber, als es denselben trifft. Man müßte dann, um gerecht zu werden, für die einzelnen Propheten manches vereinzelte, unbekanntere Werf, wo sich in Einzelstellen das Richtige findet, herbeiziehen: wie bunt, wie weit sich ausdehnend, wie den populär-kirchlichen Charakter verlassend, wie verants wortungsvoll für den mit so schwerer Aufgabe der Durchsicht aller prophetischen Uebers Tebungslitteratur belasteten Bearbeiter wäre dann dieser Band geworden! Und weil endlich so weit gegangen würde, müßte nothwendig der leßte Schritt noch geschehen, daß der Unterzeichnete, wo das Fremde nicht ausreicht, seine eigene Auslegung und Uebers Tepung ergänzend hinzugäbe. Diese lepte Consequenz aber des erweiterten Verfahrens hat es ihm vollends widerrathen, weil dann das Werk eine subjektiv gelehrte Arbeit sein würde in dieser Fortseßung, nicht mehr das objektiv gehaltene, seine Gränze bewahrende Repertorium des für Laiengebrauch bisher Vorhandenen.

So viel zur nöthigen Rechenschaft, warum ungeachtet des nahe liegenden Bedürfnisses doch in den deutschen Varianten diese Gränge nicht überschritten worden ist. Mögen jeßt fleißige, forschende Leser durch den Mangel desto mehr sich angetrieben fühlen, den ohnehin vielfach unüberseßbaren, tief- und vielsinnigen Grundtert selbst eins zusehen, fürs Erste wenigstens überall, wo sich Anstoß und Bedürfniß ergibt. Das Hebräische mit eignem Blid zu durchforschen ist bei den jeßigen, zwar von unbiblischem Sinn inficirten, doch immerhin viel Anleitung bietenden Hülfsmitteln gar nicht so schwer, als Manche mit unbegründeter Scheu vor solcher Gelehrsamkeit meinen; es hat wohl schon manchmal, wofür interessante Beispiele, wie der jeßt vergessene Prophet Jesaias von Reichel, vorliegen, gläubiger Ernst und Eifer hier etwas vor fich gebracht. Am Ende bleibt es die Hauptabsicht unseres Bibelwerfes, die Scheuen und Säumigen in das selbstständige Studium des Grundtertes in demselben Maaß, als die gegebenen Ueberseßungen weniger genügen, dringender zu treiben. Gebe Gott solchen Segen, damit sonderlich auch, was Er durch die Propheten für unsre Zeit und alle noch růds fåndige Zukunft seines Reiches geredet hat, nicht länger unter die Bant gethan und selbst von den Dienern des Wortes Gottes bei Seite geschoben werde! —

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