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Weltreligionen zählt, überzeugend nachgewiesen worden. Die Bedenken gegen diese Klassifikation sind so kräftig, dass TIELE, der sie früher immer gehandhabt hatte, später den Namen Weltreligion ganz preisgab und den Gegensatz von national und universal nur noch als untergeordnetes Einteilungsprinzip gelten liess. Seine Haupteinteilung entlehnte er dann dem Gegensatz von natürlich und sittlich.

Hiermit haben wir die Klassifikation berührt, welche weitaus die grösste Bedeutung hat. Freilich wird sie auf sehr verschiedene Arten durchgeführt. Der Gegensatz wird bestimmt entweder als natürlich und geistig, oder als natürlich und sittlich. Das erstere tat HEGEL, als er die drei Stufen der Religion (die natürliche Religion, die Kunstreligion und die absolute Religion) als den notwendigen Prozess des menschlichen Geistes begreifen lehrte. Der Mensch in seiner Unmittelbarkeit ist in den Banden des Natürlichen und Sinnlichen befangen; er erhebt sich über diese Sphäre und gelangt zur Behauptung seiner freien Subjektivität; endlich wird der Gegensatz aufgehoben in der vollendeten oder absoluten Religion, worin der Begriff sich erst realisiert. Dies korrespondiert mit den drei Stufen: Weltbewusstsein, Selbstbewusstsein, Gottesbewusstsein bei Edw. CAIRD. Wie eng nun dieses Schema mit der Hegelschen Philosophie zusammenhängt, so ist doch der Grundgedanke, die Unterscheidung der naturbestimmten und der geistigen Religion von vielen in verschiedener Form aufgefasst worden, so von Asmus, SCHARLING, vox HARTMANN U. a. TIELE stellt der natürlichen Religion die ethische gegenüber, je nachdem die Götter als Naturwesen aufgefasst werden, oder sittliche Ideen die Religion beherrschen. Diese ethische Bestimmung durchführend, hat neuerdings H. SIEBECK die Entwicklung in den drei Stufen beschrieben: Naturreligion, Moralitätsreligion, Erlösungsreligion.

Haben wir hier die Prinzipien, welche den Klassifikationen zu
Grunde liegen, nur im allgemeinen besprochen, so ist es erwünscht,
dass einige der wichtigsten Schemata vollständig vorgeführt werden.
Wir geben die von HEGEL, von HARTMANN, TIELE und SIEBECK.
HEGEL.
I. Die Naturreligion.

1. Die unmittelbare Religion (Zauberei).
2. Die Entzweiung des Bewusstseins in sich. Religionen der

Substanz.
a) Die Religion des Masses (China).
b) Die Religion der Phantasie (Brahmanismus).
c) Die Religion des Insichseins (Buddhismus).

3. Die Naturreligion im Uebergange zur Religion der Freiheit.

Der Kampf der Subjektivität.
a) Die Religion des Guten oder des Lichts (Persien).
b) Die Religion des Schmerzes (Syrien).

c) Die Religion des Rätsels (Aegypten). II. Die Religion der geistigen Individualität.

1. Die Religion der Erhabenheit (Juden).
2. Die Religion der Schönheit (Griechen).
3. Die Religion der Zweckmässigkeit oder des Verstandes

(Römer).
III. Die absolute Religion (Christentum).
VON HARTMANN.
I. Der Naturalismus.

1. Der naturalistische Henotheismus.
2. Die anthropoïde Vergeistigung des Henotheismus.

a) Aesthetische Verfeinerung (Hellenen).
b) Utilitaristische Säkularisierung (Römer).

c) Tragisch-ethische Vertiefung (Germanen).
3. Die theologische Systematisierung des Henotheismus.

a) Der naturalistische Monismus (Aegypter).

b) Der Seminaturalismus (Perser). II. Der Supranaturalismus. 1. Der abstrakte Monismus oder die idealistische Erlösungs

religion.
a) Der Akosmismus (Brahmanen).

b) Der absolute Ilusionismus (Buddhisten).
2. Der Theismus.

a) Der primitive Monotheismus (Propheten).
b) Die Gesetzesreligion oder Religion der Heteronomie (Mo-

saismus, Judentum, Reformversuche, worunter der

Islam).

c) Die realistische Erlösungsreligion (Christentum).
TIELE,
I. Naturreligionen.

1. Polyzoischer Naturalismus (hypothetisch).
2. Polydämonistisch-magische Religionen unter der Herrschaft

des Animismus (Religionen der Wilden).
3. Geläuterte oder organisierte magische Religionen. Therian-

thropischer Polytheismus. a) Nicht organisiert (Religionen der Japaner, der Dravida,

der Finnen und Esthen, der alten Araber, der alten Pe

lasger, der altitalischen Bevölkerungen, der Etrusker [?],

der alten Slaven). b) Organisiert (Religionen der Halbkulturvölker Amerikas,

alte chinesische Reichsreligion, Religion der Aegypter). 4. Verehrung von Wesen in menschlicher Form, aber von über

menschlicher Macht und halbethischem Wesen. Anthropomorphischer Polytheismus.(Religionen dervedischen Inder, der alten Perser, der späteren Babylonier und Assyrer, der semitischen Kulturvölker, der Kelten, Germanen, Hellenen,

Griechen und Römer.) II. Ethische Religionen. (Spiritualistisch-ethische Offenbarungs

religionen.) 1. Nationale nomistische (nomothetische) Religionsgemein

schaften. (Taoismus und Confucianismus, Brahmanismus, Jainismus, Mazdeismus, Mosaismus und Judaismus, die

beiden letzteren schon Uebergang zu 2.) 2. Universalistische Religionsgemeinschaften. (Buddhismus,

Christentum; der Islam mit seinen partikularistischen

und nomistischen Bestandteilen gehört nur halb hierzu). H. SIEBECK. Naturreligion, R. der Weltbejahung ohne ethische Bestimmung

(die Religionen unterhalb der Kultur). Moralitätsreligion, in vielen Graden und Stufen (Mexikaner, Peru

aner, Akkader, Chinesen, Aegypter, Inder, Perser, Ger-
manen, Römer, die höchste Stufe bildet hier die griechische

Religion).
Den Uebergang der Moralitätsreligion zur Erlösungsreligion

bildet das Judentum.
Erlösungsreligion, einseitig im Sinne der Weltverneinung: der

Buddhismus.

Positive Erlösungsreligion : das Christentum. Rückfall in die Moralitätsreligion: der Islam. Wir verzichten darauf, eine religiöse Statistik zu geben, die doch noch mit zu viel unbekannten Grössen rechnet. Annähernd schätzt man die Menschheit auf 1400 Millionen, wovon dann ungefähr 30% Christen, 8 1/2°% Mohammedaner, 1/2°% Juden, 35% Buddhisten, 91/29% Brahmaverehrer, 16 °/2°/ Fetischdiener wären; freilich hat man dabei die Chinesen und Japaner sämtlich den Buddhisten zugezählt.

Diese Einteilung ist nach brieflichen Mitteilungen TieLes verbessert.

Nötiger ist es, einige Hauptformen der Religion, denen wir öfter begegnen werden, im voraus kurz zu beschreiben.

Zuerst ist das Wort Animismus zu erklären. Durch die biologischen Erscheinungen, namentlich Schlaf und Tod, hat der Mensch in sich selber ein anderes, vom Körper verschiedenes Wesen entdeckt, seine Seele. Diese Seele kann er sich nun nicht anders als materiell denken, freilich von einer feineren Materialität als der Körper; sie hat ihren Sitz im Puls, im Herzen, im Blut, im Atem, im Schatten, bisweilen denkt der Mensch sich auch, dass mehrere Seelen in seinem Körper hausen. Diese Seele nun kann den Körper verlassen, wieder zurückkehren, frei umherschweifen, sich in andere Körper einschleichen. Ebenso wie er selber beseelt ist, so denkt der Mensch sich auch andere Wesen, Tiere, Pflanzen, Naturerscheinungen, ja selbst Dinge als beseelt. Dieser Animismus oder Lehre der Seelen erweitert sich zum Geisterglauben; die Seelen werden Geister, nicht mehr an die einzelnen Wesen gebunden. Auch mit den Naturgeistern fliessen die Seelen der Naturwesen vielfach zusammen, und so sind Seelen, Dämonen, Götter die verschiedenen Stufen derselben Entwicklung. Diese Lehre TYLORs, bei vielen lange Zeit zum Axiom erhoben, ist neuerdings durch allerlei hinfällig geworden. Sie bietet eine zu einfache und zu einförmige Erklärung der ganzen Religion und Kultur, eine Erklärung, die sogar nicht die Erscheinungen im Leben der Wilden befriedigend löst. Denn es ist neuerdings klar geworden, dass bei manchen Stämmen von solchen individuellen Seelen, Tier-, Pflanzen-, Ding- und Speziesseelen herzlich wenig zu finden ist, dass sie überhaupt die Seelen nicht individualisieren, sondern einen Seelenstoff, ein Lebensfluidum, das äusserlich übertragen und auch geraubt werden kann, erkennen. Diese Anschauung wenigstens bietet die beste Erklärung für manche Bräuche, die wir bei den Völkern des malaiischen Archipels finden werden. Jedenfalls ist eine rein animistische Basis der Religion nirgends aufzuweisen.

Nahe mit dem Animismus verwandt ist der Fetischismus, der früher wohl bei manchen als die ursprüngliche Religionsform galt, nach Tylors Werk aber den Platz dem weiteren Begriff Animismus hat räumen müssen. Durch das Buch eines geistvollen französischen Juristen, C. DE BROSSES, Du culte des dieux fétiches (1760) wurde zuerst die allgemeine Aufmerksamkeit auf den Fetischismus gelenkt. Das Wort war freilich schon ein Jahrhundert früher (1673) dem dänischen Missionar W. J. MÜLLER bekannt, ja es kommt bereits in mehreren Reisebeschreibungen aus dem Anfang des 17. Jahrh. vor. Es ist das portugiesische Feitico (Zauber, bezauberte Sache), abzuleiten nicht

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von Fatum, aber von factitius (chose fée). Diese Bezeichnung galt in erster Linie für die Erscheinungen, welche man bei den Negern der Westküste Afrikas beobachtete, aber schon DE BROSSES verglich diese mit Zügen der altägyptischen Religion, und so hat der Name Fetischismus eine allgemeine Bedeutung erhalten, ja Comte hat ihn sogar für die unterste Stufe der religiösen Entwicklung gebraucht. Der Fetisch wird meistens als der sinnliche Gegenstand definiert, - der Klotz oder Stein, der Objekt religiöser Verehrung ist. Dagegen wollen andere den Fetisch als Zaubermittel betrachtet wissen; er sei nicht Objekt der Verehrung, sondern „Mittel, wodurch man sich mit der Gottheit in nähere Verbindung setzt, welchem göttliche Kräfte einwohnen“ (so LUBBOCK, HAPPEL u. a.). Die Sache verhält sich wohl so, dass zwischen demjenigen, was wir begrifflich trennen, das Bewusstsein des Wilden keinen Unterschied macht; die Fetische sind ihm ebenso sehr Objekte religiöser Verehrung als Zaubermittel: für beide Gedanken, wie für ihre enge Verbindung, sind die Belege zahlreich. Jedenfalls unterscheidet sich das betreffende Objekt von blossen Zaubermitteln dadurch, dass es selbst anthropopathisch aufgefasst und in der Regel religiös verehrt wird.

Fliessend ist der Unterschied zwischen Fetisch und Idol. Beiden wird der verehrte Geist, dessen Hilfe man sucht, als eingekörpert gedacht; aber während der Fetisch meist ein zufällig gefundener, roher Gegenstand ist, so hat das Idol irgend eine Bearbeitung von Menschenhand erfahren. Ein geringer Ritz, ein paar Farbenstriche machen den Fetisch zum Idol.

Den Fetischismus hat SCHULTZE aus vier Schritten erklärt, welche das Bewusstsein des Wilden macht. Zuerst die bei einem engen Vorstellungskreis sehr erklärliche Ueberschätzung auch kleiner und unbedeutender Objekte, die der Wilde mit Verwunderung wahrnimmt, dann die anthropopathische Auffassung dieser Objekte als lebendig, fühlend und wollend, drittens ihre kausale Verknüpfung mit glücklichen oder unheilvollen Ereignissen und Erfahrungen, endlich die Meinung, dass diese Objekte religiöse Verehrung erheischen. So ist der Geist, der dem Fetisch innewohnt, nicht die diesem Objekt zugehörige Seele oder Lebenskraft, sondern ein mit diesem Objekt verbundener, darin eingekörperter Geist. Aus dem Obigen geht hervor, dass der Definition des Fetischismus als der religiösen Verehrung sinnlicher Gegenstände mehrere ergänzende Bemerkungen hinzuzufügen sind. Nicht jede Verehrung sinnlicher Gegenstände kann man Fetischismus nennen, sonst würde ja der ganze Naturdienst dazu gehören, sondern nur die, welche mit Zauberei verbunden ist. Auch nicht alles

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