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- sie sind ja im höheren Sinne Brüder ---, somit leben sie, wie der technische Ausdruck lautet, endogam.

Der Seelenglaube hat aber auch sonst in weiten Kreisen seine Konsequenzen gezogen; selbst bei den rohesten Stämmen, so in Kalifornien, wo die Missionare keine religiösen Regungen überhaupt antreffen zu können glaubten, fanden sie die Sitte, die Toten mit Schuhen für die weite Reise ins Jenseits auszurüsten, ein für jeden Kundigen ausreichendes Symbol. Wie überall, so ist auch hier der Gedanke an eine Fortdauer des gegenwärtigen Lebens in irgend welcher entsprechenden Gestalt wirksam - denn Vernichtung, wirkliches Erlöschen und Auflösen der Existenz ist ein für solche Stufen unfassbarer Gedanke --, davon sind alle Kriegs- und Totengebräuche beeinflusst, während die Theorie der Strafe und Vergeltung zunächst völlig zurücktritt. Wie in Hawaii und anderwärts, so glauben auch die Rothäute an zwei Seelen, an eine geistige, die nach Belieben schon bei Lebzeiten des Menschen den Körper verlassen kann, und eine an den Körper gebundene, das Leben bewirkende, die so lange an der betreffenden Person haftet, bis sie (durch einen Zauberer) in einen andern Menschen gerufen wird. Deshalb gehen die Seelen Verstorbener als Gespenster um – ein fruchtbarer Boden für die geschäftige Phantasie! — und zwar meist als böse Geister, deren Gunst es durch Opfer und Geschenke zu erkaufen gilt. Den Leichnam muss man mit besonderer Scheu und Vorsicht behandeln -- deshalb gerade hier der Ansatzpunkt für die Wirksamkeit des Medizinmannes –, weil von hier der Einfluss der Dämonen ausgeht, die dem Menschen auf Schritt und Tritt nachstellen. C'eberall, wo eine despotische Regierungsform sich herausgebildet hat, bedingt der Tod eines mächtigen Häuptlings oder Königs den Tod eines entsprechenden Gefolges von Frauen, Dienern, Sklaven, das war nicht nur im dunklen Erdteil der Fall, sondern auch z. B. bei den Kaziken. Da die Seele einem weitverbreiteten, vielleicht universellen Glauben zufolge in Träumen und Visionen erscheint und wandert, so ist die Traumdeutung begreiflicherweise eine sehr wichtige Befugnis der Medizinmänner; in Mexiko gab es eigene Horoskope und in Peru für alle besonderen Wahrsagungen auch dementsprechende Priester und Deuter.

Das Jenseits, öfter wohl unter christlichem Einfluss nicht wenig umgestaltet, erscheint der begehrlichen Phantasie des Indianers als der ersehnte Aufenthalt voll Lust und Freude, – für die Jäger als ein Tummelplatz von Büffeln. Oefter bedarf es für die Seele einer längeren Reise durch Dunkel und Nacht, ehe sie in das Land des Lichtes gelangt; meist aber tritt, wie bereits bemerkt, die Vorstellung eines

scharfen Dualismus, eines Himmels und einer Hölle, einer Seligkeit und Verdammnis zurück. Oft ist es das Haus der Sonne, das die Verstorbenen aufnimmt; bei den kriegerischen Azteken in Nicaragua gelangen aber nur die Krieger dorthin nach dem Vorbild der germanischen Walhalla, während die übrigen in die Unterwelt fahren. Dort werden Kämpfe und Spiele veranstaltet, und die Helden begleiten die Sonne bis zu ihrer Ruhestätte im Westen. Die Mexikaner kannten ein anderes Paradies, das ihnen freilich keine ewige Seligkeit in Aussicht stellte, sondern nur ein für einen bestimmten Ablauf von Jahren berechnetes Glück. Das war das Reich des Gottes Tlalocan, des Herrn des Wassers und des Regens, ein irdisches Paradies, aus dem sich alle Ströme der Erde ableiteten. Oefter ist aber der Weg dorthin durch mancherlei Hindernisse versperrt; so erzählten die Huronen und Irokesen den Missionaren, dass die Seelen der Verstorbenen über einen breiten Fluss setzen müssten, über den nur ein dünner Zweig führe, während ein wütender Hund alle Versuche zu vereiteln suche. Aehnliche Erzählungen finden sich in Grönland, bei den Algonkins, den Dakota usw. Von einer eigentlichen Hölle im christlichen Sinne ist in der echten Ueberlieferung nirgends die Rede, und wenn derartige ethische Züge auftreten, so ist das ein untrügliches Anzeichen für den christlichen Einfluss. Die einheimische Sage spricht lediglich von einem dunklen Ort des Todes (im Norden), wohin die Schwächlinge kommen. Auch der Glaube an eine Rückkehr der Seele war sehr verbreitet, deshalb wurden besonders die Gebeine berühmter Häuptlinge sorgfältig gesammelt und in Tempeln aufbewahrt, deshalb auch der so komplizierte Totenkultus und die Ahnenverehrung. Gerade das Durchwühlen der heimischen Grabstätten durch die europäischen Eroberer hat mehr als alle andern Schandtaten die Gemüter der Eingeborenen mit unauslöschlichem Hass gegen die brutalen Eindringlinge erfüllt. Auch die in Amerika bei verschiedenen Stämmen übliche Mumifizierung der Leichen gehört in denselben Zusammenhang.

Unter den Tieren, die, wie schon erwähnt, einen weitverbreiteten Kultus genossen, sind besonders Schlange und Vogel hervorzuheben. Der letztere verkörpert den Wind und Sturm, bald auch den Gewittersturm und wird dann zur Gottheit selbst, wie in Mexiko. Nicht geringere Ehrfurcht wurde der Schlange bezeugt, die, da sie ihre alte Haut abstreift, nicht selten auch als Symbol der Erneuerung und Auferstehung gilt; so nennen die Algonkin sie ihren Grossvater, den sie irgendwie zu beleidigen sich aufs äusserste fürchten. Sie wurde auch (so in Peru) als das Sinnbild des Reichtums gedacht, wo sie in gehörnter Gestalt die Schätze hütet. Bei den Algonkin existiert eine ziemlich

ausführliche Schöpfungssage, die sich an das Kaninchen knüpft, Missakos, woraus der Name Michabo geworden ist. Im übrigen ist hier freilich die Beziehung zum Tier ganz fallen gelassen, indem die eigentliche Bedeutung des Wortes Licht ist, und somit das Kaninchen nur als der zufällige Träger der kosmogonischen Anschauung erscheint, welche aus dem dunklen Chaos Tag und Leben hervorgehen liess. Michabo wurde der Gott des Lichtes, des Himmels, der Wolken (des Regens) und der Winde, weshalb ihm denn als Symbol der Vogel zuerteilt wurde. Auch die Schildkröte, welche aus der Tiefe fruchtbares Erdreich für das neue Menschengeschlecht heraufholt, wird nicht selten im Mythus genannt; meist herrscht nämlich die Vorstellung von einer endlosen, alles bedeckenden Flut, aus der die Erde (und zwar am Anfang der Dinge) allmählich emporsteigt. Das führt uns zur Schöpfung.

Amerika ist der Erdteil der Sintflutsagen, deshalb überwiegt hier von den drei in Betracht kommenden Elementen: Erde, Feuer, Wasser entschieden das letzte. Nur eine der zahlreichen Mythen über die Entstehung der Welt mag hier Platz finden, nämlich die Legende der Peruaner: Dies ist das erste Wort und die erste Rede. Es gab nichts, weder Menschen noch Tiere, weder Vogel, Fische noch Steine, Täler oder Berge, nichts als nur den Himmel. Das Antlitz des Landes war verborgen. Es gab nichts als die brausende See und den Himmel. Es gab nichts Verbundenes, keinen Ton, es gab nichts Schlechtes zu tun, nichts im Himmel zu donnern, keinen Wanderer zu Fuss, – nur allein die schweigenden Wasser, den ruhigen Ozean in seiner Windstille. Nichts war als nur Schweigen, Ruhe, Dunkelheit und Nacht, nichts als der Macher und Bildner, der Sturmwind, die Vogelschlange. In den Wassern, in einem trüben Zwielicht, bedeckt mit grünen Federn, schliefen die Mütter und Väter. Durch den Sturmwind, den als Gott verehrten Hurakan (daraus bekanntlich unser Orkan), wird nämlich allmählich das feste Land aus den Fluten an die Oberfläche getrieben.

Die Schöpfung des Menschen wird regelmässig mit der Erde in Verbindung gebracht. Die Azteken stellten sie dar als Frau mit breiten Brüsten, die Peruaner nannten sie Mama Allpa, Mutter Erde, die Kariben wandten sich an sie als Mama Nono, d. h. die gute Mutter, von der alle Dinge kommen. In den Algonkindialekten stammt die Bezeichnung für Erde von derselben Wurzel, aus der Vater und Mutter gebildet sind. Aehnlich wurde bei den Nahua in Mexiko die Erde als Tonan angerufen, unsere Mutter und als die Blume, welche alle andern Blumen enthält, von deren Brust alles herkommt; aber eine andere

bedeutungsvolle Bezeichnung war der Mund, welcher alle andern Münder isst; denn sie verzehrt schliesslich alle Esser. In Peru wurde alt werden mit der Wendung bezeichnet: allpa-way, d. h. zu Erde werden; die Creek erzählen, die Erde verzehre die Kinder ihrer Vorfahren, und sie fügen hinzu, dass, wenn der Tag des schliesslichen Aussterbens ihres Stammes kommen würde, sie in dem Nabel der Erde verschwinden würden, indem sie dahin zurückkehrten, woher sie gekommen. In der Mayatheogonie ist die Erde die gemeinsame Ahnfrau des Menschengeschlechts, aber ihr gewöhnlicher Name: Ix-mucane bezeichnet die Frau, die alles begräbt. Manche indianische Worte für Mensch weisen auf eine Wurzel wachsen hin, – eine Beziehung zu dem so naheliegenden vegetativen Leben, wie denn verschiedene Mythen ausdrücklich den Menschen von den Pflanzen ableiten. So entsteht der Frühling bei den Kariben dadurch, dass der Boden mit Steinen oder mit Früchten der Mauritiuspalme besät wird, welche emporschiesst in männlicher und weiblicher Gestalt. Die am Red-River wohnenden Witchitas kennen eine Sage, nach der ihre Vorfahren aus den Felsen oberhalb ihrer Wohnungen hervorkamen, die Schwarzfussindianer bezeichnen als Ursprung ihres Geschlechts einen kühnen, viereckigen Gipfel der Rocky Mountains. Oder es sind heilige Hügel oder Höhlen, die hier in Betracht kommen. Aus einer geheimnisvollen Höhle in der Nähe von Cuzco tauchten die ersten Ansiedler von Peru auf, ja ihr Kulturheros Viracocha soll sogar dort gewohnt haben. Nach einer alten Sage leiteten die Azteken ihre Vorfahren von einem alten Platze ab, genannt Chicomoztoc, die sieben Höhlen, nördlich von Mexiko, woran sich dann die Ueberlieferung von den vielen dort herrschenden Fürsten schloss (sieben war ihre heilige Zahl), die Torquemada erwähnt. Ein brasilianischer Mythus lässt die Menschen ursprünglich in der Erde wohnen, in einem Reich, frei von Tod und Krankheit. Als der Herrscher eines Tages bei einem Spaziergang die Oberfläche der Erde entdeckte, warnte er nach der Rückkehr sein Volk, dorthin zu gehen, trotzdem die Sonne dort scheine. Dennoch liessen sich einige dazu verleiten, und das sind die Ahnherren des jetzigen geplagten Menschengeschlechtes, während andere noch glücklich und ungestört fern unter der Erde wohnen. Daran erinnert die Erzählung der Mandanen, die gleichfalls anfangs unter der Erde gelebt haben, wohin nur eine Rebe mit ihren Wurzeln etwas Licht hätte fallen lassen. Als einige Kühne und Vorwitzige auf diesem Wege nach der Oberwelt vorgedrungen waren, brachten sie den Ihrigen von der Fülle der vorgefundenen Schätze manches hinunter. Das verleitete nun viele zu demselben Unternehmen, und so brach der schwanke Ast unter der

Last eines dicken Weibes und entzog so den unten Gebliebenen Licht und die Hoffnung, je nach oben zu kommen.

l'eber das Priestertum und den Kultus überhaupt ist in dieser allgemeinen Uebersicht nichts Besonderes zu bemerken, es wiederholt sich das überall bekannte Schauspiel, der Priester ist zugleich Zauberer (Medizinmann, wie es bei den Indianern heisst), heilt Krankheiten, beschwört die bösen Geister, erteilt Orakel etc. - Suggestion, hysterische Anlagen, gewisse botanische und anatomische Kenntnisse, ja zuweilen eine bewundernswerte technische Geschicklichkeit u. a. m. spielen dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle, aber ein Moment, das besonders für Mittel- und den südlichen Teil Nordamerikas bedeutsam ist, muss noch kurz erörtert werden, nämlich das Menschenopfer. Gewiss kommen auch hierbei ethnische Eigenart, kriegerische Anlage, Wildheit des Charakters, ungezügelte Rachsucht und ähnliches in Betracht, - es ist kein Zufall, dass wir den Höhepunkt dieses schauerlichen Kultus bei den Azteken in Mexiko finden, - aber trotzdem leuchtet doch jedem unbefangenen völkerpsychologischen Beobachter durch diese Hülle das leitende religiöse Motiv hindurch: Es ist eine Hekatombe, die den Göttern geschlachtet wird, um ihr Wohlgefallen sich zu erhalten, mit dem Teuersten, das der Mensch besitzt, mit dem eigenen Leib uud Blut (tatsächlich wurden meist die schönsten und edelsten Jünglinge dazu genommen, keineswegs nur Kriegsgefangene). Es ist ausserdem sehr charakteristisch, dass die betreffenden Opfer schon vor ihrem Tode Gegenstand göttlicher Verehrung waren; deshalb wurde ihr Leichnam verspeist und jeder erhielt, um der göttlichen Kraft teilhaftig zu werden, sein abgemessenes Teil von dieser furchtbaren Mahlzeit. Trotzdem Montezuma sich humaneren Regungen zugängig zeigte, so scheint die fanatische Priesterschaft, je näher die unheimliche Katastrophe rückte, um so mehr auf peinlichste Beobachtung des blutigen Ritus bestanden zu haben. Es ward, schreibt HÄBLER mit Recht, bei ihnen zu einer Art von fixer Idee, dass sie die Erfolge, die ihnen von Jahr zu Jahr glänzender in den Schoss fielen, nur der durch reichliche Blutopfer erkauften Gunst der Götter zu danken hätten; und um sich diese zu erhalten, vermehrten sie im Verhältnis zum Wachstum ihrer Macht die blutigen Hekatomben. Jedes Fest dieses Volkes, jeder Sieg, jede Erneuerung der Jahreszyklen, jede Thronbesteigung, jede Tempelweihe wurde mit blutigen Opfern gefeiert; und je höher das Fest, desto zahlreicher die Opfer. Es galt auch nicht nur den gnädigen Göttern zu danken; auf dieselbe Weise suchte man auch die zürnenden zu versöhnen. Als um 1445 eine mehrjährige Hungersnot das ganze Anahuac heimsuchte, wurde die Opferwut der

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