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von diesem aufgestellten Gesichtspunkten des Seelen- und Geisterglaubens beurteilt. Namentlich durch hervorragende Untersuchungen des Missionars A. C. KRUYT bei den Bareëstämmen von Celebes (Mitte), durch den Tatbestand, anderswo im Archipel aufgefunden, immer mehr bestätigt, ist es deutlich geworden, dass die persönlichen Seelen (angga), die in ein jenseitiges Seelenland gehen, und als Ahnengeister oder Götter verehrt werden, weniger in Kultus und Brauch hervortreten als der unpersönliche Lebensstoff, die Lebenskraft (tanoana), eine Substanz, die es gilt zu bemächtigen, festzuhalten, zu locken. Dieser Lebensäther hat seinen Sitz im Kopf, und das Kopfabschneiden mehrerer Stämme hat zum Hauptzweck das Bemächtigen dieses Lebensfluidums. So allein sind die wichtigsten Bräuche beim Kopfabschneiden oder Schädelrauben zu erklären; freilich kann man bei wilden Stämmen keinen reinen, unvermischten Gedankenkomplex erwarten, deshalb laufen auch beim Schädelrauben mehrere andere Gedanken nebenher. Auch Pflanzen, besonders der Reis, besitzen auf ähnliche Art Lebensfluidum, und dieser Gedanke liegt auf dem Boden mancher agrarischen Bräuche beim Reisbau, namentlich dem Absondern einer Reismutter, d. h. einer an solcher Lebenskraft besonders reichen Pflanze, die dann sowohl auf dem Acker als in der Scheune eine eigene Stelle bekommt, damit sie ihre Kraft betätige. Dass dieses Lebensfluidum von einem Wesen auf ein anderes übertragen werden kann, auch zeitweilig in ein Tier eingeht oder auch wohl umherschweift, ist zu betonen.

Daneben findet sich ein sehr verbreiteter Glaube an Lykanthropie, allerlei Wertiere; namentlich können diejenigen, welche die Ngelmu oder Wissenschaft der Zaubersprüche (rapal) besitzen, sich in Tiger verwandeln. Seelen Gestorbener können gefährlich sein, wie die der vor der Entbindung oder in den Wochen gestorbener Frauen (Pontianak). Uebernatürliche Kräfte, z. B. Hexerei, gelten oft als erblich. Die sehr langwierigen Feste und Zeremonien bei Tod und Begräbnis haben zum Hauptzweck die Abwehr schädlicher Einwirkungen der Toten, daneben aber auch die Beförderung der Seele ins Seelenland, das manche Bewohner der Inselreihen auf der nächstfolgenden Insel suchen. Manche Gaben werden der Seele dorthin mitgegeben, andere sind dazu bestimmt, dass der Tote, wenn er auf Erden herumzieht, sie zu sich nehme. Dieser Seelenglaube ist aber mit den oben beschriebenen Gedanken über tanoana nicht zu verwechseln.

Zu den Fetischen und Amuletten - der Moslem macht die heidnischen Fetische zu Amuletten – gehören die fürstlichen Insignien Chantepie de la Saussaye, Religionsgeschichte. 3. Aufl. I.

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(Waffen, Kleider, Ornamente), denen man magische Kräfte zuschreibt; merkwürdig sind auch die heiligen Töpfe bei den Dajak.

Neben diesen magischen und animistischen Vorstellungen findet sich aber auch Naturdienst, und fehlen die Naturmythen, wie von der Heirat zwischen Himmel und Erde beim Anfang der Regenzeit, nicht. Gebirge und Wasser, Sonne und Mond gelten als göttliche Wesen. An der Südküste Javas erzählt man von der jungfräulichen Göttin des südlichen Ozeans, der Ratu-Kidul, die auf dem Meeresboden einen herrlichen Palast bewohnt und über die vielen Geister herrscht, die auf der felsigen Küste ihr Wesen treiben. Neben ihr steht das böse l'ngeheuer Ni-belorong, welches den Menschen wohl Reichtümer schenkt, sie aber später dafür tückisch büssen lässt. So könnten wir noch vieles, sowohl aus dem Glauben und Aberglauben, als auch aus den Sitten und der Literatur mitteilen. Zu einem Gesamtbild lassen sich aber diese heidnischen Züge nicht zusammenfassen, weil sie fast überall mit indischen und mohammedanischen Sitten vermischt sind, und die Stämme, wo dies nicht der Fall ist, auf so niedriger Stufe stehen, dass ihre Religion sich nicht systematisch darstellen lässt. Für die Sagenkunde liefern manche dieser Völker eine reiche Ausbeute. So sind Erzählungen und Märchen bei den Makassaren und Buginesen, bei den Sangiresen und Battas gesammelt. Die letzteren, zuerst durch VAN DER Tuuk bekannt geworden, jetzt von C. M. PLEYTE bearbeitet, enthalten manche eigentümliche kosmogonischen Mythen und Symbole. Ob es je gelingen wird, den wahren Sinn solcher Erzählungen zu erfassen und darin das einheimische und das aus Vorderindien stammende Element reinlich zu sondern, kann man bezweifeln. Diese Bemerkung gilt auch von einer Gestalt wie Batara Guru, der als höchster schöpferischer Gott verehrt wird, dessen Name aber schon nach Vorderindien deutet. So sind es überall nur Fragmente, die man auf diesem weiten Gebiet zusammenlesen kann, aber freilich zahlreiche und interessante.

$ 6. Die Mongolen. Literatur. Das in verschiedenen Zeitschriften und Reiseberichten zerstreute Material ist völlig übersichtlich in Ratzels Völkerkunde zusammengestellt, wozu noch PESCHELS Werk und Fr. MÜLLERS Ethnographie (2. Aufl., Wien 1879) zu vergleichen ist.

Die Hauptquelle für die Ethnographie und Religion der Turko-Tataren ist W. RADLOFF, Aus Sibirien (2. Ausgabe 1893. Ein kleiner Sonderabdruck aus diesem Werke, Das Schamanentum und sein Kultus 1885, behandelt nur die Religion); Proben der Volksliteratur der türkischen Stämme Süd-Sibiriens (6 Bde, 1866–1886) gesammelt und übersetzt von W. Radloff enthält epische Lieder mit viel für die

Kultur-, aber wenig für die Religionsgeschichte verwertbarem Stoff. Sehr instruktiv: W. SIEROSZEWSKI, Du chamanisme d'après les croyances des Yacoutes (R.H.R. 46).

Die Heldensagen der Minussinschen Tataren sind gesammelt von A. SCHIEFNER (1859). Ergiebiger sind: A. VAMBÉRY, Die primitive Kultur des turko-tatarischen Volkes auf Grund sprachlicher Forschungen (1879) und C. DE HARLEZ, La religion des Tartares Orientaux (1887).

A. CASTREN, Vorlesungen über die finnische Mythologie (deutsche Ausgabe von SCHIEFNER, 1853); E. Beauvois, La Magie chez les Finnois (R.H.R. 1881–1882); ABERCROMBY, Magic Songs of the Finns (Folklore Quarterly Review 1890-1896); D. COMPARETTI, Der Kalewala oder die Poesie der Finnen (1892, ein Buch, das auch für die allgemeinen Fragen über Beschaffenheit und Entstehung der Volksepen grosse Bedeutung hat). Der Kalewala wurde öfter in verschiedene Sprachen übersetzt: ins Deutsche von A. SCHIEFNER (1852), und poetischer von Paul (1886); ins Englische von W. F. KIRBY (1888), J. M. CRAWFORD, (1889); ins Fra nzösische von LÉOZON LE DUC (1867). L'eber die hervorragenden Arbeiten von J. Krohn, cfr. Z. f. Volkskunde I und R.H.R. 1895.

Der Name Mongolen ist eigentlich der eines Volksstammes, welcher einen kleinen Zweig einer grossen Rasse bildet, wird aber oft für diese ganze Rasse gebraucht, welche andere lieber die ,,hochasiatische“ nennen. PESCHEL zählt alle Amerikaner und Malaio-Polynesier unbedenklich zu den „mongolenähnlichen Völkern, Max MÜLLER die Malaio-Polynesier und die Dravidavölker Hindostans, welch letztere bei den meisten Ethnographen eine Rasse für sich bilden. Am engsten hat Fr. MÜLLER das Gebiet der Mongolen begrenzt, indem er die Völker des Nordrandes Sibiriens, die Kamtschadalen, Ainu u. a. mit den amerikanischen Eskimo zu einer besonderen Rasse, der der Arktiker zusammenfasst. Aber selbst von diesen Völkerschaften abgesehen, bleibt die mongolische Rasse nicht bloss die zahlreichste von allen, sondern auch diejenige, deren Einheit sich am meisten unsern Blicken entzieht. Von den Wanderungen der mongolischen Stämme in der Urzeit, von ihren Beziehungen zu andern Völkern, die sie etwa aus ihren Sitzen vertrieben, oder mit denen sie sich vermischten, bringt selbst die Sage keine Kunde mehr; das Sprachstudium bietet das einzige, freilich unzulängliche Mittel, um etwas davon zu erfahren. Eine sichere Gruppierung der einzelnen Aeste dieses Stammes ist daher unmöglich; aus diesem Grunde beschränken wir uns auch darauf, die Hauptstämme dieser Rasse zu besprechen, ohne eine bestimmte Einteilung zu geben.

In erster Linie kommt in Betracht die grosse Ural-Altaische Familie, welche sich wiederum in zwei Zweige teilt, den Ugro-Finnischen und den Turko-Tatarischen. Zum ersteren gehören die Finnen, Lappen, Esthen und Liven im nördlichen Russland, die Ostjaken im ObBecken und die Samojeden, welche dünn zerstreut das Gebiet von den

Altaigebirgen bis zum Eismeer und dem weissen Meer bewohnen. Von den Turko-Tataren kommen die Türken (Kirgisen, Abakanen, Altajer etc.) nach Osten hin bis zum Baikalsee in Südsibirien in Betracht, im Lenabecken wohnen die Jakuten, die eigentlichen Mongolen in der Mongolei, westlich von ihnen die Kalmücken, die Buräten um den Baikalsee, die Minussinschen Tataren westlich von ihnen, die Tungusen westlich vom Amur, über eine ungeheure Länderstrecke dünn gesät, endlich im Süden der Tungusen die Mandschu. Andere mongolische Völker sind die Chinesen, Koreaner und Japaner, über welche wir später sprechen. In Tibet und am nördlichen Rande des Himalaya wohnen Völker, welche unzweifelhaft zur mongolischen Rasse zu rechnen sind. Von den Völkerstämmen Hinterindiens sind die Birmanen unzweifelhaft Mongolen; aber auch die Tai- und Annamvölker werden gewöhnlich als solche angesehen.

Eine gemeinsame Charakteristik dieser vielverzweigten Rasse wird nimmer gelingen. Lehrreich ist immerhin die von Fr. MÜLLER (Allg. Ethnographie S. 417) skizzierte: Vermöge des Phlegmas, welches dem Mongolen innewohnt und sich in seinen kindlichen Gesichtszügen ausprägt, ist seine Gemütsstimmung vorwiegend eine sanfte und friedliche. Ein Beweis dafür ist seine Beschäftigung. Der Mongole ist vorwiegend Viehzüchter und Landbauer, nur in seltenen Fällen wirft er sich auf die Jagd und den Fischfang. Der sanften Gemütsrichtung des Mongolen hat es auch der Buddhismus vor allem zu verdanken, dass er in Zentral- und Ostasien so grosse Fortschritte gemacht hat, und, was die Zahl seiner Bekenner anlangt, zur ersten Religion der Erde geworden ist. Das Phlegma des Mongolen schliesst aber keineswegs eine kriegerische Stimmung aus. Freilich fehlt dem Mongolen die persönliche Tapferkeit, welche andere Rassen in hervorragender Weise auszeichnet. Heldenfiguren, wie wir sie unter den Malaien, den Eingeborenen Amerikas und der mittelländischen Rasse finden, werden wir innerhalb der mongolischen Rasse vergebens suchen. Der Mongole wird nur dann zum tapferen Krieger, wenn ihm andere mit ihrem Beispiel vorangehen, wenn jemand es versteht, ihn zu fanatisieren. Ueberall, wo die Mongolen als Eroberer auftreten, werden sie von begeisterten Männern angeführt und neigen durch ungestüme Massenangriffe die Wagschale auf ihre Seite. Jedoch keines der grossen Reiche, welche sie gründen, ist im stande, den Tod ihres Urhebers lange zu überdauern; sie werden nach kurzer Zeit selbst die Beute ihrer Unterworfenen. Und selbst die grossen Reiche des fernen Ostens, deren Bewohner durchgehends der mongolischen Rasse angehören, haben ihre Dauer vor allem ihrer eigenen Schwere, dem Phlegma ihrer Be

wohner zu verdanken, sowie dem l'mstande, dass sie ernsten Angriffen von seiten anderer höher begabten Rassen nicht ausgesetzt waren. Im Einklang mit diesen Eigentümlichkeiten stehen das Vorwiegen des kalten, berechnenden Verstandes und der Mangel an aller erwärmenden, schöpferischen Phantasie. Die edleren Gefühle der Liebe und Freundschaft, welche im Leben des Mittelländers eine so grosse Rolle spielen, sind dem Mongolen fremd. Ueberall tritt der kalte Verstand hervor, welcher sogleich den Massstab des Zweckmässigen und Nützlichen anlegt. Die Poesie der mongolischen Rasse ist unbedeutend; sie klebt gleich ihrer Philosophie und Religion an der Erdscholle. Es gibt nur diese sichtbare Welt, von welcher der Mongole etwas weiss, an eine andere, unsichtbare Welt zu denken, scheint ihm vollkommen überflüssig (Allg. Ethnographie S. 417).

Alle turko-tatarischen Völker waren früher Anhänger des Schamanentums, wenn auch jetzt dieser Kultus nur noch bei den Tungusen allgemein verbreitet ist. Die Mongolen sind, mit Ausnahme der am Baikalsee wohnenden Buräten, Buddhisten geworden. Die Türken sind seit vielen Jahrhunderten Mohammedaner, nur die Bewohner des Altai und des Sajanischen Gebirges sind Schamanisten geblieben, jedoch haben auch auf sie der Buddhismus und das Christentum Einfluss gewonnen. Unter den Mandschu besteht der Schamanismus neben dem Confucianismus und Buddhismus. Radloff erhielt sein Material hauptsächlich von den Altaianern und erklärt seinen Lesern, dass die Angaben der Schamanen, welche die einzige Erkenntnisquelle auf diesem Gebiete sind, sich oft widersprechen.

Die Turko-Tataren verehren die einander feindlichen Naturmächte des Lichts und der Finsternis, die Geister der Erde, sowie lokale und Ahnengeister. Merkwürdig ist ihr Kultus durch die Handlungen ihrer Priester oder Schamanen (Kam), die darum auch der ganzen Religion den Namen gegeben haben. Wie schon der Name Schaman (= pali samana – buddh. Mönch) fremden Einfluss verrät, bemerkt man in dem weitläufigen System der Mythologie Einwirkung der umgebenden Kultusreligionen und überhaupt den Charakter der späten Kombination. Im höchsten Himmel wohnt Tengere Kaira Kan, der die Geschicke des Weltalls leitet, und im sechzehnten andere Tengere oder Himmelsgötter. Im siebenten Himmel wohnt die Muttersonne, und im sechsten der Vatermond. RADLOFF behauptet, dass diese Angabe des Geschlechtes bloss sprachlich bedingt, mythologisch aber nicht weiter entwickelt ist. Im dritten Himmel wohnen die sieben Kudai (das persische Wort für Götter), mit ihnen zusammen die Geister der Ahnen, welche zwischen den Menschen und den Göttern vermitteln. Die Erde, als

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