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Grundfäden des Gewebes alles Wissens und aller Weisheit, aller Lehren und Bildung, aller Taten. Daran reihen sich als gleichwertig die vier Schu (Bücher) an. In den weltbekannten Staatsprüfungen, welche den Weg zum Mandarinentum öffnen, wird von den Kandidaten eingehende Kenntnis dieser Schriften gefordert. Alle übrigen Schriften, deren Inhalt nicht den klassischen gleich kommt, sind entweder neutral, der Aufmerksamkeit der gelehrten und politischen Welt kaum wert, oder unklassisch, heterodox, die reinen, uralten Sitten verderbend, ketzerisch, gefährlich für Staat und Gesellschaft. Letztere sollen vernichtet, ihre Lehren und Religionen ausgerottet werden.

Mit den neun kanonischen Büchern ist der Name Confucius untrennbar verbunden. Zwar hat er sie nicht verfasst; sie gehören teilweise einer viel älteren, teilweise einer neueren Zeit an. Bloss ein King, das Tsch’un-ts'iu (die Annalen), eine Chronik des Staates Lu, wo er geboren, soll er selbst geschrieben, drei andere King, das Schu (Geschichtsbuch), das Schi (die Lieder) und das Yih (die Wandlungen) nur gesammelt oder redigiert haben. In den Büchern des Li-ki wird er neben den Namen seiner Schüler so häufig erwähnt, dass dieses King zusammengesetzt scheint aus Nachrichten über ihn, und Aeusserungen, die von ihm selbst herrühren. Die vier Schu stammen sämtlich von Schülern des Confucius her; sie enthalten Aeusserungen und Gespräche des Meisters, meist ethischen und politischen Inhalts. Es sind: Lun-yü (Unterredungen), Ta-hioh (grosses Studium), Tschung-yung (das Innehalten der Mitte), eigentlich zwei Bücher des Li-ki, und Meng-tszě (der Philosoph Meng oder Mencius), 372—289 v. Chr.

Neben den oben genannten Büchern wäre noch als Hauptquelle das Tscheu-li oder Tscheu-kwan (Riten der Tscheu) zu erwähnen; es ist ein Handbuch der Staatsverwaltung unter der dritten Dynastie und soll von den Stiftern dieses Hauses Tscheu herrühren.

Diese Bücher wurden unter der Han-Dynastie vor dem Untergang gerettet und zur Grundlage des seitdem geltenden politischen und gesellschaftlichen Systems gemacht. Der Ritualkodex der Han wurde unter späteren Dynastien mehr oder weniger erweitert und modifiziert: die King und die Schu galten und gelten ohne Aenderung als Grundlagen der Konstitution, der Religion und des Ritualwesens.

Manche der späteren Ritualcodices sind, entweder ihrem ganzen Umfange nach oder gekürzt, in den dynastischen Geschichtsbüchern aufbewahrt in speziellen Kapiteln unter dem Titel Li-tschi oder Li-itschi (Schriften über Ritual). Der ausführlichste ist vom zwanzigsten

Jahre der Khai-yuen Periode (732 A.D.) der Thang-Dynastie datiert, als Khai-yuen-li bekannt und mit dem Namen des Staatsmannes Siao Sung verknüpft. Dieser Kodex bildet den Typus aller späteren Codices, einschliesslich von dem der jetzigen Dynastie, welche den Titel Ta-Ts'ing-thung-li (Allgemeines Ritual der grossen TsingDynastie) führt und in 1736 auf kaiserlichen Befehl gedruckt wurde. Dieses Buch ist also die Hauptquelle für unsere Kenntnis der heutigen chinesischen Staatsreligion. I'nentbehrlich für das eingehende Studium derselben sind ausserdem die betreffenden Kapitel im Ta-Ts'ing hwui-tien (Sämtliche Grundstatute der grossen Tseing-Dynastie) und im Ta-Tsing hwui-tien-schi-li (Vorschriften zur Ausführung desjenigen, was im Ta-Tosing hwui-tien enthalten ist). Diese letztere Kompilation in nicht weniger als 920 Büchern wurde 1818 auf kaiserlichen Befehl gedruckt.

Die auf diese confucianische, klassische Literatur nebst der Staatsverfassung basierte Religion ist daher als Confucianismus zu bezeichnen. Wie diese Religion sich im Laufe von wenigstens zwanzig Jahrhunderten gestaltet hat, lässt sich in einem Handbuch nicht beschreiben. Ein ganzes Menschenleben, der Erforschung sämtlicher oben angedeuteter einheimischer Literatur gewidmet, wäre dazu erforderlich. Diese Geschichte ist bis jetzt noch ungeschrieben.

$ 2. Der Kaiser und die von ihm dargebrachten Hauptopfer.

Weil der Kaiser an der Spitze des ganzen Staates steht, ist er auch das Haupt der Staatsreligion. Nach uraltem, kanonischem Rechte, schon im Schu enthalten, ist er der Herr aller Götter, die auf der Erde, die in ihrem vollen l'mfang sein persönliches Eigentum ist, existieren und Einfluss haben. Nur den Himmel, dessen Sohn er ist, hat er über sich, und zwar als Schützer seines Thrones und Hauses, welche unbedingt zu Grunde gehen, wenn er durch frevelhaftes Benehmen sich der himmlischen Gunst unwürdig macht. Ist also der Himmel die allerhöchste Weltmacht, und dessen Sohn, der Kaiser, die allerhöchste Macht auf Erden, so ist letzterer selbstverständlich der höchste Verehrer des Himmels, also Pontifex Maximus der Staatsreligion, theoretisch sogar der ganzen Erde.

Bis heute hat der Himmel in der Staatsreligion seinen alten klassischen Namen Thien, „Himmel“, und Ti, „Kaiser“, hauptsächlich aber Schang-ti, ,,Oberkaiser“ oder „Kaiser der ersten, ältesten Zeiten“. Sein Dienst scheint also eine Art kaiserlicher Ahnenverehrung zu sein, die theoretisch auf einen prähistorischen allerersten Kaiser zurückgeführt wird. Die wahre Bedeutung dieser anthro

pomorphisierten höchsten Naturgottheit hat sich bis jetzt nicht mit Sicherheit aus den alten oder neuen Schriften bestimmen lassen. Die nichtkatholischen Missionen wenden den Namen Schang-ti allgemein für die christliche Gottheit an.

Der wichtigste dem Himmel dargebrachte Opferritus findet alljährlich statt in der Nacht des Wintersolstitiums, auf dem sog. Runden Hügel, Yuen-khiu, auch Thien-tan oder Himmelsaltar, der im Süden des chinesischen Stadtteils Pekings steht. Er ist aus drei runden, aufeinander gestellten und mit Balustraden versehenen Marmorterrassen konstruiert, und wird durch Marmortreppen, die genau nach den vier Himmelsgegenden gelegen sind, bestiegen. Die unterste Terrasse hat 210 Tschih (etwa 75 Meter) im Durchmesser, die obere, welche gegen den Himmel ganz offen ist, 90. Eine weite, von hohen Mauern umgebene Fläche, worin sich auf der Nord- und der Ostseite Tempel und Gebäude verschiedener Bestimmung befinden, und welche teilweise von riesigen Bäumen beschattet ist, umgibt rings diese grösste Opferstätte der Welt.

Das erwähnte Winteropfer findet mit grossartigem Pomp auf der obersten Terrasse statt, wo die Seele des Himmelsgottes selbst durch eine hölzerne Seelentafel, die auf der Nordseite in einem Tabernakel aufgestellt ist, repräsentiert wird. Diese trägt die Inschrift Hwangthien Schang-ti, d. h. „Kaiserlicher Himmel, Oberkaiser. Auf der Ost- und Westseite, gegen Westen und Osten gekehrt, befinden sich gleichartige Seelentafeln der zehn verstorbenen Vorgänger des regierenden Kaisers, von Thai-Tsu an beginnend, und auf der zweiten Terrasse Tafeln für die Seelen der Sonne, des Mondes, des Siebengestirns, der fünf Planeten, der 28 Mondhäuser, und der sämtlichen Sterne und Sternbilder, nebst Tafeln der sog. Thien-schen oder Himmelsgeister, d. h. des Wolkengottes, des Regengottes und der Götter des Windes und des Donners.

Vor jeder Seelentafel ist eine Reihe von Opferspenden aufgestellt, wie Suppe, Fleisch, Fisch, Gemüse, Datteln, Kastanien, Reis, Reiskuchen, Becher mit Wein usw., alles den alten klassischen Vorschriften gemäss. Den kaiserlichen Ahnen, der Sonne und dem Monde wird überdies ein ganzes geschlachtetes Rind geopfert, den Planeten und Sternen ein Kalb, ein Schaf und ein Schwein. Und für den Himmel selbst ist auf einem Scheiterhaufen am Südosten des Altars ein Rind zur Verbrennung niedergelegt.

Den Kaiser, der vorher gefastet, führt ein langer, aus den höchsten und niedrigeren Reichsdienern zusammengesetzter Zug zum Altar hin. Daselbst angekommen, wäscht er sich die Hände, und, während das

Feuer des Scheiterhaufens das Rind verzehrt, opfert er an einem zu diesem Zwecke aufgestellten Altartisch, der Seelentafel des Himmels und nachher den Tafeln seiner Ahnen, Weihrauchstäbchen. Danach legt er, knieend, vor jede Tafel ein Stück Jaspis und Seide, und präsentiert jeder eine Schüssel mit Fleischbrühe. Während er dann dem Himmel einen Becher Reiswein spendet, liest ein Beamter ein geschriebenes Gebet mit lauter Stimme vor und stellt dasselbe vor die Tafel hin. Nebst den Hunderten von Reichsgrossen und Beamten wirft der Kaiser sich zur Erde und berührt dreimal mit der Stirn den Marmorboden. I'nd nachdem er auch den Tafeln seiner Vorfahren einen Becher gespendet, besteigen mehrere dazu angewiesene Beamte die zweite Terrasse, und opfern den Tafeln der Himmelsgeister Weihrauch, Seide und Wein.

Jetzt folgt ein zweites Weinopfer des Kaisers an den Himmel, ohne Gebet, und schliesslich noch ein drittes, dem noch ein Opfer an die Götter auf der zweiten Terrasse folgt, welches darzubringen besonderen Beamten obliegt. Von grosser Bedeutung ist die nächste Verrichtung, nämlich die Darbietung eines Bechers sog. „Glückweins“ und einer Schüssel ,,Glückfleisches“, welche der Kaiser, knieend, nacheinander gegen die Tafel des Himmels emporhebt. Nachdem er sich mit allen Reichsgrossen und Beamten dreimal auf die Kniee geworfen und neunmal die Stirn zur Erde gedrückt, wird die Seele des Himmelsgottes aus der Tablette durch dazu geeignete Musik und Sang hinausgeleitet, und aufs neue beugen der Kaiser und alle Anwesenden neunmal die Stirn zur Erde.

Zahlreiche Hände tragen den Weihrauch, die Seide und die übrigen Opferartikel samt dem geschriebenen Opfergebet zu dazu bestimmten Oefen und werfen alles zur Verbrennung hinein. Nachdem der Kaiser der Verbrennung eine kurze Weile zugeschaut, werden die verschiedenen Tafeln in drei zu ihrer Aufbewahrung bestimmte Tempel nördlich vom Runden Hügel feierlich zurückgetragen und der Kaiser selbst in den Palast zurückgeleitet.

Jeder Teil dieses allerhöchsten Staatsopfers wird von dazu auserwählten, als klassisch anerkannten Musik und Gesang begleitet, jede Handlung durch Zeremonienmeister ausgerufen. Das Zeremoniell aller andern Staatsopfer ist dem hier beschriebenen ziemlich ähnlich und bedarf also keiner weiteren Besprechung. Für Götter niedrigeren Ranges sind der Opferartikel weniger; ebenso ist die Anzahl der den Opferer begleitenden Beamten kleiner, und der Pomp, der Würde des Gottes entsprechend, mehr oder weniger entfaltet.

Ein zweites kaiserliches Hauptopfer wird am ersten Zyklustage

Sin alljährlich dem Himmel samt den kaiserlichen Ahnen dargebracht im Ki-nien-tien oder , Tempel um ein glückliches Jahr (d. h. eine gute Jahresernte) zu erflehen“. Dieses runde, mit drei übereinander ragenden Dächern versehene Gebäude ist vor wenigen Jahren vom Blitz getroffen und verbrannt. Es erhob sich auf einer runden, dreistufigen Marmorterrasse, welche dem Runden Hügel, auf dessen Nordseite sie steht, in der Bauart ähnelt. Zur Erlangung rechtzeitigen Regenfalles wird im ersten Sommermonat in diesem Tempel dem Himmel, den kaiserlichen Ahnen, und den Himmelsgeistern des Regens, des Donners usw. geopfert. Und falls trotzdem der Regen ausbleibt, folgt im letzten Sommermonat eine Wiederholung, Ta-yü oder das grosse Regenopfer“ genannt.

Nächst dem Himmel folgt in der Reihe der Staatsgötter die Erde. Auf einem viereckigen, offenen Altare, in einem ausgedehnten, viereckigen, ummauerten Flächenraum an der nördlichen Mauer Pekings, wird derselben alljährlich am Tage des Sommersolstitiums ein kaiserliches Opfer dargebracht. Die Opferartikel werden nicht verbrannt, sondern vergraben. Auch hierbei empfangen die kaiserlichen Ahnen, deren Seelentafeln zu diesem Zwecke auch auf der höchsten Terrasse aufgestellt sind und die also fast als der Erde Ebenbürtige betrachtet werden, die gebräuchlichen Opfergaben; ebenfalls die durch Seelentafeln auf der zweiten Terrasse vertretenen Erdgötter niedrigeren Ranges, d. h. die fünfzehn vornehmen Berge und Hügel des Reiches, worunter diejenigen, welche die Friedhöfe der kaiserlichen Familie und deren Fungschui beherrschen; weiter die grossen Flüsse, und die vier Ozeane der vier Himmelsgegenden (s. S. 65).

Nächst an Rang stehen die kaiserlichen Ahnen. Auf einfachere Art wird den Seelentafeln derselben im kaiserlichen Haustempel am Neujahrstag und einigen andern Tagen des Jahrkreises geopfert; mit grossem Pomp aber wird ihnen, samt ihren Gattinnen und den verschiedenen Prinzen, in jeder der vier Jahreszeiten und beim Jahresschluss ein Opfer dargebracht im „Grossen Ahnentempel“ Thai-miao, im ausgedehnten Park im südöstlichen Teile des inneren Palastes. Diesen Opfern reihen sich verschiedene andere an, die an festen, dazu bestimmten Tagen oder bei besonderen Gelegenheiten, in einem zweiten Haustempel, ausserdem noch auf den Mausoleen der Voreltern im westlichen und östlichen Friedhofe stattfinden; und ferner werden Opfer an die frühesten Ahnen des kaiserlichen Hauses in ihren Grabstätten bei Mukden vom Kaiser selbst, oder von dazu durch ihn angewiesenen Prinzen oder Reichsgrossen dargebracht.

Es folgen jetzt dem Rang nach die Sché-Tsih oder Götter des

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