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Fernere Nachrichten über Polykarpus.

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Der Brief des Polyfarpus, den eine freundliche Fügung Gottes bis auf unsere Tage gebracht, ist ein Denkmal aus feinem kräftigsten Mannesalter. Er mochte etwa wierzig Jahre alt seyn, als er ihn schrieb. Wie dankbar würden wir seyn, lägen und ähnliche Urkunden aus seinem ferneren Leben vor, wären über dasselbe nur geschichtliche Mittheilungen Underer auf uns gefommen. Alles aber, was wir noch von ihm wissen, fällt in seine lebten Lebensjahre, so daß uns über mehr als funfzig nun folgende Jahre seines Erlebens und Wirkens alle Nachrichten mangeln. Es ist dieß eine Zeit, in welcher die Quellen der kirchlichen Geschichte überhaupt spärlidh rinnen.

Die christliche Kirche, vielfach noch unter der Obhut apostolischer Männer, baute sich in dieser Zeit vornehmlich in Verfassung, Sirchenzucht, Drdnung der heiligen Handlungen und gottesdienstlichen Feiern immer weiter in dem überlieferten Geiste aus, und Manches, was wir davon später bei den Kirchenvätern bemerkt, sowie in den sogenannten „apostolischen Konstitutionen“ aufgezeichnet finden, mag seine Entstehung in dieser ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts haben. Daneben wuchsen die christlichen Gemeinden fortwährend an Zahl wie an Umfang. Der christliche Glaubensgehalt" aber, als überlieferte und zu überliefernde Lehre, gerieth nun, nachdem er den eigentlichen Judaismus gründlich zurückgeworfen hatte, zwischen dem feindlichen Heidenthum und seiner Weltweisheit einerseits, und den immer breiter und mannigfaltiger aufwuchernden Jrrlehren, vornehmlich den gnostischen, anderseits allmählich in ein ebenso gefährliches al8 heilsames Gedränge. Heilsam, insbesondere durch den Kampf gegen die Gefahren und durch dessen Ergebnisse. Indem man dort vertheidigend, hier angreifend das Ueberkommene zu behaupten suchte, fah

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man sich genöthigt, es zunächst sich selbst zum klaren Bewußt: feyn zu bringen, es an den Gegensägen dann zu prüfen und zu bestimmen, nach allen Seiten durchzuarbeiten und auszubilden, und so endlich es als ein Unangreifbares hinzustellen; wodurch man denn aber das, dessen man anfangs nur in unmittelbarer Hinnahme und Uneignung dunkel innegewesen war, nun in einen gegenständlich gewordenen, flaren Besiß verwandelt sah. Das ist die Geschichte der Dogmenbildung zu allen Zeiten. Durch wieviel innere und äußere Stämpfe, durch wieviel Thränen und Blut sie gegangen, vergessen wir nur zu leicht, da wir uns gern von dem abwenden, was so beschämend für die Verkehrtheit und Verberbtheit der Menschennatur zeugt. Obwol nun jener Kampf nach beiden Seiten erst in der späteren Hälfte dieses Jahrhunderts in größter Breite und Ges walt hervortrat, so finden wir doch seine Spuren in zunehmender Ausdehnung auch in der ganzen ersten Hälfte.

Die heidnische Welt verharrte, man kann wol sagen glücklicher Weise, in ihrer feindlichen Stellung. Auf Trajanus folgte 117 Hadrianus, der, auf seinem heidnischen Standpunkte in großem Sinne, die alten Götterdienste würdig wieder aufzurichten suchte, dadurch aber die lange zurückgehaltene Verfolgungswuth der heidnischen Bevölkerungen gegen die Christen von neuem entfesselte. Unter ihm kam jedoch ein Landpfleger Serenius Granianus nach Kleinasien, der eine vortheilhaftere Meinung von den Christen hatte und nach seinem Abgange um 135 den Kaiser veranlaßte, seinem Nachfolger Minucius Fundanus ein gerechteres Verhalten zu befehlen. Wir finden das faiserliche Schreiben hierüber bei Justinus (Apol. I. a. E.) und Eusebius (K. G. IV, 9), wo es folgendergestalt lautet:

An Minucius Fundan us! Ich habe einen Brief erhalten, an mich geschrieben von dem trefflichen Serenius Granianus, welchem du nachgefc

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bist Es scheint mir nun die Sache nicht ununtersucht bleiben zu dürfen, damit nicht die Leute beunruhigt werden und den Angebern Anlaß zu Schlechtigkeiten geboten werde. Wenn daher die Provinzbewohner für eine solche Behauptung gegen die Christen bestimmt versichern können, daß fie fie auch vor dem Richtstuhl verantworten würden, so mögen sie sich lediglich dahin wenden, aber nicht mit bloßem Behaupten und Ges schrei; weshalb es bei Weitem schicklicher ist, daß du unter: suchest, ob Einer flagen wolle. Klagt nun Einer an und beweist, daß sie etwas Gesekwidriges thun, so erkenne nach der Schwere des Verbrechens. Denn beim Herkules! wenn Jemand dies aus Angeberei vorwendet, so urtheile über die

, Schändlichkeit ab, und sorge, daß du sie bestrafít."

Das war gegen die Weisung Trajans immer ein Fortschritt zum Gerechteren. Denn nach jener blieb das Christenthum selbst, wenn sich jemand zu ihm bekannte und babei beharren wollte, ein todeswürdiges Verbrechen; hier aber sollte nicht allein eine ordentliche Anklage, Voruntersuchung und Beweisführung vor Gericht stattfinden, sondern es mußte auch nachgewiesen werden, daß die Christen etwas wider das Geset gehandelt hätten. Jene bloße Angeberei wider die Christen, welcher deren Name bereits als ein Vorwand verbrecherischer Handlung oder Gesinnung galt, sollte fortan bestraft werden. Wäre es dabei allgemein geblieben, so wäre nichts mehr zu wünschen gewesen. Allein als auf Hadrianus im Jahre 138 Antoninus Pius in der Regierung folgte, und bald darauf allerlei Landplagen eintraten, wurden diese von den Bevölkerungen dem Borne der Götter über die Christen zugeschrieben, und die tumultuarischen Verfolgungen der Legteren begannen abermals. Der Raiser, eine milde ruhige Natur, ließ dieselben zwar abstellen, allein im Ganzen trat nur wieder der frühere

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Bustand unter Trajanus ein, und das Christenthum als solches ward doch als Verbrechen behandelt.

Wol nicht ohne Einfluß auf den Saiser mochte die Vertheidigungsschrift für die Christen geblieben seyn, welche kurz nach dessen Regierungsantritte der heilige Justinus an ihn richtete. Dieser thätige und kräftige Vertheidiger des Chriftenthums, um den Anfang des zweiten Jahrhunderts zu Sichem in Samarien geboren, wurde höchst wahrscheinlich zu Ephesus (Euseb. . G. IV, 18) zum Christenthum bekehrt, und war dann für dasselbe an verschiedenen Orten, zweimal längere Zeit auch in Nom, thätig. Sein Ende fällt mit dem unsreg Polykarpus ungefähr zusammen und sie waren Zeitgenossen. Ob die beiden Männer sich je begegnet, wissen wir nicht; unwahrscheinlich aber ist es nicht.

Unter Antoninus Pius, etwa um 157, wurde Unicetus Bischof von Rom, der zehnte in der Reihenfolge. Das Alter der dortigen Gemeinde, ihre Herkunft von Petrus, die Bedeutung der Welt- und Staiserstadt, machten sie in ganz natürlichem Hergange allmählich zur Metropolis für Stalien und alle, meist von Rom aus gegründeten, westlichen Gemeinden in Europa und Afrika. In gleichem Sinne erhob fich Antiochien zur Metropolis für Syrien, Alexandrien für Egypten. Die Kirche der Asia proconsularis mit ihrem Mittelpunkte Ephesus erhielt sich manches Eigenthümliche. Je mehr sich nun in diesen einzelnen Abtheilungen der Stirche Christi das Leben des Glaubens, der Erkenntniß, der christlichen Sitte und Gemeinschaft fortentwickelte und ausbaute, desto mehr mußten, bei allem Festhalten an der gemeinschaftlichen Grundlage, doch Abweichungen hervortreten, veranlaßt durch die Verschiedenheit der Volfsart und Sitte, der geschichtlichen Bewegung, der seitenden Charaktere. Das war aber keineswegs was man wollte. Die neutestamentlichen Schriften, welche, als Zeugnisse ur

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sprünglicher Ueberlieferung begehrt und mitgetheilt, sich überallhin ausbreiteten, wiesen die Einheit und Uebereinstimmung aller Gläubigen als höchstes Ziel und forderten dringend dazu auf. Verschiedenheiten in Lehre, Verfaffung, Bräuchen ließen Sem Zweifel Kaum, ob man überhaupt das Wahre habe, und um die immer gefahrvoller anwachsenden Häresien zu bekämpfen und zu überwinden, war ein einheitliches Zusammenhalten unerläßlich. Ueberdem famen die Christen bei bem vielfachen Hin- und Herströmen der Mensden in dem weiten römischen Reiche häufig in entlegene Gemeinden und fühlten sich verlegt, wenn sie es hier mit ihren größten Heiligthümern anders gehalten fanden als baheim. So drängte Alles, was sich nicht auf eignen und irren Bahnen durch die reine Ueberlieferung belästiget sah, zur Einheit und Ganzheit. Schon zu Anfang des Jahrhunderts hatte Ignatius Einheit in aller Weise lebhaft verlangt, ja sie das Beste genannt. Er zuerst, so viel man weiß, hatte in dein Briefe an die Smyrnäer (Kap. 8) von der ganzheitlichen, der katholischen Kirche gesprochen. Das waren Worte, die nicht wieder verklangen und immer stärkeren Widerhall fanden. Daher sehen wir um die Mitte dieses Jahrhunderts und noch lange nachher ein mannigfaltiges Verkehren der sehr zahlreichen Bischöfe (deren jede größere Gemeinde Einen hatte) theils unter einander, theils mit den Bischöfen der alten großen Centralgemeinden, bald durch Briefe, bald durch persönliche Besprechungen, um sich in jeder Beziehung über das Rechte, Wahre, Ursprüngliche zu verständigen. Und Anlässe dieser Art dürften es gewesen seyn, welche den nun schon hochbetagten Polykarpus von Smyrna zu Anicetus nach Rom führten.

Es mag dieß um dieselbe Zeit gewesen seyn, als der noch ziemlich junge Jrenäus des Polykarpus Schüler war. Da wir ihm alle noch vorhandenen Nachrichten aus dem spa

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