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nur um so verhafter und gefährlicher erschien. Einem Hasle solcher Art ist e8 äußerst willkommen, sich auf religiöse Beweggründe stüßen zu können. Und in Hinsicht dieser muß man auch den mit dem Heidenthum geschlagenen Völkern gerecht werden. Ihre Einbildungskraft erfüllte, wenn auch mit schwindender Glaubensmacht, doch noch ein ganzer Götterhimmel mannigfaltiger Gestalten, derselbe erstreckte fich herab bis auf die bunte Oberfläche der Erde, bis in das immerbewegte Meer, und bis in die geheimnißvollen Tiefen unter Beiden. Vergegenwärtigende Abbilder dieses: Göttergewimmels umgaben sie übera. Heitere Götterfeste, den ins Aeußere gefehrten Menschen durch Schönheit, Reiz, Sinnentaumel befangend, durch geheimnißvolle Weihen den Höheres Ahnenden fesselnd, schienen das Jrbische mit dem Ueberirdischen zu verbinden, bem Bedürfnisse der Religion zu genügen, und erinnerten, neben zahlreichen besonderen Dpfern, die Menge doch immer an jenes Uebermenschliche, ohne dessen wenn auch noch so verirrte Anerkenntniß es kein Gefeß mehr für den Menschen giebt und er als ein Ausgestoßener, als ein natürlicher Feind aller göttlichen und menschlichen Drdnungen erscheint. In ihrem farbenreichen wunderschönen Aberglauben hatten sie doch das Göttliche, wenn fte auch darüber irreten, fühlten fie fich ihm nahe, von ihm bedingt, und erkannten, daß dieß Band zuleßt dem Menschen allein Würde, Werth und alles löbliche gebe. Nun that sich mitten unter solchen Volksmengen eine Menschenart hervor, die ihre reinen heiligen Feiern mit dem Schleier der Verborgenheit zudeckte, Feiern bei denen, auch wenn sie öffentlich gewesen wären, das derbe heidnische Bewußtseyn In halt und Gegenstand vermißt haben würde, die nun aber, durch einzeln Verlautbartes über das Abendmahl und die Liebesmåhler, zu den gräßlichsten Mißverständnissen führten und den Verdacht erweckten, daß die Christen dabei Menschenfleisch

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aßen, Menschenblut tränken und Unzucht verübten. Und eben diese, von so schauberhaftem Argwohn umschwebten Menschen versagten den allgemein anerkannten Göttern jeden Dienst, jede Anbetung, ja lästerten sie, indem sie ihnen das Daleyn ab: sprachen. Solche Menschen mußten dem Heiden nothwendig als Bottesleugner, als „Atheisten" erscheinen. Und so war es denn auch bereits zum losungsruf gegen die Christen geworben: ,,Weg mit den Gottesleugnern!"

Als nach dem Martyrtode des Germanicus die Volkswuth in diesen Aufschrei lošbrach, hieß es auch sogleich: „Sucht den Polykarpus!“ Die hervorragende Stellung des uralten Bischofs hatte in Smyrna ja kein Geheimniß bleiben können, und daß der Ingrimm sich jeßt auf ihn zusammenzog, war natürlich, da das Volf, wie wir aus Kap. 12 sehen, wußte, daß er der angesehenste Lehrer, der Vater der Christen, der einflußreichste Gegner der Götter und ihrer Dpfer und Dienste war.

Wenn in diesen ersten Kapiteln mehrfach die Ausdrücke ,,eder" und , Adel" gebraucht sind, so ist damit der Geschlechtsabel und die demselben angemessene Gesinnung gemeint; denn ganz in demselben Sinne spricht das Schreiben von dem Geschlechte der Christen, dem Geschlechte der Gerechten. Es liegt dem die Anschauung unter, daß die Wiedergeborenen, die von Dhen, die aus Gott Geborenen ein göttliches Geschlecht und der Adel in der Menschheit sind, wie es denn auch ist. Aber Geistliches muß geistlich geurtheilt werden.

4. Der entschlossenen Glaubensfestigkeit des Germanicus gegenüber machte auf die Gemeinde der Abfall des Phrygiers Quintus um fo tieferen Eindruck, als dieser unangeklagt sich selbst als Christ angegeben, auch Andre hierzu verleitet hatte, und dann doch aus Feigheit Christo fluchte und den Göttern opferte. Das mußte die Gemeinde wol darauf hinweisen, daß

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es nicht evangelisch ser, sich dem Martyrthume vorlaut barzubieten, ehe Gottes Walten es als unvermeidlich auferlegte.

5. Aufs Land geflüchtet, that Polykarpus bei Tag und Nacht nichts anders, als beten für Alle und für sämmtliche Gemeinden, wie das seine Gewohnheit war; nicht das war seine Gewohnheit, sich immer nur mit Gebet zu beschäftigen, denn das hätte ihm sein Amt nicht verstattet, wäre auch dem gesunden Christenleben nicht angemessen gewesen, bei welchem Beten und Wirken sich wie Glaube und Liebe, wie Ein- und Aus: athmen verhalten, die zwar nie ohne einander, aber in der zeitlichen Verwirklichung doch nur sind, indem sie einander ab: lösen; auch pflegten die Christen der alten Kirche festgesepte Betzeiten zu halten; sondern seine Gewohnheit beim Beten war, stets für Ade und für die Gemeinden der ganzen Welt zu beten. Das wird erwähnt, um zu zeigen, daß er auch in dieser ängstlichen, gefahrvollen Lage nicht an sich, sondern an die Brüder und die Sache des Herrn gedacht habe. Viel und lange beten können, ist auch eine besondere Gnade und feßt eine starke Emporrichtung der Seele von der Welt voraus.

Das Gesicht von dem brennenden Stopfkissen, das Polykarpus beim Gebet überkam, scheint nicht der einzige Vorgang dieser Art bei ihm gewesen zu feyn, nicht nur weil ihm die richtige Uuslegung fofort zur Hand ist, sondern auch, weil er Stap. 16 ausdrücklich ein Weissagender genannt wird, dessen Aussprüche theils schon erfüllt leyen, theils noch erfüllt werden würden. Diese besondere Gnadengabe in den ersten Gemeinden blieb also dem Aposteljünger bis an sein Ende.

6. Der Friedensrichter oder Stadthauptmann (wie wir Kleronomos wiedergegeben haben), der fich Polykarp8 Gefangennahme besonders angelegen seyn ließ, war der oberste Poli: zeibeamte, dem eine Anzahl Häscher, theils zu Pferde, theils zu Fuß beigegeben war. Diese waren es, die Polyfarpus

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aufsuckten und dann die beiden jungen Sklaven einfingen, deren Einer, als er gefoltert wurde, ihn verrieth.

7. Die Gefangennahme Polykarps geschah am Rüsttage (Joh. 19, 31), mithin gerade auf Charfreitag.

8. Da der folgende Tag, in dessen Frühe er gen Smyrna abgeführt wurde, der hohe Sabbath genannt wird, so traf also der Sabbathstag auch in diesem Jahre mit dem ersten Festfabbath der jüdischen Paffahfeier zusammen. Friedensrichter Herodes und dessen Vater Nicetas müssen ein besonderes Interesse an Polykarpus gehabt haben, daß sie ihm so früh schon entgegenfahren und so angelegentlich versuchen, ihn zum Abfall zu bewegen. Im 17. Sapitel wird Nicetas als Bruder der Alke bezeichnet, woraus zu schließen ist, daß diese Alfe eine auch entfernteren Gemeinden bekannte Christin gewesen sey. Wahrscheinlich war es dieselbe , nun schon bejahrte ober bereits gestorbene Alke, der Ignatius in seinen beiben Briefen nach Smyrna mit so unverkennbarer Vorliebe seinen Gruß fchickte. Jedenfalls war fie eine hervorragende Christin und durch sie das Christenthum in das Haus des Nicetas gedrungen. Der Verbruß ihrer heidnischen Verwandten hierüber sammelte sich hauptsächlich auf Polykarpus, ,, dem Vater der Christen,“ und es lag ihnen ebenso viel daran, ihn zum Abfall zu bewegen und dadurch dann wieder auf ihre christlichen Angehörigen zu wirken, als ihn, wenn dieß nicht gelingen sollte, über die Seite zu schaffen. Das erklärt ebensowol die anscheinende Theilnahme, mit der sie ihn anfangs auf den Wagen zwischen sich nehmen nnd ihn zu bereden suchen, mi

imsich durch den Abfall zu retten, als den plößlichen Uebergang zu feindseliger Heftigkeit, womit sie ihn vom Wagen wieder hinabstoßen und seinem Schicksal überlassen. Die rustige Eile, mit welcher Polykarpus den Rest des Wegs zu Fuß zurücklegt, zeigt, daß ihm die körperliche Kraft und Frische bis in höchste Alter geblieben sey.

9. Durch den verworrenen Lärm der versammelten Menge hörten die anwesenden Christen, als Polykarpus den Schauplag (oder die Rennbahn, das Stadium, wo die öffentlichen Spiele und Thierkämpfe, Verurtheilungen und Hinrichtungen stattfanden) betrat, eine Stimme vom Himmel her: ,,Sey stark und ser männlich, Polykarpe!" den Sprechenden aber sah Keiner. Das Schreiben berichtet einfach und nüchtern nur diese Thatsache, Auffassung und Erklärung den Lesern überlassend, worin wir ihm, wie billig, folgen, ohne uns dadurch zu der immer noch so beliebten Wunderscheu, die nicht minder frankhaft ist als die Wundersucht, bekennen zu wollen.

10. Wenn sich Polykarpus mitten in dem summarischen Verhöre erbietet, den Proconsul Statius Duadratus, wenn er ihm besonderes Gehör schenken wolle, näheren Aufschluß über das Christenthum zu geben, so mag ihn wol die Hoffnung geleitet haben, daß dieß auf den gebildeten Römer nicht ohne Eindruck bleiben werde. In der Antwort des Quadratus :

Ueberrede bas Volk!" dürfte jedoch schwerlich die Absicht, den Polykarpus zu retten, zu erkennen seyn. Es liegt barin nur theils eine Ablehnung jenes Erbietens, theils das Eekenntniß, daß der Proconsul, welcher für ein milderes Verfahren auf die Genehmigung des Kaisers nicht mehr rechnen konnte, der einmal eingeschlagenen Richtung der Volkswuth nicht entgegenzutreten wagte. Daß Polykarpus die tobende Menge durch Ueberrebung hätte gewinnen können, glaubte Quadratus sicherlich nicht.

11. Die steigenden Drohungen des Römers bestätigen nur unsre Auffassung jener Worte.

12. Die ruhige Festigkeit und Freudigkeit des heiligen Greise8 segen den Proconsul außer Fassung, so daß er plöß

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