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Religion und Wissenschaft,

Staat und Kirche

Eine Gott- und Weltanschauung

auf erfahrung8 und zeitgemäßer Grundlage.

Von

Prof. Dr. Adolf Beifing

in Minden.

Wien, 1873.
Wilhelm Braunt üller

1. t. pof- u. Universitätebuchhändler.

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Vorwort.

Udlenn es in der katholischen Bevölkerung Deutschlands noch immer Viele giebt, welche Anstand nehmen, sich den cultur- und staats feindlichen Tendenzen Roms gegenüber offen der Bewegung des Altkatholicismus anzuschließen, oder sich in anderer Weise ausdrücklich zur Sache der Intelligenz und des nationalen Liberalismus zu bekennen, so liegt der Grund dieser Erscheinung zu nicht geringem Theil jedenfalls in der Thatsache, daß selbst in gebildeten Kreisen über das zwischen Wissenschaft und Religion, Staat und Kirche bestehende Verhältniß noch immer eine Unklarheit der Vorstellungen herrscht, aus welcher nur allzuleicht die Besorgniß entspringt, der Gegensatz beider fönne doch vielleicht ein so unvereinbarer sein, daß eine entschiedene Parteiergreifung für Wissenschaft und Staat zugleich eine gänzliche L08reißung von Religion und Kirche bedeute. Der Wunsch, zur Beseitigung dieses Vorurtheils nach Kräften beizutragen, hat zur Abfassung der vorliegenden Schrift den ersten und stärksten Anstoß gegeben, und wenn ich diesen Zweck durch Mittheilung einer Gott- und Weltanschauung zu erreichen hoffe, die in der Ausführung des Gedankens gipfelt, daß zwischen den wirklich festgestellten Ergebnissen der Wissenschaft und den wirklich bleibenden Anschauungen der echten Religiosität, sowie auch zwischen den höchsten Zielen des Staatslebens und den heiligsten Auf gaben der Kirche kein absoluter und wesentlicher, sondern nur ein rela tiver und formeller Unterschied besteht, also von jenen Mächten für diese nichts zu befürchten ist, so stüßt sich diese Hoffnung, abgesehen von den in der Schrift selbst dafür geltend gemachten Gründen, zugleich auf die Thatsache, daß eben diese Gott- und Weltanschauung auch mir selbst während eines mehr als sechzigjährigen Lebens eine solche Zuverjicht zur geist- und gemüthbefriedigenden Rraft der Wissenschaft gewährt hat, daß ich nicht umhin kann zu glauben, sie

könne eine gleiche Wirkung auch auf Andere üben und manches Gemüth, das im gegenwärtigen Conflict noch nicht mit sich im Reinen ist, über seine Bedenken hinüberhelfen.

Neben dem eben bezeichneten praktischen Zweck hat mich jedoch bei Ausarbeitung dieser Schrift auch ein Impuls rein wissenschaftlichen Charakter8 geleitet, indem ich bestrebt gewesen bin, in der gegebenen Gott und Weltanschauung zugleich die allgemeinsten und wesentlichsten Grundzüge eines aus selbständigen Studien hervorgegangenen philosophischen Systems niederzulegen, welches sich seinem Inhalte nach nicht minder auf die unumstößlichen Resultate der Erfahrungswissenschaften, wie seiner formellen Entwicklung nach auf die gleich unabweisbaren Denkgesete der Logik und Metaphysik stützt und als jolches ein in sich geschlossenes Ganzes bildet, das uns die Gesammtheit des Daseins und Lebens ebenso wahrheit&getreu in der Verschiedenartigkeit und Veränderlichkeit seiner Einzelerscheinungen, wie in der Einheit und Beharrlichkeit seines Universalbestandes erkennen läßt.

3n wie weit mir gelungen, die Lösung dieser der Wissenschaft überhaupt als höchstes Ziel vorschwebenden Aufgabe wenigstens in etwas zu fördern, darüber steht natürlich das Urtheil nur der Wissenschaft selbst zu. Ich meinerseits kann nur wünschen, daß man meine Ideen sowohl vom Standpunkt der eracten, wie der philosophischen Disciplinen mit voller Unbefangenheit prüfen möge. In der Vorausseßung, daß diesem Wunsche entsprochen wird, glaube ich mich der Hoffnung hingeben zu können, daß man wenigstens mein eifriges Bestreben, den berechtigten Forderungen beider Anschauungen gleich gerecht zu werden, nicht verkennen wird. Zu ganz besonderer Freude aber würde es mir gereichen, wenn man namentlich in dem Grundgedanken meines Systems, nach welchem das alle Einzeldinge in sich umfassende und aus sich ent faltende Sein als identisch mit der im gesammten Weltleben sich offenbarenden Universalbewegung zu denken ist, ein Princip anerkennen würde, welches der wissenschaftlichen Forschung wie kein anderes die Möglichkeit bietet, aus ihm als aus dem gemeinjamen Urgrunde ebensowohl alle natürlichen wie alle geistigen Erscheinungen abzuleiten und dadurch zwischen dem Realismus und Idealismus eine leichtere Verständigung und ein harmonischeres Zusammenwirken anzubahnen, und wenn auch in weiteren Kreisen die Einsicht zum Durchbruch gelangte, daß dieses Princip, welches an die Stelle eines schlechthin abstrusen und

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