Ҿ˹˹ѧ
PDF
ePub

Wer auf diese Weise aus der Sippe ausgestossen, entsippt wurde, dem blieb nichts übrig, als die Heimstätten seiner bisherigen Genossen zu verlassen und in Wald und Einöde zu fliehen. Darum nannte man diesen Aüchtigen Totschläger im germanischen Altertum Waldgänger oder auch Wolf, »weil der Verbannte gleich dem Raubtier ein Bewohner des Waldes ist und gleich dem Wolf ungestraft erlegt werden darf1).« Sein Los war in jenen alten Zeiten, als der einzelne sich noch nicht als Individuum von der Gesamtheit losgerissen und nur im Kreise seiner Genossen Berechtigung hatte, dermassen traurig, wie wir modernen Menschen dies uns gar nicht mehr vorzustellen vermögen. Es war Tod bei lebendigem Leibe und, man wäre versucht zu sagen, noch etwas Schlimmeres. Ohne Heim, ohne Weib und Kind, ohne Genossen, vogelfrei so verlor er die Mannheiligkeit« d. h. den Anspruch auf persönlichen Rechtsschutz?) und mochte so weiterleben, wenn er es konnte 3).

Gegen den friedlosen Entsippten war »jedermanns Hand«, wie wider Ismael, Hagars Sohn4); und jeder, der entsippt war, wurde tatsächlich, wie er, aus der Gesellschaft der Menschen in eine Wüste hinausgestossen. Nachklänge finden sich in dem Kastenrecht der Inder. Hier ist noch heute das letzte und

1) GRIMM, Rechtsaltertümer, S. 733. So heisst es im Fluch der Sigrun im zweiten Liede von Helgi bei GRIMM, Lieder der alten Edda,

S. 109:

»Da wäre an dir gerächt Helgi's Tod
Wenn du wärst ein Wolf im Walde draussen,
Gutes entwöhnt und aller Freude,

Habest keine Speise, wo nicht um Leichen du sprängst!« 2) SCHRÖDER, Deutsche Rechtsgeschichte, S. 74.

3) GIERKE, Genossenschaftsrecht, Bd. I, S. 31; WILDA, Strafrecht der Germanen, S. 281 ff.; LÖFFLER, Schuldformen des Strafrechts, Bd. 1, S. 36. So sagt JHERING (Geist des römischen Rechts, Bd. I, S. 226) mit Recht: » Gentilität und volle Rechtsfähigkeit, Nicht-Gentilität und volle Rechtlosigkeit ist ursprünglich gleichbedeutend.a 4) 1, Mose 16, 12.

furchtbarste Drohmittel die Ausstossung des Missetäters aus der Kaste 1).

Ganz das Nämliche wie von unsern Altvordern, wird uns von den nordamerikanischen Rothäuten berichtet. Es ist als ob wir in den isländischen Volksrechten lesen, wenn es von diesen Völkern, die doch unsere Antipoden am entgegengesetzten Teil der Erdoberfläche sind, heissta): >Aus der Blutrache entsteht Friedlosigkeit (outlawry); denn, wenn ein Stamın findet, dass eins seiner Mitglieder in seinem Gehaben so gewalttätig wird, dass die anderen nicht länger für ihn verantwortlich sein wollen, so fasst der Stamm den förmlichen Be. schluss, dass der Schuldige nicht länger zu seiner Gemeinschaft gehört. Er wird dann aus dem Stamm vertrieben und wird ein friedloser Mann, und jeder darf ihn töten.« So kehrt Ismael, der friedlos Ausgestossene, in allen Teilen der Erde wieder.

Die Blutrache versagt also, wenn der Täter aus der Sippe hinausgetrieben, entsippt wird. Dies ist für das ganze Institut sehr bezeichnend; denn, wie schon oft betont, die Blutrache ist die Form, in welcher zu der Zeit der alten Hausgenoss schaften die Menschheit den Zwecken der Strafverfolgung ge. nügte. Es war am Anfang der Dinge undenkbar, dass diese Verfolgung sich gegen den Einzelnen richtete, weil der Einzelmensch als solcher überhaupt noch nicht entdeckt war: der aus der Hausgenossenschaft Ausgestossene zählte nicht mehr als Mensch, er war wie ein Tier des Waldes. So wurzelt alles in der grossen Fülle aller Kulturerscheinungen, und keine Erscheinung, die nicht zugleich Wirkung und Ursache vieler Dinge wäre. Und so sehen wir überall, wo die alten Hausgenossen

ssen

) Kohler in Zeitschrift, Bd. 8, S. 107, Bd. 9, S. 356, Bd. 10, S. 176 ff. Perrin, Reise durch Hindostan, Bd. I, S. 174.

2) DORSEY im Third annual Report of the Bureau of Ethnology, Washington 1884, S. XLIX, LVIII.

3

Übergang zur staatlichen Strafverfolgung

117

schaften sich überlebt haben und der grössere Verband des Staats sich darüber hebt und erstarkt, die alte Blutrache allmählich zurückgedrängt werden und verschwinden. Vom Standpunkt des umfassenderen Staatswesens aus erscheinen die Fehden der Sippen untereinander ungeheuerlich und als un. statthafte Bürgerkriege; man empfindet die Zustände, die mit der Ausrottung ganzer Familien drohen, als unerträglich. So kommt es, dass die zunehmende Kultur die Menschen dahin führt, einen Richter als Vertreter des Staats zu berufen, statt dass die einzelne Sippe ihre Streitigkeiten selbst in die Hand nimmt. Wir sind selten in der Lage diesen Entwickelungsgang so genau zu verfolgen, wie bei den südslavischen Völkern, wo durch die lange Fortdauer der alten Hausgenossen. schaften sich bis in unsere Zeit hinein die Blutrache erhielt, und die Übergänge zum modernen Strafverfahren sich deswegen für uns in voller Tageshelle vollzogen. Bei den Serben schritt man, um den Übeln der Blutrache und den aus ihr entstehenden und sich fortzeugenden Missetaten ein Ende zu bereiten, zur Einrichtung von Friedens- oder Sühnegerichten, welche vom Volk aus angesehenen Männern gewählt wurden ). Dabei wurden möglichst viele Richter und möglichst viele Vollzieher des Urteils bestellt, damit die Familie des Verurteilten nicht

sagen konnte, dieser oder jener habe durch den Urteilsspruch oder dessen Vollziehung ihren Verwandten getötet, und nicht etwa mit der Blutrache gegen solche einzelne Personen vorginge%). Also, wie in den ältesten Zeiten bei öffentlichen Verbrechen (Landesverrat, Kriegsflucht und dergl.) die ganze Volksversammlung (der Thing) in den germanischen Ländern zu Gericht sass, so wählt man hier möglichst viel Volksgenossen, um das Urteil als Stimme des Volks selbst erscheinen

1) WESNITSCH in Zeitschrift, Bd. 9, S. 64 ff.
2) Montenegro und Montenegriner, Stuttgart und Tübingen 1837, S. 47.

zu lassen und es schon hierdurch über die Lynchjustiz der einzelnen Sippe zu erheben.

Wir können annehmen, dass sich der Übergang zum staatlichen Strafrecht auch anderwärts in ähnlichen Bahnen vollzogen haben wird. Eine Eigentümlichkeit, die wir vielfach beobachten, ist, dass aus den Zeiten der Blutrache her, den Verwandten des Getöteten, an Stelle dieser ihnen endgültig entwundenen eigenen Gerichtsbarkeit, Anklage-Recht und Pflicht überkam. So war es bei den Athenern. Hier erhoben nach einem von DRAKON herrührenden Gesetz, das aber noch zu den Zeiten des DEMOSTHENES galt, die Anklage wegen Mords oder Todschlags ausschliesslich die Verwandten 1). Bei der fahrlässigen Tötung musste der Täter auf einem bestimmten Wege für eine gewisse Zeit das Land verlassen, falls er nicht von den Verwandten des Getöteten schon früher die Erlaubnis zur Rückkehr erhielt).

Auch das alte Rom kannte eine wenigstens von der Sitte gebotene Anklagepflicht der Familie). Doch wird ihr keine grosse Bedeutung zuzusprechen sein, da uns hier schon früh die Verfolgung durch die staatliche Strafgewalt entgegentritt, und nach dem Bericht des Livius sogar schon im Prozess des HORA'TIUS die Agnaten gegen die staatliche Gewalt zurücktraten).

Bei unsern Altvordern war nach dem Zeugnis des TACITUS“) also mindestens bei den Stämmen, die mit den Römern

S. 53

1) HEFFTER, Athenäische Gerichtsverfassung, S. 142 ff. SCHMIDT, die Ethik der alten Griechen, Bd. 2, S. 128, 358; PHILIPPI, der Areopag und die Epheten, 1874, S. 68. LÖFFLER, Schuldformen der Strafrechts, Bd. 1,

Vergl. auch PLATO, de legibus IX, 8.
2) PHILIPPI a. a, O., S. 136 ff.; Löffler a. a. O., S. 55, 56.
3) BERNHöft in Zeitschrift, Bd. 2, S. 295.

4) Livius 1, 26; Voigt, Leges regiae (Abhandlungen der Kgl. sächsischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 17), S. 622.

5) Germania C. 12.

Übergang zur staatlichen Strafverfolgung

119

[ocr errors]

in Berührung kamen

der Gedanke der Strafgewalt des Staats schon vorgeschritten. Verräter, Kriegsflüchtige und Feiglinge wurden mit schmählicher Todesstrafe von der Volksversammlung belegt – hier sehen wir demnach das militärische Vergehen als zuerst vor den Richterstuhl des Staats gezogen, gerade wie wir vorhin beobachteten, von wie gewaltigem Einfluss die Kriegszüge auf die Entwickeluug des staatlichen Königs- und Richtertums, also einer wichtigen Seite des Staatsgedankens überhaupt gewesen sind 1). Aber hiermit nicht genug, wird bei TACITUS schon ein Teil der Busse vom Täter als Friedensgeld an die Gemeinde oder den König entrichtet); hier tritt also auch schon bei dem sühnbaren Vergehen der Staat (Stamm) als der oberste Friedens- und Gerichtsherr auf. Wie sehr sodann die Stürme der Völkerwanderung und die unablässigen Kriegswirren den Übergang zur staatlichen Strafverfolgung beschleunigten, ist oben bereits berührt worden). Auch hier ist das Anklagerecht der Verwandten eine Erinnerung an die Gestaltung der Dinge in älterer Zeit“); so wird dem

1) Oben, S. 17.

2) Germania ebenda: Pars multae regi vel civitati, pars ipsi qui vindicatur vel propinquis ejus exsolvitur.

3) Oben, S. 70.

4) So findet sich dieses Recht des Verletzten auf Erhebung der Anklage in der Constitutio pacis Kaiser Friedrichs II. vom 15. August 1235 C. 5. Der Wortlaut der Stelle möge, weil er sehr bezeichnend den Unterschied zwischen Blutrache und staatlicher Rechtspflege hervorhebt, hier wiedergegeben sein: Ad hoc magistratus et jura prodita sunt, ne quis sui doloris vindex sit, quia, ubi juris cessat auctoritas, excedit licentia säviendi. Statuimus igitur, ut nullus, in quacunque re damnum ei vel gravamen fuerit illatum, se ipsum vindicet nisi prius querelam suam coram suo judice propositam secundum jus usque ad finitam sententiam prosequatur. Als der eigentliche Verfolger

so stark war die Macht der alten Idee noch immer

erschien also weniger der Staat als die Sippe;

nur Gehilfe des Klägers bei Erfüllung seiner rechtlich gebilligten Rache (Zöpfl in seiner Ausgabe des Bamberger Stadtrechts, Heidelberg 1839, S. 127).

das Gericht war

« ͹˹Թõ
 »