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alles auf die Gemütsverfassung und die Widerstandskraft der Nerven des Beschuldigten ankam. Man kann wirklich sagen, dass die Menschheit sinnreich alle Kombinationen erschöpft hat, um in zweifelhaften Fällen eine Entscheidung, auf die Schuldfrage eine Antwort zu erhalten. Wie eine Nachahmung und Übertragung oben beschriebener Ordale auf die Tierwelt erscheint es, wenn man bei den Niam-Niam am oberen Nil einem Huhn einen Trunk gibt; stirbt es, so ist der Täter schuldig, überlebt es, so wird er gerechtfertigt. Oder man macht die Wasserprobe nicht mit dem Beschuldigten selbst, sondern mit einem Hahn; dieser wird bis zum Ersticken ins Wasser gehalten und die Entscheidung davon abhängig gemacht, ob er wieder zu sich kommt oder nicht“). Die Probe mit dem Huhn findet in ganz ähnlicher Weise bei den Wanyamwesi statt; aber hier verlangt das Volk zuweilen, dass der Beschuldigte selbst den giftigen Trank nimmt). Ein Abbild des gerichtlichen Zweikampfes ist das Hahnenordal der Topantunuasu (eines Malaienstammes), wobei man zwei Hähne gegen einander kämpfen lässt 3). Andere Malaienstämme bestimmen Schuld oder Unschuld aus dem letzten Zappeln eines verendenden Huhns, aber auch aus dem frühern oder spätern Abbrennen zweier Kerzen, dem schnellern oder langsamern Auflösen zweier Salzstücke 4). Die Hand Gottes ist es, die der um die Wahrheit besorgte Mensch hier überall in den Erscheinungen der Aussenwelt sucht.

Auf einer wesentlich andern Grundlage steht die Bahrprobe oder das Bahrgericht. Hier soll nicht die Gottheit, sondern der Tote selbst oder die Seele, die den erkalteten Leichnam noch nicht verlassen hat, den Täter weisen. Dies beruht auf

1) HARTMANN, die Nilländer, S. 170 ff.
2) ANDREE, Forschungsreisen, Bd. 2, S. 370.
3) KOHLER, in Zeitschrift, Bd. 6, S. 349.
4) KOHLER nach WILKEN ebenda, Bd. 5, S. 460.

dem uralten Glauben, den wir schon so oft erwähnt haben, dass die Seele in der ersten Zeit nach dem Tod ihr früheres Heim nicht verlässt, die alte Stätte umschwebt und noch den irdischen Dingen gehört. Es ist dies das Gottesurteil, das uns aus den Nibelungen 1) geläufig ist; denn wir alle wissen, wie Siegfrieds Wunden bluten, als der grimme Hagen zur Babre tritt. Und ebenso blutet in SHAKESPEARE's Richard III. die Leiche König Heinrichs bei Gloster's Nahen 2):

» Ihr Herrn! seht! seht! des toten Heinrichs Wunden
Öffnen den starren Mund und bluten frisch.«

Dieses Gottesurteil hat sich in Deutschland als Gerichtsgebrauch lange, bis in das 16. Jahrhundert hinein, erhalten; es war Sitte, dass der Beschuldigte nackt vor der Bahre niederknieen, einen Unschuldseid leisten und den Toten berühren, wohl auch kiissen musste 3). Der Gedanke dieses Ordals ist weit verbreitet, die Form seiner Ausübung verschieden. So wird bei den Bagirmistammen der Sahara der Leichnam von Zauberern auf die Köpfe genommen, und diese fühlen sich durch geheimnisvolle Eingebung getrieben, bis sie an die Hütte des Schuldigen gelangen; es kommt auch vor, dass der Zauberer statt des Leichnams sich ein Bündel Gras auf den Kopf legt 4). Ähnlich ist die Bahrprobe bei den Australnegern gestaltet: mehrere Männer tragen die Bahre, und werden die

1) V. 984 ff.
2) Richard III. Akt I Scene 2.

3) GRIMM, Rechtsaltertümer, S. 930, 931; BRUNNER, Deutsche Rechtsgeschichte, Bd. 2, S. 411, 412, OSENBRÜGGEN, Studien, S. 327 ff.

4) NACHTIGAL, Sahara und Sudan, Bd. 2, S. 686. Ähnlich ist die Ausübung der Bahrprobe an der Goldküste; CRUICKSHANK, 18 years on the Gold Coast of Afrika, Bd. 2, S. 177 ff.: zunächst wird auf diese Weise aus der Versammlung des Volks die Sippe ausgemittelt, zu welcher der Mörder gehört, dann aus der Sippe das Haus des Mörders und aus dem Hause dieser selbst.

CRUICKSHANK macht hierbei mit Recht auf die eigentümliche Parallele im Buch Josua 7, 16 ff. aufmerksam.

Namen verschiedener Personen genannt; sobald man den rechten trifft, empfinden die Träger einen plötzlichen Impuls, sie fühlen sich vorwärts getrieben oder, ist der Mörder anwesend, so wird er von den Zweigen der Bahre berührt. Oder man legt einen Käfer oder eine Fliege ins Grab und beobachtet die Richtung, welche das Tier nimmt, oder die Richtung des Rauches beim Verbrennen des Leichnams, oder die Richtung, in welcher sich Sprünge im Grabe bilden).

Wie hier der Zauberer von dem Geist des Toten getrieben wird, so ist es bei andern Ordalen die visionäre Eingebung des gottbegeisterten Sehers, durch die der Schuldige gefunden wird. Verschieden ist die äussere Form, in der sich die Vision vollzieht: bald sieht er den Täter im Traum, bald im Spiegel der Wasserfläche, bald in Kristall oder Scherben, aber immer ist die Verzückung das entscheidende Moment, das den Seher über die Grenzen der irdischen Einsicht hinausführt und ihn zum Mittler der Gottheit macht?).

Ursprünglich ein Ordal war auch der Unschuldseid des Angeklagten. Denn man erwartete auch hier die Entscheidung von der Gottheit; frei von Schuld war der Verdächtigte, wenn nach der Eidesleistung das Unheil, das er im Fall der Schuld durch den Eid gegen sich beschworen hatte, nicht eintraf. So beschwört er bei den Malaien seine Unschuld und verwünscht sich, dass er, wenn meineidig, in einem Monat durch das Schwert fallen solle 3). Oder er trinkt bei der Eidesleistung Wasser und der Glaube besteht, dass selbst das Wasser ihm Verderben bereiten müsse, wenn er die Gottheit durch falschen

1) KOHLER, in Zeitschrift, Bd. 5, S. 369, Bd. 7, S. 366, 367, Bd. 12, S. 426; wegen Neu-Guinea ebenda, Bd. 14, S. 392, 393. Über solche Bräuche in der Provinz Bombay ebenda, Bd. 10, S. 187.

2) William Ellis, Polynesian researches, London 1830, Bd. 2, S. 240. Martin in Zeitschrift für Ethnologie 1877, S. 178.

3) KOHLER in Zeitschrift, Bd. 6, S. 349.

Schwur verletzt habe?). Von hier aus bis zu unserem Eide neuerer Zeit sind nur noch Zwischenstufen und Übergänge in Auffassung und Denkweise). So nimmt bei den Georgiern des Kaukasus der Beschuldigle durch feierlichen Eidschwur, bei dem er körperlich den Ankläger auf seine Schultern nimmt, dessen Sünden auf sich, falls er die Tat begangen haben sollte: » Deine Sünden sollen beim jüngsten Gericht auf mir sein, und ich soll an deiner Statt verdammt sein, wenn ich das getan habe, dessen du mich anklagst« 3). Wir sehen hier also den Eid auf das religiöse Gebiet gerückt; nicht Heil in der Zeitlichkeit, sondern das ewige Seelenheil verschwört der Bezichtigte, falls er schuldig ist.

Der Unschuldseid war auch unsern Vorfahren bekannt und wurde zunächst auf die Waffe geleistet. In alter Zeit steckte man die Spitze des Schwerts in die Erde und schwur, die Hand auf den Griff gelegt. Später legten die Freischöffen bei der Feme die Hand auf das breite Schwert und schwuren. Und in Holstein sagt noch bis in spätere Zeit der, »der den Eid stabt«, zu den Schöffen: »Tretet herbei, ihr Kerls, und haltet die Finger auf das Schwert und haltet sie nicht davon ab, ehe es euch geheissen wird«, und so taten sie, während der Eid geschworen wurde *).

Der Zusammenhang mit dem alten Waffenordal drängt sich hier auf, wie wir überhaupt bei den Germanen den Eid

1) Bastian, die Kulturländer des alten Amerika, Bd. I, S. 561,

Anm. 2.

2) Über den Unschuldseid bei den Hottentotten, von BURGSDORFF in Zeitschrift, Bd. 15, S. 357.

3) R. DarEsTE, Études d'histoire de droit, S. 130.

4) Grimm, Rechtsaltertümer, S. 165, 166; Seestern-Pauly, die Neumünsterschen Kirchspielgebräuche, 1824, S. 32. So schwuren auch die heidnischen Russen auf das Schwert (MACIEJOWSKI, slavische Rechtsgeschichte, Bd. 2, S. 101).

im Zusammenhang mit dem Ordalverfahren finden 1); auch hier scheint für den Unschuldseid möglich, dass derselbe Ge. danke, 'wie bei den Malaien, ursprünglich obgewaltet hat: ich soll durch das Schwert fallen, wenn ich schuldig bina). So schwur man auch auf das Opfertier und verwünschte sich, der Blitz solle ihn, den Schwörenden, niederstrecken wie das Tier, das beim letzten Wort der Verwünschung niedergemacht wurde 3). Und so fasste man später in Skandinavien den mit Opferblut geröteten, dem Gotte Ullr geweihten, im Tempel auf bewahrten Ring*), in christlicher Zeit durchweg das Kreuz oder die Reliquien an zum sichtbaren Zeichen, dass man, wenn meineidig, vom Heil verlassen sein sollte. Das Gottesgericht wurde aus dieser in jene Welt verlegt.

Dieser alte Zusammenhang zeigt sich uns am deutlichsten im indischen Recht. Denn im Sanskrit bezeichnet noch ein und dasselbe Wort Gottesurteil und Eids), und beide Begriffe werden unter dem Ausdruck »göttliches Verfahren« zusammengefasst 6). So sagt auch das Gesetzbuch des MANU"), ganz in diesem Sinn den Eid als Gottesurteil auffassend: » De

welchen das flammende Feuer nicht versengt, welchen das Wasser nicht emportauchen lässt, oder dem nicht bald (nach seinem Eide) ein Unglück widerfährt, muss als gerechtfertigt hinsichtlich seines Eides erkannt werden.«

Also, um noch einmal zusammenzufassen, man beschwur in alter Zeit nicht, wie heute, bestimmte einzelne tatsächliche

1) BRUNNER, Deutsche Rechtsgeschichte, Bd. 2, S. 437 ff.; über das Verhältnis von Ordal und Eid im germanischen Recht, K. Maurer in Germania, N. Reihe, Bd. 7, S. 146 ff.

2) Über den Vieheid der Friesen, bei welchem der Schwörende sein Hab und Gut verfluchte, vergl. BRUNNER a. a. O., S. 430.

3) Dawn, Bausteine, Bd. 2, S. 118.
4) GRIMM, Rechtsaltertümer, S. 895.
5) Jolly in Zeitschrift, Bd. 3, S. 252, Anm. I zu V. 109.
6) JOLLY a. a. O., S. 263, Anm. 2 zu V. 178.
7) Buch 8, V. 115.

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