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Behauptungen, sondern der Eid war ursprünglich Unschuldseid. Er war eine Verfluchung für den Fall, dass der Schwörende schuldig war, und die Bestätigung des Eids erwartete zunächst grobsinnlich in dieser Zeitlichkeit; nicht der Eid, sondern der Ausgang, dass der Schwörende nicht von dem Unheil, das er auf sich herabschwur, heimgesucht wurde, entschied. Dann ging man davon aus, dass Niemand so frevelhaft sein würde, sein eigenes Heil meineidig bei der Gottheit zu verschwören, und übertrug die Verwünschung auf das ewige Heil.

So werden wir uns den Entwickelungsgang des Eids vorzustellen haben. Hier trat uns aber immer der Einzelne als Schwörender entgegen, und dies ist der Entwickelung bereits vorgegriffen. Denn, wie wir sowohl im Strafrecht (Haftung der Sippe für die Tat des Sippengenossen) wie in der Geschichte des Eigentums (Hausgenossenschaften) sahen: es ist ein gewaltiger Schritt nach vorwärts, wenn sich der Einzelne als solcher aus der Masse seiner Genossen loslöst. Der Begriff des Individuums ist ein später Kulturbegrift; der Einzelne ist zunächst immer nur Einer von Vielen, er zählt und geht nur mit der Menge der Seinen in Stamm, Sippe, Genossenschaft. So in der Dichtung mit den Volksepen und dem Volkslied, dessen einzelne Dichter wir nicht kennen; so in der Kultur überhaupt und auch im Recht. Eins hängt mit dem Andern untrennbar zusammen, weil die Grundauffassung, die den Charakter jener alten Zeiten bestimmt, die nämliche ist. So können wir voraussetzen, dass in ältester Zeit der Unschuldseid nicht vom Beschuldigten allein, sondern von seiner gesamten Sippe geleistet wurde. Und wir finden dies durch die Tatsachen bestätigt. Im alten Arabien musste der ganze Stamm den Reinigungseid schwören; wer dies nicht tat, kam verhältnismässig für die Blutbusse aufl). Nicht anders wird,

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1) ROBERTSON SMITH, Kinship and marriage in early Arabia, S. 35.

wenn wir es mit dem vorausgeschickten allgemeinen Gang der Dinge zusammenfassen, der Ursprung der Eideshelfer des älteren deutschen Rechts gewesen sein, die mit dem Schwur. pflichtigen zusammen dessen Unschuld beschwören mussten; diese Institution ist also nicht ein ursprünglicher Rechtsgedanke, sondern die letzte, uns im Abendland noch spät erhaltene Stufe einer langen Entwickelung, die ihren Anfang von der gemeinschaftlichen Verpflichtung der ganzen Hausgenossenschaft oder Sippe nahm.

Dies ist, was sich im allgemeinen über die Vorgeschichte des Eids sagen lässt. Sehen wir nun, wie sich das Gesagte universal bei verschiedenen Völkern der Erde bewährt! Bei den Indern ist uns aus alter Rechtsentwickelung überliefert, dass der Schwörende die Hand auf den Kopf seiner Frau oder seiner Kinder legte; traf sie entweder sofort oder nach einer gewissen Zeit (bis zu sechs Monaten) kein Unheil, so galt der Schwörende als gerechtfertigt?). So wird noch heute in Bihar (Vorderindien) auf das Haupt des Sohnes geschworen - ist das Beschworene unwahr, so stirbt der Sohn innerhalb eines Jahres'). Und ähnlich ist es mit der Eidesleistung bei den Ureinwohnern Niederbengalens: man schwört auf einem Tigerfell, und nach dem Volksglauben wird der Meineidige von einem Tiger verwundet; oder auf einem Ameisenhaufen, und der falsch Schwörende zerfällt in Staub 3).

Die Solidarität der ganzen Familie bei der Eidesleistung tritt auch in dem alten Glauben der Hellenen hervor, dass die Verletzung des Schwurs durch Unglück nicht nur an dem Meineidigen selbst, sondern auch an seinem ganzen Geschlecht gestraft wird“).

1) Gesetzbuch des Manu Buch 8, V. 114, 115. SCHLAGINTWEIT, die Gottesurteile der Indier, S. 28.

2) KOHLER in Zeitschrift, Bd. 8, S. 99.

3) Kohler ebenda, Bd. 8, S. 267, 268. Dalton, Descriptive Ethnology of Bengal, S. 158, 294.

4) Hesiod, "Epya xal tuépal 282 ff., 371 ff.

Die ursprüngliche Natur des Eids als einer Verwünschung von Leib und Leben des Mannes selbst oder der Seinen tritt noch deutlich in Schwurformeln hervor, die im spätern römischen Recht, von Ulpian und Paulus, für rechtsgiltig gehalten wurden: beim eigenen Haupt, bei dem Haupt der Söhne oder der eigenen Gesundheit).

Von dem Eid der Germanen ist vorhin schon gesprochen. Der Unschuldseid war das Recht des Mannes, der auf diese Weise sich von der Anklage entsühnte; er musste seine Unschuld beweisen), hierzu genügte aber die Leistung des Eides. Insoweit war er »näher zum Eide«. Die aus alter Zeit erhaltenen Eidesformeln beziehen sich zum grossen Teil auf die Waffen, wie oben schon des Zusammenhangs mit dem Waffenordal gedacht war; so schwuren die Helden der Edda bei Schiffes Bord und Schildes Rand, bei Rosses Bug und Schwertes Spitze). Und bereits in alter Zeit bestand der Glaube, dass

) 1. 3, § 4, I. 4, 1. 5 pr. D. 12, 2.

2) Ganz ebenso war die Regelung der Beweislast bei den Indern; auch hier musste der auf Verdacht Festgenommene sich reinigen, und konnte dies nur durch Gottesurteil tun (vergl. den altindischen Kommentar in Zeitschrift, Bd. 16, S. 146, 147).

3) So heisst es im Fluch der Sigrun (im 2. Liede von Helgi bei Grimm, Lieder der alten Edda, S. 109):

Dich sollen alle Eide schneiden,
Die du dem Helgi geschworen hattest
bei der Leiptur glänzendem Wasser
und dem urkalten Unnarstein.
Das Schiff schreite nicht, das unter dir schreitet,
wenn auch erwünschter Wind dahinter wehe!
Das Ross renne nicht, das unter dir rennt,
wenn auch vor deinem Feinde du fliehen müssest.
Das Schwert schneide nicht, das du ziehst,

wo nicht dir selber es singe ums Haupt.« GRIMM, Rechtsaltertümer, S. 50. ED. CHILPERICI regis C. 4 (Mon. German. Leg. II, S. 6) Schulte, Reichs- und Rechtsgeschichte, 5. Aufl., S. 412, Anm, 6.

der falsch Schwörende auch im Jenseits harte Strafe zu ge. wärtigen habe; nach der Völuspâ müssen die Meineidigen nach ihrem Tode in der Unterwelt durch Ströme von Gift waten 1). In allen wichtigeren Sachen hatte nicht nur der Beschuldigte selbst den Eid zu leisten, sondern Eideshelfer hatten zu schwören, dass jener Eid des Beschuldigten »rein und unmein« sei. Dies waren Verwandte oder Gemeinde. genossen2), also die alte Sippe, die ebenso dem Verletzten bei der Blutrache half und mit dem Täter die Blutbusse zahlte, hier mit dem Verdächtigten dessen Unschuld bekräftigte. Nur ihre Überzeugung betätigten sie mit dem Eide, sodass sie nicht meineidig wurden, wenn sie die Unschuld eines Schuldigen beschworen hatten).

Von den alten Slaven wissen wir, dass sie auf ihre Waffen und bei dem Gotte Perun schwuren“). Die Einrichtung der Eideshelfer war bei ihnen ebenso verbreitet wie bei den Germanen"). Furchtbar ist der Eid der Montenegriner: wenn das Beschworene nicht wahr sei, solle Gott geben, dass sie ihre Kinder nicht gross sehen, dass ihr Samen in der Erde, die Frucht in ihrem Vien, die Kinder in ihren Weibern zu Stein werden; dass sie alle der Aussatz lebendig zerfresse, dass sie kein Glück haben u. s. w.6).

1) Völuspá 43. Edda, übers. von HOLTZMANN, S. 23.

2) Grimm, Rechtsaltertümer, S. 859 ff.; Brunner, Deutsche Rechts. geschichte, Bd. 2, S. 433 ff.; GIERKE, Deutsches Genossenschaftsrecht, Bd. 1, S. 72, Anm. 42.

3) Grimm a. a. O., S. 862; über die Eideshelfer der Germanen vergl. noch Rogge, Gerichtswesen der Germanen, S. 136 ff.; Siegel, Geschichte des Deutschen Gerichtsverfahrens, Bd. I, S. 176 ff.; Waltz, Deutsche Verfassungsgeschichte, 2. Auf., Bd. I, S. 413 ff., Walter, das alte Wales,

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S. 479.

4) MaciejOWSKI, Slavische Rechtsgeschichte, Bd. 2, S. 101.
5) MACIEJOWSKI a. a. O., Bd. 2, S. 93 ff.
6) Montenegro und die Montenegriner, Stuttgart und Tübingen 1837,

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Die Eideshelfer kannte man auch im Kaukasus, wo ihre Zahl, gerade wie in den alten deutschen Volksrechten 1), sich nach der Schwere der abzuleugnenden Missetat und dem Stande des Schwörenden (von 2—60) bestimmte?).

Besonders deutlich springt die Natur des Gottesurteils bei dem Eid der Kalmücken hervor, welche beim Schwur den Fuss des Götzen auf ihr Haupt legen"). Bei den Samojeden küsst, ähnlich den indischen Rechtssitten, der Beschuldigte eine Bärenpfote mit der Verwünschung, es solle ihn ein Bär zerreissen, wenn er unwahr rede; und gilt er zunächst als gerechtfertigt, dann aber, wenn ihn ein Bär auf der Jagd verwundet, durch den Ausgang der Dinge als schuldig 4).

Mit Eideshelfern (3, 4, 7) wird auch bei einigen Stämmen der Kabylen Afrikas geschworen”). Weit verbreitet ist in Afrika, dem Ahnenkult entsprechend, der Eid bei den Vorfahren, so bei des Vaters Tränen, dem Ahn des Häuptlings, dem Begräbnisplatz, oder auch totemistisch bei dem Tiere, das dem Stamm heilig ist“).

1) Lex Bajuv. 9, 2; Lex Thuringorum 52; Lex Fris. 2, II; Lex Alaman, 27, 3; GRIMM, Rechtsaltertümer, S. 860, 861; SIEGEL, Geschichte des Deutschen Gerichtsverfahrens, Bd. 1, S. 277 ff.

2) R. DarEsTE, Études d'histoire de droit, S. 130, 131.
3) KÜHNE in Zeitschrift, Bd. 9, S. 472.

4) Ebenso mit einem Stück Eis: » wenn ich unwahr rede, so möge das Wasser unter dem Eis mich verschlingen« u. s. w. Struve im Ausland, 1880, S. 796.

5) HANOTEAU et LETOURNEUX, La Kabylie et les coutumes Kabyles,

Bd. 3, S. 317.

6) Wegen der Herero, Zeitschrift, Bd. 14, S. 318; wegen der AmaxosaKaffern ebenda, Bd. 10, S. 61. An der westafrikanischen Goldküste schwört man beim Fetisch oder beim Häuptling oder beim » Kormanten-Sonnabend«, dem Tag einer grossen Unglücksschlacht; es soll also den falsch Schwörenden ein Unheil treffen so furchtbar wie jene Schlacht (CRUICKSHANK, 18 years on the Gold Coast of Africa, Bd. 2, S. 258 A.; 266. Beecham, Ashantee and the Gold Coast, S. 217 f.).

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