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wenn wir es mit dem vorausgeschickten allgemeinen Gang der Dinge zusammenfassen, der Ursprung der Eideshelfer des älteren deutschen Rechts gewesen sein, die mit dem Schwurpflichtigen zusammen dessen Unschuld beschwören mussten; diese Institution ist also nicht ein ursprünglicher Rechtsgedanke, sondern die letzte, uns im Abendland noch spät erhaltene Stufe einer langen Entwickelung, die ihren Anfang von der gemeinschaftlichen Verpflichtung der ganzen Hausgenossenschaft oder Sippe nahm.

Dies ist, was sich im allgemeinen über die Vorgeschichte des Eids sagen lässt. Sehen wir nun, wie sich das Gesagte universal bei verschiedenen Völkern der Erde bewährt! Bei den Indern ist uns aus alter Rechtsentwickelung überliefert, dass der Schwörende die Hand auf den Kopf seiner Frau oder seiner Kinder legte; traf sie entweder sofort oder nach einer gewissen Zeit (bis zu sechs Monaten) kein Unheil, so galt der Schwörende als gerechtfertigt1). So wird noch heute in Bihar (Vorderindien) auf das Haupt des Sohnes geschworen ist das Beschworene unwahr, so stirbt der Sohn innerhalb eines Jahres"). Und ähnlich ist es mit der Eidesleistung bei den Ureinwohnern Niederbengalens: man schwört auf einem Tigerfell, und nach dem Volksglauben wird der Meineidige von einem Tiger verwundet; oder auf einem Ameisenhaufen, und der falsch Schwörende zerfällt in Staub3).

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Die Solidarität der ganzen Familie bei der Eidesleistung tritt auch in dem alten Glauben der Hellenen hervor, dass die Verletzung des Schwurs durch Unglück nicht nur an dem Meineidigen selbst, sondern auch an seinem ganzen Geschlecht gestraft wird').

1) Gesetzbuch des MANU Buch 8, V. 114, 115. SCHLAGINTWEIT, die Gottesurteile der Indier, S. 28.

2) KOHLER in Zeitschrift, Bd. 8, S. 99.

3) KOHLER ebenda, Bd. 8, S. 267, 268. DALTON, Descriptive Ethnology of Bengal, S. 158, 294.

4) HESIOD, "Epya xaì quépaι 282 ff., 371 ff.

Die ursprüngliche Natur des Eids als einer Verwünschung von Leib und Leben des Mannes selbst oder der Seinen tritt noch deutlich in Schwurformeln hervor, die im spätern römischen Recht, von Ulpian und Paulus, für rechtsgiltig gehalten wurden: beim eigenen Haupt, bei dem Haupt der Söhne oder der eigenen Gesundheit1).

Von dem Eid der Germanen ist vorhin schon gesprochen. Der Unschuldseid war das Recht des Mannes, der auf diese Weise sich von der Anklage entsühnte; er musste seine Unschuld beweisen 2), hierzu genügte aber die Leistung des Eides. Insoweit war er »näher zum Eide«. Die aus alter Zeit erhaltenen Eidesformeln beziehen sich zum grossen Teil auf die Waffen, wie oben schon des Zusammenhangs mit dem Waffenordal gedacht war; so schwuren die Helden der Edda bei Schiffes Bord und Schildes Rand, bei Rosses Bug und Schwertes Spitze3). Und bereits in alter Zeit bestand der Glaube, dass

1) 1. 3, § 4, 1. 4, 1. 5 pr. D. 12, 2.

2) Ganz ebenso war die Regelung der Beweislast bei den Indern; auch hier musste der auf Verdacht Festgenommene sich reinigen, und konnte dies nur durch Gottesurteil tun (vergl. den altindischen Kommentar in Zeitschrift, Bd. 16, S. 146, 147).

3) So heisst es im Fluch der Sigrun (im 2. Liede von Helgi bei GRIMM, Lieder der alten Edda, S. 109):

Dich sollen alle Eide schneiden,

Die du dem Helgi geschworen hattest

bei der Leiptur glänzendem Wasser

und dem urkalten Unnarstein.

Das Schiff schreite nicht, das unter dir schreitet,

wenn auch erwünschter Wind dahinter wehe!

Das Ross renne nicht, das unter dir rennt,

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wenn auch vor deinem Feinde du fliehen müssest.

Das Schwert schneide nicht, das du ziehst,

wo nicht dir selber es singe ums Haupt.<

GRIMM, Rechtsaltertümer, S. 50. ED. CHILPERICI regis C. 4 (Mon. German. Leg. II, S. 6) SCHULTE, Reichs- und Rechtsgeschichte, 5. Aufl., S. 412, Anm. 6.

der falsch Schwörende auch im Jenseits harte Strafe zu gewärtigen habe; nach der Völuspâ müssen die Meineidigen nach ihrem Tode in der Unterwelt durch Ströme von Gift waten 1). In allen wichtigeren Sachen hatte nicht nur der Beschuldigte selbst den Eid zu leisten, sondern Eideshelfer hatten zu schwören, dass jener Eid des Beschuldigten >rein und unmein<< sei. Dies waren Verwandte oder Gemeindegenossen 2), also die alte Sippe, die ebenso dem Verletzten bei der Blutrache half und mit dem Täter die Blutbusse zahlte, hier mit dem Verdächtigten dessen Unschuld bekräftigte. Nur ihre Überzeugung betätigten sie mit dem Eide, sodass sie nicht meineidig wurden, wenn sie die Unschuld eines Schuldigen beschworen hatten3).

Von den alten Slaven wissen wir, dass sie auf ihre Waffen und bei dem Gotte Perun schwuren1). Die Einrichtung der Eideshelfer war bei ihnen ebenso verbreitet wie bei den Germanen 5). Furchtbar ist der Eid der Montenegriner: wenn das Beschworene nicht wahr sei, solle Gott geben, dass sie ihre Kinder nicht gross sehen, dass ihr Samen in der Erde, die Frucht in ihrem Vieh, die Kinder in ihren Weibern zu Stein werden; dass sie alle der Aussatz lebendig zerfresse, dass sie kein Glück haben u. s. w. v.6).

1) Völuspâ 43. Edda, übers. von HOLTZMANN, S. 23.

2) GRIMM, Rechtsaltertümer, S. 859 ff.; BRUNNER, Deutsche Rechtsgeschichte, Bd. 2, S. 433 ff.; GIERKE, Deutsches Genossenschaftsrecht, Bd. 1, S. 72, Anm. 42.

3) GRIMM a. a. O., S. 862; über die Eideshelfer der Germanen vergl. noch ROGGE, Gerichtswesen der Germanen, S. 136 ff.; SIEGEL, Geschichte des Deutschen Gerichtsverfahrens, Bd. 1, S. 176 ff.; WAITZ, Deutsche Verfassungsgeschichte, 2. Aufl., Bd. 1, S. 413 ff., WALTER, das alte Wales,

S. 479.

4) MACIEJOWSKI, Slavische Rechtsgeschichte, Bd. 2, S. 101.

5) MACIEJOWSKI a. a. O., Bd. 2, S. 93 ff.

6) Montenegro und die Montenegriner, Stuttgart und Tübingen 1837, S. 38.

Die Eideshelfer kannte man auch im Kaukasus, wo ihre Zahl, gerade wie in den alten deutschen Volksrechten 1), sich nach der Schwere der abzuleugnenden Missetat und dem Stande des Schwörenden (von 2-60) bestimmte 2).

Besonders deutlich springt die Natur des Gottesurteils bei dem Eid der Kalmücken hervor, welche beim Schwur den Fuss des Götzen auf ihr Haupt legen3). Bei den Samojeden küsst, ähnlich den indischen Rechtssitten, der Beschuldigte eine Bärenpfote mit der Verwünschung, es solle ihn ein Bär zerreissen, wenn er unwahr rede; und gilt er zunächst als gerechtfertigt, dann aber, wenn ihn ein Bär auf der Jagd verwundet, durch den Ausgang der Dinge als schuldig).

Mit Eideshelfern (3, 4, 7) wird auch bei einigen Stämmen der Kabylen Afrikas geschworen 5). Weit verbreitet ist in Afrika, dem Ahnenkult entsprechend, der Eid bei den Vorfahren, so bei des Vaters Tränen, dem Ahn des Häuptlings, dem Begräbnisplatz, oder auch totemistisch bei dem Tiere, das dem Stamm heilig isto).

1) Lex Bajuv. 9, 2; Lex Thuringorum 52; Lex Fris. 2, 11; Lex Alaman. 27, 3; GRIMM, Rechtsaltertümer, S. 860, 861; SIEGEL, Geschichte des Deutschen Gerichts verfahrens, Bd. 1, S. 277 ff.

2) R. DARESTE, Études d'histoire de droit, S. 130, 131.

3) KÜHNE in Zeitschrift, Bd. 9, S. 472.

4) Ebenso mit einem Stück Eis: » wenn ich unwahr rede, so möge das Wasser unter dem Eis mich verschlingen« u. s. w. STRUVE im Ausland, 1880, S. 796.

5) HANOTEAU et LETOURNEUX, La Kabylie et les coutumes Kabyles, Bd. 3, S. 317.

6) Wegen der Herero, Zeitschrift, Bd. 14, S. 318; wegen der AmaxosaKaffern ebenda, Bd. 10, S. 61. An der westafrikanischen Goldküste schwört man beim Fetisch oder beim Häuptling oder beim Kormanten-Sonnabend«<, dem Tag einer grossen Unglücksschlacht; es soll also den falsch Schwörenden ein Unheil treffen so furchtbar wie jene Schlacht (CRUICKSHANK, 18 years on the Gold Coast of Africa, Bd. 2, S. 258 A.; 266. BEECHAM, Ashantee and the Gold Coast, S. 217 ff.).

Den Schwerteid der Malaien haben wir bereits 1) erwähnt. Es gibt Stämme der Malaien, die unter offenem Himmel schwören, das Antlitz zur Sonne gerichtet). Und ist bei ihnen eine verbreitete Sitte, welche auf den Ursprung der Eideshelfer zurückweist, dass nicht nur der Verdächtigte selbst, sondern auch seine ganze Familie oder eine Anzahl seiner Verwandten seine Unschuld beschwört3). So wird bei den in den inneren Gebirgsgegenden Sumatras lebenden Lubus die Eidesformel dahin vorgesprochen1), dass der Beeidete mit seiner ganzen Familie durch Tiger zerrissen, durch das Wasser entführt, durch Krokodile verschlungen, durch Schlangen getötet werden solle, im Falle er nicht die Wahrheit spricht; dann wird ein brennendes Stück Holz ins Wasser gesteckt und gesagt: >> Ebenso wie dieses Feuer im Wasser erlischt, sollst du sterben, wenn du Unwahrheit sprichst« 5).

Auch die Papuas auf Neu-Guinea schwören, wie unsere Altvordern, auf ein Waffenstück: dies solle den Schwörenden töten (aufessen), wenn er schuldig sei, und wird berichtet, dass eine grosse Scheu vor diesem Eid bestehe, weil man das Unheil fürchte, das über den Schuldigen hereinbrechen werde°). Auf den Aaru-Inseln bei Neu-Guinea rufen die Schwörenden Sonne und Mond an7).

Gegenüber dem Eid und den Eideshelfern scheint die Berufung auf Zeugen, die die Einzelheiten der Tat oder des Rechtsgeschäfts bekunden, ein später entstandenes Beweismittel zu sein, und wird ihr Ursprung in der notorischen Kenntnis

1) Oben, S. 152, Anm. 3.

") KOHLER in Zeitschrift, Bd. 6, S. 350.

") KOHLER ebenda, Bd. 5, S. 375.

4) Also wie im alten Deutschen Recht, gestabt; vergl. GRIMM, Rechtsaltertümer, S. 902.

5) Globus, Bd. 45 (1884), S. 319.

6) KOHLER in Zeitschrift, Bd. 7, S. 378.

7) KOHLER ebenda, Bd. 6, S. 350.

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