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sehen! Wo ein kriegerisches Häuptlingstum sich entwickelt, findet als dessen Begleiterscheinung sich auch vielfach eine glänzende Aristokratie und das Lehnswesen ein“). Wir werden nicht fehlgehen, auch hierin eine Auszeichnung kriegerischer Verdienste zu suchen. Als eine Parallele zu solchen ältesten Vorgängen berührt es uns sonderbar, wenn wir sehen, wie noch vor einem Jahrhundert Napoleon I. auf den Schlachtfeldern den Adel seines Hof halts schuf und ihn reich mit Besitzungen belehnte. Das ist eine alte Gepflogenheit der kriegerischen Fürsten gewesen

und wenn wir in der Schule das Lehnswesen als Kennzeichen des Mittelalters gelernt haben, so ist es in Wahrheit eine Entwickelung, die nicht dieser oder irgend einer sonst eng begrenzten Zeit, sondern der Geschichte der Menschheit als solcher angehört. Schon die Könige von AltBabylon um 2250 v. Chr. gaben ihren Hauptleuten Feld, Garten und Haus als Lehn, und ist in ihren alten Gesetzen das Lehnsrecht genau geregelt).

es bei den Azteken Mexikos, bei denen be. deutende Lehnsgiiter, als Land der Königsleute«, unveräusserlich auf die Leibeserben in gerader Linie übergingen und ihnen die Mittel zur Entfaltung von Glanz bei Hofe gewähren sollten 3). Man sieht, wie alt diese Weisheit ist. Und wir finden sie bei Völkern, bei denen wir sie kaum vermuten sollten, wie ehedem bei den kannibalischen alten Kariben der Antillen 4) und so in aller Welt"). Eine glänzende Aristokratie und ihre Fundierung durch Lehen und Fideikommisse gehen Hand in Hand, und

Ebenso war

1) Über den Heeresdienst als Grundlage der Aristokratie in Deutschland vergl. Gierke, Genossenschaftsrecht, Bd. 1, S. 93 ff.

2) Gesetzbuch des Königs HAMMURABI, SS 27 ff.
3) KOHLER in Zeitschrift, Bd. 11, S. 68, 69.
4) PESCHEL, Zeitalter der Entdeckungen S. 193.

5) Vergl. die näheren Nachweise bei Post, Ethnologische Jurisprudenz, Bd. 1, S. 420-422, Bd. 2, S. 696 und Friedrichs, Universales Obligationen

recht, S. 109, 110.

von

war

können einem starken Häuptlingtum nicht entbehrt werden,

So ist eine der wichtigsten Ursachen der Machtbefestigung des Häuptlings seine Stellung als Heerführer gewesen. Ebenso

er aber in ältester Zeit anscheinend auch der Priester des Stamms, gerade wie der Hausvater, der ,für die Seinen dere Hauspriester am Herd als Altar war'). Beides war noch Eins. Denn wir dürfen nie vergessen, dass auf jenen ältesten Stufen Religion und Recht untrennbar noch an ihren Wurzeln liegen, und daher ein politisches Recht auch religiöse Befugnisse mit sich führen muss. Hier ist noch der Mutterboden, in dem beides ruht und aus dem erst in der Zukunft die Keime auseinandergehen und sich gesondert entwickeln sollen.

Und wie der Hausvorstand den Genossen gegenüber Zuchtbefugnisse hat, der Leiter und Ordner des Hauses ist, ist, genau diesen Befugnissen im grossen entsprechend, der Häuptling der Richter des Stamms; von ihm geht Recht und Rechtsprechung aus. So war es in altgriechischer Zeit und HESIOD beklagt sich bitter darüber, dass er vor dem König den Erbschaftsprozess gegen seinen Bruder verlor). Und

SO

1) In den slavischen Sprachen bedeutet das Wort kuningas, knez (also von derselben Stammwurzel wie unser Wort »König«) vielfach den Priester (GRIMM, deutsches Wörterbuch, Bd. 5, S. 1691; SCHRÖDER, deutsche Rechtsgeschichte, S. 19. Anm. 20). Bei den alten Germanen erfolgte die Auslegung der wichtigsten Orakel durch den Priester und den König (Tacitus, Germania, C. 10: equi... quos pressos sacro curru sacerdos ac rex vel princeps civitatis comitantur hinnitusque ac fremitus observant). Vergl. GRIMM, Rechtsaltertümer, S. 243. So brachte bei den alten Peruanern der regierende Inka » als der erstgeborene Sohn der Sonne« das höchste Trankopfer der Gottheit dar (MARTENS, ein sozialistischer Grossstaat vor 400 Jahren, S. 54). Auch auf den Inseln der Südsee war der König zuweilen gleichzeitig der Priester des Volks (W. Ellis, Polynesian Resarches, London 1830, Bd. 2, S. 208, 341; B. v. WERNER, Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee, Leipzig 1889, S. 401).

2) HESIOD, "Epya zai fpépal 33 ff.; vergl. auch THEOGNIS 89, 90: (βασιλίες) μετατροπα έργα τελεύσι ρηιδίως μαλακούσε παραιφάμενοι επέεσσιν.

ebenso treten in den Sagen der Germanen Götter und Häuptlinge häufig als Richter auf). Bei Tacitus finden wir die Häuptlinge als die Vorsitzenden des Gerichts und die Vollstrecker der Urteile). Im Kriege aber hatte der Häuptling als Heerführer Gewalt über Leben und Tod 3) und wie der Krieg stets die Häuptlingsgewalt steigerte – können wir auch annehmen, dass aus dieser Quelle der Ursprung der höchsten Richtergewalt der späteren Zeit herzuleiten ist. Denn es ist sicher kein Zufall, dass wir gerade nach den Heerzügen der Völkerwanderung und den schweren Stürmen, die die Franken in den Kriegen gegen die Alamannen zu bestehen hatten, die Merovinger als unumschränkte Gerichtsherren ihres Landes finden, die in ausserordentlichem Königsgericht nicht nach den alten Volksrechten, sondern nach ihrem eigenen Recht und nach der Billigkeit entscheiden 4). Und so blieb es durch Jahr

1) Vergl. z. B. Edda Wöluspa 6, übersetzt von HOLTZMANN, S. 18.

2) Germania C. 12: principes, qui jura per pagos vicosque reddunt; centeni singulis ex plebe comites, consilium simul et auctoritas adsunt. Ebenso Cäsar, bell. gall. 6, 23: principes regionum atque pagorum inter suos ius dicunt controversiasque minuunt. GIERKE, (Genossenschaftsrecht, Bd. 2, S. 497 ff.), macht mit Recht darauf aufmerksam, dass der Gemeindevorsteher bis in späte Zeiten hinein gleichzeitig der Dorfrichter war, das Dorfgericht zu hegen, die Fragen zu stellen, die Beschlüsse und Urteile zu vollziehen, hatte. Wegen des Richteramts des Häuptlings, vergl. Waitz' deutsche Verfassungsgeschichte, Bd. 1, S. 333; SCHRÖDER, deutsche Rechtsgeschichte, S. 33 ff.; BAUMSTARK, Ausführliche Erläuterung des Allgemeinen Teils der Germania des Tacitus, Leipzig 1875, S. 498—502. Ebenso werden bei den afrikanischen Bantuvölkern (Zeitschrift, Bd. 15, S. 82) wie bei den Hottentotten (v. BURGSDORFF ebenda, S. 356), die Prozesse durch einen Rat unter dem Vorsitz des Häuptlings entschieden, dem aber häufig ein weitgehender Einfluss zusteht.

3) Cäsar a. a. O.: magistratus, qui ei bello praesint et vitae necisque habeant potestatem, vergl. auch, was Tacitus, Germania, C. 30 von der strengen Heereszucht der Chatten sagt.

4) SCHRÖDER a. a. O., S. 114, 169 ff.; BARCHEWITZ, das Königsgericht der Merovinger und Karolinger 1882, Inauguraldissertation. GIERKE, Genossenschaftsrecht, Bd. 1, S. 112. Ähnlich liegt bei den Betschu

WILUTZKY, Vorgeschichte des Rechts III

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hunderte; noch der Sachsenspiegel kennt es nicht anders. Hier ist die höchste Gerichtsbarkeit beim König:

er ist der Richter über das Eigentum des Mannes wie über sein Lehn, und über Leib und Leben; nur weil er nicht in allen deutschen Landen sein kann, verleiht er den Fürsten und Grafen die Ausübung der Gerichtsbarkeit '). Die koning is gemene richtere over ala). Und in welches deutsche Land er kommt, ist »das Gericht ihm ledig,« alle Klagen werden vor ihn gebracht und alle Gefangenen vor ihn geführt). Besonders gehört der Raub, als Bruch des öffentlichen Friedens, vor seinen Richterstuhl4). Er ist der höchste Richter, vor den beim UrteilSchelten die Sache gezogen werden kann"), und er sitzt auch über die Fürsten zu Gericht, wenn sie auf Leib und Leben an. geklagt werden.

Diese Machtfülle des Häuptlings als Richter war dem ältesten germanischen Recht sicherlich fremd; wir sehen hier die unumschränkte richterliche Gewalt, die ehedem nur dem Heerkönig auf dem Kriegszug zustand, in den schweren Stürmen, die mit und seit der Völkerwanderung gekommen waren, auch für die Friedenszeiten gefestigt und nunmehr untrennbar mit der Königsherrschaft verbunden. Diese Ent. wickelung ist lehrreich; denn wir können annehmen, dass, wie es hier gegangen ist, der Werdegang sich auch anderwärts gestaltet hat. Nichts ist vereinzelt; die Dinge wandeln ihren ewigen Gang, dort wie hier, hier wie dort.

anen in Deutsch-Südwest-Afrika die Strafgewalt in der Hand des Häuptlings (HELDT in Zeitschrift, Bd. 15, S. 333, 335).

1) Sachsenspiegel 3, 52, $ 2.
3) Ebenda 3, 26, § 1.
3) Ebenda 3, 60, $$ 2. 3; vergl. auch 1, 34, § 3; 3, 33.
4) Ebenda 2, 25, § 2.
5) Ebenda 2, 12, SS 4, 12.
6) Ebenda 3, 55, § 1.

Vererbung der Häuptlingswürrle

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Auffällig ist, auf wie frühe Zeit die Vererbung der Häuptlingswürde zurückreicht 1). Auch hierin möchte ich ein Zeugnis für die innere Verwandtschaft finden, die wir vorhin schon mit der Stellung des Vorstands in der Hausgenossenschaft nachgewiesen haben: wie es hier durch die Natur der Dinge gegeben war, dass der älteste Sohn wenn er nicht ein Trottel oder sonst unfähig zur Leitung des Hausstandes war nach dem Tode des Vaters an die Spitze trat, so mag dies von vorbildlicher Bedeutung für die Nachfolge des Häuptlings gewesen sein. Und ebenso lässt sich hieraus erklären, dass wir auf frühen Kulturstufen einen nicht unbedeutenden Einfluss der Frauen auf die Wahl des Häuptlings feststellen können?); denn

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1) Über die Hereros in Deutsch-Südwestafrika, Bensen in Zeitschrift, Bd. 14, S. 315; wegen der Indianer, KOHLER ebenda, Bd. 12, S. 355 und wegen der afrikanischen Bantuvölker ebenda, Bd. 15, S. 71 ff; über die Südsee - Insulaner W. Ellis, Polynesian Researches, 1830, Bd. 2 S. 346. Vielfach fasst man den Erbgang ganz sinnlich als Übergang der Seele des Toten auf den Lebenden auf (vielleicht die älteste Bedeutung des bekannten Rechtssatzes »le mort saisit le vif«). So glaubt man auf Nias (holländisch Indien), dass beim Tode ein Teil der Seele als Hauch sich aus dem Munde entfernt und in die Luft verfliegt. „Wenn dagegen der Sterbende ein Dorfhäuptling ist, der Reichtümer und Nachkommen besitzt, dann geht noch ein anderer Geist von ihm aus, der auf seine Erben übertragen werden kann. Dieser erbliche Geist heist eheha, befindet sich im Munde des Sterbenden und muss von dem Sohne mit dem eigenen Munde aufgefangen werden. Den Sohn eines Häuptlings, der nicht selbst den väterlichen ehèha in sich genommen hätte, würde man nie zu seinem Nachfolger ernennen, wohl aber den, der ihn aufgefangen hat, und wäre es selbst ein Fremder, weil man glaubt, dass jede Tugend und Fähigkeit nur auf diese Art vom Vater auf den Sohn übergeht.« (Schurtz, Urgeschichte der Kultur, S. 141 nach MODIGLIANI).

?) So bei den nordamerikanischen Indianern; vergl. Kohler in Zeitschrift

, Bd. 12, S. 355. Bei den afrikanischen Bantuvölkern kommen Frauen als Häuptlinge vor (Kohler ebenda, Bd. 15, S. 72), und bei dem südamerikanischen Stamm der Arekunas fiihrt bei der Abwesenheit eines Häuptlings dessen Schwester den Oberbefehl (SCHOMBURGK, Reise in BritischGuyana, Bd. 2, S. 344).

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