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Kaffern haben die Engländer es sogar für ratsam gehalten, in das den Kaffern von ihnen gegebene Gesetzbuch Strafen gegen den »Blitzdoktor« und gegen den »Regendoktor« u. S. W., überhaupt gegen jeden Zauberer und gegen die Lehrer der Zauberkunst aufzunehmen 1). Mit welchem Lächeln auf den Lippen mögen die Verfasser des Gesetzbuches diese Bestimmungen niedergeschrieben haben!

So kommt der Zauberer für das unerklärliche Geschehnis auf. Für den Erfolg wird eine menschliche Ursache gesucht und diese wird in einem geheimnisvollen Zusammenhang gefunden, den man an die Stelle unseres heutigen Begriffs der Schuld setzt. So ist die ursächliche Kette, die jenen ältesten Zeiten genügt, von denkbar einfachster Art. Der Mensch, der die äussere erkennbare Ursache der Tat ist, oder wie der Hexenmeister zu seinem Unglück dafür gehalten wird, muss für die Tat einstehen. Es entscheidet also nicht die Schuld in unserem Sinn, sondern der Erfolg. Der Mann, der getötet hat, muss zum Entgelt dafür sein eigenes Leben einsetzen gleichviel ob er aus Vorbedacht oder aus Fahrlässigkeit oder aus Zufall getötet hat). Auch hier, wie bei der dem Körper entbundenen Seele, eine derbkörperliche Auffassung geistiger Dinge. Der Täter kommt gewissermassen als Körper auf – die Hand, der Leib, der den Todesstreich versetzt hat, wird verantwortlich gemacht; der Wille, der nach unserer Vorstellung der Tat ihr eigenes Gesicht, ihren Tatbestand gibt, wird als etwas Innerliches dem rein körperlichen Vorgang gegenüber ausgeschaltet. Dies führt zu einer ungeheuren Vereinfachung

1) Post in Zeitschrift, Bd. 11, S. 248. Über die Wind und Regendoktoren auf Neu-Britannien und ihre wundersamen, anscheinend auf Suggestion beruhenden Heilungen, vergl. Powell., Wanderings in a wild country, London 1884, S. 167 ff.

2) KOHLER, Shakespeare, S. 133, 188; Post, Anfänge, S. 173; LÖFFLER, die Schuldformen des Strafrechts, Bd. I,

. 19.

Älteste Behandlung der Straftat

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der strafrechtlichen Auffassung: Leben für Leben, Wunde für Wunde. Also genau so, wie die älteste Zeit den Begriff des Individuums überhaupt nicht kennt, sondern die Menschheit ihn erst aus der Hand höherer Kultur empfangen musste, so wurde damals auch die Straftat nicht individualisiert, sondern auch sie, gerade wie der Täter selbst und der Mensch überhaupt, nur als Gattung behandelt?). Und ebenso kommt man, weil das Moment des Willens noch gänzlich ausser Acht gelassen wird, im ältesten Strafrecht andererseits ganz konsequent dazu, den Versuch als blosse Willensbetätigung zu ignorieren"). Denn der Erfolg, und nur der Erfolg entscheidet. So war es bei den Hellenen in alter Zeit. Die Blutrache richtet sich auch gegen den Unmündigen, der die Tat unwissentlich angerichtet hatte so musste Patroklus als kleines Kind geflüchtet werden, weil er in kindlicher Torheit (výrlos oủx è dé wy) den Sohn des Königs beim Würfeln getötet hatte 3). Und dies entspricht durchaus dem ältesten Recht, das auch den Unzurechnungsfähigen und sogar leblose Gegenstände bestrafte 4). Die Römer haben es in alter Zeit sicher auch nicht anders gekannt. Hierauf weist hin, dass nach dem vorhin von uns erwähnten Gesetz des Numa POMPILIUS 5) der Stier, mit welchem der Grenzstein umgepflügt war, fiir friedlos erklärt wurde. Aber

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1) Was für ein ungeheurer Raum liegt zwischen dieser Zeit, die überhaupt noch gar nicht individualisiert, und den heutigen Bestrebungen, die in immer entschiedenerer Weise für die Individualisierung des Täters selbst und eine hiernach zu bemessende Strafe eintreten, (vergl. z. B. Professor Pelman in Recht 1902, S. 469)!

2) Vergl. für Polynesien, Zeitschrift, Bd. 14, S. 449, für die Togoneger ebenda, Bd. 11, S. 454.

3) ILIAS 23, 88; vergl. noch aus viel späterer Zeit XENOPHON, Anabasis 4, 8, 25: Δρακόντιον Σπαρτιάτην, ός έφυγε παίς ών οίκοθεν, παίδα άκων κατακτανών ξυήλη πατάξας. .

4) HERMANN-THALHEIM, Griechische Rechtsaltertümer, 4. Aufl. 1895, S. 50, Anm. 1.

5) Oben, Bd. 2, S. 131, Anm. 2.

diese Grundlage muss von den Römern schon sehr früh verlassen worden sein, denn bereits die Königsgesetze bestimmen, dass nur, wer vorsätzlich tötet, als Mörder (parricida) betrachtet werden soll: und der sich einer fahrlässigen Tötung schuldig gemacht hat, mit einer Vermögensstrafe (Busse eines Widders) davon kommt"). Auch das hebräische Recht hat offenbar in ältester Zeit auf dein Standpunkte gestanden, dass der Mann für den Erfolg seiner Handlung ohne Unterschied einzustehen hat. Dies ist im mosaischen Gesetz mit klaren Worten als Grundsatz ausgesprochen, wo es von dem, der lediglich infolge eines Zufalls tötet, heisst, dass er das Land schände, »darinnen ihr wohnt; denn wer blutschuldig ist, der schändet das Land; und das Land kann vom Blut nicht versöhnt werden, das darin vergossen wird, ohne durch das Blut dessen, der es vergossen hat?)«. Aber schon früh hat man Fahrlässigkeit und Zufall ausge. schieden und den Täter dann vor der Blutrache dadurch geschützt, dass man ihm die Flucht in eine der Freistädte, über die unten im Zusammenhang mit den Asylen ausführlich zu sprechen ist,

1) Festus sub v. Parricidii: lex Numae Pompilii regis his composita verbis : Si qui hominem liberum dolo sciens morti duit, paricidas esto. Servius in VERGILII Bucolica 4, 43: In Numae legibus cantum est, ut si quis imprudens occidisset hominem, pro capite occisi agnatis ejus in contione offerret arietem. So auch in den 12 Tafeln. Si telum manu fugit magis quam jecit, aries subicitur (bei Bruns, Fontes, 5. Aufl., S. 32 unter 24 a). Wegen der Brandstifung 1. 9 D. 47, 9. Vergleiche auch die glimpflichere Bestrafung des Unmündigen bei dem furchtbar geahndeten Weidefrevel (auch in dieser schweren Strafandrohung zeigt sich der bäuerliche Charakter des altrömischen Rechts): PLINIUS hist. nat. 18, 3; 12: Frugem aratro quaesitam noctu pavisse ac secuisse puberi XII tabulis capital erat, suspensumque Cereri necari jubebant, impubem praetoris arbitratu verberari noxiamve duplionemve decerni. Über die Entwickelung des strafrechtlichen Schuldbegriffs im römischen Recht, insbesondere die spätere Sonderung von Fahrlässigkeit und Zufall, vergl. PERNICE, Labeo, Bd. I, S. 117, 217, Bd. 2, S. 238 ff.

2)

MOSE 35, 33

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gestattet1), in welcher er bis zum Tod des Hohenpriesters bleiben muss; trifft ihn der Bluträcher ausserhalb der Grenze der Freistadt, so kann er ihn straflos erschlagen).

Nicht genug anzustaunen aber ist die Rechtsentwickelung im alten Babylon. Denn bereits im Gesetz HAMMURABI's, das etwa um 2250 v. Ch. anzusetzen ist, findet sich wortdeutlich der Unterschied zwischen vorsätzlicher und fahrlässiger Tat. Nachdem die Strafen der vorsätzlichen Verbrechen ausführlich bestimmt worden sind, fährt das Gesetz fort: „Wenn jemand einen anderen im Streit schlägt und ihm eine Wunde beibringt, so soll er schwören: »Mit Wissen (Willen) habe ich ihn nicht geschlagen« und den Arzt bezahlen. Wenn er

von seinem Schlage stirbt, so soll er ebenfalls (so) schwören, und wenn er ein Freigeborener war, 1/2 Mine Geld bezahlen«3). Dies ist also weit vorgeschrittener, als die Ordnung des hebräischen Rechts; während der Staat dort nur die Möglichkeit des Schutzes bietet und in der Grundauffassung von der alten ungesonderten Vorstellung noch nicht abgeht, ist hier die Sonderung klar und bestimmt vollzogen und in festen Rechtsvorschriften geordnet. Wenn wir die Römer als geborene Juristen zu betrachten pflegen, was für Lobworte sollen wir den juristischen Denkern des alten Babel zollen!

Das älteste indische Recht hat sicherlich nur auf den Erfolg gesehen.

Denn noch in geschichtlicher Zeit wurden schwere religiöse Bussen dem auferlegt, der auch ohne Vorsatz oder Verschuldung einen anderen getötet hatte“). Auch hier, wie so oft, hat die religiöse Übung in frommer Scheu

1) 4. Mose 35, 22 ff., 5. Mose 19, 5, wo der Fall hervorgehoben ist

, »wenn jemand mit seinem Nächsten in den Wald ginge, Holz zu hauen, und holte mit der Hand die Axt aus, das Holz abzuhauen, und das Eisen führe vom Stiel und träfe seinen Nächsten, dass er stürbe.« Vergl. auch Fuld in Zeitschrift, Bd. 7, S. 109 ff.

2) 4. MOSE 35, 25 ff.
3) Übersetzt von WINCKLER, SS 206, 207.
4) Gesetzbuch des MANU 11, 73 ff., 128 ff., Apastamba I, 9, 24, § 1 ff.

war.

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das erhalten, was die uralte Rechtsüberzeugung der Vorväter

Aber schon das Gesetzbuch MANU's geht offenbar von der neueren Auffassung aus. Denn es unterscheidet anscheinend wissentlichen und fahrlässigen Meineid in den Worten: »Falsches Zeugnis entsteht, so wird gesagt, aus Habsucht, durch Irrtum, durch Freundschaft, durch Verliebtheit, durch Zorn, durch Unwissenheit, oder durch Einfalt« !) und setzt auf die Fälle des Irrtums, der Unwissenheit und der Einfalt die niedrigsten Bussen). Und weiter weist auf vorgeschrittene Vorstellungen bin, wenn das Gesetzbuch bestimmt: »Nachdem er (der König als Richter) die Absicht, dann den Ort und die Zeit (der Tat) der Wahrheit gemäss ermittelt und das Können (der Schuldigen) und die Natur ihrer Vergehen erwogen hat, soll er die (verdiente) Strafe über die Strafwürdigen verhängen«).

Der Ausgangspunkt ist derselbe auch im Recht des alten Deutschlands und zeigt sich hier darin, dass für den Schaden haftet, wer ihn auch unabsichtlich und unverschuldet angerichtet hat4). Noch nach dem Recht des Sachsenspiegels muss, wer in Notwehr jemanden erschlagen hat, Gewette und Wergeld zahlen, wenn er ohne den Leichnam vor Gericht erscheints). Und unmündige Kinder und Wahnsinnige konnten nach demselben Recht nicht persönlich bestraft werden, verwirkten aber durch die Tat ebenfalls das darauf gesetzte Wergeld und kamen mit ihrem Vermögen für den Schadenersatz auft). So

1) Buch 8. V. 118.
2) Ebenda V. 120, 78.
3) Ebenda, V. 126.

4) Ed. Rothari, C. 387 Si quis hominem liberum, casum facientem, nolendo occiderit, componat eum sicut adpretiatus fuerit, et faida non requiratur, eo quod nolendo fecit.

5) Sachsenspiegel 2, 14, Vergl. auch Ed. Liutpr., 20. 62.

6) Sachsenspiegel 2, 65, $ 1; ebenda 3, 3. Vergl. Kraut, Vormundschaft, Bd. I, S. 339.

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