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galt nach altem Recht das Wort: »wer unwillig getan, muss willig bessern« oder »wer Schaden tut, muss Schaden bessern« '). All dies weist darauf hin, dass ursprünglich nicht der Wille beachtet wurde, sondern ausschliesslich die Tat?).

So ist es bei urwüchsigen Völkern bis in die neueste Zeit verblieben. So unterscheiden die Osseten des Kaukasus bei den Folgen der Tat nicht zwischen verschuldeter und unverschuldeter Tötung 3). Und bei den Beduinen Arabiens befreit auch heute noch nicht die Notwehr von der Blutrache 4).

In Afrika sind die Hottentotten soweit vorgeschritten, dass sie die Schuldfrage prüfen, nur die absichtliche Tötung der Blutrache unterstellen und die unabsichtliche mit Vermögens. strafe büssen").

Dagegen machen die Amaxosa - Kaffern zwischen Mord, Totschlag und fahrlässiger Tötung noch keinen Unterschied 6). Dies ist aber nicht nur Kaffern-, sondern ganz

1) HEUSLER, Institutionen, Bd. 2, S. 263, Anm. 3. Schröder, deutsche Rechtsgeschichte, S. 59, 285. So liegt in $ 829 B. G. B. eine aus Billigkeitsrücksichten vorgenommene Rückkehr zu ältesten Rechtsgrundsätzen.

3) Vergl. auch Lex Bajuvariorum, 19, 5; Lex Saxonum c. 54. 59. von Bar, Geschichte des deutschen Strafrechts, S. 62 ff. JHERING, das Schuldmoment im römischen Privatrecht in den vermischten Schriften 1879, S. 155 ff., insbesondere S. 163 ff., S. 199: »Ohne Schuld keine Verantwortlichkeit für die Tat . . . Ein einfacher Satz, ebenso einfach wie der des Chemikers, dass nicht das Licht brennt, sondern der Sauerstoff der Luft. Aber beide gehören zu den Sätzen, in denen für den Kundigen eine ganze Geschichte der Wissenschaft steckt. Sie sind das einfache Kreuz auf dem Turm; der ganze Turm hat erst gebaut werden müssen, bevor das Kreuz gesetzt werden konnte das Kreuz ist die Krönung und der Gipfel des ganzen Baues.« BRUNNER, Deutsche Rechtsgeschichte, Bd. 2, S. 544 ff., Löffler, Schuldformen des Strafrechts in vergleichend historischer und dogmatischer Darstellung, Bd. 1, 1895, S. 33 ff., 117 ff.

3) DARESTE, Études d'histoire de droit, Paris 1889, S. 148.
4) BURCKHARDT, S. 259.

5) Fritsch, die Eingeborenen Südafrikas, S. 363, Friedrichs, Universales Obligationenrecht, S. 131, Theophilus Hahn im Globus, Bd. 12,

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S. 306.

6) REHME in Zeitschrift, Bd. 10, S. 53.

allgemeines Negerrecht: »Der Räuber, der einen Reisenden mordet und der Reisende, der, wenn er angegriffen wird, sich für sein Leben wehrt und den Angreifer tötet; der Soldat, der einen Feind vorsätzlich niederschiesst, und der Jäger, der auf ein Wild zielt und an dessen statt einen im Gebüsch verborgenen Menschen trifft, haben ganz gleiche Blutverantwor. tung« 1). Es ist also gleichviel, ob die Tat aus Vorbedacht oder Versehen, zum Angriff oder zur Verteidigung, wissentlich oder unwissentlich geschehen ist; immer kommt der Täter in gleicher Weise dafür auf. Ja, bei den Ephenegern in Togo haftet der Gläubiger, in dessen Gewalt ein als Pfand ergriffener Mensch (also nach dem Recht jenes Volks der Schuldner oder aber auch ein Sippengenosse desselben) stirbt, gerade so, als ob er ihn ermordet hätte").

Die gleichen primitiven Grundsätze werden Australnegern"), wie auch von den Papuas auf Neu-Guinea *) bezeugt. Doch finden wir bei diesen einige Eigentümlichkeiten, die deswegen interessant sind, weil sie uns zeigen, wie keine Rechtseinrichtung, überhaupt keine Erscheinung in menschlichen Dingen völlig vereinzelt ist, sondern allüberall ein Zusammenhang besteht und in allen Erdstrichen eine gewaltige Hand in gleicher Richtung treibt. Denn für fahrlässige Tötung kann man sich hier ganz ähnlich wie der Töter aus Notwehr im deutschen Recht durch das Wergeld abfinden, und der Täter muss dann, gerade wie bei den alten Hebräern, nach einem anderen Ort füchten, damit der Geist des Verstorbenen nicht gereizt werde"). So umschlingt Ein Band die Menschheit, und gibt es in der Rechtsgeschichte keinen Zufall und

von den

') Post, Ursprung des Rechts, S. 110, derselbe, Afrikanische Jurisprudenz, Bd. 2, S. 28, KOHLER in Zeitschrift, Bd. 11, S. 455.

2) HENRICI ebenda, Bd. 11,
3) Kohler ebenda, Bd. 7, S. 363.
4) KOHLER a. a. O., S. 377.
5) Bamler in Zeitschrift, Bd. 14, S. 380.

S. 145.

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nichts Vereinzeltes. Ich werde nicht müde, dies zu wiederholen, da ich dies Bild der Einheit des Menschengeschlechts als das grösste Ergebnis der Rechtsvergleichung betrachte.

Nicht anders ist auch die Auffassung in Polynesien '), wie bei den Rothäuten Nordamerikas 2) über die Haftung des Täters.

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So ist der ältesten Stufe die Strafe, wenn man überhaupt dies heutige Wort dafür gebrauchen darf, nichts anderes als die Reaktion auf die Tat, der Gegenschlag auf den Schlag. Was du mir getan hast, tue ich dir wieder. Dies ist der bekannte Grundsatz der sogenannten Talion, die grobsinnlich Gleiches für Gleiches setzt: Auge für Auge, Zahn für Zahn?). Dass das mosaische Recht auf diesem Standpunkt steht, wissen wir alle. Wir kennen die ernsten Worte, die sich uns allen in der Kindheit schauerlich eingeprägt haben: »Wer irgend einen Menschen erschlägt, der soll des Todes sterben. Und wer seinen Nächsten verletzt, dem soll man tun, wie er getan hat, Schade um Schade, Auge um Auge, Zahn um Zahn; wie er hat einen Menschen verletzt, so soll man inm wieder tun 4)« oder wie es auch heisst: »Dein Auge soll sein nicht schonen. Seele um Seele, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um

1) Zeitschrift, Bd. 14, S. 443.
2) Ebenda, Bd. 12, S. 405 ff.

3) BRUNNER, Deutsche Rechtsgeschichte, Bd. 2, S. 589 nennt spiegelnde Strafen diejenigen späterer Zeit, welche nur da Verbrechen wiederspiegeln wollen, ohne den Vergeltungszweck der Talion im Auge zu haben. Die Grenzlinie wird sich hier im einzelnen schwer ziehen lassen. Jedenfalls ist auf ältester Stufe von irgend einem Strafzweck keine Rede; man hält sich lediglich an den äusseren, körperlichen Vorgang und gibt gleiches mit gleichem wieder. Über die spätere Anwendung auf die falsche Anschuldigung, sodass der Bezichtiger dieselbe Strafe erleiden muss, die er dem andern herbeigeführt haben würde, vergl. auch OSENBRÜGGEN, Studien S. I f.

4) 3. MOSE 24, 17 ff.

Hand, Fuss um Fuss 1)«. Dagegen das milde, versöhnende Wort einer Talion, die nicht von dieser Welt ist, die frohe Botschaft der Bergpredigt: »Ich habe gehört, dass da gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern so dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den anderen auch dar. Und so jemand mit dir rechten will und deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel)«. Schon Spinoza fragte, ob nach diesen Grundsätzen die Generalstaaten von Holland regieren könnten und wollten; es ist nicht die Politik der Grossen und der Klugen, aber die tiefste Weisheit, die der Liebe des Menschen zum Menschen, und wo ist der Platz auf Erden, wo der Christ nicht verlacht würde, der nach ihr leben wollte? Wann wird jemals eine solche Zeit kommen, in der die Menschheit so weise sein wird, die Weisheit zu üben?

Und wie das mosaische Recht, war auch das Recht des alten Babylon. In dem Gesetz des Königs HAMMURABI finden wir den Satz: »Wenn jemand einem anderen das Auge zerstört, so soli man ihm sein Auge zerstören. Wenn er einem anderen einen Knochen zerbricht, so soll man ihm seinen Knochen zerbrechen<3). Und so durchweg. Wer während einer Feuersbrunst im brennenden Hause stiehlt, soll in das Feuer geworfen werden“); der Amme, die ihr eigenes Kind unterschiebt, soll die Brust abgeschnitten; dem Sohn, der den Vater schlägt, die Hand abgehauen werden“).

Dies ist aber keine Besonderheit der semitischen Völker, sondern wir finden dieselbe Anschauung auch bei den Indo

) 5. MosE 19, 21; 2. MOSE 21, 23 ff.
2) Ev. MATTH. 5, 38 ff.
3) Übersetzt von WINCKLER, SS 196, 197.
4) Ebenda, § 125.

5) Ebenda, S$ 194, 195; vergl. auch die eigentümliche Bestimmung, § 230, wo Sohn für Sohn getötet wird und § 21; auch sonst z. B. $$ 192, 218, 226.

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germanen. Das altindische Gesetzbuch des Manu geht durch-
weg von dem Grundsatz der Talion aus. So bestimmt es die
Strafe des Diebstahls in höchst merkwürdiger Weise dahin:
»Mit welchem Gliede immer ein Dieb auf irgend eine Weise
die Leute beschädigt, das soll der König ihm zur Warnung
(Abschreckung) abhauen lassen« '). Nach der Meinung der
meisten Kommentatoren ist dies dahin zu verstehen, dass ein
Beutelschneider die Hand, wer mit einer Leiter ein Haus er-
stiegen oder sich auf die Schnelligkeit seiner Füsse verlassen
hat, den Fuss verlieren soll?). Schrecklich ist die Sühne, welche
auf Beleidigungen gesetzt ist, besonders wenn man sie mit der
Nachsicht, welche manche neuere Gesetzbücher hier zur An-
wendung bringen, vergleicht; der altindische Gesetzgeber droht
die fürchterlichsten Strafen, Abschneiden der Zunge, Hinein.
stossen eines glühenden Eisens in den Mund, Eingiessen heissen
Öls in Mund und Ohren an, wenn die Beleidigungen von einem
Angehörigen der untersten Kaste gegen einen der höheren
Kasten, insbesondere einen Bramanen ausgestossen sind 3);
überhaupt wussten die oberen Kasten ihre Stellung mit Grausen
erregender Strenge zu schützen. So sagt Manu“) »Vergreift
sich ein Angehöriger der untersten Kasten mit irgend einem
Gliede an einem Mitglied der (3) höchsten Kasten, so
ihm eben dieses Glied abgeschnitten werden. Dies ist Manu's
Gebot.« Dies wird nun im Einzelnen durchgeführt"); für Aus-
holen mit Hand oder Stock: Abhacken der Hand, für Ausholen

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muss

1) Buch 8, V. 334.

2) Zeitschrift, Bd. 4, S. 327. Vergl. auch die eigentümlichen Brandmalstrafen bei Manu, Buch 9, V. 237: »für den Genuss geistiger Getränke das Abzeichen einer Schenke, für.Diebstahl ein Hundefuss, für Brahmanenmord ein Mann ohne Kopf.«

3) Buch 8, V. 270 ff.

4) Ebenda, V. 279. Vergl. hierzu auch den altindischen Kommentar in Zeitschrift Bd. 16, S. 118. 5) Ebenda, V. 280

4 WILUTZKY, Vorgeschichte des Rechts III

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