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ihres Strafrechts, dass, wie die Freundschaften, so auch die Fehden auf Kinder und Verwandte überkommen wurden. Auf beide Sippen ging Blutrache und Blutbusse über?), und wurde friedlos, wer nicht büssen konnte. Bei den salischen Franken musste der Täter, für den seine Gesippen zahlten, ihnen sein Heim überlassen und im Hemd, gürtellos, unbeschuht, mit dem Stab in der Hand, als Landflüchtiger von dannen gehen wie überhaupt landflüchtig wurde, wer nicht büssen konnte?). Später beschränkte man vielfach die Verfolgung auf bestimmte Grade, so dass die entfernteren Familienglieder des Täters von der Rache nicht betroffen werden durften 3). So trat auch hier durchweg die Familie als untrennbares Ganzes, wie sie in der Hausgenossenschaft tatsächlich geeint war, auch in Schutz und Abwehr auf“). Als einen letzten Nachklang solcher uralter Auffassung darf man wohl das noch zuweilen sich ereignende Vorkommnis betrachten, dass der ledige Bruder für den verheirateten, der seiner Familie unentbehrlicher ist, die Strafe abzusitzen sucht wie Fälle dieser Art mitunter die Gerichte beschäftigt haben; in naiv ursprünglicher Weise wird die Strafverbüssung als Familiensache angesehen, so dass der Bruder für den Bruder eintreten könnte. Freilich taugt dies in unsern modernen Zeiten nicht mehr und bekommt den Be. teiligten übel.

1) Ebenso bei den Nordgermanen; vergl. Wilda, Strafrecht der Germanen, S. 174. Bei den Angelsachsen galt eine Tötung nur dann für gesühnt, wenn soviel Glieder der Familie des Totschlägers getötet waren, dass der Betrag ihres Wergelds dem des Getöteten gleichkam (WAITZ, Deutsche Verfassungsgeschichte, Bd. 1. S. 71, Anm 2).

2) lex Salica tit. 58 de chrenecruda; über die Haftung der Sippe nach altsächsischem Recht lex Saxonum C. 18, 19. Vergl. von AMIRA, Erbfolge und Verwandschaftsgliederung, S. 22 ff., 84 ff., 116 ff., 142 ff. 3) So schon das altsächsische Recht; vergl. Waitz a. a. O.,

Bd. 1, S. 71, Anm. 2.

4) GRIMM, Rechtsaltertümer, S. 663.

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Bei den Slaven haben sich solche Überzeugungen lange lebendig erhalten. Verwandte des Täters wurden mitbestraft 1), und die ganze Ansiedelung war für Verbrechen, welche in ihrer Gemarkung verübt wurden, verantwortlich).

In Indien, dieser seltsamen Sammelstätte der Vergangenheit, finden wir Spuren noch bis auf den heutigen Tag. So wird uns wenigstens von den Khasia, einem indischen Volk am Brahmaputra berichtet, dass mit den Übeltätern auch ihre Familien bis in die neueste Zeit haftbar gemacht wurden%).

Und ebenso wie in Hellas und Rom, fand auch in China die Bestrafung von Verwandten des Täters bei Hochverrat in weitem Umfang statt4). Dagegen macht der Islam die Kinder nicht für die Missetaten der Eltern verantwortlich"). Die Strafe fällt nur auf den Täter, die Verwandten gehen frei aus. Und wieder können wir nicht erstaunen, bei den noch wenig von der Kultur berührten Negern Afrikas die Haftung der Sippe noch vorzufinden. So kommt sie bei den Ephenegern in Togo noch heute vor: gelingt es bei Menschenraub nicht, den Räuber zu fangen, so bemächtigt man sich jemandes aus seiner Sippe und behält diesen als lebendes Pfand bis zur

?) Maciejowski, slavische Rechtsgeschichte (übersetzt von Buss und NAWROCKI), Bd. 2, S. 149, 225 ff.

3) RUNDSTEIN in Zeitschrift, Bd. 15, S. 217. So sagt ein altes slavisches Rechtssprichwort: »der Dieb stiehlt, die Gemeinde trauert« (ebenda,

S. 235).

3) HELLWALD in TREWENDT's Handwörterbuch der Zoologie, Anthropologie und Ethnologie, Bd. 4, S. 474. Auch in Siam werden die Nachkommen von Priestern, die sich gegen die Klostergelübde vergangen haben, Sklaven der Regierung (Hesse-WARTEGG, Siam, S. 91)

auch hier hat sich anscheinend ein uralter Brauch zuletzt in einem religiösen Herkommen erhalten,

2) Ta Tsing Leu Lee, mis en français par F. RenoỦARD DE SAINTE Croix, Paris 1812, sec. 254, Bd. 2, S. 3.

5) TORNAUW in Zeitschrift, Bd. 5, S. 149.

war.

Rückgabe des geraubten Menschen und bis zur Erstattung der Busse zurück 1).

So richtet sich die Blutrache in ihrem Anbeginn von Geschlecht gegen Geschlecht; wie die alten Sippen festgefügt zu Gedeih und Verderb auf derselben Scholle zusammen sassen, so standen sie auch zusammen, wo es die Abwehr nach aussen hin galt und überkamen wie es später dem Staate zukam das, was wir heute Strafverfolgung nennen würden. Es entspricht dies dein Gang der Entwickelung, indem die Menschheit allüberall von den engeren Vereinigungen erst mit dem Wachsen der Kultur zu weiteren und stärkeren Verbänden emporstieg, und der Staat konnte seine jetzt herrschende Rolle erst übernehmen, als die der alten Hausgenossenschaften ausgespielt

Daher auch der durchaus altertümliche Charakter der Blutrache, die in einer Art von Symbiose mit den Vereinigungen alter Zeit und insbesondere den Hausgenossenschaften vorkommt, sich anscheinend aus diesem Grunde in Europa am längsten in den südslavischen Ländern bewahrt hat und untergeht, wo der moderne Staatsgedanke obsiegt. Dies mögen die folgenden Blätter bestätigen, die uns das universale Auftreten der Blutrache über den ganzen Erdball hin vorführen sollen. Für unsere Vorstellungen wilde und grausame Bräuche, bei denen Ströme von Blut in endlosen Fehden einer sich immer fortzeugenden Rache gefordert werden die furchtbare Verkörperung des Grundsatzes »Auge um Auge, Zahn um Zahn« und doch der erste Beginn eines Strafverfahrens und der Ahn unserer Strafrechtspflege.

Beginnen wir bei den Hebräern! Die Bücher des alten Testaments gewähren uns hier ein deutliches Bild. Die Blutrache lag der ganzen Verwandtschaft des Getöteten ob. So klagt das Weib, das vor den König David trat, dass, da einer ihrer Söhne den anderen im Zank erschlagen hatte, nunmehr

HENRICI ebenda, Bd. II, S. 146.

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»die ganze Freundschaft« wider den Täter aufstehe und ihn
für die Seele seines Bruders, den er erwürgt hat,« töten
wolle 1). Also die Strafvollziehung lag noch, altertümlichem
Recht entsprechend, in der Hand der gesamten Sippe. Da-
gegen war man, wie wir gesehen haben, zur Zeit der jüdischen
Könige schon zu der Erkenntnis vorgedrungen, dass die Tat
nur dem Täter selbst und nicht seinen Angehörigen zuzurechnen
sei. Schwer mit dieser hohen Stufe vereinbar scheint, dass
das althebräische Recht auf dem Standpunkt der strengen alten
Blutrache stehen geblieben und nicht zu einer Abgeltung der
Tat durch Entrichtung einer Busse übergegangen ist, ja diese
geradezu verbietet. »Deine Augen sollen seiner nicht verschonen,
und sollst das unschuldige Blut aus Israel tun, dass dir's wohl
gehe« %). Und wer Menschenblut vergiesset, dess Blut soll
auch durch Menschen vergossen werden« 3). Stellen dieser
Art zeigen deutlich den Grund des Fortbestands; denn hier
sind Recht und Religion untrennbar, der Mörder hat durch
den Mord das ganze Volk mit Blutschuld befleckt und er
muss wie ein Opfertier fallen, um das Volk wieder zu
sühnen. Es scheint, als ob man in späteren Zeiten durch
Prozessvorschriften, die eine Verurteilung des Angeklagten
auf das Äusserste erschwerten, der strengen alten Blutvergeltung
des mosaischen Rechts, die man wegen ihrer religiösen Weihe
nicht umzugestalten vermochte, die Spitze abzubrechen suchte

ganz ähnlich, wie wir es bei den Eheverfassungen sahen, wo man ebenfalls uralte Anschauungen aus religiöser Scheu nicht beseitigte, sie aber durch Vorkehrungen (wie die Kinderverlobung) unschädlich machte. Im talmudischen Recht ist das einzige zur Überführung des Angeklagten zulässige Be. weismittel die Bekundung zweier unbescholtener und völlig unbefangener Augenzeugen der Tat; sogar das Geständnis des

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1) 2. SAMUELIS 14, 7. II.
2) 5. Mose 19, 13; so auch 4. Mose 35, 19. 21. 31.
3) 1. MOSE 9, 6.

Angeklagten war ohne jede rechtliche Bedeutung. Und das Allersonderbarste ist, dass, wenn alle Richter übereinstimmend sich für schuldig aussprachen, Freisprechung erfolgen musste; denn, wie das im Jahr 589 n. Chr. abgeschlossene Rechtsbuch der Gemara sagt, müsse man dann annehmen, die Richter hätten sich ohne genügende Überlegung von einem Vorurteil leiten lassen, Sollte man aber in der Tat die Verurteilung nur erschwert haben, weil die alten Grundsätze den neuen Geschlechtern zu blutig erschienen? Es wäre dann also derselbe Entwicklungsgang wie bei der Ehe, nur in anderen Erscheinungen und unter anderen Verhältnissen derselbe innere Gedanke und derselbe äussere Vorgang.

So bei den Hebräern. Aber die Blutrache war eine unter allen Zonen verbreitete Einrichtung. So fand sie sich in alter Zeit bei allen Völkern Europas 1). Der Vortritt gebührt den Hellenen. Denn ihre alte Heldensage hallt von den fürchterlichen Kämpfen der Blutrache im Atridenhause wieder, bis alles überbietend Orestes die leibliche Mutter erschlug, um den Mord des Vaters zu rächen. Wir haben kein gewaltigeres Beispiel, wie zwingend und furchtbar heilig, im Widerstreit der Pflichten alle anderen überwindend, diesen alten Ge. schlechtern die Pflicht der Blutrache vorschwebte, und was für eine Gewissenslast der zu ihr Berufene überkommen konnte. Und gierigen Ohres lauscht Orestes bei Äschylos den aufreizenden Worten, die, bezeichnend genug, von Frauen, den Dienerinnen des Totenopfers, ausgehen?):

wie gewaltig
der Hass der Toten in der Tiefe sei,

Und der Erschlag'ne grolle seinem Mörder.
1) KOHLER, Shakespeare, S. 130–185.

Post, Bausteine, Bd. I, Beide mit zahlreichen Nachweisungen aus den verschiedensten Gegenden der Erde. Tylor, Einleitung in das Studium der Anthropologie, übersetzt von SIEBERT, S. 500 ff.

2) Choéphoren V. 37 ft.: κριταί τε τώνδ' όνειράτων θεόθεν έλαιον υπέγγυοι – μέμφεσθαι τους γάς γέρθεν περιθύμως – τους κτανούσι τ' έγκοτείν.

S. 142

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