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Vor dem erstarkenden Staatsgedanken weicht die alte Blutrache freilich immer mehr und mehr zurück, und so finden wir sie bereits in den Volksrechten nach der Völkerwanderung derart zurückgetreten, dass einer der berufensten Kenner auf diesem Gebiet ") direkt aussprechen kann, die Regel schon dieser Zeit sei das Verbot der Rache oder vielmehr die Umwandlung der Privatrache in eine öffentliche gewesen?). Auch dies bestätigt den unseren jetzigen Be. trachtungen vorausgeschickten Grundsatz, dass die Strafverfolgung den Entwicklungsstufen der Gemeinschaft folgt – wie der alte Hordenkommunismus kaum ein Strafrecht in unserm Sinn überhaupt kennt, ein solches dann den alten Hausgenossenschaften zuzusprechen ist und von ihnen auf die erstarkten grösseren Verbände, den Stamm und später den Staat, übergeht. Ein seltsamer Zwischenzustand, ein Zugeständnis neuerer Zeit an die alte Rechtserinnerung ist, dass man dem Ankläger, wenn der Friedebrecher vom Gericht seines Lebens verlustig erklärt ist, zuweilen überlässt, selber das Urteil zu vollstrecken3)

wie ein altes norwegisches Gesetz es sagt, ihn zu erschlagen »zu den Füssen des Erschlagenen« 4).

Dies war der regelmässige Werdegang, der zu dem Absterben des Gedankens der alten Blutrache führte. Aber, wie wir in allen menschlichen Dingen Nachzügler der Idee entdecken, welche die Zeit ihrer Blüte um Jahrhunderte überleben, so auch hier. In Holstein muss sich die Blutrache noch sehr

?) WILDA a. a. O., S. 166.

2) Langsamer ging die Umwandlung bei den Nordgermanen vor sich und zum Teil auf anderem Wege. So schränkte die isländische Graugans die Blutrache auf die Zeit eines Jahres nach der Freveltat ein; WILDA a. a. O. 178.

3) Ja, es war zuweilen Plicht des Bestohlenen, den Dieb mit eigenen Händen zu henken (OSENBRÜGGEN, Studien, S. 167 ff.). Ein Analogon aus dem talmudischen Recht ist, dass der Verbrecher von den Zeugen selbst, auf deren Aussage hin er verurteilt war, gesteinigt wurde.

4) WildA a. a. 0. 167.

lange erhalten haben. Noch im Jahre 1332 stellte ein Johann von Brokau eine Urkunde aus, dass sein verstorbener Bruder ohne irgend einen Mitschuldigen einen gewissen Johann Hanę erschlagen habe, und dass er selbst, der Aussteller der Urkunde, nach dem Ableben seines Bruders die Blutrache inimicitiae capitales) allein zu tragen habe). Und gleiches wissen wir von den Friesen aus der Mitte des 13. Jahrhunderts). Ja, es ist aus dem Erzstift Bremen sogar um das Jahr 1468 als >Gewohnheit und Sitte« (Wanheit und Sede) bezeugt, dass, wenn ein Totschlag geschehen, die ganze Sippe (Schlechte, d. h. Geschlecht) des Toten die ganze Sippe des Totschlägers befehde und wiederum diejenigen totschlügen, die daran unschuldig wären und denen der Totschlag auch leid war, und die ganze Sippe Fehde darum leiden musste, sodass mancher biedere Mann, der an der Sache unschuldig war, seines Leibes und Gutes nicht sicher sein konnte und seine Arbeit und Nahrung darüber versäumte« :). Und ganz ebenso schreibt

1) E. J. WESTPHALEN, Monumenta inedita rerum Germanicarum praecipue Cimbricarum, Leipzig 1740, Bd. 2, S. 111 Nr. CXXXI. Ein Seitenstück hierzu ist das oben, Bd. I, S. 168 erwähnte Vorkommen der Kaufehe bei den Dithmarschen am Ende des 15. Jahrhunderts.

2) FRAUENSTÄDT, Blutrache und Totschlagsühne, S. 10 teilt folgende Stelle aus einem zeitgenössischen Schriftsteller mit: Ab antiquissimo tempore in consuetudinem immanissimam habebant Frisones, ut occiso homine unius cognationis ab altera, occisum corpus non sepeliretur a suis, sed suspensum in loculo servaretur et desiccaretur in domo,

quousque ex cognatione contraria in vindictam occisi plures vel saltem unum adversa cognatio

pro morte vicaria trucidaret et tunc primum mortuum suum sepulturae debitae cum magna pompa tradebat. Die Geschichte der Ostfriesen berichtet aus dem 12. Jahrhundert, dass die Blutrache für einen Erschlagenen durch stufenweises Anschwellen eine 20 jährige Fehde zwischen Osteringern und Wangerländern und den beiderseitigen Verbündeten herbeiführte und Schlachten veranlasste, in denen Hunderte und Tausende fielen (Ausland 1873, S. 511).

3) JOHANN VOGT, Monumenta inedita rerum Germanicarum praecipue Bremensium, Bremen 1752, Bd. 2, S. 148 ff.

ein Lübecker Chronist aus dem 14. Jahrhundert 1): »Und es war in dem Lande zu Holstein eine jämmerliche, böse, schnöde Sitte, nämlich dass ein Bauer den andern totschlug auf seine Fehde: dies war ihre schnöde Willkür (d. h. selbstge. kürtes Recht) und doch Unrecht. Diese Totschläge und Morde geschahen gar viel und hatten eine wunderliche Weise, die war also: Wurde einem sein Vater oder sein Bruder oder sein Vetter erschlagen, und hatte der Totschläger einen Vater, einen Bruder, einen Vetter oder wer sonst sein Schwertmage sein mochte, den schlugen sie wieder tot, wenn es ihnen gelang, gleichviel ob es ihm leid war (d. h. ob er die Bluttat beklagte) oder nicht, ob er davon Wissen hatte oder ob er zur Zeit des Totschlags über See war zu Rom (d. h. auf der Pilgerfahrt) oder in Norwegen. Auf diese Art wurde mancher biedere Mann erschlagen und war es richtiger Mord, für den es auch Kaiser Karl erklärte, als er zu Lübeck war (1375) und gebot, dass sie von der Mörderei ablassen sollten«. Es ist jedenfalls sehr bezeichnend, dass sich gerade in Gegenden mit vorwiegend bäuerlicher Bevölkerung die alte Blutrache am längsten erhalten hat, und werden wir nicht fehlgehen, den Grund in dem dortigen längeren Fortbestehen der alten Hausgenossenschaften zu suchen. Seltener wird uns derartiges aus den Städten berichtet, aber auch hier haben wir ein grausiges Beispiel in der Erzählung eines elsässischen Chronisten): »Als man zählte nach Gottes Geburt 1374 Jahr, am St. Georgentag nach Nachtessen, da erhub sich ein Krieg und ein Geschelle bei St. Thomas zwischen den zwei Ge. schlechtern zu Strassburg genannt die Rebenstöcke und die von Rosheim. Und derer von Rosheim wurden 3 erschlagen. Darum wurde zwölfen von den Rebenstöcken die Stadt verboten (d. h. wurden aus der Stadt verbannt), die zogen zu.

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1) FRAUENSTÄDT a. a. O., S. 13.
2) Bei FRAUENSTÄDT a, a, O., S. 32.

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hand nach Molsheim und waren da gesessen (machten sich daselbst ansässig). Als die von Rosheim erkundschafteten (befundent), dass ihre Feinde zu Molsheim wohnten, da schlichen sie heimlich in die Stadt nach Molsheim und lagen so manchen Tag in einem Hause verborgen und warteten, wenn sie über ihre Feinde könnten kommen. Hierum wussten die Rebenstöcke nicht und gingen ungewarnt zehren und essen auf der Edelleute Trinkstube zu Molsheim. Und als die Rebenstöcke eines Mals alle zehn auf der Stube zu Nacht gegessen hatten und bei einander waren, da liefen die von Rosheim heimlich aus dem Hause, darin sie verborgen waren, und kamen gewaffnet auf die Trinkstube über die Rebenstöcke und stachen ihrer 8 zu Tode und zwei junge Knaben, die entrannen. Und als die von Rosheim ihre Feinde also erstochen hatten, da liefen sie an die Ringmauer zu Molsheim und da es Nacht war und die Pforten geschlossen waren, kamen sie mit Leitern und mit Seilen über die Mauer hinaus, wie sie es vorher bestellt hatten. Dies geschah an St. Valentinsabend nach Gottes Geburt 1375 Jahr. Danach klagten die Rebenstöcke, die noch zu Strassburg waren,

vor dem Rate diesen Mord (d. h. sie erhoben die Klage auf Mord). Da erkannten Meister und Rat, dass die von Rosheim keinen Mord damit hätten begangen, dass sie ihre Feinde erschlagen hätten, und verboten jeglichen, die dies getan, die Stadt 10 Jahr, wie man denen tut, die einen Totschlag begangen haben.«

Und vollständige Kriegszüge der Geschlechter zur Ausübung der Blutrache werden uns

aus der Schweiz berichtet. Denn hier zog noch im Jahre 1533 Kaspar Wernli von Freiburg, um seinen Bruder zu rächen, »sampt seiner starken Freundschaft und Gesellschaft, auf 80 Mann gerechnet, alle wohl gewappnet«, auf Genf und begann hartnäckig einen Privatkrieg. So erteilt das Stadt- und Amtsbuch von Zug noch 1566 den Leib des Todschlägers, wenn er flüchtig geworden war und deshalb

verrufen und in den Unfrieden verkündet wurde, den Verwandten des Getöteten. Es war dies aber nicht nur dort, sondern ein mindestens über einen grossen Teil der Schweiz (Luzern, Thurgau, Glarus u.sw.) verbreitetes Recht und wird in einer »Ordnung“ aus dem 15. Jahrhundert deutlich dahin ausgesprochen: »so ihn (den Totschläger) der entlypten fryndschaft in der Landgrafschaft uff Wasser oder Land betreten, das sy in mit oder ohne Recht vom Leben zum Tode bringen mögend. « Und wurde ihnen zu diesem Zweck nach einem her. gebrachten Formular ein Freibrief erteilt, kraft dessen sie im Gebiet der Verrufung die Blutrache ausüben konnten?). So also war

es mit unsern Altvordern. Ähnlich wird uns aus dem alten Wales bezeugt, dass dort der Stolz auf die Reinheit und Ehre des Geschlechts und die den Kymren angeborene Leidenschaftlichkeit bei einer Verletzung des Bluts und der Familienehre das ganze Geschlecht gegen das Geschlecht des Täters zur Rache waffnete, und Mord mit einer gleichen Anzahl von Tötungen in der Sippe des Mörders vergolten wurde 2).

Ganz besonders war die Blutrache heimisch bei den slavischen Völkern, die in heidnischer Zeit einen eigenen Gott der Blutrache (Wit oder Wet)3) hatten. Bei den Russen kommt in ihrer ältesten Geschichte die Blutrache sogar in der Herrscherfamilie vor4). Und noch die sogenannte Russkaja Prawda des Fürsten Jaroslaw Volodimeritsch von Nowgorod (1018–1054) sanktioniert ausdrücklich die Blutrache und regelt,

1) OSENBRÜGGÊN, deutsche Rechtsaltertümer in der Schweiz, Zürich 1858, S. 16 ff.

3) WALTER, Wales, S. 138.

3) F. S. Tobien, die Blutrache nach altem russischen Recht, Dorpat 1840, Bd. I, S. 101 ff. Über diese Gottheit vergl. J. HANUSCH, die Wissenschaft des slavischen Mythus, Lemberg 1842, S. 171 ff.

4) J. Ewers, das älteste Recht der Russen, Dorpat 1826, S. 50 ff., 97 ff, IOS ff. TOBIEN a. a. O., S. 169 f.

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