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ZEITSCHRIFT

FÜR

KIRCHENGESCHICHTE.

HERAUSGEGEBEN

VON

D. TIIEODOR BRIEGER,

ORDENTL. PROFESSOR DER KIRCHEXOESCHICHTE AN DER UNIVERSITÄT LEIPZIG.

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GOTIA. GOTHAISCHE VERLAGSANSTALT, ACTIENGESELLSCHAFT, VORMALS FRIEDRICH ANDREAS PERTIES.

1890.

Anggegeben den 9. August 1890.

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Graf Zinzendorf und die Gründung der Brüder

gemeinde

Von

Hermann Reuter.

1. Es ist eine unvergelsliche Thatsache, dass einst im 16. und 17. Jahrhundert die Mehrheit der Einwohner des heutigen Königreichs Böhmen evangelisch gewesen ist. Ja ein Teil derselben meinte diesen (evangelischen) Glauben schon vor dem Anfange der sächsischen Reformation gehabt zu haben. Es war die Genossenschaft der Böhmischen und Mährischen Brüder, welche, mittelbar aus der hussitischen Partei der Taboriten unter eigentümlichen Verhältnissen herausgebildet, sich als die Zeugin der bereits vor Luther vertretenen evangelischen Wahrheit bezeichnete. Und doch sollte sie durch diesen erkennen, dass sie das nicht sei. Es geschah infolge der Verhandlungen mit dem sächsischen Reformator in den Jahren 1523-1533, dass sie über ihren bisherigen Glaubensstandpunkt einigermassen enttäuscht wurde. Beziehungsweise echt war freilich die Erinnerung an die Verfassung, von der sich im Anfange des 16. Jahrhunderts Trümmer erhalten hatten; – auch in der skrupulösen Wertschätzung derselben waren die damaligen Brüder ihren Vorahnen ähnlich. Dagegen die Lehre war nicht die nämliche geblieben.

1) Der nachfolgende Essay, das einzige, was Reuter druckfertig hinterlassen hat, gehört in der vorliegenden Fassung dem Jahre 1886 an.

Brieger. Zeitschr. f. 6.-G. XII, 1.

1

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Und das ist historisch begreiflich. Schon die ursprünglichen Brüder des 15. Jahrhunderts hatten der theoretischen Lehre längst nicht die Bedeutung zugeschrieben, welche nach ihrem Urteil das praktisch-christliche Leben hatte. Nicht Theologen waren sie gewesen, sondern Männer des Glaubens und der Selbstheiligungen, getrennt von dem grossen Ganzen der Kirche. Diejenigen, welche das 16. Jahrhundert erlebten, wollten das nicht minder sein, eine von allem Weltlichen sich zurückziehende, der sittlichen Praxis sich widmende, dem Willen nach anti - römische Societät. Aber da infolge der Bindung des Erkenntnistriebes das dogmatische Urteil nicht gehörig geschärft war: so erklärt es sich, dass sie, der Tendenz nach beziehungsweise anti-katholisch, doch in der Lehre mehrfach von der herrschenden Kirche thatsächlich abhängig blieben. Einerseits fand sich bei ihnen allerlei Anti-katholisches, was aber darum noch nicht evangelisch war, anderseits das eine oder andere katholisierende Moment, im ganzen eine gewisse Zerflossenheit der Stimmung, aus der jene Wirren der Gedanken entstanden zu sein scheinen, über welche Luther klagte. Aber demnächst wurden durch den letzteren dieselben wenigstens in gewissem Grade gelöst, die Brüder bedingterweise evangelisch. Ja in ganz Böhmen wurde die Reformation eine bedeutende Macht. Denn auch ein grosser Teil der sogen. Utraquisten nahm dieselbe an. In der Mitte der dreissiger, in den vierziger Jahren des 16. Jahrhunderts war die Zahl der Evangelischen daselbst grösser als die der Katholiken. Die Brüder konnten als Brüderunität sich eng zusammenschliessen, die ihnen so lieben eigentümlichen verfassungsmässigen Einrichtungen wiederherstellen. Aber nicht bloss kirchlich, sondern zum Teil auch politisch griffen sie im Verein mit den evangelischen Utraquisten, mit welchen sie im Bekenntnis übereingekommen waren, in die Geschicke des Vaterlandes ein. Sie waren mitbeteiligt bei den Unternehmungen der evangelisch gesinnten Stände zur Herstellung jenes selbständigen evangelischen Kirchenwesens, welches zugleich eine erhebliche politische Grösse war.

2. Aber nach der Schlacht am Weissen Berge am 8. November 1620 feierte die katholische Reaktion ihren blutigen Einzug in Böhmen. Die evangelischen Gotteshäuser wurden geschlossen oder zerstört; denen, welche sie bisher besucht hatten, gab man anheim, zwischen Exil oder Abfall zum Katholicismus zu wählen. Man erreichte im wesentlichen, was man beabsichtigte: des Landes Grenzen deckten sich fortan mit denen des Katholicismus. Nur geringe Reste der Brüderschaft konnten dem bisherigen Glauben treu ihr verkümmertes Leben erhalten und verheimlichen. In Wäldern und auf Feldern, auf einsamen Bergeshöhen und in Felsenklüften sammelte man sich nach der Weise der Voreltern, um sich wieder zu trennen. Man trennte sich, um sich wieder zu sammeln. Durch Anstimmung der Lieder, welche das herrliche Gesangbuch bot, in traulichen Gesprächen, durch das Lesen der heiligen Schrift suchten die Versprengten das gemeinsame teuere Erbe zu bewahren. Aber durch die List und Gewalt der Inquisition wurde es doch, wie es scheint, den meisten der übrig gebliebenen Brüder geraubt. Verfolgt, gehetzt, leiblich und moralisch gefoltert, begannen selbst ursprünglich starke Naturen zu wanken. Mehr und mehr schwächten sich ihre Gewissensskrupel ab, als sie, zuerst gezwungen, an den katholischen Kirchengebräuchen sich beteiligten. Und je öfter dies geschah, um so schneller ward das protestantische Bewusstsein in ihnen herabgestimmt.

Das scheint (wenigstens) vorausgesetzt zu werden durch die Zustände, in welchen im Anfange des 18. Jahrhunderts diejenigen sich befanden, welche – wir wissen nicht, mit welchem Rechte behaupteten, die letzten echten Sprösslinge der einst so grossen einheimischen Genossenschaft der Böhmischen und Mährischen Brüder zu sein. Es waren einige leicht zu zählende Familien, welche damals in dem nördlichen Mähren in den Dörfern Kunewalde, Zeuchtenthal, Senftleben wohnten. Sie lebten, wie es scheint, verhältnismässig abgesperrt von dem Verkehr mit der katholischen Bevölkerung, aber doch so, dass sie dieser keinen Anlass zu Verdächtigungen gaben. Kaum aber hatte der edle Samuel Schneider (gest. 1710) als der Träger der alten Traditionen

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