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Die Quellen zu den assyrisch-babylonischen Nach

richten in Eusebios' Chronik.

Von Heinrich Montzka.

Einleitung

Der Ausgangspunkt der Untersuchung. Es ist bei der Untersuchung der Quellen eines Schriftstellers ein günstiger Umstand zu nennen, wenn er selbst die Autoren anführt, denen er seine Angaben entnahm; er erhellt auf diese Weise gleichsam die Pfade, auf denen er zu seinen Nachrichten kam und auf welchen wir seinen Weg verfolgen, seine Glaubwürdigkeit prüfen können. In einer solchen Lage befinden wir uns im grossen und ganzen Eusebios gegenüber, misslich dabei ist nur, dass viele von seinen Excerpten ihre Erhaltung eben nur seinem Sammeleifer verdanken, andere Stücke wieder nur durch Abschreiber verunstaltet bei anderen Geschichtschreibern erhalten sind. Als Anhaltspunkt für seine Quellen im ersten Teile der Chronographie kann das Autorenverzeichnis angesehen werden, das Eusebios seinen Ausführungen über die römische Geschichte vorangestellt hat. Hier sind als Quellen verzeichnet :')

1. Alexander Polyhistor.
2. Abydenos' Bücher über die Assyrer und Meder.
3. Manethos drei Bücher über ägyptische Altertümer.
4. Die neun Musen Kephalions.
5. Diodors Bibliothek in 40 Büchern.
6. Cassius Longinus'?) 18 Bücher, 228 Olympiaden umfassend.
7. Phlegons (14) Bücher, 229 Olympiaden umfassend.")

1) Euseb. Chronic. ed. SCHOENE I S. 263 Z. 30 ff.

2) Über die Persönlichkeit dieses Cassius wissen wir nichts Bestimmtes. Vgl. Peter, veterum histor. Rom. reliquiae, Leipzig 1875, S. 174 f. TEUFFEL, Geschichte der röm. Literatur, Leipzig 1875, S. 817. C. WACHSMUTH, Einleitung in das Studium der alten Geschichte (Leipzig 1895) S. 151.

3) Der Titel seines Werkes ist bei Photios überliefert (ed. Bekker, Berlin 1824) I S. 83: „Olvutio vixõv zal Xpovixõv ovvayoyń.“ Doch zählt Suidas (ed. Bekker, Berlin 1854) S. 1099 richtiger 16 Bücher. Beiträge z. alten Geschichte II 3.

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8. Die sechs Bücher Kastors von Sinos bis zur 182. Olym

piade.') 9. Thallos??) drei Bücher, vom Falle Ilions bis zur 167. Olympiade

reichend. 10. Des Philosophen Porphyrios Geschichtswerk vom Falle Ilions bis

zur 167. Olympiade.?) Muss dieses Verzeichnis schon durch die Stelle auffallen, die ihm Eusebios in seinem Werke zuweist, so umsomehr dadurch, dass es nicht vollständig ist, obwohl es sonst mit ziemlich grosser Sorgfalt verfasst worden zu sein scheint. Mit Ausnahme des Alexander Polyhistor finden wir nämlich bei jedem Schriftsteller die Zahl der Bücher und zum Teil auch den Zeitraum, den diese umfassen, angegeben, und eben dadurch ist diese Stelle, die übrigens erst durch die Auffindung des armenischen Codex ganz bekannt geworden ist, 4) so wertvoll geworden.") Im Verzeichnisse fehlen mehrere Schriftsteller, aus denen er Excerpte mitgeteilt hat, so Flavius Josephus, Clemens von Alexandrien und die heilige Schrift, anderseits tut er des Phlegon, Thallos und Cassius Longinus nirgends in der Chronik Erwähnung, obwohl er sie hier ausdrücklich als Quellen anführt. Ebenso muss es auffallen, dass er hier den Africanus nicht mit aufzählt, den er doch mehreremale, wenn auch nicht sonderlich ehrend, nennt,“) und den

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1) In quibus a Nino ac deorsum olympiades CLXXXI collegit. Daher durfte Gelzer (S. Julius Africanus IIa S. 24) nicht schreiben ,bis zur 181. Olympiade."

2) Die Zahl der Olympiaden schwankt in den Ausgaben: neben „167“ findet sich „165“, in neuerer Zeit ist sogar 217 beantragt worden (Schoexe, Euseb. Chronic. I S. 265 N. 2). Dafür dans Thallos nicht Iio capto, sondern früher begann, finden sich mehrere übereinstimmende Nachrichten vor: Tertullian (Apolg. 10), Lactantius (I 13) und Minutius Felix (in Act. S. 24) erwähnen ihn unter den Schriftstellern über die älteste Zeit und die Götterkämpfe. Theophilus führt ihn als Gewährsmann dafür an, dass Belos ein Zeitgenosse des Chronos gewesen sei, und an einer anderen Stelle lässt er ihn sogar sagen, dass Belos 322 Jahre vor Ilions Fall gelebt habe (ad Autolyc. III 29). Dass derselbe Thallos gemeint sei, geht aus der Gleichzeitigkeit der Schriftsteller hervor, die ihn zuerst citieren. Freilich muss Thallos nicht schon vor Ilions Fall begonnen haben, wenn er Dinge erwähnt, die in die Zeit vor demselben gehören, anderseits könnte Eusebios das betreffende Stück unbekannt gewesen sein.

3) Sonst war das chronographische Werk des Porphyrios nicht bekannt, das ebenfalls mit der troischen Zeit begann und bis auf Claudius hinabgeführt wurde, nämlich den Gothicus, nicht den Sohn des Drusus.

4) Das bezieht sich auf die am Ende des vorigen Jahrhunderts in Konstantinopel bekannt gewordene armenische Übersetzung des Werkes unseres Geschichtschreibers, die bereits bei „Moses von Chorene“ angeführt wird.

5) Vgl. B. G. Niebuhr, Kleine Schriften I 187 f. (Bonn 1828).

6) Chronic. I S. 71 14, 97 39, 101 7. Genaueres erfahren wir über Africanus bei Eusebios: hist. eccles. VI 30. Demonstratio evang. VIII c. 2. 46. BÜDINGER, Ammianus Marcellinus und die Eigenart seines Geschichtswerkes. (Denkschriften der kaiserlichen Academie der Wissenschaften, phil.-histor. Classe), Wien 1895, S. 31 N. 5.

GELZER)

er doch für seine Olympionikenliste benutzt haben dürfte.?) will das Fehlen gewisser Quellen im Verzeichnisse damit erklären, dass Eusebios hier nur seine profanen Gewährsmänner genannt habe, während er die für die heilige Geschichte als allgemein bekannt ausgelassen hätte. Wenn dies für Africanus, Clemens und die heilige Schrift Geltung haben kann, so kann es sich doch nicht auf Josephus beziehen, den GELZER späters) ausdrücklich zu den Profanschriftstellern zählt. Da Eusebios alle seine Profangewährsmänner für die vorrömische Geschichte zusammengestellt zu haben behauptet, glaubt er ferner“) nur aus zwingenden Gründen die Übergehung eines Namens statuieren zu dürfen. Als solchen „zwingenden Grund“ stellt GELZER die Absicht besonderer Opposition gegen einen Schriftsteller hin, bezieht das Gesagte aber selbst vornehmlich nur auf Africanus, zumal der Bischof von Caesarea ja auch sonst öfter Angaben bringt, die mit den vorausgeschickten Excerpten nicht in Übereinstimmung stehen. Einigermaassen erklärt dürfte das Fehlen dieser Quellen dadurch werden, dass er sie, mit Ausnahme des Clemens, schon früher vor der jüdischen Geschichte genannt hat.“) Dass Cassius Longinus, Thallos und Phlegon, welche er die ganze Chronographie hindurch nicht erwähnt, dennoch im Kataloge angeführt werden, hat man damit zu erklären versucht, dass sie vielleicht erst für die Konsulntabelle und die Kaiserliste am Schlusse des ersten Buches oder erst im Kanon zur Verwendung gekommen wären.“ Dies scheint aber mit Eusebios eigenen Worten im Widerspruche zu stehen, der hier seine Quellen für die römische Geschichte zusammenstellt und darum auch den Dionysius von Halikarnassos nicht mit aufnimmt. Anzunehmen, dass Eusebios das Quellenverzeichnis einem anderen Schriftsteller entnommen habe,7) dürfte gewagt sein; denn selbst einem Schriftsteller von geringerer Bedeutung als der Bischof von Caesarea darf man nicht ohne nähere Verdachtsgründe die Aufnahme eines Verzeichnisses in die Schuhe schieben, das auf sein Werk gar nicht passt. Es gewinnt vielmehr nach dem Gesagten den Anschein, dass dieser Quellenkatalog nicht zu sehr auf den Wortlaut gepresst werden solle, dass er ein Nachtrag sei, der für die Frage nach den Quellen unseres Autors zwar einen wichtigen und erwünschten Anhaltspunkt bietet, aber zugleich mit den in den einzelnen Excerpten zerstreuten diesbezüglichen Angaben zu benützen sei.

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1) Gelzer, S. Julius Africanus II a S. 24. 2) Il a S. 24. 3) Gelzer, II a S. 46. 4) Gelzer, IIa S. 36. 5) Chronic. ed. ScuoENE I S. 71 Z. 11 ff. 6) B. G. NIEBUHR, Kl. Schriften I S. 187. WACHSMUTH, Einleitung S. 166.

7) So meint Niebuhr, dass die Liste dem Africanus entnommen sei. Ebenso Sriller, de Castoris libris Chronicis (Berlin 1878) S. 20.

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Alexander Polybistor. Es ist oberstes Gesetz der Exegese, einen Schriftsteller, wenn möglich, in erster Linie auf Grund seiner eigenen Angaben und Aussagen zu erklären.

Diesen oft ausgesprochenen Satz muss sich auch zur Richtschnur nehmen, wer an die Untersuchung der aus Alexander Polyhistor') erhaltenen Stücke in der Chronographie Eusebios geht. Selten ist nämlich an den Worten eines Geschichtschreibers so viel herumgebessert worden, wie an diesen Nachrichten des viel gescholtenen Bischofs von Caesarea. Es ist ja zuzugeben, dass Eusebios selbst schon manchen Schreibfehler in seinen Quellen vorfand und dass sicher beim Abschreiben und Übersetzen der Codices viele Unrichtigkeiten durch die Nachlässigkeit und den Unverstand der Schreiber in den Text hineinkamen. Es war aber entschieden unbillig, wenn seit SCALIGER) alle Verstümmelungen Eusebios aufgebürdet und allzu rasch aus einzelnen unsicheren Stellen allgemeine Schlüsse gezogen wurden. Gleichzeitig ging man in der so scheinbar zur Notwendigkeit gewordenen Reinigung“ zu weit, indem man dort, wo man ihn nicht verstand, auch gewaltsame Änderungen nicht scheute. So kam man zu einer ungerechten Beurteilung des Schriftstellers und zu einem eben die rechte Würdigung desselben erschwerenden, willkürlich verfälschten Texte. Erst dann wurde dieses Verfahren aufgegeben, als einige neuere Entdeckungen Eusebios' Worte bestätigten und so diesem Unwesen Halt geboten.

Will man Eusebios' Arbeit recht würdigen, muss man sich ferner vor Augen halten, dass alle Schriften des rastlosen Sammlers Alexander Polyhistor nichts anderes waren als Notizen- und Excerptsammlungen, in denen mythischer, geographischer und historischer Rohstoff nach dem Bedürfnisse der Zeit angesammelt und dem römischen Publikum leicht zugänglich gemacht wurde, ohne eigentliche schriftstellerische Verarbeitung, lediglich mit ungewöhnlicher Sorgfalt aufgenommen, deren Wert aber darin besteht, dass „bis dahin kaum beachtete Litteratur wertvollster Art herangezogen und ihre Kunde der griechisch - römischen Welt und damit auch uns erhalten blieb.“ 3) Insbesondere verdanken wir ihm aus

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1) Über ihn (Suidas, ed. Bekker, Berlin 1854, S. 61), Wachsmuth, Einleitung S. 239.

2) Scaliger, der doch sonst Eusebios absurdidates und halluncinationes vorwirft (De emendatione temporum. Lugduni Batavorum 1598 und an vielen Stellen des Thesaurus) sieht doch ein, dass manche Unrichtigkeiten auf vor Eusebios fallende Schreibfehler zurückgehen. Er sagt (de emendatione temp. S. 392 A): Sed est error librariorum, S. 463 B: Non enim est error Eusebii, sed librarii.

3) Vgl. FREUDENTHAL, Hellenistische Studien (1875), I. II. S. 1 ff. A. v. GUTSCHMID, Kleine Schriften (Ausg. v. Rühl, Leipzig 1889 ff.) I S. 20 u. S. 216. Die Fassung im Text nach C. Wachsmuth, Einleitung S. 238 ff.

Berossos' babylonischer Geschichte') die bei weitem wertvollsten Excerpte, die wir von diesem Schriftsteller überhaupt besitzen.) Diese stellt nun Eusebios an die Spitze seiner Nachrichten über die Chaldäer.

Was die Untersuchung der polyhistorischen Stücke erschwert, ist der Umstand, dass man hier mit drei unbekannten Grössen zu rechnen hat.) Wir kennen weder die Veränderungen, die der Text vielleicht durch Eusebios erfahren hat, noch den Anteil Alexanders an ihrer heutigen Gestalt, noch endlich die ursprüngliche Beschaffenheit der Originalwerke. Die erste dieser Grössen lässt sich aber ziemlich genau feststellen, wenn wir erwägen, wie Eusebios sonst seine Vorlagen behandelte. Dass Eusebios je seine Quellen direkt und absichtlich verfälscht habe und eines literarischen Betruges für fähig zu halten sei,4) wird heute wohl niemand mehr behaupten.5) Auch der Vorwurf, dass er die Wege unkenntlich zu machen suche, auf denen er zu den einzelnen Citaten gelangte und sich den Schein gab, in der älteren Litteratur bewandert zu sein, während er sie gar nicht kannte,") ist ungerechtfertigt. Eusebios nennt, wie sich in der Folge zeigen wird, fast immer ausdrücklich seine Quellen, deren Benutzung sich auch, wo die Überlieferung überhaupt einen Vergleich zulässt, im einzelnen erweisen lässt. In der älteren Litteratur war er wie selten einer bewandert.") Einzelne kleine Vergesslichkeiten“) und Verwechslungen zwischen Auszügen und Abschriften dürfen bei der Masse des Materials, das Eusebios zu übersehen hatte, nicht wundernehmen. Die Abschriften an sich hat unser Autor sehr gewissenhaft geliefert und in den Excerpten gehören Zusätze selbst ganz unwesentlicher Art zu den Seltenheiten. Die Ursache aller dieser häufigen Anschuldigungen aber lag darin, dass man meinte, in Eusebios durchaus einen tendenziösen Geschichtschreiber erblicken zu müssen, dabei aber

1) Die Einteilung des Werkes Berossos' ist uns erhalten: Das 1. Buch enthielt die kosmogonie, das 2. die Sagenzeit und die ältesten Könige und das 3. die folgenden Herrscher bis Nabopolassar (Synkellos [edid. Dindorf, Bonn 1879, I S. 390, P 207] schrieb freilich Nabonassar). Vgl. Eusebios, Chronic. ed. Schoene I S. 11 Z. 21–29.

2) C. WACHSMUTH a. a. 0. S. 240.
3) FREUDENTHAL a. a. 0. S. 3.

4) Valkenser, diatr. de Aristobulo S. 75. Dindorf, Eusebii Caes. opera (Bibl. Teubn.) I. Praefatio S XVIII ff.

5) Die Anschuldigungen Gessners (Orphica S. 361) und Niebuurs (an mehreren Stellen) sind längst widerlegt.

6) So zuletzt FREUDENTHAL a. a. 0. S. 7.

7) Die Worte , και πολύς δέ άλλος μαρτύρων ημίν όχλος παλαιών τε καί νεων συγyoaméov in obči(Praep. erang. IX c. 42 in der Ausgabe DindoRFS) sind eben oft missverstanden worden. Überfluss an Nachrichten hatte Eusebios sicher, das beweisen seine Schriften zur Genüge; dass er die einzelnen im Originale gelesen, sagt er selbst nicht.

8) Z. B. tritt in der Praeparatio evangelica IX c. 14 und 15 der Übergang Abydenos zu Josephus nicht deutlich hervor.

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