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Die Götterkulte von Thera. Eine historische Skizze auf Grund der Ausgrabungen von 1896–1900.

Von F. Hiller von Gaertringen.

I. Auf allen Gebieten der geschichtlichen Entwickelung Griechenlands im Altertum geht unsere Betrachtung zwei Wege: der eine führt auf die sonnigen Höhen weitester Umschau, universalster Betrachtung, bei der die kleinen Schluchten und Höhen, Ebenen und Gebirgslandschaften, Küsten und Inseln oft nur allzusehr vor dem übermächtigen Sonnenlicht verschwinden, wo man aber der Gefahr entgeht, kleine örtliche Besonderheiten ungebührlich zu überschätzen und zu verallgemeinern. Ein anderer Weg spaltet sich bald in unzählige Pfade, die sich oft wieder teilen und früher oder später enden. Es ist der Weg der Einzelforschung. In Griechenland muss ihn jeder gehen, der zu einer wirklichen innerlichen Kenntnis des Landes und seiner Geschichte kommen will. hüllt die genaue Anschauung eines engen Thales, einer abgelegenen Klippe dem Auge mehr als die oberflächliche Umschau von einem hohen Gipfel.

Eine der kleinsten unter den griechischen Inseln des Ägäischen Meeres, wenigstens von denen, die überhaupt irgend eine Rolle gespielt haben, ist die Insel Thera. Auf ihr lag im Altertum eine Stadt, die jedenfalls in den bekanntesten Perioden griechischer Geschichte zu den kleinen unter den zahllosen griechischen Kleinstädten gehört, relativ nicht zu vergleichen mit der Bedeutung, welche die Hauptniederlassungen auf der Insel heutzutage im Bereiche der Kykladenprovinz beanspruchen dürfen. Aber diese Stadt lag der Forschung offen, so günstig wie wenig andere, und ist, ob man auch noch keineswegs am Ende angelangt, so gut bekannt wie keine andere auf den Inseln, ja man kann sagen wie keine andere des Königreichs Griechenland. Denn wenn wir auch in Athen auf der Akropolis jeden Stein kennen mögen und noch besser kennen werden, wenn Kaweraus genauer Plan endlich veröffentlicht sein wird, so giebt es in der Stadt nicht nur die berühmten, oder auch verrufenen zwei, die ein russischer Gelehrter MALININ jetzt wiederum behandelt hat, sondern hundert topographische Streitfragen, und anderwärts kennt man wohl

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heilige Bezirke wie Delphi und Olympia und einzelne Tempel und Gebäude, aber von den ganzen Städten meist nur die allgemeinsten Umrisse

eine Stadt wie Theben ist dank FABRICIUS, WILAMOWitz und SotiriADIS schon verhältnismässig gut weggekommen; und erst bei Korinth kann man hoffen, dass man allmählich nach mühsamer Arbeit weiter zu einem wirklichen Stadtbilde kommen wird. Thera ist vom Schreiber dieser Zeilen, der sich der Unterstützung vieler Fachgenossen für die Gebiete, auf denen sein eigenes Können versagte, zu erfreuen hatte, in den Jahren 1895, 1896, 1899 und 1900 untersucht worden. Die Ausgrabungen und Ergebnisse der Inschriftforschungen von 1895 und 1896 liegen in zusammenhängenden Veröffentlichungen vor,t) die Resultate von 1899 und 1900 sind nur Gegenstand vorläufiger Mitteiluugen geworden,’) und es werden noch mehrere Jahre vergehen, bis der ganze Stoff auch nur einigermassen befriedigend durchgearbeitet und dem gelehrten Publikum zur Benutzung vorgelegt ist. Und auch dann wird selbst das beste Ausgrabungswerk das Studium der Originale, der Natur und der Denkmäler nicht ersparen. Bei diesem Stand der Dinge kann man heutzutage also noch kein abschliessendes Wort sagen. Aber ein Rückblick auf die gethane Arbeit ist wohl möglich, und ist für den, der mitten darin gestanden hat, leichter als für einen Unbeteiligten.

Doch ich möchte das Thema noch etwas einschränken. Nicht die ganze Kulturentwickelung vermag ich zu schildern - dazu ist meine Einsicht in die Geschichte der Bauwerke und in manches andere bis jetzt zu unvollkommen. Ich greife heraus die Geschichte der Religion, der Götterkulte, wie sie sich nach den jetzt bekannten Denkmälern und Urkunden darstellt. Manches davon habe ich schon bei früheren Gelegenheiten gesagt, aber es muss hier im Zusammenhange wiederholt werden.

Was wussten wir von Thera, bevor die Erforschung des Bodens einsetzte? Die alten Schriftsteller weilen am liebsten bei den Sagen. Kadmos landete dort, errichtete dem Poseidon und der Athena Altäre und liess seinen Verwandten Membliaros mit einigen Leuten zurück. Nach Herodot waren das Phoiniker, nach der historischen Forschung unserer Zeit Kadmeer aus Böotien, ein griechischer Stamm, verherrlicht durch die Sage von Ödipus und den Sieben gegen Theben, die sie, verstreut und über das Meer gejagt, in Ionien und anderwärts ausgebildet hatten und die Gemeingut geworden war des epischen Heldenliedes. Zu denen kam Theras, auch ein Abkömmling des Kadmos, Vormund der

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1) F. Hiller von GAERTRINGEN, Die archaische Kultur von Thera 1897. Inscriptiones graecae insularum maris Aegaei fasc. III 1898 und Blass in den G(riechischen) Dialekt-) Inschriften). Thera. Bd. I 1899 (Bd. II über die Nekropolen und Gräberfunde von H. DRAGENDORFF ist im Druck, vergl. vorläufig Arch. Anz. 1897, 78 ff.).

2) Arch. Anz. 1899, 181 ff. Ath. Mitt. XXIV. 1899, 353 ff. XXV. 1900, 461 ff.; vgl. F. Huller von GAERTRingen, Ausgrabungen in Griechenland 1901, 20 ff.

Könige von Sparta Eurysthenes und Prokles, deren Mutter seine Schwester war, mit drei Dreissigruderern, auf denen er Volk aus den dorischen Phylen in Sparta (die es damals noch gab) und Vinyer mitführte, die vordem spartanische Weiber geheiratet, dann aber missliebig geworden waren. Auch die Minyer entstammen der später Bootien genannten Landschaft und sind gefeiert in der Sage von der Argofahrt. Ein Sohn des Theras bleibt in Sparta zurück, Oiolykos, von dessen Sohn Aigeus sich die Aigeiden in Sparta herleiten, eine quai usyáin, die dort das Heiligtum der Erinyen des Laïos und Ödipus gründen; von Theras selbst stammt das Königsgeschlecht von Thera, dem im VII. Jahrhundert Grinos Sohn des Aisanios angehört. Unter diesem führte ein Minyer, Aristoteles mit dem Spitznamen Battos aus dem Hause der Euphemiden, eine Kolonie von meist Unzufriedenen nach Libyen und gründete Kyrene. I'm 515 liess sich dann ein spartanischer Königssohn Dorieus von Theräern nach Libyen führen.

Wir haben also auf Thera bis ins VII. Jahrhundert Minyer und Dorier unter einem „kadmeischen“ Königsgeschlecht; angeblich von Lakonien gekommen. Die älteren „kadmeer“ resp. „Phoiniker“ mögen aus der Genealogie des Königshauses erschlossen sein, sie bildeten für die Erzählung den Anlass der Fahrt nach Thera. Die Rolle des Theras im spartanischen Staatswesen, überhaupt die Sanktion der Kolonie durch Sparta sind späte Zuthaten, wahrscheinlich erst aus der Zeit des Dorieus. Trotzdem kann Lakonien eine Durchgangsstation der Kolonisten gewesen sein; es kommt nur nicht mehr so sehr viel darauf an. Genug, dass das Doriertum später überwog, und dass die dorischen Staaten, nicht bloss Sparta, sondern auch die Argolis und Kreta, sowie die Kolonie Kyrene, thatsächlich eine Fülle von Parallelen für Thera bieten, nicht nur für Religion und Staatswesen, sondern auch z. B. für die Personennamen, welche bekanntlich in weit höherem Masse als die Umgangssprache alte Anschauungen und Formen festzuhalten pflegen.

Nach Herodot bestanden auf der Insel sieben Gemeinden, und jede derselben wird ihre eigentümlichen Kulte besessen haben. So, um dies vorweg zu nehmen, der Hafen Eleusis, den nur Ptolemäus erwähnt, der aber sicherlich schon der ältesten Zeit angehört, einen Dienst der Demeter Eleusinia, deren Monat Eleusinios für Thera bezeugt ist, und der in früherer Zeit grosse Verbreitung gerade im Peloponnes gefunden haben muss, lange bevor Eleusis mit Athen zu einer politischen Gemeinde verbunden wurde. Ebenso der Ort, der bei dem heutigen Dorfe Merovigli und Kap Skaro an der Innenseite der Inselgruppe lag, einen Bezirk der Athena, deren Grenzmarke aus dem V. Jahrh. v. Chr. noch im Fels erhalten ist. Und so noch mehr. Die Stadt aber, die auf dem ins Meer vorspringenden Kalkfelsen, dem Messayuno erbaut, nur an der Landseite über einen schmalen Bergrücken auf mühsam und kunstreich angelegten

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Strassen zugänglich war, besass natürlich die wichtigsten Heiligtümer. Wir müssen uns diese Stadt als eine kleine Bergfeste vorstellen, steil nach Südwesten, sanfter und in flachgeöffneten Bogen nach Nordosten abfallend; nach dem Sockel zu wohl schon immer durch Befestigungen geschützt, sonst höchstens durch schwache Mauern umgeben, obwohl eine einheitliche Befestigung nicht sicher nachweisbar ist. Zu den ältesten Stadtteilen gehört die Agora, an der die später oft umgebaute, in der ersten Anlage aber wohl in die Königszeit hinaufgehende „Königliche Halle“, die ,, Basilika“ von Thera lag. Vor ihr war durch eine Stützmauer ein freier ebener Platz geschaffen; die grossen rohen Blöcke der Stützmauer tragen in altertümlicher Schrift noch zahlreiche Namen von Menschen. Ein Block scheint auch Poseidon als [Tjardoxos zu nennen.') Auf dem Markte stand ein archaischer Löwe, dessen Inschrift nicht mehr zu entziffern ist; in und um die Halle sind einzelne Weihungen älterer Zeit gefunden, darunter eine an Zeus und Athena, unvollständig IG Ins. III 427; nach einem 1900 hinzugefundenen Bruchstück:

Διός Πολιέος και]

'Αθάνας Πολιάδος) stoichedon geschrieben, etwa um 500 v. Chr. Bruchstücke eines in der Nähe gefundenen Sakralgesetzes (Nr. 450) nennen auch Athanaia und Agyieus. In später Zeit gab es noch einen Priester der Athana Polias, dessen Basis auf dem Markte stand (Nr. 495). Man möchte also gern die von Kadmos geweihten Altäre der Athene und des Poseidon, womöglichst auch einen Tempel der Athene und ihres Vaters hier suchen; aber die Ausgrabungen haben keine weiteren Anhaltspunkte gegeben.

Vom Marktplatz, der etwa in der Mitte der Stadt lag, führte eine gepflasterte Strasse in allmählichem Gefälle und deshalb im Bogen nach dem Ende des Bergrückens, der ganz für staatliche und religiöse Zwecke freigehalten war. Hier bot der in schrägen Flächen anstehende Kalkfels einem jungen, unverwöhnten, und der erst vor kurzem erlernten Schreibkunst frohen Volke eine unvergleichlich bequeme Schreibgelegenheit dar, welche auch dankbar und ausgiebig benutzt wurde, weniger als kostbare Marmortafeln und Bronzen der Zerstörung ausgesetzt war und uns so eine religions- und sittengeschichtliche Urkundensammlung allerersten Ranges geworden ist. Man brauchte den graublauen Kalkfels nur mit einem rohen steinernen oder eisernen Instrument wenig zu klopfen, um darauf Eindrücke zu erzielen, die sich in weisser Farbe von dem dunkleren Grund abhoben. Das konnte jede ungeübte Hand; es bedurfte keines gelernten Steinmetzen. So erklären sich die zahlreichen Graffiti, menschliche Namen zum Teil mit mehr oder weniger verfänglichen

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1) Votivtafel an Togeldàv 'Innoras (?) IGIns. III 441, V. oder IV. Jahrh. v. Chr.; vgl. Thera I 152 Anm. 54.

Zusätzen
Zlatzen. Hier kommt es aber auf die Altäre an, kleine, etwa vier-

, eckige Vertiefungen, denen der Name des Gottes beigeschrieben wurde. Es ist dies zunächst eine Gruppe mit den Namen: Zeus (vier mall, Kures (zwei malı, Apollon, Lochaia Damia, Dioskuren, Chiron, Deuteros, Bureaios und noch einige minder sicheren. In der Nähe finden wir die Erinyen, Athanaia und Biris, weiterhin die (hariten (Kámites), Hermes und Kora.") Über diese Gottheiten habe ich bereits an mehreren Stellen ausführlich gehandelt; wichtig sind gerade die, welche nicht zu den anerkannten ITO Sen Göttern gehören. Soviel ist sicher, dass hier die Beschützer der Geburt und Kinderpflege, des Gedeihens der Menschen und der Saaten einen hervorragenden Platz einnahmen. Die Erinyen, Lochaia Damia fördern und bedrohen beides; Chiron ist bekannt als Erzieher, und der Kuret und Kora bezeichnen selbst die jugendliche männliche und weibliche Gottheit,?, mag man sie nun im besonderen deuten wie man will. Den „Vördlichen“ als Altar“ zu fassen, wie Blass wünscht, würde nur angehen, wenn ihm ein „Südlicher“ entspräche: es kann doch nur der Wind gemeint sein, der Wohlthäter der Menschen und der ganzen Satur. Sein Gegenstück wäre ein an anderer Stelle gefundener Stein mit der spätarchaischen Aufschrift „Nicht anrühren“, weil sonst der verderbliche Südwind ausbrechen könnte, - wenn es erlaubt ist auch nur mit der Phantasie diese verschiedenen Stücke aus verschiedenen Zeiten zu verbinden.

Noch weiter nach dem Vorgebirge zu herrscht Zeus in gesteigertem Masse. Zahlreiche Altäre nennen ihn mit seinem eigentlichen Namen und als Hikesios. Ob er auch hier Melichios hiess, konnte nach IG Ins. III 406 noch fraglich erscheinen: eine von Wilski 1900 in dieser selben Gegend gefundene Felsinschrift späterer Zeit Zazs Jrhinoz tūv tepi Holivov bringt dies zur Gewissheit.

Wie Zeus, so wurde auch Apollon unter vielen Beinamen verehrt. Wir haben ihm auf Grund der Ausgrabungen von 1996 ein sehr primitives rechteckiges Gebäude als Tempel oder besser als iapos oixos zugewiesen, von dem offenbar eine Anzahl recht später Ehreninschriften mit Weihungen an Apollon karneios stammt. In hochaltertümlichen Graffiti wird einmal Apollon, ein anderes Mal Delphinios, d. h. wieder Apollon angerufen; auch als Lykeios scheint er verehrt zu sein. Für den Beinamen Karneios und das Fest der Karneen sind die ältesten Zeugnisse eine Felsinschrift am Wege. der von der Begräbnisstätte auf der Sellada an der Hauptquelle der Insel, heute Zoodochos Pege, vorbei zu einer ferneren

1 Vgl. Blass GDI 4727. 4728.
2, Vgl. USENER, Sintplutsagen 72 f.
3) IG Ins. III 451 mit corrigenda, nach STUDNICZKA.
4, Blass zu GDI 4752.
5) Blass zu GDI 4797.

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