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Fachgenossen weniger bekannt sein wird, und also diese Abhandlung dazu beitragen kann, der babylonischen Astronomie zu dem Platze zu verhelfen, welcher ihr jetzt in der Geschichte der Astronomie gebührt. Ich habe mich ausserdem nicht blos auf die Darstellung des rein Astronomischen beschränkt, sondern auch die historischen Beziehungen berührt, welche zwischen der Astronomie der Babylonier und jener der Griechen, Araber und Inder sichtbar sind; freilich sind die Thatsachen, welche hier den Boden bilden, gegenwärtig erst lückenhaft bekannt, aber ein Versuch, den Gegenstand zu skizzieren und aus dem Ganzen den vermutlichen Entwickelungsgang der babylonischen Astronomie abzuleiten, wird den Historikern wie Astronomen vielleicht nicht unwillkommen sein. Den verschiedenen Streitfragen, die dabei auftauchen, namentlich den sprachlichen Erörterungen über die Deutung der Namen der Sterne und Tierkreiszeichen u. dgl. stehe ich als Astronom selbstverständlich vollkommen unparteiisch gegenüber, ich habe deshalb an einzelnen Stellen verschiedenerlei Meinungen angeführt. Die Abhandlung, welche also wie gesagt, die Forschungsergebnisse möglichst kurz zusammenfassen soll, zerfällt den gemachten Bemerkungen zufolge in 3 Teile:

I. Der gestirnte Himmel bei den Babyloniern und der babylonische Ursprung der Mondstationen.

II. Sonnen- und Mondlauf und Gang der Gestirne nach babylonischer Kenntnis und deren Einfluss auf die griechische Astronomie.

III. Der mutmassliche Entwickelungsgang der babylonischen Astronomie.

I. Der gestirnte Himmel bei den Babyloniern und der babylonische

Ursprung der Mondstationen. Nach JENSEN, HOMMEL U. A. hat man folgende, aus astrologischen und religiösen Argumenten entsprungene Teilung des Himmels bei den Babyloniern anzunehmen: Musir-sadda (Atusir-kišda) ist der Nordpol (Joch des Himmels) der Ekliptik (geweiht dem Gotte Anu = Himmel); als Gegenpunkt, Südpol, ist nach Jensen der Ea-Stern (=n Argus) zu betrachten'), womit sich HOMMEL) nicht einverstanden erklärt. Die drei Regionen des Himmels, welche vom Nordpol ausgehen, sind nach Hommels Darstellung: die Region des Anu (Beherrscher des Himmels), etwa den Stier, die Zwillinge, Krebs und Löwe umfassend, und beginnend mit Aldebaran; die Region des Bel (Sohn des Anu) (vielleicht auch im gr. und kl. Bären lokalisiert?], begreifend Löwe, Jungfrau, Wage und Skorpion; die Region

1) Die Kosmologie der Babylonier. 1890.25—28.

2) „Ausland“ Jahrg. 1892 (Die Astron. der alten Chaldäer.) Der Stern n Argus stand 2000 v. Chr. um fast 200 nördlicher als gegenwärtig und konnte für die Breite von Babylon eine Maximalhöhe über dem Horizonte von etwa 180 erreichen.

1*

des Ea (Gottes der Gewässer) vom Schützen bis Widder (Wasserregion). Die Milchstrasse mit ihren beiden Verzweigungen wird als Euphrat und Tigris aufgefasst. ?)

Die Sterne (Stern = assyr. kakkabu = sumerisch mul) erscheinen in den babylonischen Inschriften unter mehreren zusammenfassenden Bezeichnungen, als lu-maši-Sterne, tikpi-Sterne. Die ersteren sind sieben an der Zahl und werden oft in den Inschriften, selbst schon im babylonischen Schöpfungsberichte genannt. Bisher haben die Identifizierungsversuche der 7 Maše-Sterne folgendes ergeben: 1. Šugi-Stern (= „der Greis, der Alte, der Scheich“), nach HOMMEL und JENSEN") der Orion. 2. Irū oder Ea-chu-Stern. (Der Ea-Vogel, Adler = Atair [at-tûir] = der fliegende.) 3. Sibziana-Stern (= „Treuer Hüter des Himmels“), nach JENSEN der Regulus *), nach HOMMEL und EPPING entweder y Gemin. oder a Orionis. 4. Kaksidi

Kakkab mišrī („Lanzenstern, nördliche Waffe“). Erwähnt in einem Berichte Tiglatpilesers I (1100 v. Chr., resp. nach C. F. LEHMANN, „Zwei Hauptprobleme der altorientalischen Chronologie und ihre Lösung“ um 1000 v. Chr.) und auf Grund verschiedener von einander abweichender Übersetzungen und Deutungen identifiziert von Jensen mit dem Antares, OPPERT mit dem „Nordstern“ (a Dracon.), Halévy mit dem Sirius, MAHLER ebenfalls mit diesem, von ARCHENHOLD mit y Crucis, und von Hommel mit dem Procyon. 4) 5. Kakkab in-timinna-bar-šigga („Schwanzstern“), auch Habaşirānu genannt, nach HOMMEL wahrscheinlich a Cygni (Deneb = Schwanz). 6. Ud-ka-gab-a („Die den Rachen öffnende Bestie“). Ort unbestimmt; nach HOMMEL südlich vom Orion im Hasen oder im Einhorn. 7. Stern Pa-bil-sag (?). Nach Hommel in der Ea-Region zu suchen (Mira Ceti oder zwischen a Sagittarii und J Ophiuchi ?). Diese 7 Maši-Sterne hat man nach JENSEN “) als Ekliptikalsterne zu betrachten, sie müssen sämtlich in der Nähe der Ekliptik stehen, da es in verschiedenen Inschriften heisst, dass Merkur, Venus oder Mars sich denselben nähern und an ihnen vorbei gehen; diese Sterne hatten wahrscheinlich für die babylonische Astrologie eine besondere Bedeutung. --- Die tikpi-Sterne hat bisher HOMMEL allein zu identifizieren versucht. Es sind folgende: Gam oder zub („Waffe des Merodach“) = ß und Š Tauri; der „Stern des Königs“ a Leonis; „ ,,Vogel Sirinnu“ = Rabe, südlich der Jungfrau; der Stern ,ka-çar-ni-naja"

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1) Überhaupt bildet der Himmel ein zweites chaldäisches Land. Der Polstern ist das Joch des Himmels und Jupiter der Planet des „Lichtstiers“ (= Sonne). Die Sonne zieht auf ihrer Bahn die „Furche des Himmels" (= Ekliptik). Die Milchstrasse erscheint auch unter dem Begriff „Hirtenzelt“ (daher der Begriff „Himmelszelt“).

2) Ausland 1892 (b) die lumashi- und tikpi-Sterne], Kosmolog. 47.
3) Kosmol. 36; Zeitschr. f. Assyr. I 266.

4) Kosmol. 49–54, Zeitschr. f. Assyr. I 244; I 435; Journ. asiatique VIII ser. t. VIII; Sitzungsber. d. Wien. Akad. d. W. Bd. 95 p. 299 und Zeitschr. f. Assyr. II 219, II 439; ,Ausland“ a. a. 0.

5) Kosmol. 55.

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(Pflanzenname: Ähre ?) = a Virginis; der ,,Stern des li-Instrumentes (Wage ?); der „Stern der Schlange" a Serpentis; der „Stern ni-dar(Stern des Gottes Ni-dar) B, 8 Scorpii; „Stern der erhabenen Herrin“

im Schützen; der „Stern des Königs“ (zu unterscheiden von a Leonis) im Schützen; der „Stern Zalbadânu“ (sonst der Name für Saturn) ebenfalls im Schützen; der „Stern Allul(Netz, Schildkröte ?) Delphin (?); Fuchsstern“ (lul-a)= Wassermann oder Fische; die ,,Schwalbe“, zwischen dem Schwanze des Skorpions und dem Adler an der Teilungsstelle der Milchstrasse.

Von den übrigen helleren Sternen abgesehen von den sogleich zur Erwähnung kommenden Sternen der Tierkreiszeichen sind bis jetzt auf babylonischen Inschriften etwa folgende erkannt worden: Der „Stern der Grundlage" Plejaden; der narkabti-Stern Wagen (grosser Bär); der mar-gidda-Stern „Lastwagenstern“ (kleiner Bär) [HOMMEL]; kak-ban Sirius [EPPING )). Merkwürdiger Weise haben zwei der hellsten Sterne noch nicht identifiziert werden können: Arktur (vermutet wird gish-a-ru) und Wega („Stern der schwangeren Frau“??).

Der Gebrauch der zwölf Tierkreiszeichen in der babylonischen Astronomie ist nahezu gleichzeitig von EPPING 2) für die Arsacidenzeit (3. Jahrh. v. Chr.) und von JENSEN 3) für die alte Zeit nachgewiesen worden u. Z. von EPPING auf rechnerischem Wege durch Untersuchung der auf mehreren babylonischen Tafeln angegebenen Planetenstände in den Sterngruppen, und von JENSEN mittelst sprachlicher Analyse der in vielen Inschriften und Cylindern gleichmässig wiederkehrenden Namen von Sternen, allerdings hinsichtlich einiger Zodiakalzeichen weniger erfolgreich. Ich gebe hier die Namen der Zeichen nach Epping, mit der verbesserten Lesung von JENSEN, die Ausdehnung der Zeichen in der Ekliptik nach Epping, sowie die Zusätze für die Bedeutung der Namen, welche Ros. Brown“) angegeben hat: 1. ku = Widder. ku = Abkürzung von I-ku = „der Vordere“, oder

„ „Leitstern des Jahres“; hiermit übereinstimmend JENSENS Lesung

lulim = „Vorderschaf" “ ,,Leitschaf". 358° bis 180 der Ekliptik. 2. te-te = Stier (te sumerische Bezeichnung.) = GUD-an-na („, Himmels

stier“) nach JENSEN. Der Hauptstern Aldebaran heisst bei EPPING

GIŠ- Da pidnu (= ,,Stier oder Krieger des Himmels“). 269_470. 3. maš-mašu

Zwillinge. Sumer. maš-tab-ba (JENSEN], assyr. Tuāmu (rabūti)

= die grossen Zwillinge. Von 61—850. Krebs. Richtige Bezeichnung nach JENSEN Pulukku

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4. nangaru

1) Astron, a. Babyl. 150, 151.
2) Daselbst, 148, 170.
3) Kosmol. 59—82, 310.

4) Remarks on the Euphratean astron. names of the signs of the Zodiac (Proceed. of the Soc. of Biblic. Archaeol. vol. XIII 246—271).

1

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a =

=

„der ge

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(Krebs?) Das Wort für Krebs im Sumerischen resp. Assyrischen
ist nicht bekannt; aber auf babylonischen Grenzsteinen findet man
öfters über einem Altar eine Schildkröte abgebildet. Brown liest

has = ,, Teilung" (Colurkreis der Solstitien) Von 89—113°.
5. a= Löwe. a= Abkürzung von arû = ,,Löwe". Von 111–1489.

„“
6. ki Jungfrau. Nach Jensen abšínu und šír’u (irgend eine Be-
ziehung zu „Korn“, ,,Halm“, ,, Ähre“). Ohne Zweifel gehen diese

, )
Namen auf die (griechische) Darstellung der Ähre in der Hand
der Jungfrau zurück. Brown setzt ki =

Brown setzt ki = ašru, einer Bezeichnung
für , Mondstation“, der ersten chinesischen Mondstation kio = u

Virgin. (Spica) entsprechend. Von 152-174o.
7. nûru (?) = Wage = Zibānitu, gleichwertig der arabischen Be-

zeichnung „Scheere des Skorpions“. Hiermit deckt sich die
Bezeichnung χηλαι Scheeren des Skorpions, bei Aratus. Von

177—203o.
8. akrabu Skorpion = sum. Gir-tab (der Angreifer, der Stechende).

Von 213-216".
9. pa (oder hut) = Schütze. pa eine Abkürzung für den oben schon

unter den lumaše-Sternen angeführten Stern pa-bil-sag
flügelte Feuerbringer“; hut = ,,der Bringer des Tages, Tagesan-

„,
fanges.“ Von 232—262o.
10. šahû = Steinbock. Eigentliche Bedeutung ist „Ziegenfisch“ (Suhūru-

Fisch mit Enzu Ziege als Kopf), nämlich eine (auf Siegel-
Cylindern bisweilen abgebildete) Ziegengestalt mit Fischschwanz.
Von 270—294o.

Wassermann. Die Bedeutung von gu (assyr. ) ist unbe-
kannt, vermutlich ,,Gefäss (oder Urne)" des Wassermanns

(Amphora). Von 298–3140.
12. zib = Fische (zib = ,,Himmelsmarke, Ordnung, Endezeichen“), oder
nūnu = „,Fisch (des Ea“. Auch das „Fischband“ (dur nūnu) lässt

=
sich in Inschriften nachweisen. Von 314–00.

Diese Bevölkerung des Tierkreises mit Gestalten hat sich bei den Babyloniern allmählich, unter dem Einflusse der Astrologie, religiöser und kosmogonischer Legenden, ausgebildet. Die Namen lassen hierüber keinen Zweifel. So sind Skorpion, Ziegenfisch, Fische und Widder in der „Wasserregion“ (Ea-Region) personifiziert, weil in der Tiāmat-Legende (tiamat = das Meer) ein Skorpionmensch, Fischmensch, Ziegenfisch und Widder zu den Helfern des Meeres gehören. Manche Zeichen sollen Beziehungen zu den Jahreszeiten ausdrücken. So der Löwe“ die Hitze des Sommers, die „Amphora“ die wasserreiche Zeit des Winters, „Jungfrau“ die Zeit des in Entwickelung (in Ähren) stehenden Korns bezeichnen. Diese Beziehungen lassen auch einen Schluss darüber zu, um welche Zeit einzelne Zodiakalzeichen eingeführt worden sein können.

11. gu

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Für „Jungfrau“ nimmt JENSEN 3000—4000 v. Chr. an; Löwe, Skorpion und Stier sind an den Himmel verpflanzt worden zu einer Zeit, wo der Frühlingspunkt im Stier lag (3000 v. Chr.). Mit den Zodiakalzeichen und überhaupt mit den Sternbildern sind im Laufe der Zeit mancherlei Änderungen vorgenommen worden. So haben Stier und Pagasus ursprünglich ein Sternbild gebildet und zwischen beide ist später der Widder eingeschoben ') worden. Ebenso stellten einst Wage, Skorpion und Schütze ein Sternbild dar, und die Scheeren des Skorpions reichten bis in das Gebiet der Wage hinein. (Näheres über JENSENS Vermutungen s. dessen ,,Kosmologie“ S. 88–93, 315—320, 498-502.) Wegen dieser mit

„ der Zeit in den Inschriften wechselnden Darstellungen lassen sich die Angaben über die Sternbilder aus der älteren Zeit nur schwierig mit denen jüngeren Datums, z. B. EPPINGS aus der Arsacidenzeit, vergleichen. Aus JENSENS und EPPINGS Untersuchungen lässt sich im Ganzen schliessen, dass von den bei den Griechen beschriebenen Tierkreisbildern, wie die keilschriftlich vermerkten Namen zeigen, in der älteren Zeit mindestens die Hälfte vorhanden waren und Spuren der später eingeführten vorkommen, und dass die sämtlichen Zodiakalzeichen in der babylonischen Astrologie (und Astronomie) ihren Ursprung haben. Diese Annahme eines hohen Alters des Tierkreises erhält aber noch eine ganz wesentliche Stütze durch die Untersuchungen HOMMELS an altbabylonischen Grenzsteinen, welche wir jetzt erwähnen müssen.

Schon 1891 fand HOMMEL) aus der Vergleichung der Sternbilder, die auf acht dem 12. Jahrh. v. Chr. angehörenden Grenzsteinen sichtbar sind, dass auf diesen Steinen gemeinsam folgende Darstellungen vorkommen: der Stier (mit einem Symbol), die Zwillinge (zwei auf einem Hals sitzende Drachenköpfe, oder auch nur ein solcher Kopf), zwischen letzteren die Spindel (Streitkolben), der Hund (späterer Löwe), die Ähre, mit oder ohne einer darunter liegenden Kuh (später das Tierkreiszeichen Jungfrau), das Joch (bezw. Wage), der Skorpion, der Skorpionmensch mit dem Bogen (Schütze) (oder statt dessen nur der Pfeil, oder die die Milchstrasse symbolisierende grosse Schlange), der Ziegenfisch (bezw. Schildkröte) (der spätere Steinbock), ein Kohlenbecken oder Schmelztiegel (Amphora), der schreitende Vogel (manchmal ein Pferdekopf), der Widder mit Zelt und Symbol. Vor Kurzen hat HOMMEL") eine nochmalige Untersuchung seines gegen früher erweiterten Materials, nämlich von 14 Grenz

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1) Der Name Vorderschaf“, „Leithammel“ für den Widder deutet darauf hin, dass die Einführung zu einer Zeit geschab, wo die Sonne zur Zeit der Frühjahrs-Tagund Nachtgleiche in den Widder trat, also von da ab der Widder das vorderste Zodiakalzeichen bilden konnte.

2) „Ausland" 1891 (I. Der Tierkreis), 1892 (II. Die Planeten nnd Nachträgliches zum Tierkreis).

3) Aufsätze u. Abhandlungen II 1900 (No. 7: Der Ursprung des Tierkreises).

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