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haltbar. Das einzig Natürliche ist, wenn man nicht gleich ans Schwarze Meer gehen will, die Rückverlegung nach Moskau. Rußland ist jeßt durch die Eijenbahnen in so enge Beziehungen zu Europa geseßt, daß auch Moskau nicht mehr zu fern liegt. St. Petersburg würde immer die zweite Stadt oder nach Konstantinopel die dritte Stadt des Landes und ein großer Handelsplaş bleiben, auch wenn es aufhört, die Hauptstadt zu sein. Kein Staat der Welt sieht eine Gefahr darin, eine große Stadt, die man überdies befestigen kann, vier Tagemärsche von der Grenze zu haben. Krakau, Breslau, Posen, Danzig, Königsberg liegen heute der russischen Grenze ebenso nahe und noch näher.

Die Häfen von Riga und Libau sind für die russische Ausfuhr jeßt sehr wichtig, aber es bleibt ja der Weg über St. Petersburg und der Besig von Konstantinopel wäre doch noch viel wichtiger.

Für Deutschland hätte die Erwerbung der baltischen Provinzen politisch und wirthschaftlich feinen sehr hervorragenden Werth. Wirthichaftlich immerhin insofern, als hier auf dem dünnbevölkerten Boden noch weiter Raum für die Ackerbaukolonien wäre, nach denen man in Deutschland so dringend verlangt. Auch maritim würde Deutschland verstärft. Der Hauptgewinn aber bliebe der moralische und nationale: daß hier ein edles Glied unseres Volfsthums gerettet und zu neuem Leben erweckt werden kann. Wie das fatholische Deutschthum sich befriedigt fühlen würde durch die Befreiung der katholischen Polen, so das evangelische durch die Befreiung der evangelischen Balten von dem furchtbaren Joch der russischen Kirche.

Nun aber die militärischen Verhältnisje: ist nicht das Innere Kuglands ganz anders bedroht, wenn Polen und Livland in fremder vand sind, als heute, wo diese Vorwerke erst erobert werden müßten? Diese Frage ist, nachdem wir die Rücksicht auf Petersburg als Hauptstadt beseitigt haben, feineswegs mit Ja zu beantworten. Es ist mit den vorgeschobenen Stellungen im Kriege eine eigene Sache. Sie erschweren dem Gegner die Annäherung. Das ist richtig. Aber sie absorbiren auch die eigenen Kräfte. Die Truppen, die die vorgeschobenen Stellungen vertheidigen, gehen meiit verloren und fehlen nachher bei der Vertheidigung der Hauptstellung. Es handelt sich hier hauptsächlich um Polen, da Livland überhaupt keine Grundlage für einen Angriff auf Rußland bietet und bei seiner ganz excentrischen Position für die Vertheidigung Deutichlands vielmehr eine Last, als für deutiche Angriffe einen Vortheil bieten würde. Mit Polen ist das etwas anderes. Die Narew-Stellung und Warschau müssen immer erst überwältigt werden, ehe deutsche und österreichische Heere in Rußland eindringen können. Werden sie aber überwältigt, so ist auch der ganze Bruchtheil der russischen Armee, der sie vertheidigt hat, außer Gefecht geseßt. Deutschland ist im Stande, am elften Tage nach der Mobilmachung mit ungezählten Hunderttausenden in Polen einzu: brechen. An diesem Tage werden in vielen russischen Dörfern die Reservisten eben erst zu ihren Regimentern aufbrechen. Fast ein Vierteljahr wird vergehen, bis die eigentlichen russischen Massen an der polnischen Grenze erscheinen können. Solange müssen die Linienregimenter, kaum von Reservisten verstärkt, die Vertheidigung Polens führen. Erliegen sie mittlerweile der Ueberzahl der Deutschen und Desterreicher, so ist der Kern des russischen Heeres dahin. Die Deutschen und Desterreicher werden vermuthlich gleich in der Art von Norden und Süden in Polen einrücken, daß sie den Kussen den Rückzug abschneiden und sie zunächst in die Festungen einschließen. Eine solche vorgeschobene Stellung ist doch wohl ein zweischneidiges Ding. Aber wenn sie nicht wäre, so würden sich die deuts schen und österreichischen Heere sofort in das Innere Rußlands ergießen und auf die noch nicht fertig mobilisirte Armee stürzen ? Gewiß, aber welches Objekt hätten sie hier? In das Innere Rußlands über die Pripet-Sümpfe hinaus dringt man nur sehr langsam vor. Die russische Armee könnte sich ungefährdet ein Stück zurüdziehen und sobald durch ihre fortschreitende Mobilisirung die Kräfte ins Gleichgewicht gekommen sind, den Gegenstoß beginnen.

Wir wollen uns nicht weiter in strategische Möglichkeiten vertiefen. Es lag uns nur daran, klar zu machen, daß cine solche vorgeschobene Stellung noch dazu unter feindlicher Bevölkerung, wie sie die Russen in Polen haben, keineswegs ein unbedingter Vortheil ist. Ausgenommen freilich, wenn man die Absicht hat, aus solcher Stellung zum Angriff vorzugehen, und hier ergiebt sich fast das wichtigste Moment unserer ganzen Betrachtung. Solange die Russen Polen und Warschau haben, bilden sie eine stete Bes drohung für Europa. Solche Bedrohung ist auch eine stete Kriegsgefahr. Immer wieder tritt an den russischen Chauvinismus von hier aus die Versuchung heran, die Weltherrschaft zu erwerben, und immer wieder müssen sich ebenmäßig Deutschland und Desterreich überlegen, ob sie nicht eine Gelegenheit ergreifen sollten', diesen Druck los zu werden. In dem Augenblick, wo Rußland freiwillig auf Polen verzichtet, verzichtet es darauf, Enropa weiter zu bedrohen, und ebenmäßig hört auch jede Bedrohung Rußlands von Westen her auf. Welches Interesse wäre denkbar, das Deutschland nach der beschriebenen Neuordnung zu einem Angriff auf Rußland verloden fönnte? Und vor etwaigen Reibungen mit dem neuerstandenen Polen würde sich Rußland nicht fürchten. Die habsburgische Krone würde ihrerseits die Kraft und das Interesse haben, solche polnischen Aspirationen niederzuhalten.

Immer bleibt es für eine Großmacht ein mißliches Ding, Provinzen, die man einmal besißt, wegzugeben, um andere dafür einzutauschen. Wir werden noch auf ein Moment kommen, das es Rußland sehr erleichtern würde, diesen Entschluß moralisch, vom Standpunkt des politischen Stolzes aus, zu fassen, wollen aber jekt erst den wirtschaftlichen Gewinn betrachten, den Rußland bei dem Tausche machen würde. Es ist schon oft beobachtet worden, daß Rußland bei seiner Wirthschaftspolitik sich stets in einem bösen Dilemma befindet. Es will sich selbst eine Industrie großziehen; die Schußzölle aber, die es einführt, lassen die Industrie nicht auf dem russischen sondern auf dem Europa näher gelegenen Westgebiet des Reiches erwachsen, das man garnicht die Absicht hat, zu begünstigen und zu befördern. Eine Reihe höchst widerspruchsvoller Maßregeln sind aus diesem inneren Gegensaß hervorgegangen. Das wahre russische Interesse, das die Heranbildung einer Industrie in Moskau, am Ural und am Kaufasus fordert, verlangt zu diesem Zweck geradezu eine wirthschaftliche Trennung von Polen. Nichts besseres kann der russischen Industrie geschehen, als wenn sie den polnischen Konkurrenten, der ihr garkein Konsument ist, los wird, und ihr statt dessen Gebiete Asiens zugeführt werden, die selbst noch ohne wesentliche Industrie, sie mit ihren Produkten versorgen darf. An der russischen Industriepartei, die zugleich die russische Expansionspartei ist, würde dieser Traum nach beiden Richtungen, der negativen wie der positiven, dem Abscheiden hier, dem Zufügen dort, einen sehr realen Bundesgenossen haben.

England hat seinen Antheil an der türkischen Erbschaft längst bestimmt und schon in Besig genommen. Es ist Egypten. Die „Preußischen Jahrbücher“ haben vor kurzem das treffliche Referat des „Militär-Wochenblatts“ über Wilkinson's inaritime Abhandlungen gebracht, in denen ausgeführt wird, daß für England die freie und gesicherte Fahrt durchs Mittelmeer und den Suezkanal nicht weniger wichtig sei als die Herrschaft über den Vermelkanal. Das ist durchaus feine Uebertreibung, und der Besit Egyptens ist deshalb für England eine Lebensfrage. Jede Macht, die nicht in einen unmittelbaren schweren Krieg mit England gerathen will, muß das anerkennen und England diesen Besig ohne Störung überlassen. England in Egypten ist also ein Interesse des europäiîchen Friedens. Wenn nun freilich Rußland Kleinasien mit der Bai von Iskanderun und der Ausfahrt aus dem Schwarzen Meer besißt, jo rückt es damit der englischen Stellung bedenklich nahe. Aber darin muß sich England finden, früher oder später, und was später sein könnte, wird auch wohl jeßt schon sein können. Im Besiß von Gibraltar, Malta, Cypern und Egypten muß sich England im Mittelmeer Nußland gegenüber stark genug fühlen.

Mehr aber darf man ihm nicht aufladen, wenn es den neuen Zustand in Frieden annehmen soll. Syrien also darf den Kussen nicht ausgeliefert werden. Syrien, Arabien und Mesopotamien würde das Reich des Sultans, der seine Residenz nach Damaskus oder Bagdad zu verlegen hätte, bleiben.

Ebenso darf der andere Rivale Englands im Mittelmeer, Frankreich, der englischen Stellung in Egypten nicht allzu nahe rücken. Tripolis also darf nicht an Frankreich, sondern muß an Italien fallen. Das ist für England noch vortheilhafter als wenn es unabhängig bleibt. Die Macht Italiens deckt ihm von da an dieje Flanke. Man könnte vielleicht auf die Idee kommen, auch Syrien an Italien zu geben, um im Norden eben eine solche Bar: riere durch eine Landmacht zu schaffen. Ob das thunlich ist, bleibe dahingestellt. Um Italiens Antheil zu verbesjern und einen ewigen Reibungspunkt zu beseitigen, fönnte Desterreich an Italien Wälschtyrol abtreten, woran der Gebende nichts verliert, der Empfangende viel gewinnt.

Ist das Vorhergehende richtig, so ist für Frankreich aus der türfischen Erbschaft direkt ein Stück so wenig herauszuschneiden wie für Desterreich und Deutschland. Die französische Kompensation muß anderweit gesucht werden. Es bieten sich Marokko nnd der Kongostaat, beides Gebiete von großer Zukunft und zur Zeit in einem auf die Dauer unhaltbaren politischen Zustande. Frankreich gewönne damit ein mächtiges westafrikanisches Reich. Aber den Franzosen würde dies Anerbieten doch wohl schwerlich genügen, denn sie verlieren etwas, was ihrem Verzen theurer ist, als alle Länder Afrifas und Asiens, nämlich die Hoffnung auf die Revanche. Der große Erbtheilungsplan friedlich durchgeführt, würde Europa die Hoffnung auf einen sehr langen Friedenszustand eröffnen, und das Zusammenwirken aller Mächte das Sonder-Einvernehmen zwischen Rußland und Frankreich praktisch aufheben. Giebt es eine Möglichkeit, Frankreich einer solchen für die friedliche Entwickelung Europas segensreichen Politik dennoch dienstbar zu machen?

An der deutsch-französischen Grenze ist ein ungeordneter Punkt: Luremburg. Das Volk ist deutsch mit französischem Firniß. Das Großherzogthum hat zum Deutschen Bund gehört und gehört noch heute zum deutschen Zollverein. Man hat es der deutschen Politik lange als eine Art Vorwurf angerechnet, daß sie dieses Ländchen bei der Zusammenfügung des Reiches hat ausfallen lassen. Es führt seitdem eine Existenz ohne jeden ethischen Werth. Die Luxemburger sind feine Nation, sie sind kein Staat, sie haben kein höheres Bestreben, als sich die Lasten, die die Zugehörigkeit zu einem großen Staatswesen mit sich bringt, vom Leibe zu halten. Jede höhere Idee, jeder Schwung, jeder geistige Antrieb erstickt in diesem niedrigen materiellen Interesse. Keine größere Wohlthat könnte dem Völkchen erwiesen werden, als wenn es gezwungen würde, sich einem wahren Staatswesen anzugliedern. Geographisch, national und wirthchaftlich kann Luxemburg nur an Deutschland fallen, nämlich so wie es ist, als selbständiges Großherzogthum in den Bund des Deutschen Reiches eintreten. Ohne Frankreichs Zustimmung ist das unmöglich. Zu Deutschland aber gehört ein Stück altfranzösischen Staatsgebiets, dessen natürlicher Zusammenhang ganz ebenso sehr auf Frankreich verweist wie derjenige Luxemburgs auf Deutschland. Das ist Mek. Von je sind die Ansichten darüber getheilt gewesen, ob es politisch richtig war, 1871 Meß zu behalten. Fürst Bismarck hat es ursprünglich nicht gewollt; aus rein militärischen Gründen auf das Votum des Generals Moltke hin wurde es endlich gefordert. Und es ist richtig, daß Meß militärisch eine Position ganz ersten Ranges ist. Es hat uns zweifellos in diesen 25 Jahren die größten Dienste erwiesen. Auch wenn wir Meß nicht genommen hätten, wäre der Revanchedurst der Franzosen nicht geringer gewesen ; unsere Stellung in Meß aber zügelte ihre Angriffslust. Ießt kommt allmählich die Kehrseite zu Tage. Die deutsche Stellung in Meß ist für die Franzosen eine so ungeheure Bedrohung, daß sie von der Revanche nicht lassen können, selbst wenn sie wollten. Meß ist urfranzösisches Sprachgebiet und eine große ehrenhafte Nation verzeiht einen Raub an ihrem Sprachgebiet niemals. Sie wartet immer nur auf den günstigen Moment für

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