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davon schweigen, so beweist das nichts für Unkenntnis. Gekannt hat man die Zeitalterrechnung auch in Israel zu allen Zeiten vor Daniel. Wir werden auch Spuren davon finden. Verschiedenartig ist die Ausprägung. Die Ägypter rechnen mit der Sothisperiode von 1460 Sonnenjahren. Die 4 x 3000 Jahre des Avesta ruhen auf dem altorientalischen System. Ebenso die vier mexikanischen Zeitalter 1. Mit Vorliebe werden die Zeitalter nach Metallen bezeichnet. Gewisse Metalle entsprechen, wie die Farben etc., den Planeten. Dem Mondgott gehört das Silber, der Sonne das Gold, der Venus das Kupfer. Die drei Zeitalter müßten demgemäß nach babylonischer Rechnung heißen: silbernes, goldenes, kupfernes Zeitalter. Statt dessen wird aber in späterer Zeit aus verschiedenen Gründen der Zeitalter-Rechnung die Anschauung zugrunde gelegt, die der Sonne den Vorrang gibt?: goldenes, silbernes, kupfernes Zeitalter. Die Sonne kann in ihren göttlichen Wirkungen, wie wir sahen, Saturn gleichgesetzt werden. Darum ist das goldene Zeitalter auch das Zeitalter Saturns 3. Das ist die Zeitalterrechnung bei Daniel und im Okzident bei Hesiod. Sie setzt zu den drei vergangenen Zeitaltern noch das Zeitalter der Gegenwart: das eiserne hinzu. Ob auch dies eiserne Zeitalter dem astralen System entspricht, oder nur eine praktische Ergänzung ist, die an die Kämpfe der Gegenwart erinnert, mag dahingestellt sein. Jedenfalls liegt in der Anordnung der pessimistische Gedanke: die Zeiten werden schlechter. Und die Sehnsucht der Welt geht auf Wiederkehr des goldenen Zeitalters 4.

Der Wechsel der astralen Zeitalter wird in bestimmten Mythen dargestellt, die das Weltensystem wiederspiegeln Diese Mythen bilden für die Geschichtserzählung des Alten

1) Näheres s. im Abschnitt Biblische Zeitalter.

2) Es würde der ägyptischen Anschauung entsprechen, die dem Okzident die philosophia orientalis vermittelt hat.

3) Winckler F. III, 187f. nimmt an, daß man nach babylonischer Reihenfolge auf das Marduk-Zeitalter ein Nebo-Zeitalter folgen ließ. Der Zweiteilung Nebo-Marduk (winterliche Hälfte, sommerliche Hälfte) entspricht aber bei Vierteilung der Beginn mit Nergal-Saturn.

) Dem Beginn mit der Sonne entspricht die Wochenzählung, die mit Sonntag beginnt; dem Beginn mit Saturn die (jüdische) Wochenzählung, die mit Sonnabend anhebt.

5) Vgl. hierzu die Ausführungen Wincklers, Ex oriente lux I, i S. 33 ff., von denen ich, wie sich aus obigen Ausführungen ergibt, in einigen Punkten abweiche.

Orients eine fertig gelieferte Zutat, die für den Schriftsteller dasselbe sind, was für den Dichter die Metrik und gehobene Sprache, für den Maler Linie, Schatten und Farbe ist. Insbesondere werden in jedem Zeitalter die Geschichtsanfänge so charakterisiert, daß die anhebende Person die Züge der astralen Jahrgottheit trägt, die dem Anfangspunkt eines Zeitalters entspricht 1

Beispiele: Die Geburtsgeschichte Sargons I. mit dem Motiv der geheimnisvollen Herkunft, Aussetzung und Errettung, s. zur Kindheitsgeschichte Mosis 2 Mos 2, wo eine große Anzahl Parallelen aus babylonischen Texten und aus allen Enden der Welt aufgeführt werden sollen. Mit dem gleichen Motive stattet die indische Legende Buddha und Krischna, die persische Zarathustra, die chinesische Fohi aus. Die gleichen Motive zeigt die ägyptische Geschichte in der Mythologie der Geburtsgeschichten des Königssohnes (s. Erman, Agyptische Religion S. 40, wo sie als „Wahnwitz“ charakterisiert wird). Es ist die dem Stierzeitalter entsprechende Marduk - Osiris-Legende, die uns übrigens bisher nur in dieser Gestalt des Dynastiengründer - Mythus bekannt ist, noch nicht in den Marduk-Mythen selbst, obwohl sie auch hier sicher existiert hat. Die Romulus-Legende fügt das Motiv des Zwillingszeitalters hinzu, eine Archaisierung, die uns bereits S. 66 begegnete, ebenso die persische Cyrus-Kambyses-Legende und die athenische Legende von der Tyrannenvertreibung. H. Winckler erklärt aus den Motiven des Zwillingszeitalters, das dies älteste Zeitalter darstellte, den Beginn aller Geschichtslegende, die eine Mondgestalt einerseits und eine Zwillings-(Dioskuren-) Legende andererseits aufweist, s. S. 66. Der Hauptstrom der Wanderung scheint in das Stierzeitalter zu fallen. Dem Widderzeitalter-Motiv begegnen wir bei Alexander, der sich von Apelles als Jupiter malen läßt und in der Oase des Jupiter-Amon das Orakel des widderköpfigen AmonJupiter besucht, s. S. 69. In der Apokalypse entspricht die Symbolisierung des siegenden Christus durch ågvíov dem Widderzeitalter, s. S. 69. Nach einem andern Weltzeitalter-Motiv läßt sich Sanherib, der durch die Zerstörung Babylons eine neue Welt-Aera eröffnen wollte, als neuer Adam darstellen (Adapa abkallu Marduk, s. Kap. IV); Sargon sagt, 350 Könige

tten vor ihm regiert, mit ihm beginnt ein neues Mondzeitalter. Insbesondere lieben es die babylonischen und assyrischen Herrscher, daß die Tafelschreiber ihre Regierung mit den Motiven des Erlösungs-Zeitalters ausstatten (Asurnașirpal, Merodachbaladan II., Asurbanipal, ebenso dann Cyrus, s. BNT S. 27 f.). – Da der nebî (Prophet) Verkünder bez. Bringer des neuen Zeitalters ist (s. S. 82 f.), so wird auch seine Geschichte mit den Motiven des neuen Zeitalters ausgestattet, wie wir es z. B. in den Eliasund Elisa-Erzählungen finden werden.

Aber auch über die übrigen Erzählungsstoffe spannt sich der Mythus gleich dem Netz einer entworfenen Zeichnung aus.

1) H. Winckler, Gesch. Isr. II, 10: „In der Überlieferergilde bilden sich feste Normen heraus, die in Anspielungen auf bekannte Mythen bestehen und zugleich eine poetische Einkleidung des jeweilig besungenen Ereignisses darstellen.“

Er zeigt sich in Wortmotiven, Wortspielen und Motiven, mit denen entweder die historischen Stoffe umrankt werden oder die an unwesentliche Züge der Geschichte angeknüpft werden, besonders gern auch in der Bildung künstlicher Namen und Beinamen. Bestimmte Vorstellungen der Mythologie gelten dabei allmählich als typischer Ausdruck für bestimmte Ereignisse. Der Sieg des Helden erscheint als Sieg über den Drachen, Überschreitung des Meeres oder Flusses in kritischer Entscheidung wird mit dem Motiv der Spaltung des Drachens ausgestattet. An Stelle des Drachenkampfes tritt auch die Tötung der Fünf (Epagomenen als Repräsentanten der zu Ende gehenden Winterzeit), Tötung des Tyrannen (Orion) oder Riesen', mit dem Motiv der Trunkenheit bei Ernte oder Schafschur, Titanenkampf, Tötung der 70 Söhne als Ausrottung des Geschlechts usw.

Von diesem mythologischen Einschlag gilt dasselbe, wie von der Mythendichtung: „Die echte Mythendichtung ist wie die schaffende Natur nirgends willkürlich, sie hat selbst für Dinge, die sie nur zum Schmuck einzufügen scheint, ihren bestimmten Grund.“ Die Geschichtserzählung der Alexanderzeit, der Perserzeit, die altrömische Geschichte zeigt diese Erscheinung; in besonders hohem Maße die Geschichte Muhammeds und seiner Nachfolger. Auf westeuropäischem Boden sei an die Geschichte von König Artus, Karl dem Großen erinnert.

Besondere Erregung hat nun die Behauptung hervorgerufen, dass diese mythologisch-historische Erzählungsform auch bei den biblischen Geschichten ihr Wesen treibe?. Wincklers Geschichte Israels II hat die Tendenz, an der biblischen Geschichte als einem besonders charakteristischen Beispiel die mythologische Darstellungsform nachzuweisen. Winckler geht hier über das Ziel hinaus. So glaube ich z. B. nicht, daß das Schema der Trias (Mond und dann Sonne in ihren beiden Hälftenerscheinungen Marduk und Nebo) von der Geschichtsdarstellung systematisch verwendet worden ist: Saul - Mond, David - Marduk, Salomo-Nebo: es sind wohl nur Motive in den

1) Vgl. S. 86.

2) Tammuz-Motive in der Josephsgeschichte, Tammuz bez. MardukNebo-Motive in der Mosesgeschichte, Marduk-Motive bei Josua, David etc. Beispiele für die typischen Motive: Drachenkampf bei Errettung aus Ägypten; Spaltung des Drachen beim Durchgang durchs Meer und bei Überschreiten des Jordans (s. zu 2 Mos 14, Jos 3), Tötung der 70 Söhne Ahabs 2 kg 10, 6. (vgl. C. Niebuhr OLZ 1897, 380f.), Besiegung der fünf Könige i Mos 14, Jos 1of., 4 Nos 31.

Einzelgestalten anzunehmen. Sicher aber ist, daß die sagenhafte Ausschmückung der späteren Zeit systematisch arbeitet. Jedenfalls handelt es sich um eine epochemachende Entdeckung, die für das Verständnis der alttestamentlichen Sprechweise von weittragender Wichtigkeit ist. Verfasser hat deshalb mit vollem Bedacht dem „mythologischen Einschlag" in seiner Streitschrift „Im Kampf um Babel und Bibel“1 das Wort geredet, und es wird eine Aufgabe auch dieses Buches sein zu zeigen, wie das altbabylonische Weltbild und der Weltenmythus seine Spuren in der alttestamentlichen Erzählungskunst hinterlassen hat.

Die Erkenntnis vom Vorhandensein des mythologischen Einschlags als der Darstellungsform der alttestamentlichen Erzählung hat seit dem Erscheinen der 1. Auflage dieses Buches in weiteren Kreisen sich Bahn gebrochen, so daß seine Aufnahme in den festen Bestand der Bibelexegese seitens der Kundigen als gesichert gelten kann. Die wichtigste Frage ist dann die: inwieweit darf bei Auffindung mythologischer Anspielungen die Geschichtlichkeit der Begebenheiten noch festgehalten werden? Allgemeine Regeln werden sich nicht aufstellen lassen. Die Entscheidung wird von Fall zu Fall zu treffen sein.

Folgende Leitsätze möchte ich zur Debatte stellen. Sie liegen den Ausführungen des vorliegenden Buches, soweit es sich um mythologischen Einschlag handelt, zugrunde:

1. Mythologische Motive, die der Erzählung anhaften, beweisen an sich nichts gegen Geschichtlichkeit des gesamten Stoffes. Sargon I. wurde von Assyriologen für eine mythische Person gehalten, weil von ihm die Geschichte geheimnisvoller Geburt, Aussetzung im Korbe, Auffindung durch Ištar erzählt wird. Jetzt besitzen wir Abschriften von Annalen aus seiner und seines Sohnes Naramsin gewaltiger Regierung. Minos galt bis vor kurzem als unhistorisch wegen des mythologischen Charakters der Geschichten, die von ihm überliefert sind; abgesehen von seiner Person ist zum mindesten nachgewiesen, dass in der jüngst entdeckten kretischen Kultur die Voraussetzungen für eine Person wie Minos vorhanden sind. Midas von Phrygien ist trotz der Eselsohren, der mythischen Goldsucht und des gordischen Knotens durch die assyrischen Inschriften als historische Persönlichkeit beglaubigt. In diesem Zusammenhange ist sogar für eine Gestalt wie Simson, dessen Geschichte nur rein Mythisches enthalten soll und dessen bloßer Name als

) Leipzig, J. C. Hinrichs, 4. Auflage 1903.

Beweis für seinen mythischen Charakter vorgeführt zu werden pflegt, historische Grundlage nicht ausgeschlossen. Von solchen Gesichtspunkten aus ist auch von Winckler für die Vätergeschichten, bei denen ein historischer Gehalt von der „historischkritischen Schule" als vollkommen ausgeschlossen angesehen wurde, ein historischer Gehalt angenommen worden.

Winckler hatte in der Geschichte Israels den naheliegenden Trugschluß, der mit dem Nachweis der mythologischen Züge die historische Tatsache eliminiert, nicht allenthalben vermieden, hat aber im Schlußkapitel bei der Zusammenfassung der Ergebnisse ausdrücklich betont (S. 298), daß sich die richtige Erkenntnis dieser Ausdrucks- und Auffassungsweise des Altertums ebensogut mit der vollkommensten Gläubigkeit wie mit der weitgehendsten Zweifelsucht in bezug auf die erzählten Tatsachen vereinigen läßt.

2. Es ist zu unterscheiden zwischen verschiedenen erzählenden Partieen des Alten Testaments. Die Urgeschichten der Bibel sind anders zu beurteilen wie die Vätergeschichten und die Erzählungen aus der vorkönigischen Zeit, und diese wiederum anders als die im hellen Lichte der Geschichte liegenden Erzählungen der Königszeit.

Die Urgeschichten sind Einleitungen zu israelitischen Geschichtswerken bez. Gesetzeswerken, die später redaktionell überarbeitet bez. zusammengefaßt worden sind. Sie nehmen ihren Stoff aus der altorientalischen Lehre über Weltentstehung und Weltentwicklung im Sinne der Wissenschaft ihrer Zeit (vgl. hierzu Kap. IV). Sie sind weder Sagen noch verblaste Mythen', sondern religiös angewendete Weltanschauung. Das System, dessen Konturen sie möglichst zurücktreten lassen, ist ihnen das Gefäß für schöpferische religiöse Ideen. Wie weit es sich z. B. bei der Sintflutum Überlieferung realer Tatsachen handelt, läßt sich mit den heutigen Mitteln der Kritik nicht entscheiden.

Die Vätergeschichten sind von neuem auf ihre historische Glaubwürdigkeit zu prüfen. Daß sie eine rückwärts projizierte Idealgeschichte darstellen, ist ausgeschlossen. Das Milieu wird sich als historisch bis in die kleinsten Züge erweisen. So werden

4) Nur verblaste mythologische Anklänge sind zu konstatieren, wie z. B. bei tohu und bohu. Die Mythologie ist Popularisierung und Substantiierung der Lehre. Schwierige Begriffe werden auch in den biblischen Urgeschichten unwillkürlich durch ihre mythologischen Bilder und Symbole ersetzt. Die gleiche Erscheinung zeigt jede Religionslehre.

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