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Heilige Vorhalle.

Chri ft u B : oder das Bewußtsein Jesu von Gott in der Geschichte.

Hätten wir auch nicht was wir doch besißen, nämlich eine wahrhafte Ueberlieferung von der Person Jesu von Nazareth und der Geschichte seines dreijährigen öffentlichen Lehramtes; so würde ein Blick auf die geistige Entwickelung der Menschheit in den leßten achtzehn Jahrhunderten uns nöthigen, eine einzig erhabene, heilige Persönlichkeit als Ursache, nicht blos als Veranlassung, jenes Umsdwunge der Weltanschauung anzunehmen. Die größte geistige Umwälzung und neue Lebensbildung in der Weltgeschichte weist auf eine entsprechende, also noch größere, weil ursprüngliche, Persönlichkeit hin, und eine besonnene Philosophie der Geschichte müßte sie als Heischefaş fordern. Denn die weltgeschichtliche Entwickelung offenbart mindestens eben so sehr die Fehler und Irrthümer eines Religionsstifters als seine Größe und seine Wahrheiten: gewöhnlich aber noch mehr jene als diese. Es ist eines der bedenk

, lidiften Zeichen unsers Jahrhunderts, daß eine philosophische Forschung und Weltanschauung hat Raum gewinnen können,

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welche dieses Verhältniß der Ursache zur Wirkung nicht erkannt, und die wahre, ursprüngliche Persönlichkeit in den Hintergrund gestellt hat. Denn es liegt dieser Anschauung zu Grunde das Verkennen der göttlichen Macht der Persönlichkeit, das heißt der durchgebildeten sittlichen Individualität, also ein Verkennen der obersten Würde der Sittlichkeit über alles bloße Denfen. Der Gott einer solchen Weltansicht ist und bleibt todter Gedanke, nicht lebendig wirksamer im Innern fich fund gebender Wille. Es lebt (wie wir in dem einleitenden Buche gesagt) nichts in der Gemeinde, was nicht vorher schon Fleisch und Blut geworden in einer echt menschlichen, bewußten Persönlichkeit. Diesen Heisdesaß des unverdorbenen Volksbewußtfeins erhebt gerade die Geschichte des christlichen Gottesbewußtseins zur unumstößlichen Wahrheit. Nur der Reinheit des menschheitlichen Gottesbewußtseins, welches sich in der Person Jesu von Nazareth abspiegelt, können wir es zusdyreiben, daß die Idee der Menschheit fiegreich hervorgegangen ist aus den Trümmern, unter welchen sie bestimmt schien für immer begraben zu werden, zuerst als ideenlose Gesittung, dann als uns sicher umhertappende Barbarei. Nur aus der Uebereinstimmung seiner Lehre und seines Lebens mit den ewigen Gefeßen der sittlichen Weltordnung kann die große Thatsache erklärt werden, daß das Bewußtsein der Einheit und fünftigen Wiedervereinigung der Menschheit seitdem nicht wieder untergegangen ist, sondern vielmehr die tiefsten Wurzeln im Leben der Völker geschlagen hat, und daß fie in immer fich erweiternden Kreisen die Ges (dicke der Völfer fortbildend beherrscht.

Als Jesus mit jenem göttlichen Selbstbewußtsein, welches eben die höchste menschliche Selbftentäußerung ist, und mit jenem von aller Selbstsucht freien Opferbeschlusse die todte und tödtende Schale des entarteten Mosaismus zerschlug, befreite

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er nicht allein den in ihr gebannten und erstarrten Geist des großen jüdischen Gefeßgebers, sondern entfesselte auch den höhern, weil mehr menschheitlichen und gegensaßlosen Geist Abrahams, des Stifters der Religion des freien Geistes. Indem er die Scheidewand niederriß, welche Juden und Hellenen trennte und dadurch die ganze damalige Welt in unseliger Entzweiung hielt, eröffnete er die innige Lebensverbindung zwischen Semiten und Japhetiten, welche für die Weiterentwidelung der Menschheit nothwendig war. Die unversöhnte Spaltung dieser beiden edelsten Stämme hatte bisher das Spiel der Weltgeschichte in Bewegung geseßt. Dabei waren aber auch die organisch zusammengehörigen Lebensfeime aus einander gerissen und in der Spannung des Gegensaßes ges halten worden. Nicht Moses, aber Abraham hatte, nad Jesu Ausspruch, den Tag des Heilandes geschaut und sich dessen gefreut. Aber eben weil Jesus mit Wahrheit und Bewußtsein sagen konnte: „Ehe denn Abraham ward, bin Ich“, weil das über alle Zeitlichkeit und Spaltung und Geschiedenheit erhabene Göttliche in ihm unvermittelt lebte, weil der unendliche Factor in ihm den endlichen ganz in fich verflärt hatte, nur dadurch vermochte er es, den Gedanken der einigen Menschheit, und der Einheit ihrer Geschice und ihres Zieles zu denken, dafür zu leben und mit diesem Bewußtsein der Befreiung des Geistes in den Tod zu gehen. Eben deswegen auch befruchtete der von ihm ausströmende Menschheitsgedanke alle lebensfähigen Bölfer, und befähigte sie, sich als Kinder Eines Volkes, als Glieder Eines Reiches Gottes zu betrachten, und in diesem Gefühle und Glauben den dunkeln Pfaden des Geschides der Einen Menschheit nachzuspüren.

Die Menschheit mußte burd leiden und Tod ins Göttliche neu eingetaucht werden, um zum vollen Bewußtsein ihres

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göttlichen Berufs, ihres zeitlichen Falles und ihrer ewigen Bestimmung zu gelangen. Sie mußte durch dienende Liebe fich zum Gefühle brüderlicher Gemeinschaft erheben, welche aller Gemeinwesen und Stämme- und Völkerverbindungen Grundlage ist. Aber alles Dieses sept voraus, daß die Menschheit individuell durch Befreiung von dem Druce der Sünde, das heißt des Selbstischen, zur Freiheit geführt worden sei. Nur so konnte sich die wahre sittliche Individualität bilden, welche wir Persönlichkeit nennen, und die einzige wahre Grundlage fruchtbarer Entwickelung des Göttlichen in der Menschheit. Der einzelne Mensdy geht aus dem Ewigen hervor, und tritt durch die Spanne der Zeitlichkeit ins Ewige zurüd, sofern ein Lebenskeim des Ewigen hier in ihm aufgegangen ist: die Menschheit aber ist bestimmt das Ewige in der Zeit fortschreitend zu vers wirklichen.

Wgs nun ist der Glaube, welchen Christus fordert für diesen göttlichen Beruf der Menscheit? Er findet seinen einfad) erhabensten Ausdruck in den drei ersten Bitten des Ges bets des Herrn: „Dein Name werde geheiliget! Dein Reich komme! Dein Wille geschehe wie im Him: mel also auch auf Erden!" Denn wir können dieses Doch nicht anders fassen in unserer begrifflichen Ausdrucsweise, als so, daß darin erbeten fei: Es möge die Menschheit den Willen und die Liebe Gottes verwirklichen: es möge die Wirklichkeit der Geschichte gleich werden der ewis gen Idee, troß aller Mängel und Schranken des Endlichen: so daß das Ewige (Himmlische) fich bewußt abs spiegele in dem Zeitlichen (Irdischen). Die Menschheit foll frei und einig werden: das fann sie nur durch Bes freiung des Geistes von der Selbstsucht. So wie aber das trennende Selbst als das Böse erfannt ist, und seine Weg

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räumung als die Bestimmung der Menschheit, reichen sich Menschen und Gemeinden, Stämme und Völker die Bruder: hand. Der Weg dahin nun geht durdy Auflösung der selbstfüchtigen Weltreiche, also durch Blut und Tod. Das war Jesu bewußtes Leben und bewußtes Sterben. „Ich bin gekommen ein Feuer anzuzünden; wie wollte ich es brennte con!" (Luc. XII, 49.)

Es liegen hierin drei Entwickelungsreihen der von Jesus gegründeten Gemeinschaft: die der freien Gemeinde, die des innerlichen Gottesdienstes, die der alle Gegensäße lösenden Bruderliebe. In der ersten Reihe stellt sich dar, wie die freie, auf driftlicher Hauszucht ruhende Gemeinde der Gläubigen fich brüderlich beistehen und ihren Aeltesten um Gottes willen gehorchen solle, allen bürgerlichen Geseßen Folge leistend; aber todeswillig für das Gewissen. Jil der zweiten wird der Grundsaß durchgeführt, daß Alles, was zur Religion, d. h. zum thätigen Gottesbewußtsein gehört, aus der innern Ges finnung hervorgehe, daß also nie irgend ein äußeres Werk Der Anbetung oder Brüderlichkeit an sich irgend einen religiösen Werth habe, oder auc), als Werk, einen höhern als irgend ein anderes. Beide Entwickelungsreihen werden mit einander und der Welt vermittelt durch die dritte, nämlich die Ver: wirklichung des obersten Gebotes Jesu, daß alle Gesinnung und Thätigkeit sich auflöse in dienende Liebe. Durch diese drei Entwickelungen wird die Wirklichkeit das Reich Gottes : denn dieses ist ganz unzweifelhaft ein diefseitiges. Der Einzelne lebt im ewigen Leben dadurch, daß er Gottes ewige Liebe im Zeitlichen erkennt: die Menschheit soll das Ewige darstellen und verwirklichen auf dieser Erde. Die Vollendung foll und wird stattfinden auf dieser Erde: das ist der Heisches fab jenes Glaubens.

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