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die das obere und das untere All darstellen 1. In einer weiteren Generation treten Anu, Enlil und Ea ins Dasein. Diese Götter sind Personifikationen des Himmels, des Luftreichs oder der oberirdischen und der unterirdischen Welt.

Auf der großen Götterliste K 4340 + 79—7—8, 294. Vs. I, 22 und dem Duplikat K 4349 Vs. I, 14 werden die verschiedenen Erscheinungsformen Anu's, die allgemeinsten Begriffe der Gottheit, als die 21 Väter und Mütter? Anu's bezeichnet, ein Beweis, daß die babylonische „Wissenschaft“ noch mehr göttliche Urprinzipien kannte als im Epos Enuma eliš angeführt sind. Wir werden später auf diese Liste zurückkommen, hier sei nur bemerkt, daß Himmel und Erde auf derselben als Götterpaar gleich Anu und Antu gesetzt werden, daß neben Anšar und Kišar ein Gott IB 3 nebst Gemahlin NIN.IB aufgeführt wird, die wahrscheinlich als Raumgott und Raumgöttin zu deuten sind, da IB nach Sb 221 = tubuqtu „Raum“, „Weltraum“ ist. Z 12 f. nennt einen Gott DU.ER und seine Gemahlin DA.ER als Erscheinungsformen Anu's. Da DŲ.ER und DA.ER dem semitischen dūru = „Dauer“, „Ewigkeit“ entsprechen 4, so haben wir darin wohl eine Vergöttlichung der Zeit oder Ewigkeit zu erblicken.

Wie das chaotische Urmeer als lebendige Macht gilt, wie Himmel und Erde, Raum und Zeit als Götter betrachtet werden, so sieht die babylonische Religion in den verschiedenartigen einander ergänzenden und bekämpfenden Naturerscheinungen die Auswirkungen göttlicher Kräfte. Wie die Kosmogonie zugleich Theogonie, so ist die babylonische Kosmologie zu

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gleich Theologie. Die Götter sind unbegrenzt an Zahl und fortwährender Vermehrung fähig, insofern diese Naturkräfte immer mehr in Teilformen zerlegt und besonders aufgefaßt und benannt werden. Alle Lebensvorgänge sind der Einwirkung guter, schützender Genien und böser, verderbenbringender Dämonen unterworfen. So ist die Welt und das Menschenleben von einem Heer großer und kleinerer Götter erfüllt, die wie das Leben selbst überall verschieden an Name und Gestalt sind. Je mehr Götter, desto besser. Einen Zweifel an ihrer Existenz gibt es nicht; der Gott ist da, solange die Formen und Wirkungen, unter denen er sich manifestiert, vorhanden sind, insbesondere solange das Volk, das ihn als Nationalgott verehrt, nicht untergeht.

Aus der Abhängigkeit der Naturerscheinungen voneinander sowie aus den historischen Beziehungen der Kultstätten zu einander ergeben sich die Verwandtschaftsverhältnisse der Götter, die zu den absonderlichsten Kombinationen führen können. Einige charakteristische Beispiele führt schon Jensen in seiner Kosmologie S. 273 an. Ištar wird die Tochter Sin's, die Tochter Anu's und die Tochter Enlil's genannt, ja es tritt die Tochter Anu's vor ihren Vater Enlil?. Nusku, der Feuergott wird in der Beschwörungsserie Maqlū I, 122 ff. (=IV R 49, 35 b ff.) angeredet als der hehre, das Kind Anu's (ilitti Anim), Ebenbild des Vaters, Erstgeborener (bukur) Enlil's, Sproß (tarbit des Abgrundes, Geschöpf Ea's (binūt il En-an-ki). Tallquist 2 möchte daraus schließen, daß Anu, Enlil und Ea „zur Zeit der Abfassung dieser Texte nur für verschiedene Namen der höchsten Gottheit gehalten wurden". Ein solcher Schluß läßt sich aber keineswegs ziehen. Das Feuer als eine den ganzen Kosmos durchwaltende Macht kann mit Himmel, Erde und Unterwelt in Verbindung gebracht werden. Wir sehen hier aber auch deutlich die für das Verständnis der babylonischen Götterwelt insbesondere den babylonischen „Monotheismus” wichtige Tatsache, daß die Götter nicht scharf umrissene Persönlichkeiten sind, sondern daß die Phantasie den bunten Reigen der kosmischen Erscheinungen in unendlicher

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Mannigfaltigkeit in einander verschlingt, die Götter mit einander verschmilzt und neue Formationen hervorbringt.

Die babylonische Theologie ist deshalb auch wesentlich Mythologie, die das gegenseitige Zusammenwirken und sich Bekämpfen, das sich Nähern und sich Entfernen, kurz den bunten Wechsel der Naturvorgänge nach Analogie der menschlichen Tätigkeit mit Bewußtsein ausstattet und in erzählende Form bringt.

Das Lebens- und Kraftzentrum für die Erde ist das Hauptgestirn, die Sonne, deren Auf- und Untergang im Laufe des Jahres sich unter den wechselnden Konstellationen des Sternenheeres vollzieht, sodaß sie mit diesen himmlischen Mächten die Entfaltung des Naturlebens beherrscht. Es läßt sich darum erwarten, daß der Naturkult in erster Linie Sonnenkult ist. Aber auch die übrigen Gestirne sind Gegenstand der religiösen Verehrung, vor allem der Mond, der durch seine Größe und seinen Einfluß auf die Erde verschiedentlich als gleichberechtigter Faktor neben der Sonne erscheint, zuweilen sogar den Vorrang vor ihr erhält1. Mythologie und Kultus schließen sich demgemäß an den Jahreslauf der Sonne durch den Tierkreis und die davon abhängige Entwicklung der Vegetation an. Als dritter Stern erscheint neben Sonne und Mond Venus als Stern der Ištar, der gleichfalls besondere Bedeutung beansprucht. Die übrigen Planeten wurden zwar auch von altersher in Babel verehrt, jedoch läßt sich die Zusammenfassung der sieben Planeten zu einer einheitlichen Gruppe erst

) Et. Combe, Histoire du Culte de Sin 92 versucht den Nachweis, daß die ältesten Epitheta des Gottes Enzu (sumerischer Name für Sin) diesen als dieu du sol charakterisieren. Der Naturgott wäre zunächst Lokalgott geworden und erst im Laufe der Zeit mit dem Monde identifiziert worden. Allein ebenso wie bei der Sonne ist es beim Monde völlig ausgeschlossen, daß er ursprünglich eine chthonische Gottheit war. Wenn Combe il Šeš-ki p. 7 als dieu qui protège le sol (šeš = nașāru) erklärt und folgert, der Name bezeichne den Gott comme un dieu chtonien, so geht dieser Schluß zu weit. Seš-ki kann auch „Bruder der Erde“ gedeutet werden und wenn man .,Schützer der Erde“ übersetzt, so kann das auch vom Mond als Gestirn gesagt werden. Die von Combe a.a.O. 24 aufgezählten Epitheta Sin's, die er auf dessen chthonischen Charakter deutet, fordern m. E. diese Deutung keineswegs.

auf den Tontafeln der Bibliothek Asurbanipals nachweisen. (Vgl. Hehn, Siebenzahl 44 ff.)

Man spricht deshalb nicht mit Unrecht von einer babylonischen Gestirnreligion. Das Zeichen für „Gott“ und für „Himmel“ in der alten linearen Bilderschrift der Babylonier ist der achtstrahlige1 Stern, ein Beweis, daß die Gottesvorstellung der Babylonier Gott und Stern als unlösbare Einheit betrachtete 2. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die ältesten Bewohner des Zweistromlandes durch die Pracht der hellleuchtenden Gestirne zu deren göttlicher Verehrung angeregt wurden und die Verknüpfung dieser himmlischen Mächte mit den auf der Erde wirksamen Kräften erst später stattfand. Allerdings solange wir die babylonische Religion zurückverfolgen können, ist sie nicht reine Gestirnreligion, sondern Verehrung aller kosmischen Erscheinungen und Kräfte 3.

:) So die Regel, aber auch der fünfzehn (sechzehn?) strahlige Stern findet sich, Thureau-Dangin, Recherches sur l'origine de l'Écriture Cunéiforme, Suppl. Nr. 5 bis.

2) Drei Sterne sind das Zeichen für kakkabu „Stern“, in einem sumerischen Hymnus aus Tello (RA VII, 107 ss.) ist mul=kakkabu sogar mit vier Sternen geschrieben. – Der von A. Jeremias, Monotheistische Strömungen 19 erwähnten Vermutung H. Zimmerns, daß der achtstrahlige Stern „vielleicht ursprünglich ein Bild des Pols und der von ihm ausgehenden 8 Himmelsrichtungen sei“, vermag ich schon deshalb nicht zuzustimmen, weil man in der alten Zeit regelmäßig von den vier Richtungen spricht.

Über den Wechsel des Determinativs ilu (Gott) und kakkabu (Stern) in den Planetenlisten aus der Zeit Asurbanipals vgl. Kugler, Sternkunde I, 11. Zur Identifizierung der Sterne mit Göttern beachte F. Boll, Die Erforschung der antiken Astrologie (Neue Jahrb. f. d. klass. Altert., hrsg. v. J. Ilberg, XXI, 1908) In: „Die Papyri nennen das Sternbild, von dem sie reden, statt rò đotgov lieber o geóg“. Poseidonios sagt statt τα κέντρα των άστρων lieber τα κέντρα των θεών.

3) Unzutreffend ist, was F. Baethgen, Beitr. 263 f. sagt: „Die Semiten kennen wohl einen Herrn des Himmels, aber sie kennen nicht den Himmel selbst als Gott; und auch Sonne, Mond und Sterne sind, wo sie verehrt wurden, anfangs vielmehr Symbole und Erscheinungsformen der Gottheit als selbständige und ursprüngliche Götter.“ „Baal ist ursprünglich nicht die Sonne selbst, sondern die Sonne ist das Symbol des Himmelsherrn, der Mond oder der Venusstern ist das Symbol der Astarte.“ Richtig sagt dagegen P. Dhorme, La relig. ass.-bab. 56:

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Schwierig ist es, genau festzustellen, in welcher Weise sich die Babylonier die in der Natur wirkenden Kräfte mit den Gestirnen verknüpft dachten. Der Gott ist einerseits eine in der Welt wirksame Persönlichkeit, anderseits ist er mit dem Stern identisch. Vielleicht kann man die Sterne als Manifestationen der Götter bezeichnen, obwohl dieser Ausdruck der babylonischen Vorstellung auch nicht ganz adäquat ist. Nach dem Anfang der fünften Tafel von Enuma eliš sind die Sterne tamšil ilāni, das Ebenbild der großen Götter. „Er (Marduk) bereitete die Standörter für die großen Götter, Sterne, ihr Ebenbild, die Tierkreisgestirne, stellte er hin". Wenn einmal der Einfluß der Sternenwelt auf die Vorgänge in der den Menschen umgebenden Natur von den alten Sumerern und Babyloniern erkannt war, dann ergab sich von selbst die Entsprechung des Himmlischen und Irdischen und die Beobachtung des Laufes der Gestirne zur Erforschung der göttlichen Ratschlüsse. Die Erkenntnis jenes Zusammenwirkens drängte sich aber schon sehr früh auf, und so mußte die Astrologie, die Mutter der Astronomie, in der Religion der Babylonier schon zeitig einen hervorragenden Platz einnehmen.

Der Dualismus in der babylonischen Vorstellung von den Göttern, die einerseits in der Welt wirksame Persönlichkeiten, anderseits am Himmel befindliche Gestirne waren, tritt uns auch in der späteren religiösen Literatur noch vielfach entgegen. Die astralen und persönlichen Eigenschaften laufen so durcheinander, daß man sich fragt, ob von dem Gotte oder dem Sterne die Rede ist. In die Vorstellungen der Babylonier gewähren uns die alten Kunstdenkmäler wohl den besten Einblick. Der Sonnengott Šamaš ist auf dem bekannten Relief an der Spitze der Gesetzesstele Hammurapi's ein Mann mit langem Barte, er trägt einen langen Mantel und eine Hörnermütze. An jeder Schulter kommt ein Strahlenbündel hervor, um den solaren Charakter der Gottheit anzuzeigen. Auf dem bekannten Relief des Nabū-aplam-iddina aus dem Tempel des Sonnengottes

„L'identité originelle entre l'astre et le dieu nous semble une chose certaine“.

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