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Samaš nur verschiedene Erscheinungsformen des Einen Marduk, sie alle eins mit ihm und in ihm sind“, geht wohl zu weit. Die Tafel will den Reichtum des Wesens Marduk's nachweisen, aber es ist schwerlich an ein völliges Aufgehen der anderen Götter in Marduk gedacht, sodaß diese nur noch Namen für Marduk wären. Es war ja eine naheliegende Konsequenz zu sagen: wenn Marduk das alles allein ist, was diese Götter einzeln sind, dann sind diese nicht mehr notwendig, es sind bloß Wesensbezeichnungen des Einen Marduk. Allein diese Konsequenz wurde in Babel nicht gezogen. Jensen weist in seinem gegen Delitzsch gerichteten Artikel in der „Christlichen Welt" 1 darauf hin, daß Nergal auch der Gott des Totenreiches und der Seuchen, die Sonne vor allem Lichtgottheit, die den Tag erhellt, der Wettergott auch Gott des Donners, des Blitzes und des Sturmes gewesen sei. Es ist jedoch nicht sinnentsprechend, wenn die Liste nun dahin interpretiert wird, Nergal werde nur als Gott des Kampfes mit Marduk in eins gesetzt. Dann müßte es ja heißen: Nergal des Kampfes ist Marduk, Ninib der Pflanzung ist Marduk, es wird aber je ein Gott schlechthin einer Seite Marduk's gleichgesetzt. Anderseits aber darf man daraus, daß diese Götter in Wahrheit außer den hier genannten Funktionen auch noch verschiedene andere Betätigungen ausüben, schließen, daß dieselben nicht vollkommen von Marduk absorbiert werden. Dieser soll allerdings als die höhere Einheit dieser Götter nachgewiesen werden, aber ihre Existenzberechtigung und ihr Recht auf Verehrung wird damit in keiner Weise berührt. Selbst nach der hier angegebenen Beziehung wird ihre Tätigkeit nicht geleugnet, wie überhaupt die Negierung eines Gottes etwas den Babyloniern ganz Fremdes war. Nergal und Zamama bleiben Kriegsgötter, Enlil bleibt der Gott der Herrschaft und des Rates, Nebo der Gott des Erwerbs, Sin der primäre Erleuchter der Nacht, Samaš der Gott des Rechtes usw. Das ist ganz selbstverständlich, aber Marduk schließt als höhere Einheit alle diese Vorzüge in sich. Der Gedanke, daß nur ein einziger Gott Geltung haben sollte, lag dem Babylonier vollständig

1) 1903 Nr. i Sp. 13.ff.

fern, ihm ist es um den Nachweis zu tun, daß Marduk allein das alles ist und besitzt, was die anderen Götter im Einzelnen sind und haben. In ihm vereinigen sich die Eigenschaften der verschiedenen Götter zu einer Wesensfülle, die ihn weit über die anderen Götter erhebt.

Für die praktische Religionsübung ergab sich aus dieser Erhebung Marduk's allerdings die Folge, daß die anderen Götter mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt wurden. Was brauchte man die anderen Götter anzuflehen, wenn Marduk alles allein konnte? Diese mußten unter solchen Umständen immer mehr zu wesen- und bedeutungslosen Schemen herabsinken. Ein Gott von der Universalität und überragenden Größe Marduk's mußte die religiöse Begeisterung in so hohem Grade erwecken, daß für die anderen Götter nicht mehr viel übrig blieb. Es hätte nur ein Mann auftreten müssen, der die Parole ausgegeben hätte: Marduk allein und kein anderer Gott neben ihm! Dann wäre der Schritt zum Monotheismus getan gewesen, allein gerade an diesen Schritt hat man in Babel gar nicht gedacht. Man häufte auf Marduk die Verdienste und Vorzüge der anderen Götter zusammen, wofür das Epos Enuma eliš das klassische Zeugnis ist, und vergrößerte so den Abstand zwischen Marduk und den anderen Göttern immer mehr, aber einem anderen Gott die Daseinsberechtigung oder das Recht auf Verehrung abzusprechen, das wäre ein Frevel gewesen. Auch jetzt galt in Babel noch der Grundsatz: Je mehr Götter man verehrt, desto besser hat man seine Wohlfahrt versichert. Wenn Marduk die anderen Götter auch weit überstrahlt, so sind diese in ihrem Gebiete doch immer noch einflußreiche himmlische Mächte.

Dem universalistischen Charakter Marduk's, der ja nun dasselbe leistete wie verschiedene andere Götter zusammen, entspricht die Konzentration des Kultus auf diesen Gott, wie sie von den Königen des neubabylonischen Reiches besonders Nebukadnezar (604-561) durchgeführt wurde, obwohl er durch und durch Polytheist blieb. Durch seine Gebete klingt infolge dieser einzigartigen Bevorzugung des Stadtgottes von Babel ein durchaus monotheistisch anmutender Grundton. Oder glaubt man nicht, den Vertreter eines auf hoher ethischer Stufe stehenden Monotheismus vor sich zu haben, wenn man folgendes Gebet Nebukadnezar's1 liest: „Ewiger, hehrer, Herr dessen, was da ist, den Namen des Königs, den du liebst, den du berufst, der dir wohlgefällig ist, leitest du recht, den rechten Weg befiehlst du ihm. Ich bin der Fürst, der dir gehorcht, das Geschöpf deiner Hände. Du hast mich geschaffen, die Herrschaft über alle Völker mir anvertraut. Gemäß deiner Gnade, o Herr, die du überströmen läßt auf sie alle, lasse barmherzig stimmen deine erhabene Herrschaft, die Furcht vor deiner Gottheit laß in meinem Herzen sein! Verleihe, was dir wohlgefällig ist, der du inein Leben geschaffen hast"!

Besondere Beachtung verdient, daß Nebukadnezar die Ausschließlichkeit betont, mit der er Babel, die Stadt Marduk's, auszeichnete, im Gegensatze zu seinen Vorgängern, die andere Städte bevorzugten und nur zum Neujahrsfeste nach Suanna (Babel) hereinkamen: „Seitdem mich Marduk für die Herrschaft schuf, Nebo, sein rechtmäßiger Sohn, mir sein Reich übertrug, liebte ich wie mein teures Leben ihr freundliches Bild. Außer Babel und Borsippa zeichnete ich keine Stadt aus" 2. In einem Gebete, das er nach der Vollendung seines Palastes an Marduk richtete 3, heißt es: „Außer deiner Stadt Babel habe ich aller Orten keine Stadt ausgezeichnet“. Von einer vollständigen Konzentration des Kultus in Babel durch Nebukadnezar ist jedoch keine Rede, er hat vielmehr auch mehrere Tempel außerhalb Babels, z. B. den Sonnentempel zu Larsa und den zu Sippar erbaut. Aber wie der König aus der Masse, so ragt Marduk in der Zeit Nabopolassar's und Nebukadnezar's aus den Göttern hervor.

Nabonid, der sein Hauptaugenmerk darauf richtete, die alten Grundsteine der Tempel aufzusuchen, hat zwar Marduk auch als Götterherrn hoch in Ehren gehalten und sich wie seine Vorgänger „Ausstatter von Esagila und Ezida“ genannt,

1) East-India-House-Inschrift I R 53, I, 55 ff.; I R 59, I, 55 ff. (KB III 2, 10 ff.; vgl. BA V, 293).

2) A. a. O. VII, 26 ff. 3) A. a. O. IX, 45 ff. Hehn, Gottesidee.

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ja er ruft bei der Erbauung des Šamaštempels zu Larsa vor allem Marduk an1: „Herr, Haupt der Götter, hehrer Marduk, ohne dich wird keine Wohnung gegründet, besteht nicht ihre Umschließung. Wer kann ohne dich etwas tun? Herr, auf deinen erhabenen Befehl möge ich tun, was dir wohlgefällig ist“. Jedoch die fast ausschließliche Wertschätzung Marduk's wie Nebukadnezar kennt der mit ängstlicher Sorgfalt die Fußtapfen der Vergangenheit aufsuchende König nicht. Er nennt Sin in der Bauinschrift des Tempels von Ur ,,den Herrn Himmels und der Erde, den König der Götter, die Götter der Götter" 2. Dieser Ausdruck dürfte etwa dem entsprechen, was die oben besprochene Liste (CT XXIV, 50) von Marduk sagen will: Auch er ist dort dargestellt als das höhere Pantheon über dem Pantheon.

A. Jeremias möchte jene Liste im Sinne des von ihm postulierten esoterischen Monotheismus, nach welchem ,, die Erscheinungen in der Welt der ,ewigen Sterne und im Wechsel des Naturlebens dem Wissenden nicht,Götter' im polytheistischen Sinne, sondern Träger der einen göttlichen Macht waren“, erklären. Auf eine so kurze Formel läßt sich die babylonische Anschauung nicht zurückführen. Was hätten die Wissenden für einen Grund gehabt, in den zahlreichen Göttern die Träger einer einzigen göttlichen Macht zu sehen? Auch III R 55 Nr. 3 kann nicht zum Erweis eines solchen Monotheismus geltend gemacht werden: „Sin ist bei seinem Erscheinen4, vom 1. bis zum 5. Tage, (also) 5 Tage, Sichel — Anu; vom 6. bis zum 10. Tage, (also) 5 Tage, Niere (?) Ea; vom 11. bis zum 15. Tage, (also) 5 Tage bedeckt er sich mit der glänzenden Königsmütze - Enlil“. Die hier gemeinte Beziehung zu Anu, Ea und Enlil ist mir nicht klar. Aber auch wenn die Erscheinungformen des Mondes als Anu, Ea und Enlil bezeichnet sein sollten, so folgt daraus keineswegs eine Vereiner

1) Große Inschrift aus Ur (PSBA II) Col. II, 35ff. (KB III 2, 90f.). 2) Vgl. oben 33. 3) ATAO 2 78.

4) ŠI.LAL heliakischer Aufgang Kugler, Sternkunde 1, 8. A. Jeremias übersetzt: „Der Mond heißt vom 1. bis 5. Tage Anu, vom 6. bis 10. Tage Ea, vom 11. bis 15. Tage Bēl“. Zur Zählung nach Tagfünften s. Hehn, Siebenzahl 114.

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leiung Sin's mit diesen Göttern. Ebensowenig läßt sich aus III R 54 Nr. 5, 34 ff. ein Beweis für die Auffassung der göttlichen Macht als Einheit erbringen: „Wenn der Stern Marduk's (Jupiter) heliakisch aufgeht, (so ist oder heißt er) Šulpaē, wenn er x Doppelstunden hochsteht, (so ist oder heißt er) Sagmegar, wenn er in der Mitte des Himmels (im Meridian) steht, (so ist oder heißt er) Nibiru“. Zum Verständnis der Stelle ist der Zusammenhang, in welchem sie erscheint, zu beachten. Voraus gehen zwei Omina: „Wenn der Mond einen Hof sammelt und Sagmegar in denselben hineintritt, so wird der König von Akkad gefesselt“. „Wenn der Mond einen Hof sammelt und Nibiru in denselben hineintritt, so erfolgt) Niederwerfen des Viehes (und) des Gewimmels des Feldes." Die für den Stern Marduk's angegebenen Namen haben eine gewisse ominöse Bedeutung, von einer Gleichsetzung mit Marduk ist aber keine Rede 2.

h) Nebo. Die Theorie von Winckler-Jeremias, daß alle Götter lediglich Erscheinungsformen der einen göttlichen Macht seien, enthält insofern etwas Richtiges, als die babylonischen Götter nicht scharf geschiedene Persönlichkeiten sind und so die einem Gotte zugehörigen Eigenschaften sehr leicht auf einen anderen übertragen werden können. Bei den verschiedenen solaren Gottheiten ergab sich bei der Wesensgleichheit der Übergang der Eigenschaften von selbst. Wir stehen nun vor der merkwürdigen Tatsache, das gelegentlich auch weniger hervorragende Götter Epitheta, die sie über die anderen Götter erheben, erhalten. Dafür wird neben dem fließenden Charakter der einzelnen Götter die persönliche Affektion, die einzelne Herrscher gegen gewisse Götter hegten und die wohl auch bei der Erhebung Marduk's durch Nebukadnezar in Rechnung zu setzen ist, der geeignetste Erklärungsgrund sein.

1) Vgl. dazu Kugler, Sternkunde I, 215f.

2) Vgl. dazu die ähnlichen Stellen bei Hunger, Becherwahrsagung z. B. A 13: „Wenn das Öl nach rechts und links herauskommt, die Stellung des Sin und Šamaš“; A 61: „Wenn das Öl eine Blase wirft und (diese) den Rand des Bechers erfaßt, die Stellung des Ea, Entscheidung@) des Flusses". Ähnliche Wendungen öfter.

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