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Unterdrückung eines Aufstandes in Borsippa. Das Intriguenspiel, das in Babylonien allezeit gegen Assyrien im Schwange ging, trieb besonders üppige Blüten zur Zeit, da Samassumukin gegen seinen königlichen Bruder zu rebellieren begann, und kommt auch in mancherlei Klagen an den Assyrerkönig zum Ausdruck (vgl. Peiser in MVAG 1898, 6). In H 418 meldet der neuernannte Bürgermeister von Babel, daß er sein Amt angetreten, in die Stadt eingezogen und wie er aufgenommen worden sei.

Denunziationen waren überhaupt eine stehende Regel in dem babylonisch-assyrischen Polizeistaat; eine ganze Anzahl hoher Beamter hatten die Abgaben für den Tempel verweigert (H 43), über nachlässige Tempelbeamte berichtet H 42, ein Offizier hat das väterliche Haus des Schreibers geplündert (H 152), daß sich einige eben beförderte Offiziere in der Freude darüber bezecht haben, hinterbringt H 85 dem König. Der König wird auch in strittigen Fällen als Schiedsrichter angerufen (H 168, 177, 179). Der Verfasser von H 99 beklagt sich über zu hohe Besteuerung. Eine große Zahl von Briefen berichten über Pferdelieferungen für den Hof (H 61, 63, 71, 192, 252, 394, 440 usw.). H 81 berichtet über den Ausfall der Weinlese. Der Verfasser von H 102 klagt, daß es bei dem ihm übertragenen Kanalbau an Arbeitern mangelt, der von H 114 bittet den König, dafür zu sorgen, daß er das Gold, das ihm zur Anfertigung von Götterstatuen versprochen ist, doch endlich erhalte. Viele Briefe enthalten eine ganze Reihe von Berichterstattungen: H 128 über den Vollzug einer geheimen Verhaftung, über das Verhalten des Volks im Verwaltungsbezirk, über den Ausfall der Ernte, über Wetterschaden. Zahlreich sind die Briefe von Ärzten. In H 391 handelt es sich um die Person des Königs selbst. Der Arzt rechtfertigt seine bisherige Behandlungsmethode und gibt neue Heilmittel an. In rührender Weise erscheint der König besorgt um das Ergehen ihm nahestehender Beamten, über das er sich fleißig Bericht erstatten läßt (H 1, 77, 108, 109, 204 usw.). H 274 gibt dem Dank eines durch die Fürsorge des Königs genesenen Kranken Ausdruck. In H 324 wird die Königinmutter, die um ihren im Feld stehenden königlichen Sohn besorgt ist, getröstet und aufgerichtet: „ein Gnadenbote Bels und Nebos zieht mit dem König, meinem Herrn“.

In großer Zahl sind Briefe religiösen Inhalts vertreten, Berichte über Götterprozessionen (H 42, 65, 338 u. a.), über kultische Handlungen, die zur Abwehr von allerlei Übel anbefohlen waren (H 19, 23, 24 usw.), besonders aber über die Deutung merkwürdiger Prodigien durch die Wahrsagepriester. H9 berichtet über die Orakelbefragung, die der König über 4 politische Vornahmen angeordnet hat; ähnlichen Inhalts sind H 31 u. H 58. In H 137 wird dem König mitgeteilt, daß eine Mondfinsternis am westlichen Himmel eintrete, die eine Niederlage der Feinde im Westen bedeute, also einen Erfolg des Feldzuges dorthin verspreche.

Astrologische Berichterstattungen sind in außerordentlich großer Zahl aus der Sargonidenzeit erhalten. Aber nur der kleinste Teil derselben scheint eine Antwort auf vorhergehende Anfrage des Königs zu enthalten und sich auf spezielle Fälle zu beziehen. Die große Mehrzahl sind vielmehr spontane Berichterstattungen über alle im Bereich der betreffenden astrologischen Station beobachteten auffallenden himmlischen und irdischen Erscheinungen. Sie unterscheiden sich von den anderen auch äußerlich durch das Fehlen der Adresse und der Grußformeln. Sie scheinen also nicht an die Person des Königs, sondern an die astrologische Zentralstelle in Babel gerichtet zu sein.

Von Privatbriefen sei noch H 219 erwähnt, in dem ein Sohn seinem Vater versichert, daß er für ihn bete.

Literargeschichtlich von größtem Interesse ist endlich ein Brief1 eines nicht genannten Königs an einen gewissen Schadunu, in dem der Adressat angewiesen wird, Abschriften von allen Beschwörungstexten, die sich in Borsippa auffinden lassen und in Assyrien nicht vorhanden sind, zu beschaffen. Man geht wohl nicht fehl, in diesem König Assurbanipal zu vermuten, der diese Abschriften zur Ergänzung seiner Bibliothek begehrte. Verwandte Texte sind auch Harper 18 (vgl. Behrens S. 93 f) und 447.

$ 70. Briefe aus neubabylonischer und persischer Zeit.

Textausgabe: CT XXII, vgl. auch den „Descriptive Index“ Kings ebd. S. 4 ff.

Während der Drucklegung dieses Buches ist vom Britischen Museum eine Sammlung von 245 Briefen aus der Zeit von etwa 600 bis 450 veröffentlicht worden. Diese Briefe haben sämtlich einen in der Hauptsache privaten Charakter, beziehen sich auf die

1 CT XXII, Nr. 1.

2 3 Briefe, darunter der oben genannte, die mit dieser Sammlung zugleich veröffentlicht wurden, sind offenbar älter.

Lebensinteressen des gemeinen Mannes im Bereich der Güterverwaltung des Samastempels oder anderer Tempel zu Sippar. Im Gegensatz also zu dem zumeist politischen Charakter der Briefe der Sargonidenzeit liegen hier durchweg Dokumente des Geschäftslebens, Zeugnisse des Handels und Wandels der Gewerbe oder Ackerbau treibenden Bevölkerung vor in der Form von Korrespondenzen, Berichterstattungen, Anfragen u. drgl. an die zuständigen Organe der Grundherrschaft oder an Privatpersonen. Der Stand des Absenders scheint nie genannt, dagegen kommt als Adressat sehr häufig der „Priester von Sippar" oder der qêpu, ein hoher Beamter, vor. Wenn diese Adressaten häufig als „Vater“ oder „Bruder" von dem Absender angeredet werden, so ist das wohl nicht als Verwandtschaftsbezeichnung aufzufassen. Sehr häufig sind einzelne Briefe an mehrere Adressaten zugleich gerichtet, die dann meist als „Brüder“ des Absenders bezeichnet werden.

Die, soweit ich sehe, ausnahmslos gebrauchte Form der Einleitung ist folgende: Brief (Im) des N. N. an N. N., woran sich ein kürzerer oder längerer Segenswunsch meist unter Anrufung der Götter Bel und Nebo oder Nebo und Marduk schließt.

Einzelne von den Tafeln sind genau und zwar nach Regiengsjahren des Nabonaid, Cyrus, Kambyses oder Darius datiert.

Die Briefe sind auf oblonge Tontafeln geschrieben, die etwas kleiner sind als die in der altbabylonischen Periode gebräuchlichen. Auch die Schrift ist kleiner und gedrängter als auf den Tafeln der früheren Zeit. Wie damals aber wurden auch in dieser späten Zeit die Briefe in Tonhüllen eingepackt und zur Versendung gebracht. Die Hülle trug stets den Namen des Adressaten, gelegentlich auch Name und Siegel des Absenders. Bei einigen Tafeln der Sammlung finden sich Siegelabdrücke auch am Schlusse des Briefes selbst angebracht.

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Kap. 19.

Wissenschaftliche" Texte. $ 71. Allgemeines.

Der Ausdruck „wissenschaftliche“ Texte ist in der babylonisch-assyrischen Literatur nur mit Einschränkung zu gebrauchen. Es unterliegt zwar keinem Zweifel, daß die Pflege der „Wissenschaften" namentlich in Babylonien überaus rege war und erstaunliche Ergebnisse gezeitigt hat, so vor allem in der Astronomie, Astrologie und Mathematik, und sicherlich war auch das Studium der Schriftgeschichte, die Paläographie, und die Beschäftigung mit der sumerischen Sprache von einem im besten Sinne „wissenschaftlichen“ Geiste getragen. Wissenschaftlichen Bestrebungen verdanken vielleicht auch, wenigstens zum Teil, die Synonymenlisten und die Kommentare zu alten Literaturwerken ihre Entstehung. Auch die oben § 56 besprochenen historiographischen Texte sind zweifellos als Früchte wissenschaftlicher Betätigung zu würdigen. Für die Heilkunde haben wir unmißverständliche Belege, die bekunden, daß sie in wissenschaftlichem Sinne geübt und gepflegt worden ist, wenn ihre Grundlage und Methode auch grundsätzlich denen der modernen Medizin widersprechen und sie selbst den engen Zusammenhang mit Magie und Beschwörungskunst nie verloren hat.

Wir dürfen freilich in keinem einzigen Falle die babylonischassyrische „Wissenschaft“ nach Voraussetzungen, Motiven und Zielen ebensowenig wie nach ihren Methoden mit der modernen vergleichen. Jene hatte ihre eigentümlichen erkenntnistheoretischen Voraussetzungen ebenso wie diese, jene war genau wie diese durch eine Weltanschauung gebunden. Ein wesentlicher Unterschied liegt auch in den Motiven der wissenschaftlichen Forschung hier und dort. Die moderne Wissenschaft ist wenigstens grundsätzlich von aller Tendenz losgelöst, sie hat die stärkste Wurzel ihrer Kraft in ihrer prinzipiellen Absolutheit, die keine Marschrichtung anerkennt, die sich ihr nicht aus ihrer eignen Entwicklung heraus von selbst aufzwingt. Der babylonisch-assyrischen Wissenschaft, deren literarische Zeugnisse wir vor uns haben, war der Gedanke einer Wissenschaft um der Erkenntnis willen vollständig fremd. Sie war lediglich ein Mittel zum Zweck, nie Selbstzweck. Sie arbeitete mit bestimmten Voraussetzungen und erschöpfte sich in der Begründung und Verdeutlichung dieser Voraussetzungen. Die Voraussetzungen selbst waren ihr unantastbar, standen außerhalb aller Diskussion als das schlechthin Gegebene, als der eine feste Punkt, zu dem alles, was zu allen Zeiten im Weltenraum vor sich ging, eine Beziehung haben mußte, wenn es einen Sinn haben sollte. Diese Beziehung aufzuweisen, diesen Sinn auszulegen war ihre Aufgabe.

So mußte alle Astronomie ganz von selbst zur Astrologie werden. Die Erkenntnis der kosmischen Erscheinungen gewann nur dann Bedeutung, wenn sie in Beziehung zu der göttlichen Weltregierung gesetzt waren.

Eine weitere Anwendung erfuhren die astronomischen Kenntnisse im Kalender, dessen Bedeutung für das bis ins Kleinste wohlgeordnete Staatswesen, für Ackerbau, Handel und Wandel allein hingereicht hätte, die Pflege der Astronomie auf der Höhe zu erhalten.

Wie die Astronomie, so mußten in größerer oder geringerer Unmittelbarkeit auch alle anderen Wissenszweige einem letzten Endziele oder einer ersten Voraussetzung, immer aber praktischen Zwecken dienen.

Die Geschichtswissenschaft hatte die Aufgabe, die im Sinne der Weltanschauung folgerichtige Entwicklung alles Weltgeschehens im einzelnen nachzuweisen, die Entsprechung der irdischen Ereignisse mit den präexistenten Normen darzutun, aufzuzeigen, wie sich im Völkerschicksal der von Urbeginn an festgelegte „Kreislauf“ der „Bestimmungen“ vollzog. Ihr lag es ob, immer wieder den Zusammenklang der sich vor den Augen der Mitlebenden abspielenden Geschehnisse mit den ewigen Ratschlüssen der Götter, die Legitimität aller irdischen Ordnung aufzuzeigen und in Anerkennung zu erhalten. Freilich ein theoretisches Werk hat diese Geschichtswissenschaft nicht hinterlassen, kein Kompendium, das alle ihre Grundsätze und die Methoden ihrer Anwendung in unmißverständlichen Sätzen überlieferte. Wir vermögen sie lediglich aus einigen Spuren ihrer praktischen Betätigung zu erschließen. Die Beispiele Nabunaids, Sargons, Nabonassars, Senacheribs sind oben S. 207 f. besprochen. Ein besonders lehrreiches Beispiel der von dieser „Wissenschaft“ inspirierten Geschichtskonstruktion hat uns Berosus in seinem Geschichtswerk überliefert. Vgl. auch oben S. 200f. Auch die Übertragung bestimmter legendarischer Stoffe auf gewisse Herrscher, vornehmlich auf die Dynastiengründer, geht im letzten Sinn auf diese babylonische „Wissenschaft“ zurück. Das Studium der Vergangenheit hatte ausschließlich die Interessen der Gegenwart im Auge. Nicht wie die Vergangenheit war, sondern wie die Gegenwart sein mußte, wenn sie ihre Bestimmung erfüllen wollte das zu erkennen war die treibende Kraft aller Bemühungen der babylonischen Wissenschaft um die Geschichte der Vorzeit.

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