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Der alte Orient.

Gemeinverständliche Darstellungen

herausgegeben von der

Borderasiatischen Gesellschaft.

4. Jahrgang, Heft 1.

Neben den beiden großen Kulturkreisen des alten VorderAsien, dem ägyptischen und dem babylonischen, tritt uns im Norden, hauptsächlich in Klein-Asien, noch ein dritter entgegen, den wir uns als den hettitischen zu bezeichnen gewöhnt haben. Über diesen und jeine Geschichte sind wir noch verhältnismäßig wenig unterrichtet, da gründliche Ausgrabungen außer an ein oder zwei Stellen noch gar nicht stattgefunden haben, da die hettitischen Inschriften uns ihre Geheimnisse noch vorenthalten, und die ägyptischen und assyrischen nur so viel verlauten lassen, als die Berichte über kriegerische Zusammenstöße mit sich brachten. Die Nachrichten des Alten Testaments, durch die die Bekanntschaft mit dem Namen der Hettiter weiteren Kreisen bisher in der Hauptsache vermittelt wurde, stehen den Vorgängen zeitlich und örtlich viel zu fern und sind inhaltlich zu unbestimmt, als daß sie brauchbares Material hinzubrächten. Ist somit unser Wissen auf diesem Gebiet noch vielfach lückenhaft, jo läßt sich doch durch eine Kombination alles Überlieferten ein einigermaßen zusammenhängendes Bild der Entwicklung dieses Kulturfreijes gestalten.

Ägypter und Assyrer berichten uns in ihren Inschriften über friegerische Zusammenstöße (von etwa 1500 bis etwa 700 v. Chr.) mit einer ganzen Anzahl verschiedener Völkerschaften in Nordfyrien, Nordmesopotamien, Cilicien, Nappadocien und Armenien. Nach allem, was wir erfahren, sind diese Völkerschaften weder Semiten noch Indogermanen. Unter sich aber müssen sie verwandt und Teile einer großen, einheitlichen Völkergruppe oder Rasse gewesen sein. Dafür sprechen die uns überlieferten Personen- und Götternamen, die durch gleiche Bildung die Zusammengehörigkeit bezeugen, dafür spricht auch die Unwahrscheinlichkeit der Annahme, daß Angehörige verschiedener Rasjen fast zur gleichen Zeit und zum Teil durch einander in derselben Richtung und nach denselben Gebieten vorgedrungen seien. Es ist aber andrerseits von vornherein selbst

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verständlich und wird durch gewisse Thatsachen erwiesen, daß die einzelnen Völkerschaften, troß ihrer allgemeinen Zusammengehörigfeit, durch kulturelle und dialektische Unterschiede von einander geschieden waren, wie das ja auch bei den Semiten und Indogermanen eine allen bekannte Erscheinung ist.

Als eine von diesen Völkerschaften nun lernen wir die Cheta

nach ägyptischen Inschriften -- oder Chatti nach assyrischen Inschriften kennen. Diese muß deshalb vorweg erwähnt werden, weil sie für uns eine besondere Bedeutung erlangt hat. Wir haben uns nämlich aus besonderen Gründen gewöhnt, ihren Namen auf die ganze Rasse zu übertragen und diese als „Hettiter" zu bezeichnen, da uns der der Völkergruppe eigentlich zufommende Name noch unbekannt ist. Es ist also in jedem einzelnen Falle genau zu beachten, ob der Name Hettiter die einzelne Völkerschaft oder die ganze Völkergruppe bezeichnen soll.

In den oben genannten Grenzgebieten, in denen Ägypter und Assyrer mit Hettitervölkern zusammenstießen, hat man in den leßten Jahrzehnten eine ganze Reihe merkwürdiger Monumente, mit und ohne Inschriften, gefunden, die zweifellos Zeugnisse einer eigenartigen, felbständigen Kultur neben der ägyptischen und babylonischen sind. Schon die Fundorte, noch mehr aber das Zujammentreffen von Einzelheiten in den Darstellungen mit den anderweitigen Überlieferungen führen darauf, daß wir es hier mit Denkmälern der Hettitervölker zu thun haben. Gleichartige Monumente aber haben sich durch ganz Nleinasien hindurch bis hin nach Smyrna an der Küste des ägäischen Meeres zerstreut gefunden, im Osten häufiger, im Westen jeltener. Wir müssen danach, im Zusammenhalt mit dem, was die assyrischen Inschriften lehren, Kleinajien als den eigentlichen Siß der Hettiter" und ihrer Kultur betrachten, von dem aus sie in immer neuen Schüben jüdwärts und südöstlich vordringen. Von woher sie jedoch nach Kleinasien eingewandert sind, ob etwa von Westen her, das ist noch nicht sicher zu sagen.

Die geschichtliche Entwicklung der Hettiter-kasje, ihr Emporkommen und Verschwinden, ist dargestellt im ersten Jahrgang des ,, Alten Orient" S. 18-30. Sie jei daher hier nur kurz wiederholt und mit einigen Ergänzungen versehen. Die erste Ausgestaltung hettitischer Kultur auf dem Boden Kleinajiens müssen wir bis in das 3. Jahrtausend zurückverlegen. Zur jelben Zeit finden wir Syrien und Mesopotamien unter babylonischer Herrschaft. Etwa um 2000 aber haben wir ein Vordringen hettitischer Völkerschaften gegen Sy

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rien und Mesopotamien anzunehmen, im Verlauf dessen diese Länder der babylonischen Herrschaft entrissen werden. Denn wir finden da, wo unsere Urkunden hierüber zu reden anfangen, d. i. in den TelAmarnabriefen (A. O. I 39 ff.), im 15. Jahrhundert, Angehörige der Hettiter-Rasse im Besit dieser Gegenden, und zwar seit langem.

Diese erste Schicht der „Hettiter“, die durch die genannten Briefe in unjern Gesichtskreis tritt, ist das Mitanivolt (A. D. I 49 ff.). Ob es auch thatsächlich das erste nach Syrien vorgedrungene Volt dieser Gruppe ist, oder ob andere ihm vorangegangen sind, was wahrscheinlicher ist, diese Frage beantwortet uns noch keine unserer Urkunden mit Sicherheit. Wohl aber tritt uns das Reich der Mitani unter seinem König Tuschratta sogleich als eine Babylonien und Ägypten ebenbürtige Großmacht entgegen, die die Melitene und die jüdöstlich davon gelegenen Gebiete, ferner Nordsyrien und Nordmesopotamien mit Ninive, der späteren Hauptstadt Afsyriens, umfaßt. Doch ist das Reich offenbar bereits in starkem Rückgang seiner Macht begriffen. Sie muß sich in früheren Zeiten, wohl im 16. Jahrhundert, weit südlich nach Syrien hinein bis zum Libanon erstreckt haben, da wir ein Zeugnis dafür haben, daß man in Dunip--Heliopolis-Baalbek die Sprache von Mitani sprach. Und die ungenannte Macht, gegen die Thutmosis I (c. 1500) und III in Naharina anfämpften, ist wahrscheinlich das Mitani-Reich gewesen. Sehr bald aber nach der Amarna-Zeit, im 14. Jahrhundert bereits, hat das aufkommende Assyrien das Mitani-Keich gestürzt und sich in den Besig Mesopotamiens gejekt.

Während die Mitani im 17. oder 16. Jahrhundert nach Süden vorgedrungen sein werden, sehen wir die Chatti, d. h. die einzelne Völkerschaft Hettiter grade zur Tel-Amarna-Zeit (im 15. Jahrhundert) von ihrem Stammlande Kappadocien aus in Syrien einfallen und unaufhaltsam immer weiter südwärts dringen. Durch die Schwäche Ägyptens und zeitweilig auch Assyriens gelingt es ihnen im Laufe des 14. und 13. Jahrhunderts ganz Syrien bis zum Hermon sich zu unterwerfen. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht, eben im 13. Jahrhundert, stoßen sie mit dem wieder vordringenden Ägypten unter Kamses II in mehrfachen Kämpfen zusammen, von denen namentlich der Angriff auf die Stadt Kadesch am Drontes durch die Ägypter bekannt geworden ist, weil er zum Gegenstande eines den König Ramses II überschwänglich feiernden großen Gedichtes gemacht wurde. Ihren Abschluß fanden die Sämpfe in einem Friedensvertrage, dem ältesten erhaltenen Beispiel eines Staatsvertrags, zwischen dem Chatti-König Chetasar und Ramses II. Das hettitische Original war auf einer Silbertafel niedergeschrieben. Erhalten ist uns aber nur die ägyptische Übersepung an der Südwand des Säulensaals im Tempel zu Karnaf und auf einer Wand des kamesseums. Darin wird die gegenseitige Grenze festgesekt, wobei Nordphönicien und Syrien den Chatti zufällt, diese also durchaus nicht als die Besiegten erscheinen. Der interessante Inhalt des Dokuments rechtfertigt es, dasselbe hier fast unverkürzt in Überfeßung folgen zu lassen:

Jahr 21, 21 Tobe (Monat) unter der Majestät des Königs von Oberund Unterägypten, Ramses II ... An diesem Tage war es, daß seine Majestät nach der Stadt „Haus Ramses II“ fam, um seinen Vater Amon-re u. f. w. zu preisen ... Es kamen die Gesandten, die der große Fürst von Chatti, Chetasar, zum Pharao gesandt hatte um Frieden zu erbitten von der Majestät des Königs . . . Ramses II ...

Abschrift der silbernen Tafel, die der große Fürst an den Pharao geschickt hatte durch seinen Gesandten Tarteschup und seinen Gesandten Ramses um Frieden zu erbitten bei der Majestät König Ramses II . ..:

Vertrag, den der große Fürst von Chatti, Chetasar, der Tapfere, der Sohn des Marsar, des großen Fürsten von Chatti, des Tapfern, der Enkel des Sapalulu, des großen Fürsten von Chatti, des Tapfern, ausgefertigt hat auf einer silbernen Tafel für Ramses II, den großen Herrscher von Ägypten, den Tapfern, den Sohn u. s. w. ? der schöne Friedens- und Bündnisvertrag, der (schönen) Frieden und (schönes Bündnis zwischen ihnen herstellt) in alle Ewigkeit.

Zu Anfang, seit ewiger Zeit, waren die Beziehungen des großen Herrschers von Ägypten zu dem großen Fürsten von Chatti so, daß der Gott keine Feindschaft zwischen ihnen auftommen ließ, (und dies war) auf Grund eines [früheren Vertrages.

Dann aber, zur Zeit des Mutnara, des großen Fürsten vou Chatti, meines Bruders, fämpfte dieser mit (Ramses II), dem großen Herrscher von Ägypten. Danach aber, von heute an, siehe, da steht Chetasar u. f. w. im Vertrage, der die Beziehungen bestehen läßt, welche Re und Sutech geschaffen haben für das Land Ägypten mit dem Lande Chatti, damit fünftig keine Feindschaft zwischen ihnen aufkomme ewiglich. Siehe, Chetasar u. s. w. hat sich mit Ramses II u. f. w. in Vertragsbeziehungen geseßt von heute an um einen schönen Frieden und schönes Bündnis zwischen uns entstehen zu lassen

1) Ich verdanke dieselbe dem Ägyptologen Herrn Moeller. Der Text des Vertrages ist nicht lückenlos erhalten.

2) Da diese ganze Titulatur durchaus unägyptisch und nach allem, was die hettitischen Inschriften bis jeßt erkennen lassen, auch nicht hettitisch ist, wohl aber deutliche Anklänge an die übliche assyrische Titulatur zeigt, so ist zu vermuten, daß das Original in assyrisch-babylonischer Sprache abgefaßt war, daß diese also noch immer, wie zur Tel-Amarna-Zeit, die internationale DiplomatenSprache des Orients war (A. O. I. S. 40).

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