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Wissenschaftliche Beilage zum Programm des Friedrichs-Werderschen

Gymnasiums. Ostern 1885.

Die Quellen der Apostelgeschichte.

Von

August Jacobsen.

BERLIN 1885.

R. Gaertners Verlagsbuchhandlung

Hermann Heyfelder.

1885. Programm No. 52.

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Die Hoffnung durch unbefangene, ernste Forschung die Zeiten des Urchristentums wirkJich aufzuhellen ist in den letzten Decennien nicht ohne Grund lebendiger und zuversichtlicher geworden. Was die Lösung der synoptischen Probleme für die Zeit Jesu verheisst, das verheisst für das apostolische Zeitalter in erster Linie die Lösung der Probleme, die die Apostelgeschichte beschliesst. Einen kleinen Beitrag zur Erledigung dieser Aufgaben möchten die folgenden Zeilen liefern, in denen vornehmlich die Frage erörtert wird, ob die Apostelgeschichte durchgehends, wie die Apologeten versichern, oder ob sie, wie die kritischen Theologen versichern, nur in einzelnen Partieen, die vielfach verschieden begrenzt und rücksichtlich ihrer Genesis erklärt worden sind, authentische Geschichtserzählung enthält.

Bei der Spārlichkeit der Nachrichten über die Zeit der Apostel wäre es ja gewiss über alle Massen erfreulich, wenn die Glaubwürdigkeit der Apostelgeschichte in gar keiner Beziehung in Frage käme, wenn man sich nur in die Schrift eines historisch absolut zuverlässigen Zeugen tiefer und tiefer zu versenken brauchte, um die Werdezeit der christlichen Kirche immer besser zu verstehen. Wäre es wahr und erweislich, dass Lukas überall oder fast überall als Augenzeuge oder nach genauen Informationen auf Grund ursprünglicher mündlicher oder schriftlicher Überlieferung berichtet, dann würde der Apostelgeschichte eine Bedeutung zuzuerkennen sein wie wenig anderen Schriften. Ist es aber nicht der Fall, – sollte die Glaubwürdigkeit der Apostelgeschichte in manchen Zügen aus zwingenden Gründen verneint werden müssen, sollten sich auffällige Lücken und Mängel, innre Widersprüche und entschiedene Abweichungen von andern wohlbezeugten neutestamentlichen Nachrichten finden, so dart doch die historische Wahrheit nicht angetastet, so muss die Wertschätzung der Apostelgeschichte der kritischen Untersuchung entsprechend ermässigt werden.

Auch in diesem Falle behält die Apostelgeschichte eine hohe Bedeutung. Hat gleich um meine Meinung sofort anzudeuten – der Verfasser den von ihm geschilderten Vorgängen des apostolischen Zeitalters ebensowenig persönlich nahe gestanden wie der Erdenwirksamkeit Jesu, sind gleich die Quellen, die er benutzen konnte, nicht allzu ergiebig gewesen und sind sie selbst nicht immer mit gleichem Glück und Geschick, nicht immer mit der nötigen Reserve benutzt, - er hat der Christenheit in seiner Schrift zum wenigsten Mitteilungen aufbewahrt, die das Bild einer unvergleichlichen Zeit wesentlich vervollständigen, Mitteilungen, die ohne seine Bemühung kaum erhalten sein würden.

Ich bin ohne weiteres gerne bereit anzunehmen, dass sorgfältige Vorarbeiten, wie sie derselbe Verfasser für das dritte Evangelium nach dem Prolog (Luc. 1, 1 --- 4) ausgeführt hat, auch hier nicht fehlen. Die Versehen, die trotzdem begangen sind, sind bei der Grossartigkeit des Unternehmens, an das Lukas sich zuerst gewagt hat, bei der Beschaffenheit des schriftstellerischen Materials, das ganz besondere Anforderungen an seine Kombinationsgabe stellte, durchaus zu entschuldigen.

Auf beschränktem Raume will ich versuchen in möglichster Kürze die erheblichsten Anstösse, die die Apostelgeschichte giebt, darzulegen und das Historische von dem Unhistorischen zu sondern: es werden dabei verschiedene „Quellen“ aufgewiesen, deren Wert und Umfang festgestellt werden muss. Gelegentlich werden auch einige Bemerkungen über das schriftstellerische Verfabren des Verfassers, über die Komposition und den Zweck der Apostelgeschichte, über die Entstehung der ungenauen, der unhistorischen Züge zu machen sein.

Ich bin mir bewusst mit voller Unbefangenheit, ohne jedes Vorurteil meine Untersuchungen geführt zu haben. In verschiedenen Punkten hoffe ich auch auf die volle Zustimmung apologetischer Kreise. Mõge es sie bestimmen auch die übrigen Ausführungen objektiv zu prüfen!

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Nach den einleitenden Worten (Act. I, 1) ist die Apostelgeschichte die Fortsetzung des dritten Evangeliums von derselben Hand. Ebenso wie die gesamte Überlieferung des Altertums nimmt fast ausnahmslos die gelehrte Forschung der Folgezeiten ') die Identität des Verfassers der Akten mit dem Verfasser des dritten Evangeliums an. Die Bedenken, die Scholten in seiner Schrift „Das Paulinische Evangelium“ (aus dem Holländischen übersetzt von Redepenning. 1881) p. 254–315 dagegen erhoben hat, habe ich nicht unbeachtet gelassen. Es ist in der That ein Verdienst Scholtens diese Frage nochmals einer so eingehenden Erörterung unterworfen zu haben: nur kann ich mir die Konsequenzen, die er bier aus mancher feinen Beobachtung gezogen hat, nicht aneignen. Scholten meint, dass das dritte Evangelium nicht von dem Verfasser der Akten geschrieben sein könne, aber wohl von ihm überarbeitet sei. Eine solche immerhin etwas künstliche Konstruktion würde die festeste Basis verlangen. Teils aber sind die Stellen, die den differenten Geist beider Schriften offenbaren sollen, zu sehr urgiert (z. B. geht meines Erachtens weder das dritte Evangelium in seiner heidenchristlich-paulinischen Tendenz so weit, dass es die Urapostel degradiert, noch ist die Stellung der Urapostel in der Apostelgeschichte, die so wenig von ihnen weiss, die ihre Wirksamkeit so ziemlich auf Jerusalem beschränkt, auffällig hervorragend) teils haftet der unterschiedliche Charakter den benutzten Quellen an, - manches erklärt sich aus der eigentümlichen Weise, in der Lukas seine Quellen benutzt hat; auch die vorausgesetzte Tendenz der Apostelgeschichte ist keineswegs so zweifellos. Ich kann wie Hilgenfeld u. a. dieser Hypothese nicht zustimmen und behaupte entschieden die Identität des Verfassers beider Schriften. Die folgenden Ausführungen enthalten weiteres Beweismaterial.

Das Licht, das die kritische Untersuchung über das dritte Evangelium verbreitet, erhellt in diesem Fall natürlich in mancher Beziehung auch die Apostelgeschichte. Lukas hat für das dritte Evangelium vornehmlich und zwar in sehr ausgedehntem Masse abwechselnd bald das Matthaeusbald das Marcusevangelium benutzt). Man kann da sein schriftstellerisches Verfahren sehr genau

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1) S. besonders Zeller Ap. gesch. p. 414—452. 2) S. m. Untersuchungen über die Doptischen Evangelien (1883) p. 34–56. Ich befinde mich bier in wesentlicher Übereinstimmung mit Hilgenfeld, Holtzmann, Scholten u. a.

kontrollieren und nach den wesentlichsten Unterschieden zwischen dem dritten und den beiden ersten Synoptikern sowie nach den dem Lukasevangelium eigentümlichen Zusätzen, die eine bestimmte Tendenz durchblicken lassen, den historischen Standpunkt, die besondern Anschauungen Lucae ermitteln. Es wird sich zeigen, dass die gleiche Subjektivität des Verfassers sich auch in der Apostelgeschichte geltend macht und dass eine gewisse Gewaltthätigkeit in der Quellenbenutzung, dass gewisse willkürliche Kombinationsversuche, die in der Apostelgeschichte aufzuweisen sind, nicht isoliert dastelien, sondern bezeichnende Analogieen in der andern Lukasschrift finden.

1. Zunächst ergiebt die Vergleichung der drei ersten Evangelien, dass Lukas der urchristlichen Geschichte schon recht fern steht, ihren Zusammenhang und Charakter nicht immer genau durchschaut. Er 'hat weder das lokale Bedingt- und Gebundensein der Wirksamkeit Jesu noch das unterschiedliche Verhalten der Zeitgenossen Jesu richtig erfasst. Während in den beiden ersten Evangelien der Hauptschauplatz von Jesu öffentlicher Thätigkeit Galilaea ist, ist im Lukasevangelium die galilaeische Periode erheblich reduziert: der Schwerpunkt des Wirkens Jesu fällt hier in einen örtlich und zeitlich ziemlich unbestimmten Abschnitt (Luc. 9, 51--18, 14).

Während dort das jüdische Volk im grossen und ganzen die Lehrvorträge Jesu mit höchster Begeisterung hört und in entscheidenden Momenten in Jerusalem sich so bestimmt und offen auf Jesu Seite stellt, dass die Gegner – Priester, Schriftgelehrte, Älteste – in Furcht geraten und nur auf hinterlistige Weise ihn verderben können, liest man hier schon zuweilen, dass sich in weiteren Volkskreisen ein fanatischer Hass gegen Jesus und das Christentum kund gegeben habe (natürlich nicht da, wo Lukas einfach seine anders lautenden Quellen benutzt). In der Synagoge zu Nazareth tritt gleich anfangs nach Lukas das Volk so feindlich gegen Jesus auf, dass er sich eiligst drohender Gewaltthätigkeit entziehen muss (Luc. 4, 28-30; cf. 6, 11). (Warum sagt Lukas kein Wort über den Eindruck der „Feldpredigt“ im 6. Kap., warum berichtet er so auffällig kurz über die Tempelreinigung ?).

Dieselben Beobachtungen macht man in der Apostelgeschichte. Zwar bezeichnet „Judaea" in den lukanischen Schriften (s. besonders Luc. 7, 17) „das ganze von den Juden bewohnte Gebiet, nicht Judaea im Gegensatz zu Galilaea“ (Overbeck zu Act. 10, 39), trotzdem aber bleibt die ungenaue und streng genommen unrichtige Darstellung auffällig, wenn es Act. 10, 37. 39 heisst: „Ihr wisst, was (durch Jesus) in ganz Judaea geschehen ist und was seinen Anfang genommen hat von Galilaea" (fast wörtlich so Luc. 23, 5) – „Wir sind Zeugen dessen, was er im jüdischen Lande und zu Jerusalem gethan hat.“ Ferner wird in der Apostelgeschichte mehrmals das ganze jüdische Volk für Jesu Tod verantwortlich gemacht (s. 2, 23. 36. 3, 13–15. 4, 10. 27) und oft genug tritt das ganze jüdische Volk dem Christentum und besonders der Person des Apostels Paulus feindselig gegenüber. Soweit sich die betreffenden Bemerkungen auf die Zeit Jesu beziehen, sind sie gegenüber der abweichenden Darstellung in den beiden ältesten Evangelien durchaus als irrig abzuweisen. Finden sie sich in den Reden eines Petrus, so dienen sie wahrlich nicht dazu die Authentie derselben zu erhärten. Soweit sie sich auf die Zeit der Apostel beziehen, ist zunächst nur die Möglichkeit, dass die Darstellung in antijüdischer Richtung modifiziert sei, auszusprehen, da ja die Verhältnisse sich allmählich geändert haben konnten. Es wird sich aber später zeigen, dass Lukas wiederholt in schroffem Widerspruch mit seinen Quellen antijüdische Züge eingefügt hat.

Man wird es auch kaum für zufällig halten können, wenn Lukas die Geschichte des

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