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Vorwort.

muss.

Der christliche Glaube als Ueberzeugung, dass in Jesus Christus Gott selbst in einzigartiger und vollkommener Weise sich geoffenbart habe, muss den Anspruch seiner Wahrheit in jeder Zeit aufs Neue behaupten und verteidigen. Das geistige Leben eines jeden Zeitalters schliesst sich in eine Durchschnittsweltanschauung zusammen, welche zu dem Anspruch des christlichen Glaubens notwendig in Gegensatz treten

Die so entstehende Spannung ist heilsam sowohl für den Glauben als für die aus dem Culturleben resultierende Weltanschauung. Mit dem Aufhören derselben würde der Lebensnerv Sowohl der christlichen wie der weltlichen Erkenntnis gelähmt sein: Der Glaube müsste in einem starren dogmatischen oder hierarchischen System versteinern, und die natürliche Weltanschauung würde entweder in dem Fett ihres selbstbefriedigten Optimismus ersticken, oder aber bei einem Hinüberschwanken in den Pessimismus den Trieb zu weiterer Forschung sowie das Behagen an ihrem eigenen Dasein verlieren, wenn nicht beide fort und fort gezwungen wären, im Wetteifer der Selbstbehauptung sich gegenseitig zu befruchten.

Als nach der Reformation die Selbstständigkeit des forschenden Geistes in Deutschland soweit erstarkt war, dass er ausserhalb des Bodens der theologischen Weltanschauung eine Lösung des sittlichen Weltproblems zu schaffen versuchte, fand der Gegensatz seinen Ausdruck in der von Lessing präcisierten Formel: „Zufällige Geschichtswahrheiten können der Beweis von notwendigen Vernunftwahrheiten nie werden.“ Das heisst in Bezug auf Jesus Christus, welcher den Anspruch erhebt, die wahre und damit die vernünftige Religions- und Sittenlehre gebracht zu haben: Nicht die einzelnen Thatsachen seines Lebens, seine Wunder, sein Sterben und Auferstehn können als Gründe für die Wahrheit seiner Lehre angeführt werden.

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anerkannten Kennzeichen der Vernunftwahrheit.

Das Zeitalter Lessings sowie das darauf folgende, soweit es durch die Energie des sittlichen Denkens Kants bestimmt war, glaubten fest daran, dass es einen Schatz allgemein feststehender Wahrheiten gebe, und damit auch die Möglichkeit vorhanden sei, den Inhalt derselben herauszustellen. Dieses Vertrauen ist in der Gegenwart stark erschüttert. Zuerst wurde bezweifelt, dass es eine adäquate Erkenntnis der Wirklichkeit geben könne, das kosmologische Problem wurde aus der Sphäre der philosophischen Forschung verbannt und der wissenschaftlichen Detailuntersuchung überwiesen. Die Kantsche Philosophie verbrannte darauf freiwillig alle die Aussenwerke ihrer Position, um dafür die letztere, nämlich die allgemeine ewige Geltung der sittlichen Vernunftidee, um so energischer zu behaupten. Die im 19. Jahrh. aufgeblühte Geschichtswissenschaft hat aber den Boden unterminiert, auf welchem das Kant'sche System sich auf baut. Sie zeigt nirgends Uebereinstimmung in den Vernunftwahrheiten bei den Heroen des Geistes, sondern weist einem jeden seine individuelle Besonderheit nach, und ferner trennt sie die Welt der geistigen Anschauungen und Bestrebungen nicht durch eine unüberbrückbare Kluft von der des natürlichen Geschehens, vielmehr bildet einen wichtigen Teil ihrer Aufgabe der Nachweis, dass und wie die besondern, individuellen Ideale einer Person durch die umgebenden natürlichen Verhältnisse bedingt sind.

Zugleich mit dem Aufgeben der Voraussetzung, dass es ein absolutes, ewiges System von Vernunftwahrheiten gebe, ist auch der von Lessing formulierte Gegensatz zwischen zufälligen Geschichtswahrheiten und notwendigen Vernunftwahrheiten aufgelöst worden. Weder gelten die Geschichtswahrheiten d. b. die Thatsachen, welche als wirklich geschehen anerkannt werden, in unserer Zeit als zufällig, noch irgend ein System vernünftiger Wahrheiten, sei es auf dem Boden der Philosophie oder Theologie als notwendig. Dennoch kehrt der Gegensatz zwischen dem Anspruch Christi, dass er die Wahrheit in sich besitze (resp. dem Zeugnis der Christen, dass sie

wieder. Die an die Untersuchung des Einzelnen gebundene Wissenschaft lebt in der Voraussetzung, welche im Positivismus und Evolutionismus ihre allgemeine Begründung gesucht hat, dass jede Erkenntnis, sei es die Durchschnittserkenntnis einer Zeit oder die Lebensanschauung einer Person, an sich unvollkommen sei, aber an ihrem Platze wohlberechtigt und notwendig als Unterstufe für den aufsteigenden Gang der Gesammtentwickelung. Notwendige Vernunftwahrheit könne daher nur in dem Gesammtverlauf der geschichtlichen Weltentwickelung liegen, jede Einzelperson, jede Einzelerkenntnis seien zufällig und dürfen daher nicht den Anspruch erheben, für alle Zeiten und alle Völker Autorität und Norm zu sein.

Der Lessing'sche Einwand gegen den Glauben, dass in Christus die einzigartige und für alle Zeit normative Offenbarung der Wahrheit erschienen sei, hat somit in der Gegenwart an principieller Schärfe nichts eingebüsst. Der christliche Glaube kann aber nun und nimmermehr zugeben, dass die göttliche Wahrheit entweder in einem ein für alle Mal fertigen Schatz von Vernunfterkenntnissen gegeben sei, oder in dem unendlichen Verlauf der Weltgeschichte in stets unvollkommener Gestalt zur Erscheinung komme. Er nimmt seinen Ursprung von einer geschichtlichen Person, welche mit dem Anspruch aufgetreten ist, den Inbegriff der Wahrheit in sich zu beschliessen, und findet seine Erneuerung und Stärkung immer nur durch Zurückgehen auf diese concrete Persönlichkeit. Damit ist der philosophischen Forschung das Rätsel aufgegeben: Wie kann das Allgemeine im Besondern, das Absolute in dem geschichtlich Concreten, das Göttliche im Menschlichen vorhanden sein?

Zur Lösung dieses Problems der Ethik beizutragen, hat sich die vorliegende Arbeit zum Ziel gesetzt. Aus der Beschränkung auf dieses Ziel erklärt sich auch eine Thatsache, welche den Lesern dieser Schrift auffallend erscheinen wird. Während unter den Repräsentanten der Hauptrichtung der theologischen Ethik der Gegenwart Herrmann und Kaftan eine eingehende Berücksichtigung erfahren haben, ist der Altmeister der Schule, Ritschl, mit Stillschweigen übergangen worden.

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