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Das Verhältnis von Gott und Fetisch bei den Negervösfern.

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liebigen Kloß, irgend eine auffallende Erscheinung zu ihrem Gott und bringen demselben Opfer bar. Das erweist sich als eine ganz unrichtige Ansicht, seitdem die Missionare die afrikanischen Religionen genauer erforscht haben. Das Wort Fetisch stammt aus dem portugiesischen feitiço, entsprechend dem Lateinischen factitius = mit der Hand gemacht. Es bezeichnet also eigentlich allen göşendienst. Durch de Broiles, ben Freund Voltaires und Buffons, der 1760 eine Schrift herausgab: »Du culte des Dieux Fétiches ou Parallele de l'ancienne Religion de l’Egypte avec la Religion actuelle de Nigritie,« wurde zuerst die Aufmerksamkeit der Europäer auf die afrikanischen Religionen gelenkt. Er wollte den Ausbrud Fetischismus auf alle Nationen anwenden, welche Tieren oder leblosen Dingen, die in Götter verwandelt werden, Verehrung zollen, auch wenn diese Gegenstände nicht sowohl Götter im eigentlichen Sinn des Wortes, sondern Dinge sind, die mit einer gewissen göttlichen Eigenschaft ausgerüstet werden, wie Orakel, Amulette u. dergl. Dabei nimmt de Brosses an, alle Völker haben eine erste göttliche Offenbarung gehabt, aber alle mit Ausnahme der Juden vergaßen sie und machten dann denselben Kursus durch: erst Fetischismus, der sich noch in Afrika findet, dann Polytheismus und endlich Monotheismus. Später, mit der fortschreitenden Aufklärung, wurde von den Gelehrten keine Uroffenbarung mehr angenommen und der Fetischismus als die älteste Religionsform bezeichnet. Diese Anschauung ist noch immer sehr verbreitet, obgleich nach den neueren Forschungen folgende drei Punkte sich als völlig unrichtig erweisen:

1. Qaß die Fetische die Götter der Neger seien,
2. daß die Schnüre mit eingebundenen Gebeinen, Haarent,

Federn u. dergl., die Amulette der Neger, die

Fetische selbst seien, 3. daß der Fetischismus die älteste Religions

form sei. Was den ersten Punkt betrifft, so hat schon 1856 ein englischer Missionar, S. L. Wilson, der am Kap Palmas und später am Gabun gewirkt hatte, den Saß aufgestellt, daß alle Neger an der Westküste, von den Solofen in Senegambien bis nach Loango im Süden, an einen höchsten Gott glauben, den sie bestimmt von den Fetischen unterscheiden. Ihm stimmt auch Waiß in seiner Anthropologie der Naturvölker bei, wenn er (II, S. 167) sagt: „Bei tieferem Eindringen, das neuerdings mehreren gewissenhaften Forschern gelungen ist, kommt man zu bem überraschenden Resultat, daß mehrere Negerstämme, bei denen sich ein Einfluß höher stehender Völker bis jeßt nicht nachweisen und kaum vermuten läßt, in der Ausbildung ihrer religiösen Vorstellungen viel weiter vorgeschritten sind als fast alle andern Naturvölker, so weit, daß wir sie, wenn nicht Monotheisten nennen, doch von ihnen behaupten dürfen, daß sie auf der Grenze des Monotheismus stehen, wenn ihre Religion auch mit einer großen Summe groben Aberglaubens vermischt ist, der wieder feinerseits bei andern Völkern die reineren religiösen Vorstellungen ganz zu überwuchern scheint." Obgleich Waiß nicht von einer monotheistischen Urreligion ausgeht, spricht er sich so entschieden für einen reineren Gottesbegriff der Neger aus, denn er berücksichtigt sorgfältig die Angaben der Missionare wie der sonstigen Reisenden.

Auch der englische Missionar Rowley (The Religion of the Africans. 1878) suchte nachzuweisen, daß alle afrikanischen Völfer, nicht nur die Neger, zwar nicht einen flaren Gottesbegriff, aber doch einen Glauben an Gott als den Guten haben, der die Kräfte der Natur zum Nußen der Menschen bewegen kann und je nach Umständen bewegen will. Gott kann nur Gutes tun, ob man ihn ehrt oder nicht. Aber in gewissen Fällen wird sein Name auch angerufen. Also die Neger, sehen ihre Fetische keineswegs als Götter an, obgreich sie ihnen fast ausschließlich dienen.

Was den zweiten Punkt betrifft, so sind über den Begriff des Fetisch auch die Missionare längere Zeit im Unklaren gewesen. Rowley sagt: „Fetisch bezeichnet irgend eine materielle Substanz, in welcher übernatürliche Kraft konzentriert wird." Dagegen sagt Missionar Dieterle, der mehr als 30 Jahre auf der Goldküste gearbeitet hat: ,,Den Amuletten wird keine Persönlichkeit zugeschrieben; sie sind daher auch keine eigentlichen Fetische, sondern nur Zaubermittel, die nach dem Aberglauben der Heiden auf Gingeben Gottes gemacht werden“ (Heidenbote 1871, S. 37). „Fetisch ist ein beseelt und persönlich gedachtes Mittelwesen zwischen Gott und den Menschen" (S. 17). Wie Dieterle, so hat auch Missionar Bohner, der das ganze Fetischwesen durch eine zusammenhängende Erzählung im Missionsmagazin 1881 und 1886 illustriert hat (auch als besondere Schrift erschienen: „Im Lande des Fetisch." Basel 1890), überzeugend nachgewiesen, daß die Neger selbst die Fetische als Geister, als Dämonen denken, welche einen Menschen in Besiß nehmen und sich durch ihn offenbaren fönnen, welche aber auch in allerlei auffallenden Naturgegenständen ihre Wohnung haben können. Sowenig als wir bei einem Bilderdienst unter christlichen Völkern annehmen dürfen, der Bilderdiener denke fich, die Mutter Gottes oder der Heilige existiere nicht außer dem Bilde, ebensowenig dürfen wir vom Neger annehmen, daß er denke, sein Fetisch existiere nur in dem sichtbaren Gegenstand, wenn auch seine Offenbarung an diesen Gegenstand gebunden gedacht wird. Der Fetisch is mus ist also nur eine besondere Art von Animismus oder Geisterdienst, wobei die äußeren Abzeichen für die Gewalt und Dffenbarung des Geistes mehr hervortreten als in andern animistischen Religionen.

Der dritte Punkt, daß der Fetischismus die älteste Religionsform sei, ist jeßt auch von Forschern, die feine monotheistische Urreligion annehmen, verworfen, weshalb wir hier nicht näher darauf eingehen. Für einen religiösen Verfall aus reinerem Gottesdienst in Bilderdienft hat man ja auch in der Geschichte der christlichen Kirche Analogieen.

3. Die Vorstellung von Gott bei den afrikanischen Völkern.

Der Name für Gott bildet auf der Goldtüfte, auf der Sklavenküste und wohl auch bei andern Negervölkern gar keine Mehrzahl und ist deutlich unterschieden von dem Namen für Fetisch. In der Gâ- oder Affra-Sprache heißt er Njongmo, im Tichi oder Asante: Onyame oder Onyankopong, in der Evhesprache in Togo: Mawu, im Duala in famerun: Loba, bei südlicheren Völkern Sambi oder Njambe. Nach der Grundbedeutung des Worts soll Onyame, der Glänzende" heißen, und das Wort wird auch für den sichtbaren Himmel gebraucht. Gott und der sichtbare Himmel werden also nicht überall deutlich auseinandergehalten; aber es werden nicht etwa Sonne, Mond, Bliß und Donner u. dergl. als verschiedene Götter bezeichnet,

Wurm, Religionsgeschichte.

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sondern der gute Gott ist einer. Er gibt Regen und Sonnenschein. Wenn der Säugling die Augen aufschlägt, so sagt man auf der Goldküste: „er schaut zu Gott.“ Ein Sprichwort ist: „Wenn du Gott etwas sagen willst, so sage es dem Wind." Das Evhewort Mawu soll heißen: ber Höchste. Da neben findet sich noch ein Wort für Himmel: Dzi, dem die Erde: Anyigba, gegenübersteht, und der Luftraum: Yame, als Region der bösen Geister. Bei der Bibelübersegung konnten die Missionare das einheimische Wort für Gott gebrauchen ohne zu fürchten, daß sie damit falsche Vorstellungen erweden oder unverstanden bleiben. Nirgends ist es dasselbe Wort wie für Fetisch. Sie durften nur, wie der Apostel Paulus in Athen, ben unbekannten Gott verfündigen.

Missionar Zimmermann, der langjährige Arbeiter auf der Goldküste, schrieb schon 1859: „Ich habe noch keinen Neger kennen gelernt, der den einen Gott geleugnet hätte, außer etwa einen abtrünnigen Christen, der wieder ins Heidentum zurüdgefallen war. Von Gott wird anerkannt, daß er selbst ewig und unerschaffen, Schöpfer Himmels und der Erde sei; er wird oft genannt, ja man bankt ihm; man weiß sich im allgemeinen in seiner Hand, man nennt ihn Vater, Allvater u. bergl. Aber da hört auch der Gottesdienst der Neger auf. Gott schuf Geister oder Dämonen (Wong, Mehrzahl Wodsi) und Menfchen. Erstere beleben die ganze sichtbare Welt, die gleichsam ihr Leib ist, während der Himmel als Leib und Wohnung Gottes betrachtet wird. Die Erde, die See, jeder Fluß, jeder Bach u. s. w. beseelt gedacht, ist ein Göße oder Fetisch. Ob fich der Neger die Erde im Verhältnis zu dem Himmel und zu Gott als Weib im Verhältnis zum Manne denkt, hörte ich noch nie; wohl aber werden beide zusammen genannt, die Erde nach Gott und jeder andere Naturgeist nach der Erde. Diese Geister sind von Gott geschaffen und regieren die Schöpfung, auch den Menschen durch sie. Es gibt gute und böse, männliche und weibliche, große und kleine, starke und schwache" (Miff.-Mag. 1859, S. 50). Die Evheer haben ihrem Mawu in der Königsstadt Anglo ein Haus gebaut, wo er von seinem Priester, dem Batenka, bedient wird. Dort wird er in Kriegsund andern Angelegenheiten befragt. Er kommt aber nie selbst, sondern schickt nur einen seiner Diener.

Bei den nördlichen Bantu-Völkern scheint der Gottesname mehr hervorzutreten als bei den südlichen. In Kamerun wird er angerufen. Es bedarf zu seiner Anrufung feines Priesters, aber nur, wer nicht fündigt, kann ihn anrufen, daher besonders alte Leute. Die stonde auf dem Gebirge nördlich vom Njassa-See, unter welchen die Berliner und die Brüdergemeine-Missionare arbeiten, reben Gott als Vater an, der Hausvater beim häuslichen, der Häuptling beim gemeinsamen Kultus. Er ist menschenähnlich und wohnt mit seinen Leuten, den Gotteslindern, über dem Himmel&gewölbe. Die Missionare beobachteten dort einen feierlichen Gottesdienst zur Zeit der Dürre. Die Häuptlinge versammelten sich am Ufer des Sees, am „Gottesstamm". Da wurde ein Opfer geschlachtet. Ein Häuptling als Vorbeter schöpfte mit einem Flaschenkürbis Wasser aus dem See, nahm davon in den Mund und blies es auf die Erde, bis das Gefäß leer war. Dann betete er: „Mbamba! Kiara! Du hast uns Regen verweigert; schenke uns Regen, daß wir nicht sterben! Errette uns vom Hungertode, du bist ja unser Vater und wir sind deine Kinder und du hast uns geschaffen; weßhalb willst du, daß wir sterben? Gib uns Mais, Bananen und Bohnen! Du hast und Beine gegeben zum Laufen, Arme zum Arbeiten und Kinder auch; gib uns auch Regen, daß wir ernten können!“ (Merensky, Deutsche Arbeit am Njassa 1894, S. 115.) Bei Feindesgefahr beten sie etwa: ,Die Feinde kommen, o Gott, stärke unsre Arme, gib uns Kraft! Gib deinem Volte, deinen Kindern, starke Herzen, damit der Feind nicht unsre Frauen raube und das Vieh, das du uns gegeben hast. Du bist Mbamba! Du bist Kiara! Stärke ung !"

Bei den Waganda am Viftoria-Nyanza scheint der Dienst des einen Gottes mehr abgekommen zu sein; denn sie sagen, ihr höchster Gott Statonda habe sich in seine Wohnung zurückgezogen und den Lubari (Geistern) das Regiment über Welt und Menschen anvertraut. Sie verehren besonders den Wassergeist, welcher in dem See wohnt (Rowley, S. 57).

Unter den ersten Missionaren in Südafrika waren van der Stemp und Moffat, wie wir S. 12 bemerkt haben, der Ansicht, die Staffern und die mit ihnen verwandten Völker hätten gar kein Wort für Gott. Aber Moffats berühmter Schwiegersohn Livingstone sagt: „Auch bei den am tiefsten

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