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III. Die amerikanischen Religionen.

1. Übersicht. Das langgestredte, in zwei selbständige, durch eine Landenge verbundene Teile zerfallende Amerika, dessen Knochengerüste gleichsam ein riesiges, vom nördlichen Polarmeer bis zur Südspiße näher der Westküste als der Ostküste laufendes Gebirge bildet, dessen mächtige Ströme den Verkehr mit dem Innern besser vermitteln als die afrikanischen, dem auch viele Inseln, namentlich im Zentrum, zur Verbindung des nördlichen mit dem südlichen Teil vorgelagert sind, — dieser große Erdteil Amerika war bewohnt, als erst am Schluß des Mittelalters die Europäer mit demselben bekannt wurden. Woher die Bewohner gekommen sind, dafür hat man in ihren Sagen keine Anhaltspunkte. Die natürlichste Erklärung ist doch, daß sie über das nördliche Asien eingewandert sind. Die Normannen, welche um das Jahr 1000 Grönland besiedelt, Labrador, Neufundland, Neuschottland entdeckt haben und bis in die nordöstlichsten Gegenden der jeßigen Vereinigten Staaten vorgedrungen sind, haben ein Volk vorgefunden, welches sie Skrälinger hießen, und das nach ihrer Beschreibung den jeßigen Eskimo entspricht. Dieser Voltsstamm, welcher heutzutage nur die Polarländer bewohnt, scheint also inzwischen von den Indianern nach Norden zurückgedrängt worden zu sein. Die Fahrten der Normannen, deren Spuren später nicht mehr verfolgt wurden, machen den Eindruck, daß die Küsten des nördlichen Amerika in früheren Jahrhunderten nicht so unzugänglich gewesen sein müssen durch das Eis, wie heutzutage, und so ist es auch nicht unwahrscheinlich, daß wiederholte Völkerwanderungen über das nördliche Asien nach Amerika stattgefunden haben. Denn wir müssen zwei Völkerstämme unterscheiden: die Eskimo im Norden und die fast über ganz Amerika verbreiteten Indianer oder Rothäute.

Unter den Indianern wurden bei der Eroberung Amerikas durch die Spanier im 16. Jahrhundert zwei größere Reiche entdeckt, welche man bereits zu den Stulturvölkern rechnen konnte: Meriko und Peru. Als die Spanier an der Küste von Merito landeten, wurde dem König Montezuma nach der Hauptstadt ein Bericht geschidt, in dem die Spanier mit

ihren Schiffen und Pferden auf Baumwollenzeug gemalt wurden, und Cortez bekam vom Mönig ein Bild der Küste mit ihren Flüssen und Vorgebirgen auf Baumwolle. Orts- und Personennamen wurden in dieser Bilderschrift dargestellt wie in unsern Bilderrätseln, die Zahlen durch Punkte, 20 durch ein Fähnchen, 20 mal 20 durch eine Feder, 20 mal 20 mal 20 durch einen Beutel mit Kakaobohnen. Aber so vollständig fixiert wie die ägyptische war die merikanische Bilderschrift nicht. Immerhin wurde sie nicht bloß im Staatsdienst gebraucht, sondern auch die Jugend dadurch in die Geschichte des Landes eingeführt. Jedoch neben solcher Bildung fand sich im Reiche Montezuma: eine barbarische Roheit, welche namentlich in der Religion hervortritt in der beispiellosen Menschenschlächterei. Die Aztefen, welche seit der Mitte des 14. Jahrhunderts in Mexiko herrschten, waren als ein wilder Indianerstamm von Nordwesten her eingedrungen und hatten bereits eine Kultur vorgefunden, welche von dem Volk der Tolteken herrührte. Zwischen den Tolteken und den Azteken hatten aber eine Zeit lang die Tich itfchimeken (Hunde) geherrscht, wahrscheinlich ein bis dahin unterdrückter Indianerstamm. Die neueren Forscher nehmen an, daß die Tolteken ihre ftultur von einem noch früheren Geschlecht empfangen haben, von den Maja, welche im Süden der Halbinsel Yukatan wohnten. Das ganze mittelamerikanische Festland stand unter dem Einfluß dieser aufstrebenden meritanischen Völker.

In Südamerika wurde das große Reich der Inka von Pizarro 1531 betreten und erobert, welches außer dem jeßigen Beru noch Quito und Teile von Bolivia und Chile umfaßte. Der Ursiß der Inka-Herrschaft und der peruanischen Kultur ist an dem hochgelegenen Titikafasee zu suchen. Die peruanische Religion hat nicht den blutdürftigen Charakter wie die merifanische. Aber auch hier findet sich manches, was wir bei der Religion eines Kulturvolts nicht vermuten. Wir reihen daher, auch um des ethnographischen Zusammenhangs willen, die Grundzüge der merikanischen und der peruanischen Religion hier an.

Die unfultivierten Indianer scheinen in einer Beziehung auf einer niedrigeren Stufe zu stehen als die Neger, sofern sie nicht feßhaft sind, feinen Landbau treiben, sondern von Jagd, Fischfang und Krieg fich nähren, andrerseits haben sie aber mehr Selbstgefühl als die Neger; sie lassen sich nicht zu Sklaven machen, sie sind nicht schwaghaft und ahmen die Fremben nicht nach, sondern verharren ihnen gegenüber in vornehmer Zurückhaltung oder in Mißtrauen. Sie eignen sich nicht leicht fremde Sprachen an; auch gegen das Christentum sind sie ablehnender, wobei man allerdings ihre schnöde Behandlung von seiten der Weißen in Rechnung nehmen muß. „Bei der Gründung der ersten Niederlassung in Neuengland fand man die Eingeborenen mit allen Geboten der christlichen Religion einverstanden, außer mit dem siebenten (Du sollst nicht stehlen). Gleichwohl darf man behaupten, daß Rechtschaffenheit und Treue einen Hauptzug im Charakter dieser Völker ausmachten, gegen den es nichts beweist, daß fie, als ihre Macht durch die Weißen gebrochen, als sie selbst moralisch gesunken waren und jene als ihre geschworenen Feinde zu betrachten sich gewöhnt hatten, auf alle Weise ihnen auch im Frieden zu schaden und sich an ihnen zu rächen suchten, was nur noch durch Betrug und Diebstahl gelingen konnte. Aus freier Entschließung eingegangenen Verträgen, in denen sie sich nicht übervorteilt sahen, und Verpflichtungen, die sie ehrlich und mit vollem Verständnis übernommen hatten, find sie immer mit voller Treue nachgekommen“ (Waiß III, S. 130 f.).

Man hat in den Vereinigten Staaten bis hinauf zu den großen Seen Altertümer gefunden, welche auf einen höheren Stultur stand der Indianer in früheren Zeiten schließen lassen. Eine breite Heerstraße in Florida am St. Johnsfluß deutet auf Acerbau und Handel in früheren Jahrhunderten hin. Aber auch der Stannibalismus war bei manchen Indianerstämmen verbreitet, namentlich bei den Kariben auf den westindischen Inseln.

Die südamerikanischen Indianer sind besonders durch den Sefuitenstaat in Paraguay im 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts befannt geworden. SO ideal dieser patriarchalische Staat von manchen Reisenden geschildert wurde, so hat es sich doch gerächt, daß die Sesuiten die Eingeborenen nicht zur religiösen Selbständigkeit erzogen, sondern in steter Abhängigkeit von den weißen Patres erhalten haben. Nach der Aufhebung des Jesuitenordens verfiel die ganze Kultur, und viele Indianer fielen in das Heidentum zurück.

2. Die Religionen der unkultivierten Indianer

und der Eskimo. Bei der ersten Bekanntschaft der Europäer mit den unkultivierten Indianern waren jene überrascht, daß die Indianer von einem großen Geist (Manitu oder Kitschi Manitu) redeten, welcher die Welt erschaffen habe und Herr des Lebens sei. Noch mehr als bei den Negern tritt bei ihnen der höchste Gott im Himmel in den Vordergrund, während bei den kultivierteren Völkerit in Mittel- und Südamerika der Sonnendienst die erste Stelle einnahm und mehrere Götter auftauchten. Es ist schon behauptet worden, die nordamerikanischen Indianer hätten diese Vorstellung vom Großen Geist erst durch ihre Berührung mit den Europäern, namentlich ben Quäfern, bekommen. Dagegen sagt Waiß: „Man muß gestehen, daß die Schnelligkeit und Allgemeinheit, mit welcher diese Vertauschung geschehen sein müßte, etwas fehr Befremdendes hätte im Vergleich mit der Zähigkeit, mit welcher sonst die Indianer ihre religiösen Vorstellungen festzuhalten pflegten. Als Winslow 1622 bei dem König Massasoit von Gott als dem Schöpfer und Geber alles Guten erzählte, zu dem sie beteten und dem fie dankten, antworteten die Indianer, das sei sehr gut, und sie glaubten fast ganz dasselbe von ihrem Kiehtan, dem Schöpfer aller Dinge. Er wohne weit im Westen im Himmel, und die guten Menschen fämen zu ihm nach dem Tod, die bösen weise er ab und stoße sie ins Elend. Er sei von niemand geschaffen und erscheine ihnen nicht; sie bäten ihn aber um alles, was sie wünschten. Im wesentlichen denselben Glauben wie in Neuengland an einen höchsten Gott im Himmel, den Schöpfer aller Dinge, fanden yawiot (1587), Whitaker (1613) und White (1634) in Virginien. Von den Siour erzählt Charlevoir, daß fie zur Zeit ihrer ersten Bekanntschaft mit den Europäern (1659) im Besiß einer deutlichen Erkenntnis von einem Gott gewesen seien" (Waiß III, S. 178).

Aber es ging mit dem Großen Geist der Indianer ähnlich wie mit dem Himmelsgott der Neger. „Der Große Geist steht an der Spiße der Religion des Indianers, aber nicht im Mittelpunkt derselben. Hoch erhaben über die Welt, die er geschaffen, fümmert er sich wenig oder nicht um deren Lauf, noch um das Treiben der Menschen.

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Nur selten richten diese ihre Bitte an ihn, denn auch ohne diese gibt er ihnen alles Gute, und nicht oft banken sie ihm für seine Gaben" (a. a. D. S. 178).

Dabei wird der Große Geist von manchen Indianerstämmen mehr in sinnlicher Form beschrieben, z. B. als ein großer Vogel, dessen Flügelschlag das Donnergeräusch verursacht, während fein Blic Blige sprühen läßt, oder als ein großer Hase u. dergl. Aber es soll offenbar mit dieser Tierbezeichnung nur die Schnelligkeit ausgedrückt werden, mit wels cher er den Menschen übertrifft.

Merkwürdig sind auch die Sagen der Indianer von der großen Flut, und es erhebt fich hier wieder die Frage, ob sie nicht erst aus der Zeit der Berührung mit den Europäern stammen, ob nicht die indianischen Zauberer, welche gerne neue Geschichten erfinden, folche von den Europäern gehört und nach ihrem Geschmad ihrem Volt vorgetragen haben. Allein es ist doch auffallend, bei wie vielen Stämmen sich diese Sage findet. Catlin (Die Indianer Nordamerikas, deutsch von Berghaus, S. 116-129) berichtet von dem zu den Siour gehörigen Stamm der Mandaner am oberen Missouri und Yellowstone: „Sie haben nicht bloß die Sage von der Flut, von dem Mah - Mönnich-Tucha oder der Arche des ersten Menschen, worin dieser, Numank- Machana genannt, auf einem hohen Berge im Westen landete und sich aus dem allgemeinen Unglück rettete, sowie von der Taube, die den Weidenzweig mit den grünen Blättern ihm brachte, sondern feiern auch ein großes Fest zum Andenken an die Sintflut. Mitten in ihrem Dorfe auf einem freien Plaße steht die Arche oder das große Stande des ersten Menschen. Es ist ein hölzerner Zylinder, 8—9 Fuß hoch, welchen sie von Jahr zu Jahr sorgfältig ausbessern. Wenn nun im Frühjahr der Weidenzweig grünt, den die Taube als Zeichen, daß die Erde trođen sei, dem ersten Menschen brachte, dann beginnt das vier Tage lang dauernde Fest. Einer der den ersten Menschen vorstellt und durch weißen Ton seinen Körper bemalt hat, weil die Überlieferung (wie vielfach in Amerika und auch bei den Negern) sagt, daß der erste Mensch ein Weißer gewesen sei, kommt nun von den Bergen heruntergelaufen, erzählt von der Sintflut und seiner Rettung in dem großen Stanoe und fordert als Opfer ein schneidendes Werkzeug von jeder Hütte, um es dem Wasser zu

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