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Zweiter Teil.
Die Nationalreligionen.

Erster Abschnitt. Das Heidentum in Vorderasien und Ägypten.

1. Übersicht In der Bibel wird uns aus einer Zeit, da Israel noch fein Volt war, von bereits organisierten und kultivierten Völkern und Reichen berichtet. Man sollte denken, diese Zurüdstellung des eigenen Volkes dürfte ein günstiges Vorurteil für die Glaubwürdigkeit der alttestamentlichen Geschichte erweđen. Allein dafür haben die meisten unsrer alttestamentlichen Theologen kein Auge, denn sie haben das Dogma aufgestellt, wie Valeton in Chantepie de la Saussayes Religionsgeschichte (I, S. 251) es ausspricht: „kein einziges Volk kennt seine eigene Geburtsgeschichte." Troßdem erlauben wir uns zu glauben, daß den Israeliten ihre eigene Geburtsgeschichte in treuer Überlieferung mitgeteilt wurde, und daß auch ihre einfachen Berichte über benachbarte Völker zuverlässiger find, als die zur Verherrlichung der eigenen Nation vielfach ausgeschmückten Sagen anderer Völker. Daß die Völker aus Familien hevorgegangen sind, kann doch niemand leugnen. Warum sollte also die alttestamentliche Geschichte nicht glaubwürdig sein? - Es ist bloß die rationalistische Vorausseßung, daß es keine Wunder und keine übernatürliche göttliche Offenbarung gebe, was gegen die Glaubwürdigkeit der Urgeschichte und der Patriarchengeschichte spricht -- nicht eine historische, sondern eine dogmatische Frage gibt den Ausschlag und damit ist über sie der Stab gebrochen.

Wurm, Religionsgeschichte.

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Allein die Steine schreien für die Glaubwürdigkeit der alttestamentlichen Geschichtsdarstellung. In der Völkertafel (1 Moj. 10) tritt neben den Namen der Söhne und Nachkommen Noahs, von welchen die verschiedenen Völker abgeleitet werden, eine einzelne Persönlichkeit hervor, durch welche ein größeres Reich gegründet wurde. Es heißt von Nimrod, dem Sohn Stuschs, dem gewaltigen Jäger (nach Staubsche Übersekung): ,,Es erstredte sich aber seine Herrschaft anfänglich auf Babel und Erech und Akkad und Kalne im Lande Sinear. Von diesem Lande 30g er aus nach Assur und erbaute Nineve und Rehoboth-Jr und Kalah, und Resen zwischen Nineve und Ralah das ist die große Stadt" (1 Moj. 10, 10—12). Man hat lange Zeit nach der Darstellung der griechischen Schriftsteller gemeint, unter den Ländern am Euphrat und Tigris sei Affyrien das ältere Kulturland und Reich. Nun aber, seit der Entzifferung der steilschriften hat man, wenn auch Nimrod selbst nur als ein sagenhafter Held, ähnlich dem griechischen Herakles, vorkommt, doch folgende Übereinstimmung mit der Bibel gefunden:

1. daß von Babylonien, von Sinear oder Sumer, von der Ebene am unteren Lauf der beiden Ströme, die stultur und die politische Herrschaft ausging, nicht von den semitischen Assyrern, sondern von einem nichtsemitischen Volk, dem sumerisch-akkadischen (Nimrod wird in der Bibel als Nachkomme des Ham bezeichnet);

2. daß Ninive nicht von den Semiten, sondern von Babel aus gegründet wurde, wenn auch die nachmaligen Bewohner größtenteils Semiten waren;

3. daß die fumerisch-affadische stultur, deren Paläste und Tempel mit ihren Hieroglyphen in neuester Zeit ausgegraben worden sind, bis ins dritte und vierte Jahr: tausend vor Christi Geburt zurücreicht;

4. daß es ein Ur in Chaldäa gegeben hat, am unteren Euphrat, dessen Ruinen bei dem jebigen Mugajir ausgegraben worden sind;

5. daß neben dem herrschenden sumerisch-akkadischen Volk auch Semiten am unteren Euphrat gewohnt haben, so daß die Familie des Tharah wohl von dort aus zunächst nach Haran in Mesopotamien gewandert sein fann;

6. daß die israelitische Darstellung der Urgeschichte, namentlich der Sintflut, mit der assyrischen und babylonischen am nächsten verwandt ist, aber durch ihre religiöse und ethische Reinheit sich vor derselben auszeichnet, wie dies in den Streitschriften gegen Friedr. Delißichs „Babel und Bibel“ nachgewiesen wurde (1903).

Ein merkwürdiges Kapitel ist ferner 1 Mob. 14, der Zug der vier Könige aus der Euphratgegend gegen Sodom und die umliegenden Städte und bis in die Sinaihalbinsel. Während in Kanaan für jede Stadt ein eigener König genannt wird, erscheinen hier vier verbündete Könige, welche bereits große Reiche besißen müssen, wenn sie ihre Eroberungen so weit ausdehnen können. Daß Elam, öftlich von Babylonien, mit der Hauptstadt Susa, in alten Zeiten ein mächtiges Reich gewesen, wußte man vor der Entzifferung der Keilschriften nicht, mit dem Ellasar wußte man auch nichts anzufangen, ebensowenig mit einem Tidal, König der Heiden (Gojim). Nun hat man aber gefunden, daß schon vor dem 20. Jahrhundert v. Chr. ein Rudur-Nanchundi, König von Elam, die Tempel der Landschaft Akkad geplündert, daß später ein Mönig Sri Aku in ur und Sarja als Sohn und Statthalter eines Königs Studur Mabug von Jamutbal in Elam vorkommt. Dieser Kudur Mabug nennt sich Vater von Mardul, d. 5. Beherrscher von Syrien. Den tönig der Gojim findet Hommel in dem Volt der Bu, in dem Bergland südöstlich von Assyrien. Über den studur Sagamar (Sedor Laomer) ist man noch nicht im Klaren, aber Hommel sagt: „Mag fich die Sache mit Kudur-Lagamar verhalten wie ihm wolle, so steht doch jedenfalls aus der Bibel fest, daß er ein Elamite war und unter elamitischem Einfluß sich sowohl der König von Larja als auch der von Sinear (Babel) fich befanden, wie aus den feilschriften sich ergibt, daß ganz Babylonien damals unter elamitischem Drude stand (der König von Larsa selber ein Elamite und der König von Babel unter feiner Oberhoheit); ferner steht völlig fest die Gleichheit des biblischen Ariok von Ellafar mit dem feilinschriftlichen fri-Aku von Larja, in zweiter Linie dann auch noch die des (Amar-) Sin-muballit von Babel mit Amargal von Sinear – mehr als auch die kühnsten Erwartungen der alttestamentlichen Forscher der positiven Richtung sich jemals erhoffen konnten, und eine vernichtende ftritik zugleich an der dermalen in Mode befindlichen Auffassung der Geschichtlichkeit des Alten Testaments" (Hommel, Geschichte Babyloniens und Assyriens, S. 367). Nach anderer Darstellung wäre a mmurabi der Amraphel in 1 Mof. 14. Nach V. 1: „Zur Zeit Amraphels“ mußte dieser König nicht notwendig mitgezogen fein, fein Name könnte angegeben sein, um einen bekannten mächtigen König zu nennen, zu dessen Zeit ungefähr das Erzählte geschehen ist, und das würde auf Hammurabi passen, aber V. 9 müßte dann ein späteres Einschiebsel sein.

Daß die babylonische Kultur schon im 15. Jahrhundert v. Chr. auch Syrien und Palästina beherrschte, ergibt sich aus einem Fund, den man in Tell el Amarna in Mittelägypten gemacht hat. Dort war die Residenz der ägyptischen Könige Amenhotep III und IV, und diese beherrschten auch die vorderasiatischen Länder bis nach Babylonien, und man hat eine ganze Anzahl Berichte von ihren dortigen Statthaltern gefunden, welche nicht in ägyptischer Schrift, sondern in babylonisch-assyrischer Steilschrift geschrieben sind, auch die des Statthalters von Uru-Salim (Jerusalem). Durch die Phönizier ist bekanntlich das Alphabet nach Europa gekommen, aber diese Tatsache läßt uns vermuten, daß auch das phönizische Alphabet durch Vereinfachung aus den Keilschriften hervorgegangen ist.

Die ananiter waren nach 1 Moj. 12, 6, als Abram in das Land fam, bereits ein ansehnliches Volk, und als die Israeliten nach dem Zug durch die Wüste das Land eroberten, nach dem eigenen Zeugnis der Bücher Mofis in der äußeren Kultur den Ssraeliten voraus. Unter den verschiedenen Bes wohnern des Landes, welche 1 Moj. 15, 19 aufgeführt werden, sind nach den ägyptischen und babylonischen Denkmälern und Inschriften die Hethiter nicht zu den Sananitern zu rechneit, sondern ein besonderes Volf (ägyptisch Cheta, assyrisch Chatti genannt). Die neueren Forscher halten ihre Sprache für einen Zweig der alaro difchen oder altarmenischen Sprache (Araratsprache), deren Spuren bis auf unsre Zeit in der georgischen am Kaukasus sich erhalten haben. Hommel rechnet auch die elamitische Sprache zu den alarodischen. Von der Kultur der Hethiter, welche im nördlichen Syrien ihren Hauptsit hatten, aber bis nach Ägypten vordrangen, zeugen Denkmäler mit Inschriften, die aber noch nicht entziffert find.

Die Sprache der Kananiter, unter welchen jedenfalls die Phönizier der in der Kultur am weitesten vorgeschrittene Stamm waren, ist mit dem Hebräischen nahe verwandt. Man nennt diese Gruppe von Sprachen feit Eichhorn femitische Sprachen. Aber nach der Bibel stammen die Aananiter nicht von Sem ab, sondern von Ham. Die ägyptische Sprache, die äthiopische, die arabische wird ebenfalls zu den femitischen gerechnet. Die Ägypter und die Äthiopier (Rusch) find aber nach der Völkertafel der Bibel entschieden Hamiten. Auch in Arabien wohnen neben den semitischen Ismaeliten hamitische Völfer. Sind vielleicht die Kananiter von den Hebräern nur aus Haß zu Hamiten gestempelt worden? — Warum sind dann doch die Edomiter in die nächste Verwandtschaft mit Israel gesekt worden? — Man sollte doch denken, daß die Patriarchen gewußt haben, woher die Kananiter stammten. Nun fragt sich's: haben die Patriarchen die Sprache des Landes angenommen oder die Kananiter eine semitische Sprache ? — Doch wohl das erstere. Wir sehen ja bei unsern Auswanderern nach Nordamerika, wie die nachfolgenden Geschlechter ganz englisch werden. Wir werden also die Ansicht des + Prof. J. G. Müller in Basel nicht ganz verwerfen können, der 1872 in einer Schrift: Die Semiten in ihrem Verhältnis zu Chamiten und Japhetiten“ nachzuweisen sucht, daß die Sprachen, welche man seit Eichhorn femitische nennt, vielmehr hamitische und von den Semiten erst angenommen worden seien. Wir möchten dabei nicht allen Aufstellungen in jenem Buch beistimmen, und es bleibt immer noch manches Rätsel ungelöst. Die hebräische Sprache wäre damit auch keine besonders heilige Sprache. Allein es ist nun einmal Tatsache, daß sie die Sprache der Kananiter war, und daß selbst das Äthiopische mit ihr verwandt ist, und daß nach der Völkertafel eine ganze Anzahl von Nachkommen Hams in Asien wohnten. Die Nachkommen Abrahams hätten also in Kanaan die fananitische Landessprache angenommen, die Ismaeliten in Arabien die Sprache der hamitischen Araber. Jedenfalls kann die Bezeichnung: „Semitische Sprachen", die nun allgemein angenommen ist, der Darstellung der Bibel nicht entsprechen.

Ägypten erscheint in der Bibel als ein altes Kulturland, dessen Weisheit Mose lernen durfte, und in welchem das

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