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sammenhang gerissen erscheint. Jetzt kann ich den Beweis erheblich verstärken.

Die Jahre 1773–75 bilden im Leben Goethes diejenige Zeit, in der seine bildnerische Kraft am ungestümsten hervorbrach und viele Gebiete der Kunst zugleich zu umfassen suchte. Auch die Hauptthätigkeit am Faust fällt in diese Periode. In der Sprache des Dichters kennzeichnet sich die überströmende Schaffenslust durch die Wiederkehr solcher Wendungen, die den beglückend-qualvollen Trieb künstlerischer Bethätigung zum Ausdruck bringen. Am häufigsten erscheint das Wort quellen. Bis in die Fingerspitzen dringt es vor und wird hier bildend Der junge Goethe 3, 168. 173. 202. Dann ist oft von liebevoller Schöpfungskraft, vom Urquell der Natur u. s. w. die Rede Der junge Goethe 3, 168. 199; Faust I V. 455 f. Eine lebendige Anschauung des leidenschaftlichen Dranges zur Production, von dem Goethe damals erfüllt war, gewährt das grandiose Nachtbild, das die Einleitung zum Ewigen Juden uns vor Augen stellt. Das Bewusstsein dieser gewaltigen, gottähnlichen Schöpferkraft steigert sich in dem Dichter zu dem Gefühl, als ob er eine ganze Welt in seinem Busen trage, und treibt ihn, bald stammelnd "all, all' zu rufen, bald sein tobendes Innere selbst als ein Ewiges, Unendliches zu erfassen.

Unzweifelhaft ein Abglanz jener Stimmung, welche hier freilich elegisch gewendet ist, hat sich in jenem in Rede stehenden Stück der Vertragsscene erhalten, gleich im Beginne von der 'ganzen Menschheit gesprochen wird und dem eigenen Selbst, das zu ihrem Selbst erweitert werden soll, wo weiterhin (V. 292 Seuffert) beklagt wird, dass 'innerlich keine neue Kraft quelle und V. 294 das Unendliche als das Ziel der Wünsche hingestellt wird. Es fragt sich nur, ob in diesen Übereinstimmungen ein später Nachklang der jugendlichen Stimmung zum Durchbruch kommt, der mit Nothwendigkeit ertönte, als der Dichter zur Fortführung gerade des Werkes schritt, dessen eigentlicher Geist auf jenen Gefühlen schöpferischer Überkraft ruht, oder ob darin ein Symptom für zeitliche Zusammengehörigkeit zu erblicken ist. Die massvolle abge

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klärte Sprache, die dem Stücke eigen ist, scheint die erste Auffassung zu begünstigen. Dennoch ist sie die weniger wahrscheinliche. Denn abgesehen von dem Einwand, der sich gegen sie schon aus dem fragmentarischen Zustand der Vertragsscene im Faust von 1790 erhebt, bietet sich in einem Gedicht vom Dezember 1774 eine so schlagende Parallele zu den in jenem Stück ausgesprochenen Gedanken, dass ihr gegenüber alle Bedenken schweigen müssen und die Annahme unumgänglich scheint, die Scene sei im wesentlichen um die Wende des Jahres 1774 entstanden.

In der poetischen Epistel an Merck vom 5. Dezember 1774 (Goethes Briefe 2, 211) heisst es V. 5:

O dass die innere Schöpfungskrafft
Durch meinen Sinn erschölle
Dass eine Bildung voller Safft

Aus meinen Fingern quölle ....
V. 13. Wenn ich bedenck, wie manches Jahr

Sich schon mein Sinn erschliesset,
Wie er wo dürre Haide war

Nun Freudenquell geniesset ....
V. 21. Wirst alle meine Kräffte mir

In meinem Sinn erheitern
Und dieses enge Daseyn hier

Zur Ewigkeit erweitern,
Damit vergleiche man Faust Fragment V. 253 ff.

Und was der ganzen Menschheit zugetheilt ist,
Will ich in meinem innern Selbst geniessen,
Mit meinem Geist das Höchst und Tiefste greifen
Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen häufen,
Und so mein eigen Selbst zu Ihrem Selbst

erweitern
Und, wie sie selbst, am End auch ich zerscheitern.
V.308. Ich sag' es dir: ein Kerl, der speculirt,
Ist wie wie Thier, auf einer Heide [1808 auf dürrer

Heide]
Von einem bösen Geist im Kreis herumgeführt,

Und rings umher liegt schöne, grüne Weide.

Die Übereinstimmung scheint entscheidend für die Datirung der Scene. Ihr gegenüber muss der Umstand, dass im Fragment die Sprache so viel männlicher und reifer erscheint als in all den Gedichten aus den siebziger Jahren, seine Erklärung darin finden, dass die Scene uns nicht in ihrem ursprünglichen Wortlaut überliefert ist, sondern in einer überarbeiteten Fassung, die sie bei ihrer Aufnahme ins Fragment erhalten hat.

Aber bei diesem Resultat, dass der Faust, den Goethe 1775 nach Weimar mitnahm, um diese eine Scene reicher war als die uns überlieferte Abschrift des Frl. von Göchhausen, kann sich die vordringende Forschung nicht beruhigen. Sie muss sich, wenn einmal der Nachweis erbracht ist, dass zu der Zeit, als der sogenannte Urfaust abgeschrieben wurde, mehr von dem Werke vorhanden war als in ihn aufgenommen wurde, die Frage vorlegen, von welchen Partien des späteren Gedichts es wenigstens wahrscheinlich zu machen ist, dass sie gleichfalls vor dem Jahre 1776, wenn auch nur in Bruchstücken, vorhanden waren. Und da denkt man zunächst an die Scene Vor dem Thor', deren Abfassungszeit man ja schon lange mit dem Brief an die Gräfin Stolberg vom 3. August 1775 (Briefe 2, 275) in Zusammenhang gebracht hat. Zwar die Stelle von den “verklärten Spaziergängern' reicht, wie Erich Schmidt mit Recht hervorhebt, zur Datirung der Scene nicht aus, und die typische Charakteristik der Spaziergängermasse, auf die Scherer aufinerksam gemacht hat (vgl. Schmidt S. XXIX), verweist die Hauptarbeit an der Scene und ihre endgültige Abfassung sogar mit Sicherheit in eine viel spätere Zeit. Das aber schliesst nicht aus, dass einzelne Stücke von ihr schon in Frankfurt gedichtet wurden. Übereinstimmungen wie die V. 1074 ff. 'O dass kein Flügel mich vom Boden hebt' u. s. w. mit den Briefen aus der Schweiz Nr. 4 (vgl. Hempel 16, 226 und Werther Der junge Goethe 3, 291) reden eine zu deutliche Sprache. Auch in der Art, wie auf den emphatischen Erguss Fausts: "Vom Eise befreit sind Strom und Bäche' u. s. w. die ernüchternden Worte Wagners folgen und die Scene damit endet ohne irgend welchen Versuch der Ausgleichung des Contrastes, auch darin scheint die künstlerische Eigenart des jungen Goethe sich auszusprechen. Schmidt selbst hebt S. XXVIII ff. diese Eigenthümlichkeit der jugendlichen Dichtweise Goethes hervor. Dazu kommt, dass auf das Gedicht Der Schäfer putzte sich zum Tanz im Wilhelm Meister Bezug genommen wird (2. Buch 11. Kapitel) zu einer Zeit, als Goethe (vgl. Brief an Schiller vom 2. Dezember 1794 und 14. August 1795) am Faust zu produciren wenig geneigt war, so dass auch für dieses Lied eine frühere Existenz vorausgesetzt werden darf. Eine wic frühe, lässt sich freilich kaum mehr entscheiden.

Es sei bemerkt, dass die Möglichkeit des Vorhandenseins von Bruchstücken der Scene •Vor dem Thor' vor dem Jahre 1776 jetzt nicht mehr bestritten werden kann, nachdem aus dem Urfaust erhellt, dass schon in dem alten Plane des Gedichts die Enthüllung des Teufels aus einer Hundsgestalt beabsichtigt war: vgl. Urfaust S. 80 Z. 14 Hund! abscheuliches Unthier! Wandle ihn du unendlicher Geist, wandle den Wurm wieder in die Hundsgestalt, in: der er sich nächtlicher Weile offt gefiel vor mir herzutrotten, dem harmlosen Wandrer vor die Füsse zu kollern' u. s. W. Auch der Einwand, den man erheben könnte, dass es auffällig sei, dass das Fragment so gar nichts von diesen Bruchstücken enthalte, während von der Vertragsscene doch ein Theil Aufnahme fand, auch dieser Einwand zerfällt in sich, wenn wir sehen, dass schon der Urfaust den Monolog Valentins enthält, das Fragment von 1790 aber nichts davon bringt.

Ob diese Momente ausreichen, die betreffenden Stücke der Frankfurter Zeit zuzuweisen, das soll hier nicht entschieden werden. Uns kam es vor allem darauf an, angesichts des Urfaust das Problem noch einmal zu stellen, um die Meinung nicht aufkommen zu lassen, als sei es durch seine Auffindung erledigt.

Berlin, 21. September 1888. Otto Pniower.

Körnerfunde.

Seit dem Bestehen des Körnermuseums in Dresden werden die Autographen Theodor Körners im Privatbesitze immer seltener, denn das Museum zieht nach und nach alle an sich. Kürzlich gelang es mir, bei Frau Charlotte verw. Schmid, geb. Kuffs, Schwiegertochter des Empfängers des zu erwähnenden Autographs in Erfurt, auf ein Stammbuchblatt des Dichters für seinen Studienfreund und Stubenburschen in Freiberg, Carl Schmid zu kommen '), welches wegen seines Postscriptums ein grösseres Interesse, als solche Aufzeichnungen sonst zu haben pflegen, beansprucht. Weiteren Körnerautographen bin ich gleichzeitig auf die Spur gelangt: Frau Caroline Wietzer in Meisdorf am Harze, die Tochter des genannten Schmid, welcher Hüttenmeister auf den Mansfelder Hütten war und zu Leimbach im Jahre 1845 verstorben ist, besitzt noch acht Briefe Körners, sowie einige Bogen Gedichte. Die Abschrift eines der angeführten Briefe habe ich schon seit längerer Zeit in der Hand durch die Güte meines Freundes, des Bürgermeisters Johannes Müller in Kolditz, welcher dieselbe von dem 1886 als Bahnhofsinspector zu Grossbothen bei Leisnig verstorbenen Schmid, einem Sohne des Adressaten, erhalten hat. Ich theile dieselbe, nachdem ich sie mit dem Originale verglichen habe, hier ebenfalls mit.

1. Das Stammbuchblatt. Dasselbe lautet – die an Schiller anklingenden Worte sind gesperrt gedruckt also:

Wer Gott vertraut, und seiner Fäuste Kraft,
Ruft muthig sein Jahrhundert in die Schranken!

Bis in den Todt

Dein Theodor Körner

XXXX.

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1) Die genannte Frau besitzt auch einen kleinen grünlichen Zettel, auf welchen von Körners Hand

die Worte stehen: 'Lieber Schmidt. Borg mir doch auf ein paar Stunden Deine Kanonen. Dein Theodor Körner.'

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