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keit des Publicums auf das deutsche Alterthum. Denn Schütze beleuchtete in ihnen auf seine Weise die verschiedensten ausschliesslich guten Charaktereigenschaften seiner "Vorfahren’. Ihrer Religion widmete er 1750 ein besonderes Werk: ‘Der Lehrbegriff der alten Deutschen und Nordischen Völker von dem Zustande der Seele nach dem Tode überhaupt und von dem Himmel und der Hölle insbesondere', gewissermassen eine Erneuerung von Bartholins oben erwähnter Schrift. Schütze gab hierin in seiner Art eine erschöpfende Darstellung der altnordischen Mythologie mit weitläufigen Citaten und theilte am Schluss den Abschnitt über die Götterdämmerung aus der Völuspa lateinisch und deutsch mit.26)

Einen stärkeren Gegensatz, als den zwischen Schütze und dem andern namhaften zeitgenössischen Darsteller altnordischen Wesens, Mallet, kann es kaum geben. Dort der beschränkte, phantasielose, aber vielbelesene und von aufrichtiger Wärme für seine vermeinten Vorfahren erfüllte Polterer, hier der kosmopolitische, geistreiche, stilgewandte, aber nirgends in die Tiefe steigende Franzose. Mallet lebte von 1753 -- 1761 als Professor in Kopenhagen. 1755 liess er seine Introduction à l'histoire de Danemarc erscheinen, der im folgenden Jahre Monumens de la Mythologie et de la Poësie des Celtes et particulièrement des anciens Scandinaves als selbständiger Anhang folgten. Beide Schriften bildeten die Einleitung von Mallets grossem dänischen Geschichtswerk, welches gleich bei seinem Erscheinen einen ungeheueren Beifall in der ganzen gebildeten Welt fand. In zwanzig Jahren erlebte es drei Auflagen, 1765—66 erschien eine deutsche Übersetzung mit einer Vorrede von Schütze, 1770 eine englische Übersetzung von Percy. Zweifellos haben die Introduction und die Monumens Mallets dazu beigetragen, die Augen der Gebildeten auf das nordische Alterthum zu lenken; denn hier war zum ersten Male allen die Gelegenheit geboten, sich aus einer klaren, durchsichtigen und geistvollen Darstellung über die Hauptpunkte der altnordischen Cultur, Mythologie und Dichtung

26) Am Schluss der Collect. verweist Gerstenberg hierauf.

zu unterrichten.27) Andrerseits aber hat die Vorrede von Mallets Monumens viel Unheil angerichtet. Waren schon vorher die Völkernamen Alt-Europas in den Köpfen der damals lebenden Menschen wie Schneeflocken bunt durcheinander gewirbelt, so konnte man hier es als eine wissenschaftlich erwiesene Thatsache erfahren, dass die Mythologie der Edda die Glaubensform sämmtlicher Nordeuropäer, der 'Celten', gewesen sei.28) Altcimbrisch, caledonisch, altnordisch, angelsächsisch, alles galt von nun an für identisch und, in Deutschland wenigstens, für altdeutsch. Die altnordischen Denkmäler, welche Mallet der Übertragung in das Französiche für werth hielt, waren aus der jüngeren Edda Gylfaginning dies der Haupttheil der Sammlung —, aus Bragaroedur die Erzählung vom Raube der Äpfel Idunens und die vom Ursprung der Dichtkunst, sodann aus den Kenningar einige Bezeichnungen der Götter. Von der älteren Edda gab Mallet die Einleitungsverse der Völuspa, einzelne Sprüche aus den Havamal und eine Probe aus Odins Runenlied. Am Schluss des Buches stand ein Abschnitt odes et autres poesies anciennes', worin das Regner Lodbroglied 29), der Gesang Harald des Siegreichen 30), der

27) Noch heute erfreuen sich die im Englischen mehrmals aufgelegten Monumens Mallets in Amerika solchen Ansehens, dass der geistvolle Ralph Waldo Emerson sie in seinem Essai 'Bücher' als geeignete Lektüre für den empfiehlt, der sich über altnordisches Alterthum unterrichten will. Emersons "Gesellschaft und Einsamkeit' S. 249 der Übersetzung.

28) Mallet, avant-propos S. 6: C'est cette Religion Celtique que les Européens peuvent appeller avec fondement la Religion de leurs pères. Dazu folgende Anmerkung: Que les Savans appellent cette Religion, en France Gauloise, en Angleterre Britanique, en Allemagne Germanique etc., il importe peu. On avoue aujourd'hui partout, qu'elle étoit la même dans tous ces pays u. s. w.

Dass 'Celten' zum Collectivnamen erkoren wurde, zeigt französisches Selbstgefühl.

29) Aus Worms Litteratura Runica.

30) Aus der Knytlinga Saga, welche gegen 1750 (vgl. Moebius Catalogus s. v.) von Gramm herausgegeben wurde. Mallet konnte die Kenntniss des Liedes auch aus Bartholin S. 54 schöpfen, wie es Percy 1763 in seinen Five Pieces of Runic Poetry that. Klopstock spielt auf diese Sage in der Ode Braga und in einem Briefe an Denis an.

Nicht richtig also ist es, wenn Muncker, Klopstock S. 378,

Preis des Haquin 31) und die Geschichte der schwedischen Könige Karl und Grym und Hialmars, Harecs Sohn, mitgetheilt wurden.32)

Man ist gewöhnlich der Meinung, dass Gerstenberg und Klopstock ihre Kenntnisse von nordischer Mythologie und Dichtung wesentlich aus Mallet geschöpft haben.33) Angeregt von Mallet sind sie gewiss wie die meisten ihrer Zeitgenossen; mehr aber kann man nicht sagen. Von Gerstenberg lässt sich freilich nicht einmal dies nachweisen.34) Sicher ist es, dass ein grosser Theil der Namen, die bei Gerstenberg und bei Klopstock vorkommen, entweder gänzlich in den Denkmälern' fehlen oder nur in entstellter Form zu lesen sind.35) Mallet hat absichtlich, um das Verständniss des Textes zu erleichtern, manche Namen ganz fortgelassen, andere wie z. B. den Urdsbrunnen der Edda mit la sainte fontaine du temps passé ins Französische übersetzt. Auch sonst ist er mit den altnordischen Denkmälern arg umgegangen: er hat sie willkürlich gekürzt, zusammengezogen und anderweitig verstümmelt.36) Schon die Zeit

sagt, Klopstock hätte die Kenntniss des Harald-Liedes nicht aus Mallet, sondern wohl aus Percy geschöpft, weil Mallet, Introduction S. 128 über die Sage kurz hinfortgehe.

31) Aus Snorris Chronik.

32) Mallet entnahm sie Biörners Nordiska Kämpa Dater, Stockholm 1737. Sie stand auch in den Kiämpe Viser.

33) Muncker, Klopstock S. 378 schlägt einen Mittelweg ein. Er lässt den Dichter des Messias “anfangs ausschliesslich' aus Mallet schöpfen, dann aber auf die Originale selbst zurückgehen. Wenn jemand Klopstock von der Benutzung Mallets abbringen konnte, so war es Gerstenberg.

34) Uns fehlen nähere Nachrichten über die Jahre Gerstenbergs, in die muthmasslich (1759 - 60 ?) sein Studium des Altnordischen fällt. Auch der Nachlass des Dichters bietet, wie Redlich dem Verfasser brieflich mittheilte, darüber keinen Aufschluss.

35) Diejenigen Namen oder Namensformen, die Muncker a. a. 0. aus Klopstock anführt (Hlyn für die Malletsche Lyna, Einherium statt des altnordischen einherjar und Glasur oder Glasor), finden sich bereits in Gerstenbergs Gedicht eines Skalden.

36) Vgl. z. B. das was Mallet S. 151 von seiner Wiedergabe des Lodbrogliedes sagt: Des vingt et neuf Strophes dont elle est composée, j'ai cru que les suivantes étoient les seules que le plus grand nombre de mes lecteurs verroit avec quelque plaisir. Je n'ai point

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genossen nahmen hieran Anstoss. Und vorzüglich ist es Gerstenberg, der in den Collectaneen zu seinem Skaldengedicht nur Worte des Tadels für diese Art der Zurechtstutzung hatte.37) Er hatte ein gutes Recht dazu, da er seine Kunde von altnordischer Mythologie bereits in seinem Skaldengedicht durchaus an den Quellen selbst schöpfte, wie wir unten im einzelnen sehen werden. Ebenso wie Gerstenberg urtheilte Klopstock, der in seinem Briefe an Denis (8. Oktober 1767) sagte: "Wenn Sie nur Mallets Edda kennen, so kennen Sie die Edda nicht genug’. 38) Scharf musste auch Herder dies Verfahren verurtheilen: in seinen Blättern von Deutscher Art und Kunst bemerkte er zu zwei aus Bartholin geschöpften Oden: óvon Mallet arg verstümmelt', 39

Wie man aber auch vom philologischen Standpunkt über Mallets Wiedergabe urtheilen mag, es bleibt unleugbar, dass Mallet, gerade indem er “la forme peu attrayante' der früheren Ausgaben mied, seine altnordischen Litteratur

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même toujours traduit les Strophes entières, et de deux je n'en ai souvent fait qu'une pour leur épargner des endroits obscurs et peu intéressans.

37) Litt.-Briefe 1, 415: "König Regner Lodbrog (er sey nun der bekannte König dieses Namens, oder ein Abenteurer, wie Mallet nach Vermuthungen, denen ich in der Geschichte den Zugang verschlossen wünschte, annimmt) war ein grosser Skalde. Ausser der schönen Saga, die uns Worm von ihm geliefert hat, und von der Sie eine verstümmelte und untreue Übersetzung in den Monumens Celtiques eben dieses Herrn Mallet finden' u. s. w. S. 420 ist von der ‘verkürzten Edda' des Herrn Mallet die Rede. S. 422 'Sigtuna ....... bedeutet der Hof des Sigge Diese Bedeutung würde man vergebens in der Edda des Herrn Mallet suchen: Le texte, sagt er in einer Anmerkung p. 45, rapporte un grand nombre de ces noms que j'ai supprimés par égard pour les oreilles qui ne sont pas accoutumées aux sons Gothiques. Wie sehr wäre es zu wünschen, dass er nur halb so viel égard für die Wissbegierde seiner besten Leser gehabt hätte, als er für die Ohren einiger Kostbaren bezeigt, die vielleicht zu etwas noch weit schlechtern gewöhnt sind, als zu den sons Gothiques.' Aus den angeführten Worten sieht man, dass Gerstenberg den französischen Mallet las. Die Benutzung des deutschen Mallet im Skalden ist übrigens schon aus chronologischen Gründen unmöglich.

38) Lappenberg, Briefe von und an Klopstock Nr. 89 S. 172.
39) Von Deutscher Art und Kunst S. 32. 36 = Volkslieder 2, 197.210.

denkmale dem weiteren Kreise seiner Zeitgenossen mundgerecht machte. Von Mallet angeregt und in derselben Weise verfahrend, machte sich Percy 1761 daran, seinen Landsleuten in ihrer Sprache einige Proben hervorragender altnordischer Dichtungen zu geben. Von den fünf Stücken, die Percy in seinen Five Pieces of Runic Poetry, London 1763, herausgab, hatte Mallet bereits drei veröffentlicht (the Dying Ode of Regner Lodbrog, the Complaint of Harold und the Funeral Song of Hacon), es kamen bei ihm hinzu the Incantation of Hewor und the Ransome of Egill the Scald. Das sind die letzten Veröffentlichungen vor Gerstenbergs Dichtung.

2. Gerstenbergs Gedicht eines Skalden erschien 1766. Man weiss jetzt sicher, dass Klopstock erst durch diese Dichtung seines Freundes angeregt wurde, die Mythologie seiner Vorfahren' anzunehmen. 40) Wie ist Gerstenberg selbst dazu gekommen? Ist sein Skaldengedicht wirklich ein originaler Wurf? Hat sich der Dichter, wie er selbst sagt, nur durch einen blossen Zufall des Augenblicks' veranlasst 41), der altnordischen Mythologie bedient? An Gelegenheit, die altnordische Dichtung kennen zu lernen, fehlte es Gerstenberg ja nicht. Geboren 1737 zu Tondern 42), aus

*9) Klopstock an Gerstenberg 14. November 1771: 'Einige von unsern Kopenhagner Freunden, oder vielmehr alle, die sich darum hatten bekümmern wollen, wussten, dass ich die Mythologie unserer Vorfahren erst angenommen hatte, seitdem Sie es im Skalden gethan hatten'. Der Brief erst von Muncker 1880 publicirt (Lessings persönliches und litterarisches Verhältniss zu Klopstock, Anhang III, Nr.12 S. 224) macht allen Zweifeln darüber, wer zuerst die altnordische Mythologie in unsere Dichtung eingeführt hat, ein Ende. Die Zeitgenossen hielten im allgemeinen Klopstock für den Urheber, vgl. Jördens Lexikon Deutscher Dichter und Prosaisten 2, 103 ff. und Knothe, Karl Friedrich Kretschmann, der Barde Rhingulph, Zittau 1858, S. 10 f.

41) Gerstenberg in einem Briefe, welcher im Auszuge bei Jördens 6, 174 f. mitgetheilt wird.

42) Für Gerstenbergs Leben sei auf die von Redlich verfasste Lebensbeschreibung des Dichters in der Allgemeinen Deutschen Biographie verwiesen. Redlich stützt sich vorzugsweise auf den in Jördens Lexikon stehenden Lebenslauf, den Schmidt von Lübeck verfasst, und den der Dichter selbst mit Zusätzen versehen hat.

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