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Mit diesen Untersuchungen sind Gerstenbergs Kenntnisse des Altnordischen, welche im Gedicht eines Skalden verwerthet sind, auf ihre Quellen zurückgeführt. Es erhellt, wie er sie verstand und missverstand, auch dass er in Stoff und Kostüm Fremdes, altes und neues, mit dem Altnordischen mischte. Bei seinen Nachfolgern im wiederbelebten Bardenthum ward die Grundlage des Echten noch unsicherer, die Neubildung noch willkürlicher. Nicht als Sprach- und Litteraturforscher, ja ohne den Willen, es zu sein, suchten Gerstenberg und die Barden die untergegangene Welt auf; als Dichter betraten sie das Gebiet, ohne sich ihrer modernen Anschauungen zu entäussern, nur um der Poesie ihrer Tage einen nationalen wie sie fälschlich meinten Gehalt, ein nationales Gewand zu leihen. Bonn (Bremen).

Werner Pfau.

Carlyle und Schiller.

Es war ein folgenschwerer Entschluss, als Carlyle am Ende des Jahres 1818 den theologischen Beruf, dem er bisher angehört, und mit ihm eine sichere Versorgung aufgab und von neuem die Universität Edinburg bezog.

Nun begann die schlimmste Zeit in seinem Leben, an die er in späteren Jahren immer nur mit Grauen zurückgedacht hat. Von seinem Vater, der auf seiner elenden Farm seine acht jüngeren Geschwister zu unterhalten hatte, konnte er keine Unterstützung erwarten, und das geringe Geld, das er sich in seinen schwach besoldeten Lehrerstellungen gespart hatte, konnte nicht weit reichen. Er fristete daher ein kümmerliches Dasein von Privatunterricht in der Mathematik und von schlecht bezahlter, handwerksmässiger Schriftstellerei.

Charakteristisch für Carlyle ist es nun, dass ihm seine traurigen materiellen Verhältnisse weit weniger Sorgen machten als die Zukunft seines inneren Menschen. Die einfache Religion seiner Eltern, in der er noch in seinen Jünglingsjahren Befriedigung gefunden, die er sich vorgesetzt hatte selbst zu predigen, hatte vor seinem Denken nicht bestehen können. Mit dem Zweifel an der Echtheit der biblischen Urkunden, in denen er göttliche Eingebungen nicht zu sehen vermochte, schien ihm die ganze darauf gegründete Lehre zweifelhaft. Wenn aber die Unsterblichkeit, ein Jenseits nicht verbürgt war, was war dann das elende Diesseits? – Nicht eine Prüfungs- und Läuterungszeit, die mit Ergebung und heiligem Ernste durchgemacht werden musste, sondern eine Hölle, aus der man Aiehen sollte, je eher je besser. Wie war es möglich, an eine göttliche Bestimmung des Menschen zu glauben, wenn es nur dieses Leben für ihn gab? Wo war die göttliche Hand, irgend etwas Göttliches zu erkennen in diesem Leben, in dem vielmehr eine teuflische Macht zu herrschen schien? An der Seite dieser Zweifel stand die furchtbare Thatsache, dass es für sein tiefes Gemüth, seinen hochfliegenden Idealismus, sein leidenschaftliches Wahrheitsstreben keine Möglichkeit gab, in einer entgeisterten, entgötterten Welt zu leben. Geister wie der seinige können nicht gedankenlos hinvegetiren; Charaktere wie er können nicht pactiren; sie müssen die Consequenzen dessen, was sie als wahr erfunden, unerbittlich ziehen; sie können nicht in Widersprüchen leben und ohne den Glauben, den ihr Verstand zerstört hat, die Thaten des Glaubens verrichten. Den Unsinn der materialistischen Lebensanschauung hatte er auf den ersten Blick durchschaut: wenn irdisches Glück, die Befriedigung der Sinne, eines noch so verfeinerten Eg das Ziel dieses Lebens sein soll, sagte er, dann muss die ganze Menschheit mit Ausnahme weniger zu den Todten hinabsteigen. Die Erhebung, welche die mechanische Weltanschauung ihm zu bieten hatte – die Ehre, , der Stolz, ein infinitesimales Theilchen der sinnreichen

, Maschinerie des Universums zu sein, das freilich eine zufällige Wirkung des Causalitäts-Gesetzes jeden Augenblick ausser Gebrauch setzen kann konnte für ihn keine sein. Das Leben schien ihm zweck- und sinnlos. So stand er, wie Faust, nachdem er die Wahrheit, die innere Befriedigung auf allen Wissensgebieten vergeblich gesucht hatte, vor dem letzten Schritte, von welchem ihn eine Zeit lang nur der Gedanke an seine Lieben, das Bewusstsein des Schmerzes, den er ihnen zufügen würde, zurückhielt.

Im Sartor Resartus schildert er seinen Zustand selbst in der Person eines deutschen Professors.) "Das speculative Lebensmysterium wurde immer geheimnissvoller für mich; und auch im praktischen Mysterium hatte ich nicht die geringsten Fortschritte gemacht, sondern war überall gestossen, niedergestreckt und verächtlich hinausgeworfen worden. Eine schwächliche Einheit mitten in einer drohenden Unendlichkeit, schien mir nichts verliehen zu sein als Augen, um mein eignes Elend zu erkennen. Unsichtbare, aber undurchdringliche Mauern schlossen mich wie durch Zauber von allen lebenden Wesen ab: gab es in der weiten Welt eine treue Brust, die ich vertrauensvoll an die meinige drücken konnte?

In den volkreichen Gassen, im Menschengewühl schritt ich einsam dahin, und (abgesehen davon, dass es mein eigenes und keines anderen Herz war, das ich zerfleischte) wild wie der Tiger in seinem Busch. ...

.. Für mich war das Weltall des Lebens, Zweckes, Wollens und selbst der Feindseligkeit bar: es war eine ungeheure, todte, unermessliche Dampf - Maschine, weiter schnurrend in ihrer todten Gleichgültigkeit, mir ein Glied nach dem andern zermalmend. O du gewaltiges, finsteres, einsames Golgatha, du Todesmühle! Warum war der Lebendige hierher verbannt ohne Gefährten und mit Bewusstsein? Warum wenn es keinen Teufel gibt? Warum wenn nicht etwa der Teufel dein Gott ist?'

Vergeblich hatte sich Carlyle in der ersten Zeit seiner religiösen Zweifel an die stoische Lehre um Rath und Hilfe gewandt – der Name Epiktet kehrt öfters in Verbindung mit griechischen Citaten in den Early Letters wieder —: sie konnte ihm nicht genügen. In den ersten Tagen seines

4) Sartor Resartus. The Life and Opinions of Herr Teufels dröckh London. Chapman and Hall. 0. D. (Volksausgabe, 8Ostes Tausend.) - Book II Ch. VII P. 33 ff. Geschrieben wurde dieser theilweise autobiographische Roman 1830, 31 in Craigenputtock; gedruckt aber erst 1834 in Fraser's Magazine.

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Edinburger Aufenthalts hatte er bereits mit ihr abgeschlossen.

Nur noch vor kurzem', schreibt er am 8. Januar 1819 an seinen Freund James Johnstone 2), glaubte ich, meine ganze Pflicht bestände im Denken und Streben. Jetzt sehe ich, dass ich nicht nur leiden, sondern handeln soll. Mit der Menschheit verbunden durch Sympathien und Bedürfnisse, welche die Erfahrung niemals auf hört zu enthüllen, fange ich jetzt an zu merken, dass es unmöglich ist, das einsame Glück des Stoikers zu erreichen - und schädlich, wenn es möglich wäre. Wie weit die Lebensanschauung Epiktets zu ändern ist, ist nicht leicht zu entscheiden; dass sie mangelhaft ist, scheint ziemlich klar. Ich gebe dieses starre Dogma auf mit einem Bedauern, das fast zur Reue anwächst; und ich empfinde es als ein Verlangen mehr noch denn als eine Pflicht - in den thätigen Strom zu tauchen, der an mir vorbeifliesst.

Das kritische Denken hatte Carlyles positive christliche Überzeugung zerstört. Vergeblich suchte er das Verlorene in der heidnischen Philosophie wiederzugewinnen; auch die englische und französische Litteratur gab ihm auf seine Fragen keine Auskunft. Er fand endlich eine

neue,

ihn beglückende Lebensanschauung in den deutschen Dichtern und Denkern. Sein Retter in der äussersten Noth war Schiller. Bevor wir jedoch die Einflüsse der Schillerschen Lebensanschauung auf Carlyles Entwickelung verfolgen, müssen wir einen Blick auf die litterarischen Arbeiten werfen, zu denen er von seinen Schiller-Studien angeregt wurde.

Als Carlyle begann, seinen Landsleuten die Bedeutung der deutschen Litteratur auseinanderzusetzen, hatte er mit einem weitverbreiteten Vorurtheil zu kämpfen, das, wie gewöhnlich, auf sachlicher Unkenntniss beruhte. Niemand konnte Deutsch und hielt es der Mühe werth, unsere Sprache zu lernen. Was man unter Gebildeten von unserer Litteratur und speciell von ihrer klassischen Blüthe wusste,

2) Early Letters of Th. Carlyle. Ed. by Ch. Eliot Norton (London Macmillan and Co., and New York 1886) 1, 206.

bezog sich im wesentlichen auf einige zu europäischer Berühmtheit gelangte Bücher, wie Die Räuber, Götz von Berlichingen (in Scotts Übersetzung), Werther, Faust u. a., und basirte auf Urtheilen von Litteratoren, die mit einer sehr geringen Kenntniss unserer Sprache das oberflächlichste Studium verbunden hatten. Und wenn auch eine Zeitschrift, die Monthly Review, eine rühmliche Ausnahme machte sowohl hinsichtlich des Umfanges der berücksichtigten Schriften als auch der relativen Besonnenheit ihrer Verdicte, so muss man doch fast alles, was am Ende des vorigen und in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts dort über unsere Litteratur geschrieben wurde, als einfachen Unsinn bezeichnen.3) Das allgemein verbreitete Vorurtheil schrieb der deutschen Litteratur im grossen und ganzen unsittliche und irreligiöse Tendenzen zu. Noch im Jahre 1816 hiess es in einer Kritik von Dichtung und Wahrheit in der Edinburgh Review: Wir können nicht umhin zu bemerken, dass die Principien und die Moralität der deutschen Schriftsteller im allgemeinen nicht besonders geeignet erscheinen, die Wohlfahrt der Gesellschaft zu befördern. Goethe konnte dem Einfluss der Nebel, welche ihn umgaben, nicht entgehen. Schiller allein hatte die Kraft, in einen reineren Himmel emporzuschweben’.4)

Sehr schroff lautete auch das Urtheil Irvings, des älteren Freundes Carlyles, der freilich, in einer sehr einseitigen religiösen Richtung befangen, der Poesie nur als Stütze der Moral und Religion ein Existenzrecht zugestehen konnte. "Ich gelange täglich mehr zu der Überzeugung', schreibt er an Carlyle (24. Juli 1821)5), dass in der Gesammtheit derjenigen Litteratur von uns, die, wie man sagt, der deutschen Schule folgt, etwas äusserst Giftiges enthalten ist für alles, was man in diesem Lande Tugend ge

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3) Vgl. die haarsträubenden Urtheile, die Flügel in: Thomas Carlyles religiöse und sittliche Entwicklung und Weltanschauung (Leipzig, Fr. W. Grunow 1887) S. 205–208 und 276 zusammenstellt.

4) Edinburgh Review 26, 309 f. (bei Flügel S. 206).

5) Froude, Thomas Carlyle. A History of the First Forty Years of his Life 1795–1835. (New York, Charles Scribner's Sons, 1882) 1, 108 f. (Ch. VIII).

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