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handschen Theaterzettel vom 15. November 1752, wonach wirklich ‘auf hohes Begehren', wie es heisst, 'ein aus dem ersten Theile des Hrn. Professors Gottscheden genommenes und in fünf Aufzügen bestehendes Trauer-Spiel, in Versen, Betitult: Der für die Freiheit ROMS willigst sterbende CATO' aufgeführt wurde. "Den Beschluss machet ein Tantz und lustiges Nach-Spiel, genannt: Der doppelte Arlequin', heisst es weiter auf dem Zettel. Dieser Harlekin macht die Echtheit des Reibehandschen Gottschedianismus einigermassen verdächtig. Aber es scheint doch eine andere Kundgebung ihn zu stützen. Es erschien nämlich im Hamburgischen Correspondenten vom 24. August 1746, Nr. 134, folgendes Schreiben:

Hochgeehrter, Hochgelahrter, Insonders Hochgeehrtester Herr Correspondent ! Ich habe mit grossem Leidwesen aus Ew. Hochedl. Blättern ersehen, dass Dieselben jüngst ein vortrefliches theatralisches Stück, die allemanischen Brüder, sehr herumgenommen haben, gerade da ich es der galanten und Theaterliebenden Welt vorstellig machen wollte, und schon die Rollen unter die Acteurs ausgetheilt hatte. Als ein erfahrener Sächsischer Schauspieler muss ich doch wissen, was ein schönes Stück ist, oder nicht, zumal da ich die Regeln des Theaters seit kurzem von einem Comedianten erlernt, der vordem auch bey mir gewesen, und sie aus der Critischen Dichtkunst erlernt hat. Ich führe seit der Zeit kein Stück auf, das nicht die gehörigen fünf Acte hat; ich spiele die Banise in Versen von Wort zu Wort, wie sie in der deutschen Schaubühne steht, und habe zwey hochberühmte und geschickte tragische Poeten ersucht, mir mit ihren geschickten Arbeiten an die Hand zu gehen, und meine herrlichen Haupt- und Staatsactionen vor allen Dingen in Regeln zu bringen. Beyde haben sich dazu gütigst disponirt finden lassen. Der eine arbeitet schon an dem durchlauchtigsten Waldmanne oder dem Sohne seiner eigenen Thaten, weil diese Historie der galanten Welt fast ebenso geläufig, als die Banise ist, und der andere hat den Nepomuck vor sich genommen, weil in der prosaischen Elaboration schon so viel mal 0 und Ach steht, dass er nicht viel Affect mehr hinein zu bringen brauchet, und er dem 0 und Ach besonders geneigt ist. Jeder verspricht mir, binnen vier Wochen sein Stück zu liefern, und ich werde die Liebhaber theatralischer Vorstellungen sodann nicht länger darauf warten lassen. Nur zu regelmässiger Umarbeitung meiner galanten und extra feinen mit lustigen Einfällen und bonsmots durch und durch vermengten Burlesquen

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fehlt mir ein tüchtiger Kopf. Ich habe den Unerträglichen und die Poeten, zwei extra sehenswürdige Burlesquen oder Lustspiele gesehen, und wenn die Verfasser davon die Gütigkeit haben wollten, meinen Doktor Faust, meinen Harlekins Hochzeitsschmaus u. s. w. in Regeln zu bringen, so würde ich ihnen sehr viel Obligationen davor haben. Die ganze Arbeit könımt nur darauf an, dass die Stücke in fünf Acte abgetheilt werden, das Theater nicht verändert und nicht leer gelassen wird, die Historie nicht über einen Tag währt, und der Harlequin herausgebracht wird; doch möchte ich gerne so etwas ähnliches darinnen haben, wie es auch schon in obgemeldeten Comedien, und vornehmlich in den itzt so beliebten Pastoralen, oder Schäferspielen an den sogenannten satyrischen Schäfern zu finden ist. Da ich Ew. Hochedlen für disponirt halte, mir meinen Verdruss durch eine Gefälligkeit zu vergüten, so vermögen sie es doch bey Ihro Hochedelgebohren dem Herrn Herausgeber der deutschen Schaubühne dahin, dass er bey diesen geschickten und vortreflichen Acteurs ein gutes Wort für mich einlegt, die um so viel mehr sein Wort achten werden, da sie nach seinen Regeln elaborirt haben. Ich mache mich dafür anheischig, aus seiner Schaubühne alle OriginalStücke, nur die Stücke der Frau Professorin, und noch einige andre Stücke ausgenommen, als welche für die deutsche galante und Theater liebende Welt gar nicht sind, mit ehesten auf meinem Theater zu repräsentiren, wiewohl ich mich auch allenfalls noch zur Panthea entschliessen wollte, weil mir dieses Stück passable gefällt. Sie werden dadurch sehr obligiren Ew. Hochedlen,

unterthänigsten Diener,

Carl Friedrich Reibehand, berühmten Sächsischen Haupt- und

Staats-Actionenspieler. Hier haben wir dem Anscheine nach ein Seitenstück zu dem Briefe des bekannten Hanswurstspielers Franz Schuch, den Danzel in seinem Buche über Gottsched (S. 163 f.) mittheilt. Danzel bemerkt zu dessen an Gottsched gerichteten Schreiben: 'Es kann wohl keinen schlagendern Beweis geben, welche Herrschaft Gottsched ausübte, als dass selbst der Mann, bei welchem sich die Burlesken am längsten erhielten, und den Lessing noch zwölf Jahre später in Breslau in denselben bewunderte, um sich seiner Gunst zu versichern, ins Horn der Classicität stösst'. Danzel zeigt dann, dass es Schuch damals (1748) wirklich Ernst mit der Sache gewesen sei; er habe sogar Gottscheds zweites Trauerspiel ‘Die parisische Blut-Hochzeit (im 6. Theil der deutschen Schaubühne 1745) aufgeführt.

Obwohl nun gerade im Hinblick auf Schuchs Anwandlung es nicht undenkbar wäre, dass auch Reibehand zwei Jahre früher schon sich in Gottscheds Arme geworfen hätte, zumal wenn er wirklich 1746 Grimms Banise (im 4. Theil der deutschen Schaubühne) aufführen liess, wie er später den 'Sterbenden Cato' spielte, so bezweifle ich doch, dass das Reibehandsche Schreiben völlig ernst zu nehmen ist; ich vermuthe vielmehr, dass er nur mit oder ohne Wissen seinen berühmten Namen hergeben musste, um Gottsched und seine Jünger zu verhöhnen; die ganze Haltung des Schreibens, Form und Inhalt sind ironisch.

Das Schreiben knüpft an eine Recension des Correspondenten an; Benjamin Ephraim Krügers Trauerspiel Vitichab und Dankwart, die Allemannischen Brüder', das Gottsched zum Druck befördert hatte, war einige Wochen früher (in Nr. 113) sehr hart beurtheilt worden; der Dichter hatte hier eine derbe Züchtigung dafür erhalten, dass er sich unterstanden, die berühmte Frau Professorin Gottsched dabey gleichsam zu seiner Hebamme zu machen. Er habe dieser 'Hochedelgebohrnen Frauen, seiner hochgeschätzten Gönnerin', wie er sie nennt, sein Trauerspiel poetisch zugeeignet, und zugleich habe er auch eine Zuschrift in Prosa 'an eine leipzigische Magnifizenz drucken lassen, welche aber ihr Dasein unstreitig nur seiner Erfindung zu danken habe. Denn wie könne man es sich nur als wahrscheinlich vorstellen, dass in Leipzig ein Gelehrter, ja gar ein Magnificus wäre, der, wie das Ende der ungebundenen Zuschrift sage, die besondere Güte für Herrn Krüger gehabt, und den Druck eines solchen Geschmiers ausgewählt hätte. *Diese hermaphroditische Zuschrift, sagt der unbekannte Kriticus, ist so elend und so kurzweilig, als das Trauerspiel selbst ist. In jener findet man so kriechende und unverschämte Lobsprüche, als man nie von einem Schmeichler auch nicht einmal von einem Gratulanten, sondern nur von einem Schmarotzer hören wird. Er rühmt die Panthea der Frau Professorin sehr weitläuftig. Da doch das unbarmherzige Gericht, welches die Schweizer über dieselbe ergehen lassen, leider! bekannt ist. Er versichert, dass Danzig Ursache hätte, mit der Frau Professorin so gross zu thun, als Spanien mit seinem Seneca, Griechenland mit seinen Dichtern, Frankreich mit dem Corneille, Racine und Voltaire, und England mit dem Addison'. - Die Kritik

. schliesst (in Nr. 114) mit dem Wunsche: Möchten doch alle Druckerpressen in Leipzig alsdann allemal lahm sein, wenn man das Papier und unser Vaterland mit der Herausgabe solcher Trauerspiele, als die allemannischen Brüder, die pariesische Bluthochzeit, die asiatische Banise und noch viele andere sind, besudeln will. Für die Verfasser dieser Recension hielt der betroffene Krüger, wie aus der Anzeige seiner Gegenschrift in Nr. 180 des Hamburgischen Correspondenten von 1746 hervorgeht, Kästner und Mylius.

In dem Schreiben des "crfahrenen' und 'berühmten Sächsischen Haupt- und Staatsactionenspielers' nun, das wie gesagt an diese Kritik anknüpft, werden der ·Unerträgliche' und die 'Poeten als 'extrasehenswürdige Lustspiele' bezeichnet. "Der Unerträgliche', Hamburg 1746 erschienen, hat aber Christlob Mylius zum Verfasser. Lessing hat bekanntlich in der Vorrede zu seiner Sammlung der Vermischten Schriften seines Freundes eröffnet: "Es sollte eine persönliche Satyre sein, muss ich Ihnen im Vertrauen sagen. Allein es gelang ihm mit dem Individuo ebenso schlecht, als dort [in den “Ärzten') mit der Gattung. Denn mit wenigem alles zu sagen, er schilderte seinen Unerträglichen, ich weiss nicht, ob so glücklich oder so unglücklich, dass sein ganzes Stück darüber unerträglich ward'. Gegen wen sich diese 'persönliche Satyre richtete, verrieth Lessing nicht; vielleicht stand sie zu der hier berührten Angelegenheit in Beziehung.

Auch 'Die Poeten können dem Titel nach eine persönliche Satyre sein und werden es wegen der Zusammenstellung mit dem ‘Unerträglichen sein. Dürfen wir dabei an Chr. F. Weisses Poeten nach der Mode' denken? Das satyrische Stück soll erst 1751 entstanden sein; allerdings vermuthe ich seine Entstehung vor Klopstocks Auftreten, obwohl Weisse in der Selbstbiographie (S. 25) sagt, er habe neben den Gottschedianern und den elenden Nachahmern

Bodmers auch die Klopstocks treffen wollen. Gerade um das Jahr 1750 aber war Weisse besser mit Gottsched befreundet, als er in der Autobiographie eingesteht, und so könnte sein Lustspiel in die erste Leipziger Zeit fallen.

Wie dem auch sei, ob das 1746 erschienene Lustspiel ‘Die Poeten einen Zusammenhang mit Weisses “Poeten nach der Mode' hat oder nicht - was ich nicht nachprüfen kann –, jedenfalls weist die Anpreisung des Unerträglichen? im Reibehandschen Schreiben auf denselben Kreis 'loser Freunde in Leipzig', welchem Krüger die Verfasserschaft der gegen ihn gerichteten Recension zuschrieb. Daran schliesst sich die Folgerung, dass dieselben, welche Krüger das Dichten für alle Zeit verleideten, auch den Namen Reibehands missbrauchten, um Gottsched zu verspotten. Auf diesen fällt ironisches Lob, auf Frau Adelgunde ironischer Tadel: die Anerkennung der Gottschedin durch Mylius hat etwas Wahrscheinliches. Treffen diese Vermuthungen das Richtige, so war Kästner kaum so unschuldig an der Sache, wie ihn der Hamburgische Correspondent in der Besprechung der Krügerschen Schrift "Nöthige Ablehnung des Scherzes über die Allemannischen Brüder, welchen ein paar lose Freunde aus Leipzig in den Hamburgischen Correspondenten einrücken lassen? (Wittenberg 1746) hinstellt. Allerdings hat Kästner auch selbst seine Betheiligung geleugnet. Zu einem Epigramm An den Verfasser der allemanischen Brüder:

Du schimpfst auf mich, weil mein verwegnes Lachen
Dich und dein schönes Werk entehrt.
Wann hätt' ich das gethan? Ich hielt ja deine Sachen

Nie meiner Zeit zum Sehn nd Lesen werth. machte er die Anmerkung: 'Eine scharfe Beurtheilung dieses Stücks ward in eine auswärtige Zeitung eingerückt. Krüger hielt irrig mich für den Verfasser, und handelte nach dem irrenden Gewissen eines beleidigten elenden Schriftstellers.'3)

Noch bei einem Punkte möchte ich Halt machen. Die losen Freunde lassen Reibehand von seinem Doctor Faust sprechen. In der That hat Reibehand diesen aufführen lassen, und zwar wie ein Blick auf den von v. Reden

3) A. G. Kästners Ges. poet. u. pros. schönwissenschaftliche Werke, Berlin 1841, 1, 17.

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