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ist der Grund der auffälligen Verworrenheit der Briefe Kleists in jener Zeit.

In Wielands Haus lebten damals drei Töchter, die verwittwete Caroline Schorcht mit ihren zwei Kindern Amalie und Wilhelmine; die zum zweitenmal vermählte Amalie Erler; und Luise, geboren den 3. Mai 1789. Sie, die noch nicht vierzehnjährige, war physisch entwickelt und konnte nach ihrer eigenen Meinung vielleicht in ihrem Äusseren einiges Interesse erregen; schön zu sein, lehnt sie ab; ein erhaltenes Bild spricht Geist und Sicherheit aus. Eine Nachkommin, die schriftliche und mündliche Überlieferung aus jener Zeit mit echtem Wielandischen Familiensinn bewahrt, zeigte mir einen Brief Luisens an ihre Schwester Lotte Gessner, vom 19. April 1811 datirt, worin Luise ein schlichtes Bekenntniss ihrer Liebe zu Kleist ablegt. Von dem Augenblicke, da der Bruder den Freund ins Haus brachte, liebte sie ihn und glaubte sich wieder geliebt. Auch als sie ihre Täuschung erkannte und Kleist auf ihren Wunsch Ossmannstedt verliess, war ihre Neigung nicht erloschen, lange Jahre zitterte sie nach. Wie sie nach neun Jahren sein Betragen auffasst, zeigt diese Briefstelle: Wenn er auch nicht zu den ganz edlen Menschen gehört, die ja ohnehin eine Ausnahme machen, so ist sein Caracter doch gut; und er würde sich dieses Leichtsinns gegen mich nicht schuldig gemacht haben, wenn er weniger adeliches Blut (oder vielmehr unadeliches) in seinen Adern hätte'. Nun verstehen wir Kleists Andeutungen; er hat 'mehr Liebe gefunden als recht war'; er hatte das Bewusstsein, ausweichen zu sollen; trotzdem ging er der Liebenden entgegen, fühlte sich durch ihre Liebe allem Erdenglücke nahe; aber er musste fort auf ihren Wunsch, und wohl auch, weil es über dies Verhältniss zwischen ihm und Ludwig 'manchen unangenehmen Wortwechsel' gegeben hat. Zu einem Bruche mit der Familie kam es nicht, sonst wäre er nicht zum Feste an Luisens Geburtstag eingeladen worden. Wieland dachte auf die Dauer gut von Kleist. Einen neuen Beleg zu den bekannten gab mir Carl Schüddekopf an die Hand in der Copie eines im British Museum (Hs. Egerton 2407 f. 51) aufbewahrten Briefes Wielands an den Verleger Göschen: Vierteljahrschrift für Litteraturgeschichte II

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Weimar. Den 24ten Februar 1803. Theurester Freund, Der Überbringer dieses Blats, ein Herr von Kleist, aus der Familie des berühmten und unsterblichen Dichters dieses Nahmens, wünscht durch Vermittlung eines gemeinschaftlichen Freundes, Ihre Bekanntschaft zu machen. Er gedenkt sich einige Zeit in Leipzig aufzuhalten und bedarf zu diesem Ende eines dasigen · Freundes, der ihm wegen einer Wohnung und der übrigen Bedürfnisse dieser Art mit guthem Rath diene, und hat mich daher, da er ohne alle Bekanntschaft in Leipzig ist, um ein Paar Zeilen an Sie gebeten. Hr. v. Kleist ist mit meinem ältesten Sohn in der Schweitz bekannt worden; in verwichnem Herbst war mein Sohn auf der Rückreise sein Gefährte bis Jena. Nach einem kurzen Aufenthalt daselbst kam Hr. v. Kleist nach Weimar; ich lernte ihn näher kennen, fand an ihm einen jungen Mann von seltnem Genie, von Kenntnissen und von schätzbarem Karakter, gewann ihn lieb und liess mich daher leicht bewegen, ihm, da er mir einige Zeit näher zu seyn wünschte, ein Zimmer in meinem Hause zu Ossmannstedt einzuräumen. So ist er dann seit der 2ten Woche dieses Jahrs sechs Wochen lang mein Hausgenosse und Commensal gewesen, und ich habe mich nicht anders als ungern und mit Schmerz wieder von ihm getrennt. Ich kann ihn also Ihrem Wohlwollen um so gelroster empfehlen, da ich versichert bin dass er Ihnen in keinerley Rücksicht lästig fallen wird. Ich zweifle keinen Augenblick, Er wird Sie und Sie werden Ihn eben sobald lieb gewinnen als dies der Fall zwischen Ihm und mir war. Den besondern Zweck, wesswegen er einige Zeit in Leipzig zu leben wünscht, wird er Ihnen vermuthlich selbst eröfnen.

In acht Wochen, lieber Göschen, bin ich wieder ein Weimaraner, und als solchen werden Sie, hoffe ich, nicht weniger lieben als bisher Ihren ergebensten und verbundensten Freund

Wieland. Nicht Mitte März also, wie Wieland in dem längst veröffentlichten Briefe vom 10. April 1804 schreibt, sondern Mitte Februar verliess Kleist den Landsitz. Wieland empfing und beantwortete im Jahre 1803 einen Brief Kleists (Bülow S.32. 36 f. Briefe an Ulrike S. 88), und nachdem er im nächsten Frühjahr die bekannte tiefe Charakteristik Kleists für dessen Arzt und Freund Wedekind niedergeschrieben hatte (Böttiger, Literarische Zustände 1, 264), erschien der Genesende auf der Heimkehr von Mainz nach Potsdam nochmals in Wielands Familie. Er war 'noch ganz derselbe liebenswürdige Mensch, der durch seinen Geist, dazumahl

noch sehr bescheidenen stillen Caracter und Benehmen, so interessant war', schreibt Luise; “Mein Vater empfing ihn als einen alten lieben Freund, und ich mit einer Fassung die ich mühsam errungen hatte. So erhielt ich mich in dieser Stimmung auch wie ich mit ihm allein war: bis zu seiner Abreise die wenige Tage (später) erfolgte. Nach diesen kurzen Besuch schrieb Kleist zwey Briefe an Vater die aber unbeantwortet blieben und so haben wir von ihm selbst nichts wieder gehört.' Die letzte Äusserung Luisens ist nicht genau richtig; offenbar verheimlichte Wieland, seiner Lieblingstochter neue Erregung zu sparen, dass er antwortete (vgl. Briefe an Ulrike S. 96) und später noch Zuschriften empfing. Vater Wieland hatte die Stimmung seines Kindes durchschaut, klarer als die sich unbeachtet wähnende Luise glaubte. Der Beweis liegt in seiner Erzählung von Menander und Glycerion.

Mitte December 1802 hat Wieland dies Werklein begonnen; noch vor Kleists Übersiedelung nach Ossmannstedt war es 'beinahe (6. Januar 1803), aber erst am 23. Januar wirklich fertig und noch am 18. Februar arbeitet der Dichter daran mit der letzten Feile. Auf das Liebespaar kam Wieland durch Jacobs Beyträge zur Geschichte des weiblichen Geschlechts in seinem Attischen Museum (1800. 3, 191); von Böttiger erhielt er die Menander-Ausgabe des Le Clerc; aus den Fragmenten und den von Clericus gesammelten Zeugnissen über Menander bildete er den Charakter des attischen Lustspieldichters, der ihm auch durch die Weimarer Aufführung der Terenzischen Brüder in Einsiedels Bearbeitung näher gerückt war; Glycerion identificirte er mit dem Blumenmädchen des Pausias, das Goethes Elegie fünf Jahre zuvor gefeiert hatte. Doch war es ihm weniger um strenge historische und chronologische Wahrheit zu thun als um 'innere Wahrheit. Er erzählt: Menander verliebt sich in Glycerion, gewinnt ihre Gegenliebe, kehrt nach flüchtiger Untreue Verzeihung findend zu ihr zurück, um sie dann doch dauernd zu verlassen und sich einer andern hinzugeben; Glycerion, in ihrer tiefen Liebe erst gekränkt, beruhigt sich und ist bereit, eine andere Ehe einzugehen. Der Verfasser des Aristipp beabsichtigte auch hier ein Stück griechischen Lebens zu zeichnen; auf die gebildeten Hetären war sein Augenmerk seit der Geschichte Agathons gerichtet, die erwähnten Beyträge von Jacobs brachten sie ihm aufs neue nahe. Trotzdem scheint mir diese Anregung kein ausreichender Grund für die Behandlung gerade dieser Hetärengeschichte: ich glaube, dass das Verhältniss zwischen Kleist und Luise den Anstoss gab.

Nach Ludwigs Berichten über den Zerbrochenen Krug mochte Wieland in Kleist hauptsächlich einen Komödiendichter sehen. Luise hatte besonderes Geschick im Blumenwinden und darum ward Menanders Glycerion die Kränzeflechterin des Pausias; mit einem Blumenkranze in der Hand wurde später Luise von der Bardua gemalt. Dass Wieland seine Tochter als Hetäre darstellte, hat bei seiner sehr veredelnden Auffassung dieser geistreichen Frauen nichts Anstössiges; die reine Liebe gerade einer Glycerion hatte er schon im Sokrates mainumenos geschildert. Auch ist in der Brieferzählung höchstens eine bedenkliche Stelle (Taschenbuch für 1804 Tübingen, Cotta S. 47), die ihm zur ‘Beobachtung des Kostums (S. VI) nothwendig scheinen

’ mochte. Glycerion sagt ein andermal: ich habe keinen Preis (S. 14); und Menander rühmt, dass man nicht eingezogener und sittsamer leben könne als sie (S. 17); sogar ‘anspruchslose Einfachheit konnte die Hetäre von Luise übernehmen.

In dem apokryphen Briefwechsel zwischen Menander und Glykera, den schon Gottsched in den Schriften der deutschen Gesellschaft 2, 684 ff. und neuerdings Jacobs im Attischen Museum 3, 195 ff. übersetzt hatten, weilt Menander im Piräus, Glykera in Athen; umgekehrt hält sich Wielands Menander-Kleist in Ilm-Athen auf, GlycerionLuise dagegen wohnt eine Meile davon entfernt auf einem Landgute im Piräus, an welchem das Beste ein ziemliches Stück Gartenland war (S. 12 f.), d. h. in Ossmannstedt, worauf diese Beschreibung genau passt. Menander steht Glycerions Haus zu allen schicklichen Stunden offen (S. 19), er kommt jede Dekade drei- oder viermal sie zu besuchen, so wie Kleist im Osmantinum verkehrte. Glykera spricht in dem Alkiphronischen Briefe von Schwestern; Wielands Glycerion hat zwei ältere und eine jüngere zur Seite: Myrto beschickt das Hauswesen und die Küche wie Caroline, mit der sie auch den Sinn für Putz gemein hat; Chelidonis ist Kunstweberin, Amalie spann gerne; und unter der jüngsten Melitta, welche Glycerion-Luise an die Hand geht, mag eines der beiden Töchterchen der Caroline, Malchen oder Minchen zu verstehen sein, Malchen sang wie Melitta. Die Zeichnung der gefallsüchtigen Mutter der Glycerion, Praxilla, passt nicht auf Luisens Mutter, die damals schon im Grabe lag; die Figur stammt aus dem griechischen Briefe der Glykera und konnte des Kostüms wegen schlecht entbehrt werden; aus demselben Grunde musste Glycerions Vater todt sein, obwohl Luisens Vater lebte. Auch dass das Alter beider Liebenden um ein paar Jahre höher angegeben wird, als das Kleists und Luisens war, berechtigt keinen Einspruch gegen die Giltigkeit der Zusammenstellung.

Übrigens muss sich die Vergleichung zumeist auf die eilf ersten Briefe beschränken; der weitere Verlauf ähnelt nicht; keine Bacchis, keine Nannion zog Kleist von Luise ab. Nur die Annäherung Menanders an Glycerion konnte Wieland bei dem Entwurf der Novelle in seiner Familie beobachten, für das Weitere nutzte er alte Überlieferung sehr frei, von vornherein überzeugt, dass seine Luise und Kleist kein Paar würden, und also gewiss, dass das Leben nicht in Widerspruch mit seiner Gestaltung des Überkommenen treten werde. Trotz solcher Mischung von Altem und Neuem dürfen Eigenschaften Menanders mit Vorsicht für Kleist in Anspruch genommen werden.

Zunächst einiges Äussere. Es heisst im 11. Briefe: Menander ist von mittlerer Grösse, und kann ... in den Augen einer Geliebten für einen ganz hübschen Mann gelten. Du merkst, denke ich, dass ich dir eben so wohl hätte geradezu sagen können, dass seine glänzende Seite nicht die äussere ist. Seine Gesichtsbildung ist fein und geistreich, seine Stirne breit und hoch, sein Auge etwas hervorstehend, und voll Feuer, und um seinen Mund, den die Grazien ausdrücklich zum sprechen und – zum küssen gebildet zu haben scheinen, schwebt ein leiser mehr kitzelnder als beissender Spott, vom zartesten Gefühl des Schicklichen gemildert. Die Zeichnung passt auf Kleist, so viel ich weiss.

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