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man kann nach jedem Vers interpungiren, Parataxis wiegt vor oder eine ganz rohe Art von Verbindung gleich grosser paralleler Satztheile, die zwar Conjunctionen haben, jedoch trotzdem im Indicativ stehen und wie die Betperlen eines Rosenkranzes ablaufen. Das Hauptproblem für den Dichter bildet in dieser roheren, aber durch den kräftigen, lebhaften Inhalt siegreichen Gattung der Reim. Niemals ist die deutsche Wortstellung mit grösserer Freiheit behandelt worden, als in diesen Stücken. Der stumpfe Reim wird vorgezogen, daher rücken die einsilbig gewordenen Substantiva ans Ende der Verse, insbesondere das Object, aber auch das Subject, gerne treten typische und darum für sich bedeutungslose Adjectiva in den Reim. Das wichtigste Mittel, diesen sehnlichst erstrebten Reim zu finden, ein Mittel, das allerdings in wunderbar barockem Gegensatz zu dem steifen Abklappen der Zeilen sich befindet, ist die Mehrgliedrigkeit des Ausdruckes. Ein Wort würde genügen, aber die Hinzufügung eines zweiten, dritten bringt den Reim herbei; ein Satz reicht zu, aber der zweite, zuweilen ganz formelhaft, schliesst das Verspaar.

Im 12. Jahrhundert treten ähnliche Verhältnisse in der deutschen Poesie zu Tage, damals jedoch war der Formelapparat noch unausgeschöpft, die Bilder frisch und ihre Verwendung lieh auch dem Erzeugniss eines wenig begabten Dichters etwas Abglanz von der Pracht des alten Volksepos.

Dass unser Gedicht der zweiten Gruppe angehört, leidet keinen Zweifel. Schon die einleitenden Verse sind den Fastnachtspielen entnommen, der Zusammenhang mit ihnen zeigt sich an vielen Stellen; der dazwischen tretende Baier verstärkt die Ähnlichkeit mit den lockerer gebauten kleinen Fastnachtscenen so sehr, dass man ohne die ausdrückliche Versicherung des Autors, es handle sich um geschriebene Verse (197), leicht geneigt sein könnte, das Gedicht selbst den Fastnachtspielen zuzuordnen. Vers- und Satzbau weisen alle erwähnten Eigenthümlichkeiten der Klasse auf. Der Gebrauch der Conjunctionen ist äusserst unbehülflich (vgl. wann, denn, die drei betheuernden ja 60. 66. 82, die Aufnahme des Gegenstandes durch ein objectives daz u. s.w.), der ganze Satzbau schwerfällig, der Reim bestimmt die Wortstellung Ganz besonders aber fällt die Mehrgliedrigkeit des Ausdruckes auf, welche dem Reim dient. Am beliebtesten sind die Verbindungen von zwei Gliedern: Verba: 9. 15. 37. 80. 89. 111. 121. 147. 158. 163, 184. Substantiva: 10. 20. 38. 46. 49. 50. 54. 82. 95. 106. 177. 189. 190. 191. 195. Adjectiva: 2 – 6. 45. 124. Adverbia: 31. 57. 148. Am merkwürdigsten, weil so sehr häufig, ist dieser Parallelismus in der Verbindung ganzer Satzabschnitte: 17 (bei diesen Ziffern ist immer der nächste Vers hinzuzurechnen). 23. 36. 57. 61. 64. 73. 83. 93. 110. 123. 143. 155. 159. 167. 173. 177-180. 181. 183-185. 203.

Die Vermuthung, das Gedicht sei in einer bairischen Stadt entstanden, wird durch den Anschluss der Technik an die Fastnachtspiele befestigt. Denn wenn uns auch das Zeugniss der von Oswald Zingerle veröffentlichten Sterzinger Spiele, sowie viele Stellen der Kellerschen Sammlung klar legen, dass auf den Dörfern diese Stücke eifrig gepflegt wurden, so ist doch gerade durch die Bände Zingerles aufgezeigt, wie diese Dramen ihren Ausgang von den Städten nehmen und auf dem Lande nachgeahmt werden. Freilich, wohin die Krone aller Fastnachtspiele, das klassische Werk Die zwen Stenndt, gehört, ist bis jetzt nicht sicher zu stellen. Graz.

Anton E. Schönbach.

Der junge Schiller als Journalist.
Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen

Zeitungswesens. Jedem Product von Goethes Hand ist der Stempel seines Geistes aufgedrückt. Er ist oft heruntergestiegen zu dem kleinen, ja niedrigen Genre: einen Grosscophta oder einen Bürgergeneral hätte Schiller vielleicht eine Zeit lang als Plan herumgetragen, aber zu schreiben sich nicht die Zeit und die Mühe genommen. Feinheiten des Goetheschen Stiles jedoch, jenen eigenthümlichen Hauch, welcher uns überall die Anwesenheit des grossen Dichters verkündet, fühlt man auch aus diesen schwächeren Leistungen heraus.

... Schiller umgekehrt will nur das Grosse und, wo ihm kein weites Ziel gesteckt ist, da erkennen wir ihn oft gar nicht wieder.

Von vorn herein wird man an der Begabung des Dichters zweifeln, als Journalist zu wirken, d. h. von und für den Tag zu schreiben. Nicht bloss die Schlagfertigkeit fehlte ihm, auch das Interesse an den Ereignissen und die Aufmerksamkeit für die Stimmen des Tages. Zumal in seiner Jugendperiode, in der Zeit, aus welcher sein eigenes Bekenntniss stammt: der Dichter sei in jedem höchsten Grade der Leidenschaft und in keinem Mittelweg zu gebrauchen. Und nicht bloss als Mittelweg' wie die medicinische Wissenschaft erschien ihm die Journalistik: sie stand tief unter dem Durchschnittsniveau der schönen Litteratur, sie war geradezu eine Niederung der Litteratur. In unserm parlamentarischen und politischen Zeitalter hat der Leitartikelschreiber seine Stelle wo nicht vor, so doch sicher auf der gleichen Höhe neben dem Feuilletonisten und dem Roman - oder Novellendichter. Im vorigen Jahrhundert wurde der Litterat von dem Zeitungsschreiber streng unterschieden. Der Name selbst war damals officiell und allgemein im Gebrauche: und wenn Sulzer in einem Briefe den jungen Lessing als einen “Zeitungsschreiber bei einem hiesigen Buchführer bezeichnet, oder Jerusalem den jungen Goethe einen Gecken und noch ausserdem einen Frankfurter Zeitungsschreiber nennt, so gebrauchen sie kein das Individuum herabsetzendes Wort, sondern bloss das geläufige Wort für einen wenig geachteten Stand. Lessing spricht in einem Jugendbriefe seine Abneigung geradezu aus, sich ‘mit politischen Kleinigkeiten die Zeit zu verderben'; und wie verächtlich denkt der junge Schiller von seiner eigenen Thätigkeit, als er im Jahre 1781 ein Stuttgarter Wochenblatt redigirt! Er hat sich später, so gern er sonst den Documenten seiner Jugendentwicklung auf die Spur zu kommen suchte, derselben niemals mehr erinnert; und ohne den Bericht eines Jugendfreundes ?), dass Schiller gegen ein

1) -g- im Freimüthigen 1805, 5. November, Nr. 221, S. 466 f. Dass der Verfasser des Artikels Schillers Jugendfreund Petersen ist, ergibt äusserst geringes Honorar in seiner bedürftigen Lage eine Zeit lang die Redaction einer politischen Zeitschrift führte, würden wir von seinen journalistischen Versuchen gar nichts wissen. Das Blatt selber ist der deutlichste Beweis seiner niedrigen Meinung von dem Beruf eines Tagesschriftstellers. Er berechnet die Kriegsschiffe der Krieg führenden Mächte und fügt hinzu: Es ist so zuverlässig, als es einem Zeitungsschreiber zu geben zuzumuthen ist.' Er berechnet die Stärke der europäischen Truppen: aber, 'salvo errore, der einem Zeitungsschreiber zwar zu verzeihen ist. Es sei ungewiss, ob der Kaiser nach Frankreich oder England reisen werde: 'Die Zeit wirds lehren und dann wird der neugierige Zeitungsschreiber dem eben

Leser mit Vergnügen Auskunft geben. Und als der Redacteur zu berichten hat, dass der Prinz Heinrich von Preussen sich mit dem Zeitungsschreiber in Cleve sehr gnädig unterhalten hat, weil ihm dessen Zeitung ausserordentlich wohl gefallen, macht er die Anmerkung: Die beste Recommandation dieser Zeitung vor das ganze teutsche Publicum.'

Seit dem Jahre 1775 erschienen in Stuttgart, natürlich ‘mit Herzogl. gnädigstem Privilegio', die ‘Nachrichten

sich daraus, dass Hoffmeister aus Petersens Papieren eine Strophe derselben Ode auf die Wiederkunft des Herzogs mittheilt (Supplemente 1, 28), welche -s- Schiller zuschreibt. Auch der Bericht bei HoffmeisterViehoff 1, 114 f. stammt aus Petersens Papieren, nach welchem Schiller 1781 ·eine Unterhaltungszeitung, den Merkur' herausgegeben hat; da hier ebenfalls, wie im Freimüthigen' von der Ode auf die Wiederkunft und der Geschichte mit dem Censor die Rede ist, so kann unter dieser Unterhaltungszeitung nur unser politisches Wochenblatt gemeint sein, welches Petersen wohl als eine Art von Merkur' bezeichnete, denn bekanntlich enthielt der französische Merkur anfangs auch politische Nachrichten. Es kann weder der schwäbische Merkur', welcher erst seit Oktober 1785 erschien, noch eine andere Zeitung, welche unter dem Titel "Der über Land und Meer dahin eilende Merkur' im Jahre 1782 ausgegeben wurde, gemeint sein. Bei den Widersprüchen, welche Weltrich in seinem Leben Schillers (S. 190 Anm.) aus Petersens Papieren mit Recht hervorhebt, ist zu beachten, dass der Verfasser der *Nationalneigung der Deutschen zum Trunke' später selber diesem Laster anheimfiel und dass daher seine späteren Berichte nicht die Glaubwürdigkeit verdienen, welche man den früheren nicht absprechen kann.

zum Nutzen und Vergnügen', wöchentlich zweimal: Dienstags und Freitags.?) Sie tragen als Vignette die aufgehende und durch die Wolken brechende Sonne, von welcher man den Anbruch eines neuen Tages damals allenthalben in Schwaben erwartete. Als Vater der Künste und Wissenschaften wird in einem einleitenden Gedichte auch hier der Herzog Karl gefeiert, welcher sich damals, der Bürgerschaft Stuttgarts grollend, auf die Solitüde zurückgezogen hatte. Mit dem Jahre 1776 ging die Zeitung in den Verlag des Buchhändlers Christoph Gottfried Mäntler über und veränderte im Laufe dieses Jahrganges das äussere Kleid: früher waren die Quartseiten halbbrüchig in Spalten gedruckt, jetzt laufen die kleinen und engen Buchstaben über die ganze Breite der Seite fort. Das halbe Jahr war um den erstaunlich geringen Preis von 1 Fi. 4 Kr. zu beziehen, für welchen sogar noch dann und wann einige Extrablätter versprochen wurden.

Jede Nummer enthält zwei Rubriken: die eine, ohne besondere Überschrift, bringt Berichte aus den verschiedensten Ländern, welchen jedesmal, wie bei unsern Telegrammen, genaue Ort- und Zeitangaben ihrer Herkunft vorausgeschickt werden. Die andere führt den Titel 'Vermischte Neuigkeiten', und gibt sich für nichts anderes als Nachrichten aus der Stuttgarter Redaction selbst. Die erste enthält hauptsächlich politische Nachrichten, die zweite Anekdoten und Tagesneuigkeiten. Doch ist der Unterschied in Inhalt keineswegs streng beobachtet. Die erste Rubrik ist mehr auf den Nutzen', die zweite auf das Vergnügen' der Leser berechnet. Daneben befinden sich in einem nicht

2) Es sind mir nur zwei Exemplare der Zeitschrift bekannt und beide sind defect. Das eine befindet sich in der Bibliothek in Stuttgart und besteht aus den Jahrgängen 1775, 1776, 1778 bis 1781; 1777 fehlt, von dem Jahrgang 1781 die Nr. 60 (S. 237—240), welche indessen Boas noch benutzt haben muss, weil er in seinem Aufsatze in den Blättern für litt. Unterhaltung 1850, Nr. 30 und Nr. 127 f. (vgl. Schillers Jugendjahre 1, 35 f. 234 ff.) einen Artikel daraus abdruckt. Die Berliner Königl. Bibliothek dagegen besitzt bloss den Jahrgang 1781, in welchem die Nr. 2. 22. 36. 74. 75. 76. 89. 103 fehlen. Für gütige Mittheilungen bin ich den Bibliotheksverwaltungen in Stuttgart und Berlin zu Dank verpflichtet.

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