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Phillis, deren Brief an den Verfasser der mitleidigen Schäferinn in den Neuen Beyträgen zum Vergnügen des Verstandes und Witzes im ersten Bande im sechsten Stücke zu finden ist der zweite Haupttheil unserer Schrift (S. 27-105), welchen Schlegel, wie man sieht, in die Form einer Antwort auf die oben erwähnte Satire Gärtners kleidet. Über Phyllis Angriff entrüstet macht sich Nisus zunächst in derbem Poltern Luft 107), um dann seine und seines Lehrers und Freundes Hanns Görge Grundsätze vom Wesen eines guten Schäfergedichtes zu entwickeln und daraufhin den im ersten Bande der Beyträge veröffentlichten jeden Werth abzusprechen. 108) In Contrastcharakteristik werden Schäfer und Schäferinnen aus der Geprüften Treue und Uhlichs Elisie einander gegenüber gestellt 109), in die Kritik der übrigen Schäfergedichte der Beiträger aber Proben einer verbessernden Umdichtung derselben durch Hanns Görge und Nisus verflochten. 110) Zum Schluss Ermahnung der Beiträger sich zu bekehren und Warnung der Phyllis vor weiterer Stichelei. 111) Umfangreiche Anmerkungen, in welchen Hanns Görge als Herausgeber dieses paradoxen Briefes die im Text satirisch ausgebeuteten Stellen der von Schlegel angegriffenen Dichtungen mittheilt, liefern den Schein eines quellenmässigen Erweises, dass Nisus "dem geläuterten Geschmack, wie er in den angeführten Schauspielen herrscht, in allen seinen Urtheilen und Regeln sehr gewissenhaft gefolgt sey’.112) Während so Nisus im 'Brief" den Beiträgern nach der Seite ästhetischer Theorie und Kritik entgegentritt, nimmt die dritte Stelle der Satire (S. 107–133) ein praktisches Musterbeispiel für die poetische Production aus Hanns Görgens Feder ein: 'Anne Dore oder die Einquartierung’, jenes parodistische Schäferspiel, an welches noch der 16. Litteraturbrief Gottsched so boshaft erinnert. 113) Weitere Veröffentlichungen werden in der Vorrede von der Aufnahme dieser beiden Proben abhängig gemacht, dafür aber wenigstens noch viertens ein ‘Verzeichniss der guten Schäfer-Gedichte, die zum Drucke schon fertig liegen? (S. 135—139) gegeben, dem sich eine (natürlich erfundene) Anzeige des Verlegers (S. 139–158) anschliesst: beides zusammen eine satirische Bücherliste. 114)

107) S. 29-38. 108) S. 38–53. 109) S. 54–67. 88–95. 110) S. 67–88. 95–99. 99–101. 101–104. 111) S. 104 f. 112) S. 9.

Vergleicht man diesen viertheiligen Aufbau unserer Schrift mit der äusseren Anlage von Gottscheds Deutscher Schaubühne, so fällt die parodistische Verwerthung derselben bei Schlegel sofort in die Augen. Der Brief des Nisus mit seinen ästhetisch-kritischen Auslassungen 'vom Natürlichen in Schäfergedichten' entspräche in dieser Miniaturschaubühne Fénelons Gedanken von der Tragödie und Komödie, mit welchen Gottsched sein Repertorium einleitet, und wenn sich zwischen dem Verzeichniss der guten Schäfergedichte und den Dramenlisten im 2. bis 5. Bande der Deutschen Schaubühne auch keine inhaltliche Parallele ziehen lässt, so zeigt wohl schon die Ähnlichkeit der Überschriften, dass Schlegel sich des Motivs der fingirten satirischen Bücheranzeige zunächst aus architektonischer Rücksicht für den Aufbau des Ganzen bedient. Für den Brief des Nisus darf vielleicht auch daran erinnert werden, dass Gottsched der Critischen Dichtkunst als Einleitung Horazens Pisonenbrief (dessen Übersetzung die Schweizer ihrer boshaften Prüffung unterzogen 115)) und in den meisten Kapiteln des zweiten Theils den poetischen Musterbeispielen Boileaus einschlägige Regeln voranschickt: die Anmerkungen zum Briefe könnten dann rein äusserlich als Parodie auf die (von den Schweizern a. a. 0. ebenfalls verspotteten) Noten gelten, mit denen Gottsched die Horazischen Sätze begleitet. Wie dem aber auch sei: dass in der ‘Vorrede' jedenfalls bewusste Parodie auf die Deutsche Schaubühne und in zweiter Reihe auf die Critische Dichtkunst vorliegt, lässt sich bis ins einzelne verfolgen. Das Vorwort Hanns Görgens stimmt nicht nur in der durch eine beliebte Gottschedische Übergangsformel 116) markirten Zweitheilung in Allgemeines und Einzelcommentare zu dramatischen Dichtungen mit denen der Deutschen Schaubühne genau überein, sondern erweist sich auch im nachstehenden Gedankenschema einfach als theilweise Contamination der Vorreden zur Deutschen Schaubühne und Critischen Dichtkunst:

113) Hempels Lessing 9, 78. Die Neuberin liess es im Juli 1746 aufführen, freilich in einer Weise, die den polemischen Charakter des Stückes nicht recht zum Ausdruck brachte: Pottelwitz an Bodmer 30. Juli 1746 (Litter. Pamphlete S. 96).

114) S. unten S. 41 ff.

115) Sammlung Critischer, Poetischer und anderer geistvollen Schriften u. 8. W. (vgl. Anm. 39; wir nennen dieselbe fortan der Kürze halber bloss: Critische Sammlung) 9. Stück (Zürich 1743) S. 75 ff.

1. Befriedigung über den guten Abgang der ersten Auflage (S. 5).

2. Poetischer Lebenslauf des Herausgebers (S. 5 f.).

3. Klage über Verderbniss des Geschmacks; Absicht ihm aufzuhelfen (S. 6–8).

4. Lebenslauf eines Dichterzöglings (S. 8-10).
5. Vertheidigung gegen erhobene Einwände (S. 10 f.).

6. Lobende Erwähnung von Schulaufführungen regelmässiger Stücke und Beglückwünschung des Vaterlandes zu diesem Geschmacksfortschritt (S. 12).

7. Einzelcommentar zu mehreren Dramen (S. 12-23).

8. Ankündigung weiterer litterarischer Thätigkeit (S. 24).

9. Dank gegenüber dem Verleger für gute äussere Ausstattung des Werkes (S. 25 f.).

Mit dem Ausdruck der Freude über die Nothwendigkeit einer neuen Auflage hebt Gottscheds Vorrede zur 2. und 3. Ausgabe der Critischen Dichtkunst an, während in derjenigen zur ersten sein poetischer Lebenslauf überhaupt und im Vorwort der 1. Ausgabe des Cato 117) speciell die Geschichte seiner dramatischen Theorie erzählt ist. Das

116) 'Dieses wäre nun alles, was ich bey dieser neuen Ausgabe zu sagen gehabt hätte': S. 10. Man vgl. DS. 2, Vorr. S. 41. 3, III. XIV.

117) In Crügers Neudruck (Kürschners Nation. - Litter. Bd. 42) S. 42 f.

unter 4-8 Angeführte begegnet, zum Theil wiederholt, in den Vorreden der Deutschen Schaubühne 118) oder der Critischen Dichtkunst 119), das Lob von Druck und Papier am Schluss des Vorworts zur 2. Auflage der letzteren. 120) Reaction gegen die herrschende Geschmacksrichtung aber ist ja seit dem Ausbruch des Streites das leitende Princip der gesammten Thätigkeit Gottscheds. Dazu copirt Schlegel die Gottschedischen Vorreden auch im Ausdruck bis zur wörtlichen Herübernahme ganzer Stellen, zumeist mit leichten Änderungen satirischen Anstrichs.

Ebenso werden nun in der Anne Dore die beiden Schäferspiele der Deutschen Schaubühne: Atalanta und Elisie nach Charakteren, Handlung und Sprache in drolliger Verquickung streng parodirt. Im Sinne der von ihm edirten Schäferpoetik führt uns Hanns Görge'in der Schenke in den Kohlgärten' Bauern und Bäuerinnen als Schäfer und Schäferinnen vor: die ‘unempfindliche Anne Dore sammt der Mutter Rosine, ihren schmachtenden Liebhaber Velten und seine ebenfalls zur Liebe geneigte Schwester Grete, den 'scherzhaften' Schenkwirt Hanns Görge, den eiteln Grossprecher Michel, die Schenkmagd, die als Vermittlerin auftritt, endlich den Fremdling, dessen Erscheinen die Peripetie mit sich bringt: einen Furier, den zwei Soldaten von seiner Compagnie begleiten, lauter uns bekannte Typen. Wie um Atalanta wirbt um Anne Dore ein zärtlicher und ein prahlerischer Liebhaber; wie Elisie ist diese anfangs spröde, weil ein Traum ihr einen Furier verheisst, schenkt aber dem Zärtlichen auf Zureden einer Freundin schliesslich doch Gehör. Die Nachricht von Einquartirung im Dorfe kündigt den Umschwung an; wie Aristarch und Creon erscheinen die beiden vom Furier nach Anne Dore ausgesandten Soldaten, alsbald dieser selbst; gleich Elisie willigt Anne Dore nach kurzem Bedenken in die neue Verbindung; gleich Elisiens Vater Damon ist Anne Dorens

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118) 4. 11. 15. 3, XVI. 4, 20. 5, 19; vgl. 1, 21. 4,4. 1, 19. 2, 41 f. 3, XVI. 5, 24. 6, Bog. 2, Bl. 2b. Einzelbemerkungen begleiten jedes der in der DS. veröffentlichten Stücke.

119) 2. Aufl. Bl. 3b ff. 1. Aufl. Bog. 2 BI. 4.
120) Bl. 7.

Mutter Rosine damit sehr zufrieden; der frühere Bräutigam wird hier einfach mit derbem Schimpfen weggejagt; zum Schluss bringt der Prahlhans Michel, der sich inzwischen mit Veltens Schwester Grete verlobt, die eben von einem ‘Mann aus der Stadt empfangene Kunde, er sei als Kind mit Velten verwechselt worden, demnach Gretens Bruder. Wie in der Atalanta Tausch: Velten erklärt sich sofort für Grete. Anne Dore hat den Fremdling; der Prahler und der Witzbold (Michel und Hanns Görge) gehen leer aus. Äusserlich stehen die siebenzehn Auftritte der Anne Dore zu Atalanta und Elisie in folgendem Verhältniss: die Prügelscene (1), die Prahlscene (3), der dazwischen liegende 2. und der 4. Auftritt schliessen sich mit Umstellungen an die Prahl- und Streitscenen der Atalanta I 4-6 an; 5 (eine einzige Zeile, die Grete und Anne Dore auf das Theater bringt) ist frei erfunden, 6 (hier gibt der Prahler der Spröden wegen eines verweigerten Kusses eine Maulschelle) ein Gegenstück zu Atalanta II 2; der 7. und 8. Auftritt parodirt die Traumerzählung (I 5) und die Daphnisscenen I 3—4. II 7 aus Elisie, der 9. – Mutter Rosine billigt die Verbindung der Tochter mit Velten – Elisie IV 6; im 10. wird der in Gottscheds deutscher Iphigenie der Racineschen Dichtung angehängte Schluss durch ein Scheideduett zwischen Velten und Anne Dore karikirt (S. 124):

Velten (zu Anne Dore seufzend): Leb wohl.
Anne Dore (seufzend): Leb wohl.
Velten (seufzend): Ach!
Anne Dore (seufzend): Ach!
Velten (seufzend): Ach!

Anne Dore (seufzend): Ach! Scene 11 ist aus Elisie III 2 und eigener Erfindung zusammengearbeitet; 12 correspondirt mit Atalanta V 6, nur dass hier der Prahler (nicht, wie bei Schlegel, der Witzbold) die Spröde für sich zu gewinnen sucht; die Auftritte 13-16 entsprechen den Scenen III 3. 14, IV 2. 4. 6—7 aus Elisie, der Schluss dem der Atalanta V 8-9. Von den 313 Versen der Anne Dore sind im ganzen etwa 28 ganz oder nahezu wörtlich aus Atalanta und Elisie herübergenommen. Überall vergröbert die parodistische Anspielung

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