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in Frankreich geschehen! wer weisst 'auch in Deutschland fehlte es nicht. - So schlug am 5. September zu Parrach (Probstei alt Oettingischer Pfarrort) bey einem grässlichen Wetter, ein heftiger Schlag die 3 läutenden Personen unter den Schutt des durchgeschlagenen Glockenhauses lebloss darnieder; und dass selbige durch die schleunige Sorgfalt des würdigen Pfarrers wieder ins Leben zurückgerufen, und blos mit verbrannten Haaren und zerschlitzten Beinkleidern noch weggekommen sind, ist ihnen so sehr zu gönnen, als die schöne erst vor 6 Jahren erbaute Thurmkuppel, welche ganz zersplittert im Dorf herum zerstreut liegt, zu beklagen ist. – Möchten doch diese Beobachtungen uns einen Schritt weiter leiten, und die Abstellung des Gebrauchs nach und nach veranlassen! Denn unbillig ist es doch immer, dass, um dem Herrn Küster einige Leibgarben, oder Leibgroschen einzubringen, sich mehrere Personen der augenscheinlichen Gefahr, vom Bliz zerschmettert zu werden, aussezen sollen; man könnte ihm ja seine Garben und Groschen lassen, das Läuten schenken, und durch ein anderes stilleres Mittel gute Christen zum Gebet aufzumuntern suchen (welche, im Vorbeygehen gesagt, ein Glockenläuten nöthig haben, um bey solchen Gelegenheiten Gott zu bitten) und wann das Gewitter vorbey, dann kann man läuten, posaunen und lobsingen, um den Höchsten lobzupreissen. (Mercure de France

Nro. 36.)

Dass der Artikel, wie das Citat glauben machen will, ganz aus dem französischen Merkur stamme, ist schon wegen der Bezugnahme auf deutsche Verhältnisse wenig wahrscheinlich. Die Abschaffung des Glockenläutens bei Gewittern gehört zu den Tendenzen der deutschen Aufklärung: wie ja Kaiser Josef dasselbe in Tirol ausdrücklich verboten hat. Die Entlehnung aus dem Merkur wird noch unwahrscheinlicher durch meinen Hinweis auf einen andern Artikel im schwäbischen Magazin o), welcher die Geschichte der Glocken? zum Gegenstand und Schillers Lehrer Haug zum Verfasser hat.') Er führt zunächst aus, dass man die Glocken in der alten Kirche bei verschiedenen Gelegenheiten gebrauchte z. B. eine allgemeine Freude anzuzeigen, oder auch bei Todesfällen hoher Personen, ob es schon sehr abergläubisch sei aus ihrem dumpfen oder hellen Tone gewisse Begebenheiten anzudeuten. Vor Alters seien sie auch bei Ungewittern gebraucht worden, nicht sowohl sie zu vertreiben, weil sie eine besondere magische Kraft haben sollen, sondern vielmehr die Leute entweder zu wecken, wenn sie schliefen, oder zum Gebet um Abwendung des Übels aufzumuntern. Die Taufe der Glocken sei schon bald nach ihrem Ursprung eingeführt worden. Carl Magnus erliess ein Edict dagegen wie gegen die Anrufung der Heiligen und Bilder. Die römischen Lehrer geben zwar die Taufe nicht für sacramentlich, sondern nur für Einweihung und Einsegnung aus, aber die Ceremonien sind eben doch abergläubisch genug, wie auch die Meinung von ihrer Kraft. Die Glockentaufe können sowohl Bischöfe als andere Geistliche, Älteste und Rectoren verrichten, weil alle in ihrem Amte die Glocke nöthig haben. Und zwar geschah es in der lateinischen Kirche so: dass man Wasser und Salz vermischte, sie weihte, die aufgehängte Glocke damit besprengte und abwusch, hernach sie mit heiligem Öl bestrich, das Zeichen des Kreuzes daran machte und Gott bat, dass er die Gemüther derer, die sie hören zur Frömmigkeit erwecken und allen Schaden von Ungewittern abwenden möchte. Hernach wird das mit Öl gemachte Kreuzzeichen wieder abgetrocknet, der Glocke Glück gewünscht und ein feierliches Mahl veranstaltet. Eine andere Art der Glockentaufe ist diese: man wäscht sie, salbt sie, weiht sie, gibt ihr einen Namen (des Bischofs oder Abts), räuchert sie, macht inwendig fünf Kreuze mit heiligem Öl und aussen sieben. Hernach hält der Täufer eine kleine Rede und ermahnt die Umstehenden, so oft sie den Schall der Glocke hören, dem Tempel zuzulaufen und Gott zu preisen. Haug citirt die folgenden lateinischen Verse, welche die Amtsverrichtungen der Glocke enthalten:

8) Jahrgang 1775, S. 915 ff.

9) Vgl. Jahrgang 1779, S. 278.

Laudo Deum verum, plebem voco, convoco clerum,

Defunctos ploro, pestem fugo, festa decoro, und erläutert das pestem fugo folgendermassen: Unter der Pest haben die Erfinder eigentlich böse Geister verstanden, von denen sie glaubten, dass sie Ungewitter erregen, Felder und Häuser beschädigen, aber durch Glockenschall vertrieben würden. Die Alten, erzählt er zum Schluss, hatten ein frommes Gleichniss: der Priester müsse die Eigenschaften einer Glocke haben: Reinigkeit, Beständigkeit, Stärke, erhabenen Vortrag, Höhe des Amtes u. dgl. Er soll sich

über alles Irdische hinaussetzen und seine Stimme erheben wie eine Posaune.

In demselben Jahre, in welchem Schiller diese Zeitung redigirt hat, schrieb er das Gedicht 'Die Journalisten und Minos', mit welcher er im folgenden Jahre seine Anthologie eröffnete. In der Unterwelt ist eine Wassersnoth entstanden, Styx und Lethe sind vertrocknet - ein Schwarm Autoren, welche ihre Tintenfässchen gefüllt haben, werden als die Übelthäter erkannt und Minos lässt ihnen durch seinen Hund die Daumen abbeissen: 'Und nun, ihr guten Christen, Beherziget den Traum, Fragt ihr nach Journalisten, So sucht nur ihren Daum! Und das ganze Gedicht kleidet Schiller in einen Artikel der Zeitung aus der Unterwelt ein, auf welche ihn eine 'Randgloss' (solche Marginaltitel heben auch in den Nachrichten das Bedeutende für das Auge des Lesers hervor) aufmerksam gemacht habe; denn “Sonst frag' ich diesem Essen Wo noch kein Kopf zerbrach, Dem Freikorps unserer Pressen, Wie billig, wenig nach.

Die Zeitung, deren Redacteur so gering von seinem Handwerk dachte, ist mit dem von Schiller redigirten Jahrgange eingegangen, aber im folgenden durch eine andere ersetzt worden: "Der über Land und Meer dahineilende Merkur'. Aus der Mäntlerischen politischen Zeitung entstand endlich im Jahre 1785 der "schwäbische Merkur von Elben, welcher von dem Jahre 1785 bis auf den heutigen Tag besteht.

Bekanntlich hat Schiller später noch einmal mit Cotta den Plan einer politischen Zeitung ins Auge gefasst, aus welcher später unter anderer Redaction die Allgemeine Zeitung hervorgegangen ist. Damals, im Jahre 1794, erinnerte er sich seiner Thätigkeit als Redacteur der Stuttgarter Nachrichten nicht mehr. Er bezeichnet Cotta gegenüber die Politik als ein ganz neues und darum höchst schwieriges Fach, in dem er sich erst umsehen müsse und zu welchem es ihm ebensowohl an Talent als an Neigung gebreche; ausserdem sei er dem politischen Publicum wenig bekannt, oder wenigstens nicht von einer solchen Seite, wo es zu meiner Geschicklichkeit in diesem Fach ein Vertrauen fassen könne'. Er wies den Plan mit aller Be

stimmtheit, ohne sich auf weitere Begründung einzulassen, in einer Nachschrift zu dem Briefe an Cotta vom 2. Oktober 1794 von sich ab.

Aber im Schillerarchiv des Freiherrn von GleichenRusswurm zu Greiffenstein ob Bonnland befindet sich ein Quartblatt, auf welchem von Schillers Hand mit den engeren Zügen, welche seine Handschrift bis in den Anfang der neunziger Jahre von dem grossen und freien Ductus seiner letzten Periode unterscheiden, der folgende Plan eines ‘Oppositions-Journals' entworfen ist: [a] Die Flüchtlinge. Ein Oppositions-Journal.

Alle bedrängten und verfolgten Kinder der Wahrheit und Schönheit, des Rechts und der Tugend sollen hier eine sichere Freistädte finden, ihre gute Sache soll hier gegen ihre Widersacher geführt, und von der mächtigen Opposition zu welche[r] jede[r] freigesinnte und Wahrheit liebende Mann als solche[r] schon durch eine Ursprüngliche Vereinigung gehört, in Schutz genommen werden. Opposition umfasst hier alle durch Vernunft und ihre Produkte – Wahrheit, Recht und Pflicht — gewissen, möglichen und nothwendigen Gegensätze. Alles also, was den Verletzungen der Wahrheit und Schönheit, des Rechts und der Pflicht, in Reden und Thaten, in der Nähe und Ferne, durch freimüthige Rüge und strenges Urtheil entgegengesetzt wird, findet in diesem Journal seinen Platz wider alle Attentate auf die Wahrheit in ihrem weiten grossen Gebiete, u[nd] in ihrem innern Bezirke auf die Schönheit, auf alles was die Cultur derselben und ihre Ausbreitung beförderte, auf Entwickelung des Wahren, und Darstellung des Schönen, wie, wenn, von wem, und wo sie auch gemacht sind, können sie nur als solche erwiesen werden, erhebt sich in diesem Journale die Oppositionsparthie, die ohne äussere Vereinigung in einem unsichtbaren unauflöslichen Bunde stehet, als strenge und eifrige Anhängerinn der Wahrheit. Gegen alle Beugungen des Rechts, auf was Art und von wem und wo sie auch geschehen, gegen alle Eingriffe in die unveräusserlichen Rechte der Menschheit, gegen alle offenbare und heimliche Kränkungen der Gerechtigkeit und gegen Bedrückungen und Unterdrückungen aller Art, gegen politische, religiöse und philosophische Verketzerungen und [b] Verfolgungen, gegen schlechte Gesetze, und verderbliche Einrichtungen sowie gegen schlechte Regenten und elende Minister, gegen widerrechtliches Herkommen, sowie gegen neuerfundene Formen der Ungerechtigkeit, gegen alte und junge Rechtsverdrehungen und Rechtsbeschränkungen, gegen grosse und kleine Kabbalen auf dem Schauplatze der Welt, u. s. w. treten hier die Männer des Rechts und der Gerechtigkeit mit edler Freimüthigkeit auf, und rufen allen ohne Ausnahme zu: Discite Justitiam moniti!!!

Aber auch allen Höhnungen der Pflicht, allen Widersachern der Sittlichkeit, allen Schändungen der Tugend, allen Spöttern der einigen ächten Religion, allen Werken der Finsterniss in ihren Dienern, allen Antipoden der ächten Aufklärung, und ihren Versuchen sie zu hindern und zu verschreien, allen Angriffen auf das heiligste der Menschheit und allen Feinden des Guten widersetzt sich hier die mächtig laute Stimme des Sittengesetzes und spricht das Anathema! über sie aus.

Wann Schiller den Plan zu diesem Oppositions -Journal, welcher an die Tendenz von Armbrusters schwäbischem Museum erinnert, gefasst hat und wem er ihn vorlegte, weiss ich nicht zu

sagen.

Dass das letztere geschehen ist, scheint sich daraus zu ergeben, dass etliche Zeilen mit Anführungszeichen versehen und die Worte "auf die Wahrheit ... Schönheit und ‘Entwickelung . . Schauer roth unterstrichen wurden. Jedesfalls spricht sich seine ganze freiheitliebende Seele darin aus und die Zurückweisung aller Eingriffe in die “unveräusserlichen Rechte der Menschheit klingt an die Worte Stauffachers in der Rütliscene des Tell an. Wien.

Ja kob Minor.

Schillers Theaterbearbeitung

von Lessings Nathan. Die Gründe, welche Schiller bei der Bühnenbearbeitung des Lessingschen Nathan leiteten, sollen im Folgenden festgestellt werden. Dabei wird vorausgesetzt, dass dem Leser entweder die Goedekesche Schillerausgabe (Bd. 15, 2 S. 85 ff.) neben einem Lessingtexte, oder eine der beiden Hempelschen Ausgaben der Theaterbearbeitung vorliegt. (Schillers Sämmtliche Werke 16, 524 ff. = Schillers Theater 8, 524 ff.). Hier sind auch die litterarhistorischen Angaben zusammengestellt.

Die wenigen Streichungen in der Eingangsscene und im ersten Theile der folgenden lassen ein bestimmtes Prin

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